Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Bald traf er sich regelmäßig mit Ines und dem kleinen Mädchen.
»Guten Nachmittag«, sagte er feierlich, sooft er sie sah, und sie erwiderte mit ähnlicher Feierlichkeit:
»Guten Nachmittag, Senor.«
Schon nach ein paar Begegnungen erkannte Adriana, das kleine Mädchen, ihn wieder. Von da an rief sie immer Jonas Namen und kam zu ihm gelaufen.
Er hatte durchaus den Eindruck, daß Ines sich für ihn interessierte. Er war erstaunt über die Klugheit in ihrem Gesicht, gerührt von ihrem scheuen Liebreiz, gequält von Gedanken an den jungen Körper unter ihrer züchtigen Kleidung. Eines Nachmittags gingen sie zur plaza mayor, wo ein Pfeifer an einer sonnenbeschienenen Wand saß und spielte.
Jona wiegte sich zur Musik und fing an, sich zu bewegen, wie er die Roma tanzen gesehen hatte. Plötzlich konnte er mit seinen Schultern, Hüften und Füßen Dinge ausdrücken, wie die Zigeuner es taten. Dinge, die er noch nie zuvor ausgedrückt hatte. Erstaunt sah sie ihm mit einem halben Lächeln zu, doch als er die Hand nach ihr ausstreckte, weigerte sie sich. Trotzdem stellte er sich vor, wenn ihre junge Nichte nicht dabei wäre... Wenn sie nicht auf einem öffentlichen Platz, sondern an einem verschwiegeneren Ort wären... Wenn...
Er hob das kleine Mädchen auf, und Adriana kreischte, als er mit ihr im Kreis herumwirbelte.
Danach setzten sie sich in die Nähe des Musikanten und unterhielten sich, während Adriana mit einem kleinen, glatten roten Stein spielte. Ines erzählte ihm, daß sie in Madrid geboren sei, wo ihre Eltern vor fünf Jahren zum Christentum übergetreten seien.
In Toledo war sie noch nie gewesen. Als er ihr sagte, daß seine Lieben alle tot oder aus Spanien geflohen seien, traten ihr Tränen in die Augen, und sie legte ihm die Hand auf den Arm. Es war das einzige Mal, daß sie ihn berührte. Er saß bewegungslos da, aber sie zog ihre Hand sehr schnell wieder weg.
Am nächsten Nachmittag ging Jona wieder auf den Markt, wie es ihm zur Gewohnheit geworden war. Er schlenderte zwischen den Ständen herum und wartete darauf, daß Felipa Ines im Seiden-stand ablöste. Doch als er beim Stand des Geflügelhändlers vorbeikam, sah er, daß Suleika Denia dort war und sich mit dem Verkäufer unterhielt. Der Geflügelhändler bemerkte Jona und sagte etwas zu Suleika. Ines' Mutter drehte sich um und sah Jona streng an, als wären sie sich nie begegnet. Sie stellte dem Geflügelhändler eine Frage, und als sie seine Antwort gehört hatte, drehte sie sich wieder um und ging direkt zum Seidenstand ihres Gatten Isaak Saadi.
Gleich darauf kehrte sie zurück. Nun war ihre Tochter bei ihr, und Jona kam zu Bewußtsein, was er bis jetzt verdrängt hatte, indem er nur auf ihre stolze Körperhaltung, das Geheimnis ihrer großen Augen oder den Liebreiz ihres sinnlichen Mundes geachtet hatte.
Sie war sehr schön.
Jona sah, wie sie schnell davongingen, wobei die Mutter ihre Tochter am Arm hielt wie ein alguacil, der einen Gefangenen in die Zelle führt.
Er bezweifelte, daß Ines ihrer Familie von ihren Begegnungen erzählt hatte. Sooft er sie nach Hause begleitet hatte, hatte sie sich die Einkaufstasche zurückgeben lassen, bevor das Haus in Sicht kam, und sie hatten sich getrennt. Vielleicht hatte einer der Händler auf dem Markt etwas zu ihrer Mutter gesagt. Oder eine unschuldige Bemerkung des kleinen Mädchens hatte Suleikas Zorn über sie gebracht.
Gewiß hatte er Ines nicht entehrt. So schlimm konnte es für ihre Mutter doch nicht sein, sagte er sich, zu erfahren, daß sie miteinander spazierengegangen waren.
Doch als er an den nächsten beiden Tagen wieder auf den Markt kam, war Ines nicht am Seidenstand. Felipa arbeitete an ihrer Stelle.
In dieser Nacht fand er keinen Schlaf vor brennendem Verlangen, denn er malte sich aus, wie es wäre, bei einer geliebten Frau
zu liegen. Wie es wäre, Ines zum Eheweib zu haben und die Körper zu vereinigen gemäß dem Gebot, fruchtbar zu sein und sich zu vermehren. Wie fremdartig und gleichzeitig schön das wäre.
Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und beschloß, mit ihrem Vater zu reden.
Doch als er auf den Markt ging, um seinen Entschluß in die Tat umzusetzen, erwartete ihn bereits Mica Benzaquen, der Nachbar von Isaak Saadis Familie.
Auf den Vorschlag des älteren Mannes hin spazierten sie zur
plaza mayor.
»Jona Toledano, mein Freund Isaak Saadi glaubt, daß seine jüngere Tochter Eure Aufmerksamkeit geweckt hat«, sagte Ben-zaquen taktvoll.
»Ines. Ja, das stimmt.«
»Ja, Ines. Ein Juwel von unschätzbarem Wert, nicht?«
Jona nickte und wartete.
»Züchtig und geschickt im Geschäft wie zu Hause. Ihrem Vater ist es eine Ehre, daß der Sohn von Helkias, dem Silberschmied von Toledo, möge er in Frieden ruhen, Isaaks Familie mit seiner Freundschaft beschenkt. Aber Senor Saadi hat einige Fragen. Seid Ihr einverstanden?«
»Natürlich.«
»Zum Beispieclass="underline" Familie?«
»Ich stamme ab von Rabbis und Schriftgelehrten sowohl auf meiner Mutter Seite wie auch der meines Vaters. Mein Großvater mütterlicherseits ... «
»Natürlich, natürlich. Vorfahren von hohem Ansehen. Aber lebende Verwandte, vielleicht mit einem Gewerbe, in das der junge Mann eintreten könnte?«
»Ich habe einen Onkel. Er hat während der Vertreibung Spanien verlassen. Ich weiß nicht, wo...«
»Oh, das ist bedauerlich.«
Aber der junge Mann, bemerkte Benzaquen, habe doch Senor Saadi gegenüber gewisse Fertigkeiten erwähnt, die ihm sein Vater, der Silberschmied, beigebracht habe. »Seid Ihr dann ein Silberschmiedmeister?«
»Als mein Vater starb, stand ich kurz davor, ein fahrender Geselle zu werden.«
»Oh... dann wart Ihr also noch in der Ausbildung. Bedauerlich, bedauerlich... «
»Ich lerne schnell. Ich könnte das Seidengewerbe erlernen.«
»Das glaube ich sehr gerne. Aber Isaak Saadi hat bereits einen Schwiegersohn im Seidengeschäft«, erwiderte Benzaquen dünn.
Jona wußte, daß er noch vor wenigen Jahren eine äußerst gute Partie für die Familie Saadi gewesen wäre. Jeder wäre begeistert gewesen, vor allem Isaak Saadi; jetzt aber war es so, daß er als Bräutigam nicht in Frage kam. Und dabei wußten sie noch gar nicht, daß er ein ungetaufter Flüchtling war.
Benzaquen starrte seine gebrochene Nase an. »Warum geht Ihr nicht zur Kirche?«
»Ich war... beschäftigt.«
Benzaquen zuckte die Achseln. Er warf nur einen flüchtigen Blick auf die fadenscheinige Kleidung des jungen Mannes und machte sich nicht mehr die Mühe, ihn nach seinem Vermögen zu fragen.