Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 1979
- Язык: немецкий
- Год: Heyne Verlag
- ISBN: 3-453-30537-X
- Переводчик: Walter Brumm
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]». Краткое содержание книги:
Die heutigen Machtblöcke der Erde sind zerstoben. Ein greiser Mongole regiert den Weltstaat, ein Tyrann, der sich für die Inkarnation Dschingis Khans und Maos zugleich hält. Sein erdumspannender Geheimdienstapparat ist allgegenwärtig; die Überwachung der Untertanen lückenlos. Er bestimmt, wer der Gnade teilhaftig wird, das Serum zu erhalten. Ein Entzug kommt dem Todesurteil gleich.
Schadrach Mordecai, ein junger Neger aus den ehemaligen USA, ist der Leibarzt des Tyrannen. Er ist persönlich für den Gesundheitszustand des Herrschers verantwortlich, dessen Körper zum größten Teil bereits aus Ersatzorganen besteht. Und Schadrach Mordecai weiß, daß bei den perfekten Sicherheitsmaßnahmen er der einzige Mensch auf der Welt ist, der Hand an das greise Monstrum legen könnte. Doch er ist auf besondere Weise mit dem Tyrannen verbunden: Die Schmerzen des Herrschers sind auch die seinen.
Danach schläft er ein, um sie beim Erwachen leise schluchzen zu hören. Wie seltsam, wie untypisch für sie! Er hat sich nie vorstellen können, daß Katja Lindman imstande sei, Tränen zu weinen. »Was ist los?«
Sie schüttelt den Kopf.
»Nun sag schon, was hast du?«
»Nichts. Bitte.«
»Komm schon. Was ist?«
Das Gesicht ins Kissen gedrückt, sagt sie mit dumpfer Stimme: »Ich fürchte für dich.«
»Warum? Weswegen?«
Sie dreht den Kopf und schaut ihn an. Ihr Mund sieht auf einmal überhaupt nicht bedrohlich aus. Es ist ein Kindermund. Sie hat Angst. »Katja?«
»Bitte, Schadrach.«
»Ich verstehe nicht.«
Sie sagt nichts und schüttelt den Kopf.
14
Mehr als eine Woche vergeht, bis Schadrach Nikki Crowfoot wiedersieht. Sie habe im Laboratorium sehr viel zu tun — Umstellungsprobleme beim Avatara-Projekt zur Persönlichkeitsverpflanzung, nachdem der Spenderkörper nicht mehr von Mangu gestellt werden kann —, und darum sei sie abends zu müde, um Gesellschaft zu suchen. Aber er argwöhnt, daß sie ihn meidet. Nicki Crowfoot ist immer am umgänglichsten gewesen, wenn sie am meisten zu tun hatte und überarbeitet war; der Kontakt zu anderen ist ihr Ausweichen vor dem Druck. Schadrach kann sich nicht vorstellen, warum sie ihn meiden sollte. Die Nacht, die er mit Katja Lindman verbrachte, hat sicherlich nichts damit zu tun. Er hat früher schon mit Katja Lindman geschlafen und mit anderen; auch Nicki Crowfoot hat andere Partner gehabt; solche Dinge haben zwischen ihnen nie eine Rolle gespielt. Es verwirrt ihn. Wenn sie am Telefon miteinander sprechen, ist Nicki distanziert und auf der Hut. Zweifellos ist in ihrer Beziehung zueinander irgend etwas schiefgegangen, aber er hat keine Ahnung, was es sein könnte.
Eine neuerliche Krise des Vorsitzenden lenkt ihn von diesen Fragen ab. In den vergangenen Tagen hat der alte Mann das Bett verlassen, um in seinem Büro zu arbeiten und an Sitzungen des Revolutionsrates teilzunehmen. Seine Wiederherstellung machte so rasche und ermutigende Fortschritte, daß es keinen Grund zu geben schien, ihm weiterhin Bettruhe zu verordnen. Außerdem hätte Dschingis Khan II. Mao sich über solche Vorschriften hinweggesetzt. Aber nun registrieren die empfindlichen Signalgeber unter Schadrach Mordechais Haut Frühwarnungen bevorstehender Komplikationen — epigastrische Unregelmäßigkeiten, schwache systolische Nebengeräusche, allgemeine Kreislaufschwächen. Zuviel und zu frühe Aktivität? Schadrach sucht den Vorsitzenden in seinem Büro auf, um das Problem anzusprechen. Aber der alte Mann, bis über die Ohren in Regierungsgeschäften und seiner Jagd auf Feinde der Gesellschaftsordnung, hat keine Zeit, um mit dem Leibarzt über seine Gesundheit und mögliche Symptome zu diskutieren. Er wischt Schadrachs Fragen mit der brüsken Erklärung vom Tisch, daß er sich selten besser gefühlt habe als jetzt. Dann wendet er sich wieder seiner Arbeit zu. Inzwischen, so bemerkt er selbstzufrieden, sei die Zahl der Verhaftungen auf zweihundertzweiundachtzig angestiegen. Von den Verhafteten seien neunundsiebzig für schuldig befunden und in die Organfarmen geschickt worden. »So werden diese kriminellen Elemente der Gesellschaft doch noch einen nützlichen Dienst erweisen«, sagt der Vorsitzende. »Liegt darin nicht eine tiefe Gerechtigkeit? Symbolisiert es nicht auf das treffendste das dialektische Prinzip These, Antithese, Synthese?«
»Zweihundertzweiundachtzig Verschwörer?« fragt Schadrach. »Waren so viele nötig, um einen Mann aus dem Fenster zu stoßen?«
Der Alte wirft ihm einen unfreundlichen Blick zu. »Wer weiß? Das Verbrechen selbst konnte vielleicht von zwei oder drei Eindringlingen verübt werden. Aber für die Vorbereitungen muß ein weitgespanntes Netz von Helfern und Zuarbeitern benötigt worden sein. Sicherheitseinrichtungen mußten verändert, Wachen abgelenkt, Kameras lokalisiert und durch Zudecken der Objektive unschädlich gemacht werden. Wir glauben, daß ungefähr ein Dutzend Verschwörer benötigt wurde, um die Körper der Mörder aus dem Hof fortzuschaffen, nachdem sie hinuntergesprungen waren.«
»Gesprungen waren?«
Der Vorsitzende lächelt. »Wir glauben«, sagt er, »daß die Meuchelmörder, nachdem sie Mangu aus dem Fenster gestoßen hatten, aus demselben Fenster hinterher sprangen, um nicht im Gebäude gefaßt zu werden. Helfershelfer, die unten auf dem Hof gewartet hatten, schafften ihre Körper sofort beiseite, während andere alle Spuren der zerschmetterten Leichen vom Pflaster entfernten.«
Schadrach starrt ihn an. »Horthy sah nur einen Mann fallen, und das war Mangu.«
»Horthy blieb nicht auf dem Hof, um die weiteren Ereignisse zu beobachten.«
»Trotzdem…«
»Wenn Mangus Mörder ihrem Opfer nicht nachgesprungen wären«, sagt der alte Mann ungeduldig, »was wurde dann aus ihnen? Im Gebäude wurden nach dem Verbrechen keine verdächtigen Personen entdeckt.«
Schadrach ist unfähig, darauf eine passende Antwort zu finden. Kein Kommentar, den er geben könnte, würde im Sinne des Vorsitzenden konstruktiv sein. Nach einer Pause räuspert er sich und sagt: »Wäre es möglich, daß wir eine Minute über Ihre Gesundheit sprechen würden?«
»Ich sagte Ihnen doch, daß ich mich wohl fühle.«
»Die Symptome, die ich ausgemacht habe, sind ziemlich ernster Natur«, sagt Schadrach. »Ich…«
»Symptome wovon?« fragt der Vorsitzende ungnädig.
Schadrach befürchtet, daß sich im Körper seines Patienten ein Aneurysma entwickeln könnte, eine Schlagadererweiterung. Er fragt den Vorsitzenden, ob er irgendwelche ungewöhnlichen Beschwerden verspürt habe, und der gibt widerwillig zu, daß er wiederholt ein scharfes Stechen im Rücken und in den Seiten gefühlt habe. Schadrach macht ihn nicht auf den Widerspruch zwischen dieser Auskunft und dem behaupteten Wohlbefinden aufmerksam; aber das Eingeständnis gibt ihm die Oberhand, und er verordnet dem Patienten Bettruhe.
Der Blick durch eine Kathetersonde in die Bauchschlagader bestätigt die erste Diagnose. Der jüngste Eingriff hat dort offenbar ein Blutgerinnsel hinterlassen, das sich in der Bauchschlagader festgesetzt und eine Infektion verursacht hat. Vielleicht trifft letzteres auch nicht zu, jedenfalls bildet sich eine Geschwulst, die einen neuen Eingriff notwendig macht. Wäre es ein anderer Patient, so würde Schadrach die Risiken einer Operation so bald nach einer größeren Organverpflanzung für noch größer halten als das Risiko einer Ausdehnung des Aneurysmas. Aber mittlerweile macht es ihm kaum noch etwas aus, seinen hochgestellten Patienten dem Messer auszuliefern. Der Körper des alten Mannes ist so oft geöffnet worden, daß er häufige chirurgische Eingriffe als natürlichen Zustand zu akzeptieren scheint. Überdies ist das Aneurysma nicht weit von der Leber entfernt, und Warhaftig wird es durch den zuletzt ausgeführten Schnitt erreichen, der erst zu verheilen beginnt.
Die Nachricht verdrießt den Vorsitzenden. »Ich habe jetzt keine Zeit für Chirurgie«, sagt er irritiert. »Es gibt eine Menge Akten und Entscheidungen aufzuarbeiten. Außerdem werden täglich neue Verschwörer entdeckt. Dieses Problem verdient meine volle Aufmerksamkeit. Schließlich soll nächste Woche Mangus Staatsbegräbnis stattfinden, bei dem ich persönlich zugegen sein möchte. Ich…«
»Es besteht ernste Gefahr, und ich empfehle…«
»Das sagen Sie immer, Doktor. Ich glaube, es macht Ihnen Spaß, mir das zu erzählen. Ich habe den Verdacht, daß Sie sich zu unsicher fühlen, Doktor. Selbst wenn es Ihnen nicht gelänge, alle paar Wochen eine neue Krise zu finden, würde ich Sie nicht von der Gehaltsliste streichen. Sie sind mir sympathisch, Doktor.«