Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Kutusow sah Rastoptschin an; und als verstünde er den Sinn der an ihn gerichteten Worte nicht, bemühte er sich emsig, den besonderen Ausdruck zu entziffern, der in diesem Augenblick auf dem Gesicht des Mannes lag, der mit ihm sprach. Rastoptschin wurde verwirrt und schwieg. Kutusow wiegte den Kopf leicht hin und her, ohne seinen forschenden Blick von Rastoptschin abzuwenden, und sagte dann leise: »Ja, ich werde Moskau nicht ohne Schlacht hingeben.«
Dachte Kutusow an etwas ganz anderes, als er diese Worte sprach, oder sagte er sie, ihre Sinnlosigkeit einsehend, absichtlich – Rastoptschin gab keine Antwort und ging hastig von Kutusow weg. Und merkwürdig: der Stadtkommandant von Moskau, der stolze Graf Rastoptschin, nahm selber eine Peitsche zur Hand, ging auf die Brücke und fing laut schreiend an, die sich wieder dort stauenden Fuhrwerke auseinanderzutreiben.
26
Um vier Uhr nachmittags rückten Murats Truppen in Moskau ein. Voran ritt eine Abteilung württembergischer Husaren, dann kam, ebenfalls zu Pferd und mit großem Gefolge, der König von Neapel selbst.
In der Mitte des Arbatplatzes, bei der Nikolaj-Jawlenny-Kirche, machte Murat halt, da er auf eine Meldung der Vorhut wartete, in welchem Zustand sich die städtische Festung »le Kremlin« befinde.
Um Murat hatte sich ein kleines Häuflein zurückgebliebener Einwohner gesammelt. Sie alle betrachteten mit scheuer Verwunderung den seltsamen, mit Gold und Federn geschmückten Feldherrn mit dem langen Haar.
»Wie denn, ist das er selber? Ist das denen ihr Zar? Nichts dagegen zu sagen!« hörte man leise Stimmen.
Ein Dolmetscher ritt zu dem Volkshaufen hin.
»Nehmt die Mützen ab … die Mützen ab!« raunte in der Menge einer dem anderen zu.
Der Dolmetscher wandte sich an einen alten Hausdiener und fragte ihn, ob es noch weit bis zum Kreml sei. Der Hausdiener, der erstaunt der ihm fremd klingenden Betonung lauschte und die Sprache des Dolmetschers nicht als russisch erkannte, verstand nicht, was dieser zu ihm sagte, und versteckte sich hinter den anderen.
Murat ritt näher an den Dolmetscher heran und befahl ihm Zu fragen, wo sich die russische Armee befinde. Einer der Russen verstand, wonach gefragt wurde, und plötzlich fingen mehrere Stimmen an, dem Dolmetscher zu antworten. Da sprengte ein französischer Offizier der Vorhut auf Murat zu und meldete, das Festungstor sei verrammelt, wahrscheinlich liege dort ein Hinterhalt.
»Schön«, sagte Murat, wandte sich an einen Herrn seines Gefolges und befahl, vier leichte Geschütze vorziehen und das Tor beschießen zu lassen.
Die Artillerie kam im Trab hinter den Kolonnen, die Murat folgten, hervor und fuhr über den Arbatplatz. Nachdem sie bis ans Ende der Wosdwishenka gelangt war, machte sie halt und nahm auf dem Platz Aufstellung. Einige französische Offiziere erteilten bei den Kanonen Befehle, ließen sie in bestimmten Entfernungen aufstellen und sahen sich den Kreml durchs Fernrohr an.
Vom Kreml her drang Vespergeläut, und diese Klänge machten die Franzosen irre. Sie glaubten, dies sei ein Aufruf zu den Waffen. Ein Trupp Infanterie lief auf das Kutafjewtor zu. Vor dem Tor lagen Balken und Schanzwerk. Als der Offizier mit seinem Kommando näher kam, knallten zwei Flintenschüsse unter dem Tor hervor. Der General, der neben den Kanonen stand, rief dem Offizier ein Kommandowort zu, worauf dieser mit seinen Soldaten zurücklief.
Aus dem Tor hörte man noch drei Schüsse.
Der eine streifte einen französischen Soldaten am Bein, und gleichzeitig ertönte hinter der Verschanzung das Geschrei weniger Stimmen. Der frühere Ausdruck der Heiterkeit und Ruhe auf den Gesichtern des französischen Generals, der Offiziere und Soldaten ging augenblicklich wie auf Kommando in einen Ausdruck hartnäckiger und gesammelter Kampf- und Leidensbereitschaft über. Vom Marschall bis zum letzten Mann war dies für sie nicht die Wosdwishenka oder Mochowaja, nicht das Kutafjew- oder Troizkijtor, sondern nur eine Stelle eines neuen, wahrscheinlich sehr blutigen Schlachtfeldes. Und auf diese Schlacht bereiteten sich alle vor.
Das Geschrei hinter dem Tor war wieder verstummt. Die Geschütze wurden gerichtet. Die Artilleristen bliesen die angezündeten Lunten an. Ein Offizier kommandierte: $»feu!«, und zwei pfeifende Geräusche ertönten nacheinander. Die Kartätschenkugeln prallten gegen die Steine des Tores, gegen die Balken und das Schanzwerk und zwei Rauchwolken verbreiteten sich über dem Platz.
Ein paar Augenblicke später, als das Anprallen der Schüsse gegen den steinernen Kreml wieder verstummt war, hörten die Franzosen über ihren Häuptern ein seltsames Geräusch. Ein riesiger Dohlenschwarm stieg von den Mauern auf und kreiste krächzend und mit tausend Flügeln schlagend in der Luft. Mit diesem Geräusch zusammen ertönte der vereinzelte Schrei eines Menschen im Tor, und aus dem Rauch trat eine menschliche Gestalt im Kaftan und ohne Mütze. Sie hielt eine Flinte in der Hand und zielte auf die Franzosen. $»Feu!« wiederholte der Artillerieoffizier, und zu gleicher Zeit knatterte eine Flinte und donnerten zwei Kanonen. Wieder war das Tor in Rauch gehüllt.
Hinter der Verschanzung rührte sich nichts mehr. Französische Infanteristen liefen mit ihren Offizieren auf das Tor zu. Dort lagen drei Verwundete und vier Gefallene. Zwei Männer in Kaftanen flohen unten an der Mauer entlang nach der Snamenka zu.
»Enlevez-moi ça«, sagte ein Offizier und zeigte auf die Balken und Leichen, und die Soldaten warfen, nachdem sie die Verwundeten noch vollends totgeschlagen hatten, die Toten und das Holz über die Mauer hinab.
Wer diese Menschen waren, wußte niemand. »Enlevez-moi ça«, wurde nur über sie gesagt, und dann wurden sie fortgeschafft und über die Mauer geworfen, damit sie nicht die Luft verpesteten. Nur Thiers hat ihrem Andenken ein paar beredte Zeilen gewidmet: »Diese klägliche Schar war in die heilige Feste eingedrungen, hatte sich im Arsenal Flinten angeeignet und schoß nun auf die Franzosen. Einige von ihnen machte man nieder und reinigte so den Kreml von ihrer Anwesenheit.«
Murat wurde gemeldet, der Weg sei frei. Die Franzosen zogen durch das Tor ein und lagerten sich auf dem Senatsplatz. Aus den Fenstern des Senatsgebäudes warfen die Soldaten Stühle auf den Platz und zündeten sie zu Lagerfeuern an.
Andere Abteilungen zogen durch den Kreml und schlugen in der Maroseika, Lubjanka und Pokrowka[199] ihr Lager auf. Wieder andere bezogen die Wosdwishenka, Snamenka, Nikolskaja und Twerskaja[200]. Da die Franzosen nirgends Hauswirte vorfanden, zogen sie überall nicht wie in eine Stadt mit Quartieren ein, sondern wie in ein Lager, das man in einer Stadt aufgeschlagen hatte.
Obgleich die französischen Truppen abgerissen, hungrig, erschöpft und bis auf die Hälfte ihrer früheren Stärke zusammengeschmolzen waren, so rückten sie doch in strenger Ordnung in Moskau ein. Es war eine zwar ermattete und erschöpfte, aber immer noch kampffähige, drohende Streitkraft. Doch eine Armee waren sie nur bis zu dem Augenblick, als die Mannschaften in ihre Quartiere auseinandergegangen waren. Sobald sich die Leute in den leeren, reichen Häusern verteilt hatten, war die Armee für immer vernichtet: es gab weder Einwohner noch Soldaten mehr, sondern nur jenes Mittelding zwischen beiden, das man Marodeure nennt. Als dieselben Leute dann fünf Wochen später wieder aus Moskau auszogen, bildeten sie keine Armee mehr. Das war dann nur noch ein Haufen Marodeure, von denen jeder einen Berg Sachen, die ihm als kostbar und nützlich erschienen waren, mit sich fortfuhr oder – trug. Als sie aus Moskau fortzogen, bestand das Ziel eines jeden nicht wie früher darin, zu erobern, sondern nur darin, das Erbeutete festzuhalten. Wie jener Affe zugrunde ging, der seine Hand in den engen Hals eines Kruges gesteckt, eine Faust voll Nüsse ergriffen hatte und, um seiner Beute nicht verlustig zu gehen, die Faust nicht wieder aufmachen wollte, so mußte der Untergang der Franzosen nach ihrem Auszug aus Moskau zweifellos dadurch herbeigeführt werden, daß sie ihren Raub mit sich führten und ihnen ein Ablassen von diesem gestohlenen Gut ebenso unmöglich war wie jenem Affen, seine Faust mit Nüssen zu öffnen. Was für ein französisches Regiment in welchen Stadtteil Moskaus auch immer eingerückt sein mochte – zehn Minuten später gab es keinen Soldaten und keinen Offizier mehr. Durch die Fenster der Häuser sah man diese Leute in Mänteln und Stiefeletten, wie sie lachend durch die Zimmer spazierten. Dieselben Leute wirtschafteten in den Kellern und Speichern unter den Vorräten, öffneten und erbrachen in den Höfen die Tore der Schuppen und Ställe, zündeten in den Küchen Feuer an, kneteten, buken und kochten mit aufgestreiften Ärmeln und erschreckten, neckten und liebkosten Frauen und Kinder. Und solcher Leute gab es in den Läden und in den Häusern überall unzählige, aber ein Heer existierte nicht mehr.
199
Maroseika, Lubjanka und Pokrowka: Straßen im Nordosten des Stadtzentrums.
200
Wosdwishenka, Snamenka, Nikolakaja und Twerskaja: Straßen im Nordwesten des Stadtzentrums.