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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)

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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
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Sie dachte zwar daran zu fragen, was Angelina eigentlich mitten in der Nacht im Freien zu suchen hatte, überlegte es sich aber anders. Der wahrscheinlichste Grund, den ein Mädchen in ihrem Alter haben konnte, sich in der Nacht aus dem Haus zu stehlen, gehörte nicht zu den Dingen, die ein Junge in Jemmys Alter hören musste.

Ihr Mund spannte sich ein wenig an, als sie an Malva Christie dachte, die vielleicht ebenfalls zu einem Rendezvous in Claires Garten unterwegs gewesen war. Wer?, fragte sie sich zum tausendsten Mal, während sie sich automatisch bekreuzigte und ein kurzes Gebet für Malvas Seelenfrieden sprach. Wer war es gewesen? Wenn es je jemanden gegeben hatte, der Grund hatte, als Gespenst umzugehen …

Ein kleiner Schauer überlief sie, doch das brachte sie auf eine neue Idee.

»Ich glaube, es war Mr. Buchanan, den Angelina gesehen hat«, sagte sie entschlossen. »Aber wenn du doch einmal Angst vor Gespenstern hast – oder vor etwas anderem –, dann machst du einfach das Kreuzzeichen und sprichst schnell ein Gebet zu deinem Schutzengel.«

Bei diesen Worten wurde ihr ein wenig schwindelig – vielleicht war es ein Déjà-vu; sie hatte das Gefühl, dass irgendjemand – ihre Mutter? Ihr Vater? – genau das einmal zu ihr gesagt hatte, irgendwann in der fernen Vergangenheit ihrer Kinderzeit. Wovor hatte sie sich gefürchtet? Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, doch sie erinnerte sich an das Gefühl der Sicherheit, das ihr das Gebet gegeben hatte.

Jem runzelte unsicher die Stirn; er kannte zwar das Kreuzzeichen, war sich aber nicht so sicher, was das Engelsgebet anging. Sie übte es mit ihm und bekam dabei leise Schuldgefühle.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis er offen vor jemandem, der Roger wichtig war, irgendeine katholische Geste machte – wie zum Beispiel das Kreuzzeichen. Die meisten Leute gingen davon aus, dass die Frau des Pastors ebenfalls Protestantin war – oder sie kannten die Wahrheit, befanden sich aber nicht in einer Position, in der sie deswegen einen Aufstand machen konnten. Ihr war bewusst, dass in Rogers Gemeinde getuschelt wurde – vor allem seit Malvas Tod und dem Gerede über ihre Eltern. Bei diesem Gedanken spürte sie, wie sich ihr Mund erneut verkrampfte, und sie entspannte ihn bewusst –, doch Roger weigerte sich standhaft, derartige Bemerkungen zur Kenntnis zu nehmen.

Sie spürte einen Stich der Sehnsucht nach Roger, trotz ihrer beunruhigenden Gedanken an mögliche religiöse Komplikationen. Er hatte geschrieben: McCorkle war aufgehalten worden, sollte aber innerhalb der nächsten Woche in Edenton eintreffen. Dann etwa eine Woche für das, was auch immer dann zu tun war – und danach würde er nach River Run kommen, um sie und Jem zu holen.

Er war so glücklich bei dem Gedanken an seine Ordinierung; wenn er erst einmal ordiniert war, konnten sie ihn doch sicher seines Amtes nicht wieder entheben, weil er eine katholische Frau hatte, oder?

Würde sie konvertieren, wenn sie dazu gezwungen war, damit Roger sein konnte, was er so eindeutig sein wollte – und sein musste? Bei diesem Gedanken wurde ihr hohl zumute, und sie legte die Arme um Jemmy, um sich zu beruhigen. Seine Haut war feucht und immer noch babyweich, doch darunter konnte sie feste Knochen spüren, die seine künftige Größe verhießen, die eines Tages die seines Vaters und seines Großvaters erreichen würde. Ihr Vater – das war ein kleiner, wärmender Gedanke, der all ihre Ängste beruhigte und sogar den Schmerz linderte, den Rogers Fehlen ihr bereitete.

Jemmys Haare waren längst nachgewachsen, doch sie küsste die Stelle hinter seinem Ohr, an der sich das verborgene Mal befand, und er zog kichernd den Kopf ein, weil ihr Atem ihn am Hals kitzelte.

Dann schickte sie ihn los, um das Hemd mit dem Farbfleck zu Matilda zu bringen, die für die Wäscherei zuständig war, damit diese zusah, was noch zu retten war, und wandte sich wieder ihrem Mörser zu.

Irgendetwas schien mit dem Mineralgeruch des zerstampften Malachits nicht zu stimmen; sie hob den Mörser hoch und roch daran, obwohl ihr bewusst war, dass das lächerlich war: Gemahlener Stein konnte nicht schlecht werden. Vielleicht beeinträchtigte die Mischung aus Terpentin und Mr. Buchanans Pfeifenrauch ihren Geruchssinn. Sie schüttelte den Kopf und kratzte den zarten grünen Puder vorsichtig in ein Fläschchen, um ihn später mit Walnussöl zu vermischen oder in einer Temperafarbe zu benutzen.

Sie ließ den Blick abschätzend über ihre Auswahl an Büchsen und Beutelchen wandern – einige hatte Tante Jocasta ihr zur Verfügung gestellt, andere verdankte sie Lord John Grey, der sie extra aus London hatte kommen lassen –, die Fläschchen und die Trockentabletts mit den Pigmenten, die sie selbst gemahlen hatte, um zu prüfen, was sie möglicherweise sonst noch brauchte.

Heute Nachmittag würde sie nur vorbereitende Skizzen anfertigen – der Auftrag war ein Porträt von Mr. Forbes’ betagter Mutter –, doch möglicherweise blieben ihr ja bis zu Rogers Rückkehr nur ein oder zwei Wochen, um das Bild zu vollenden; sie konnte keine Zeit …

Eine Woge des Schwindels zwang sie plötzlich, sich hinzusetzen, und schwarze Flecken huschten durch ihr Gesichtsfeld. Sie legte den Kopf zwischen die Knie und atmete tief durch. Es half kaum; die Luft war mit beißenden Terpentindämpfen und den fleischigen, modrigen Tiergerüchen aus dem Stall erfüllt.

Sie hob den Kopf und tastete nach der Tischkante. Ihre Innereien schienen sich plötzlich in eine Flüssigkeit verwandelt zu haben, die ihr vom Bauch in die Kehle und zurückschwappte und den bitteren gelben Geruch der Galle in ihrer Nase hinterließ.

»O Gott!«

Die Flüssigkeit in ihrem Bauch schoss ihr durch den Hals, und sie schaffte es gerade noch, die Schüssel vom Tisch zu nehmen und das Wasser auf den Boden zu schütten, als ihr Bauch sein Inneres nach außen kehrte, um sich panisch zu entleeren.

Sie stellte die Schüssel ganz vorsichtig wieder hin, saß keuchend da und starrte den nassen Fleck am Boden an, als die Welt auf ihrer Achse kippte und in einer unangenehmen Schräglage wieder zur Ruhe kam.

»Herzlichen Glückwunsch, Roger«, keuchte sie laut, und ihre Stimme klang schwach und unsicher in der stickigen, feuchten Luft. »Ich glaube, du wirst Vater. Schon wieder.«

Sie blieb eine Zeitlang reglos sitzen und erkundete die Empfindungen ihres Körpers, suchte nach Sicherheit. Bei Jemmy war ihr nie schlecht geworden – doch sie erinnerte sich an ihre merkwürdig veränderten Sinneswahrnehmungen; jenen merkwürdigen Zustand, den man Synästhesie nannte, in dem Sehkraft, Geruchssinn, Geschmackssinn und manchmal sogar das Gehör auf die seltsamste Weise die Eigenschaften miteinander tauschten.

Es war genauso schnell verschwunden, wie es geschehen war; der Geruch von Mr. Buchanans Tabak war jetzt viel kräftiger, doch jetzt war es nur noch das milde Aroma geräucherter Blätter, kein fleckiges, grün-braunes Wesen, das sich über ihre Schleimhäute wand und die Membranen ihres Hirns klappern ließ wie ein Blechdach im Hagelsturm.

Sie hatte sich so sehr auf die Empfindungen ihres Körpers und auf ihre mögliche Bedeutung konzentriert, dass sie die Stimmen im Nebenzimmer zunächst nicht bemerkt hatte. Das war Duncans bescheidener Schlupfwinkel; hier bewahrte er die Geschäftsbücher des Anwesens auf, und hierher begab er sich – so glaubte sie –, wenn ihm der Luxus des Hauses zu viel wurde.

Mr. Buchanan befand sich jetzt mit Duncan dort, und was als freundlich summende Unterhaltung begonnen hatte, begann jetzt, Zeichen der Anspannung an den Tag zu legen. Sie stand auf, erleichtert, nur noch einen leichten Rest von Mulmigkeit zu spüren, und ergriff die Schüssel. Natürlich neigte sie wie jeder Mensch zum Lauschen, doch in letzter Zeit hatte sie darauf geachtet, nur noch das zu hören, was sie hören musste.

Duncan und ihre Tante Jocasta waren standhafte Loyalisten, und kein noch so taktvolles Drängen und kein noch so logisches Argument konnte etwas an ihren Überzeugungen ändern. Sie hatte schon mehr als einmal Privatgespräche zwischen Duncan und ortsansässigen Tories mit angehört, bei denen ihr das Wissen um den Ausgang der gegenwärtigen Ereignisse das Herz vor Sorge zusammenkrampfte.

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