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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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Jona wußte, wenn Saadi ein ernsthafter Christ wäre, hätte er Jesus für das Essen gedankt, das sie gleich zu sich nehmen würden. Der sicherste Weg, den Jona auch einschlagen wollte, wäre es, einfach Gott für das Mahl zu danken. Doch als er den Mund öffnete, dachte er an die Frau, die ihre eigenen Gebete nur unvollkommen verschleiert hatte, und schlug, fast ohne es zu wol-len, den anderen Weg ein. Er hob sein Weinglas und stimmte in heiserem Hebräisch den Gesang an, mit dem man den Sabbat, die Königin der Tage, begrüßt und Gott für die Frucht des Rebstocks dankt.

Während die anderen drei Erwachsenen am Tisch ihn stumm anstarrten, trank er einen Schluck Wein und gab das Brot an Saadi weiter. Der ältere Mann zögerte, doch dann riß er ein Stück vom Laib und sang den Dank für die Früchte der Erde.

Die Worte und Melodien öffneten eine Tür zu Jonas Erinnerung, und in seine Freude mischte sich Schmerz. So war es nicht Gott, den er in den Berachot anrief, sondern seine Eltern, seine Brüder, seinen Onkel, seine Tante und seine Freunde - die Verstorbenen.

Als die Gebete zu Ende gesprochen waren, schaute nur Felipa gelangweilt drein, anscheinend ärgerte sie sich über etwas, das ihre Tochter sie flüsternd gefragt hatte. Isaak Saadis wachsames Gesicht war traurig, aber entspannt, und Suleikas Augen waren feucht, während Ines, wie Jona bemerkte, ihn mit Interesse und Neugier musterte.

Saadi hatte eine Entscheidung getroffen. Er stellte eine Öllampe ins Fenster, und die drei Frauen trugen Speisen auf, von denen Jona seit langem geträumt hatte: zartes geschmortes Hühnchen und Gemüse, einen Reispudding mit Rosinen und Safran, in Wein eingelegte Granatapfelkerne. Bevor das Mahl zu Ende war, traf der erste ein, den das Licht im Fenster eingeladen hatte. Es war ein großer, gutaussehender Mann mit einem roten Mal wie eine zerdrückte Beere knapp unterhalb des Kiefers auf dem Hals.

»Das ist unser guter Nachbar, Mica Benzaquen«, sagte Saadi zu Jona. »Und dieser junge Mann ist Jona ben Helkias Toledano, ein Freund aus Toledo.«

Benzaquen hieß Jona willkommen.

Kurz darauf erschienen ein Mann und eine Frau und wurden

Jona als Fineas ben Sagan und seine Frau Sancha Portal vorgestellt, und dann kamen Abram Montelran und seine Frau Leona Patras. Anschließend noch zwei Männer, Nachman Redondo und Pedro Serrano. Immer wieder ging nun die Tür auf, bis sich neun weitere Männer und sechs Frauen in dem kleinen Haus drängten. Jona fiel auf, daß alle Arbeitskleidung trugen, denn sie wollten keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, indem sie sich für den jüdischen Sabbat festlich kleideten.

Er wurde von Saadi allen Anwesenden als ein Freund vorgestellt, der auf Besuch sei.

Einer der Nachbarjungen wurde als Wachposten vor die Tür geschickt, während im Haus die Leute bereits zu beten begonnen hatten, so wie es jüdischer Brauch war.

Es gab keine Tora; Mica Benzaquen stimmte die Gebete aus dem Gedächtnis an, und alle fielen, ängstlich, aber auch voller Freude, ein. Ihre Stimmen waren kaum mehr als ein Flüstern, damit der Klang der Liturgie nicht nach draußen dringen und sie verraten konnte. Sie rezitierten die achtzehn Segenssprüche und das Schema. Dann sangen sie in einer gewaltigen Abfolge von Melodien Hymnen, Gebete und die wortlosen traditionellen Gesänge, die man Niggun nennt.

Das Gefühl der Zusammengehörigkeit und das Erlebnis des gemeinsamen Betens, das für Jona früher so alltäglich gewesen und jetzt so verboten und kostbar war, hatten eine tiefgreifende Wirkung auf ihn. Viel zu schnell war es vorüber. Die Leute umarmten sich und wünschten sich gegenseitig einen friedlichen Sabbat. Dabei schlossen sie auch den Fremden ein, für den sich Isaak Saadi verbürgt hatte.

»Nächste Woche in meinem Haus«, flüsterte Mica Benzaquen Jona zu, und der nickte dankbar.

Isaak Saadi zerstörte den Zauber. Während die Leute einzeln oder in Paaren das Haus verließen, lächelte er Jona an. »Wollt Ihr uns«, fragte er, »am Sonntag morgen in die Kirche begleiten?«

»Nein, das kann ich nicht.«

»Dann vielleicht am Sonntag darauf.« Saadi sah Jona an. »Das ist wichtig. Es gibt Leute, die uns sehr aufmerksam beobachten, wenn Ihr versteht«, sagte er.

In den folgenden Tagen behielt Jona den Stand des Seidenhändlers scharf im Auge. Es schien sehr lange zu dauern, bis Isaak Saadi den Stand seiner Tochter alleine überließ. Wie zufällig schlenderte Jona zu ihr. »Guten Tag, Senorita.«

»Guten Tag, Senor. Mein Vater ist nicht hier...«

»Ja, das sehe ich. Aber es macht nichts. Ich bin nur vorbeigekommen, um ihm noch einmal für die Gastfreundschaft Eurer Familie zu danken. Könnt Ihr ihm vielleicht meinen Dank ausrichten?«

»Ja, Senor«, sagte sie. »Wir... Ihr wart in unserem Haus sehr willkommen.« Sie errötete heftig, vielleicht weil er sie anstarrte, seit er an den Stand getreten war. Sie hatte große Augen, eine gerade Nase und einen Mund, der nicht so vollippig war wie der manch anderer, der aber deutlich ihre Gefühle verriet, nicht zuletzt in den sinnlichen Winkeln. Im Haus ihres Vaters hatte er sich nicht getraut, sie zu lange anzusehen, denn ihre Familie hätte daran Anstoß nehmen können. Damals im Lampenlicht waren ihm ihre Augen grau erschienen. Jetzt bei Tageslicht war ihm, als wären sie doch blau, vielleicht lag es aber auch am Schatten, den der Stand warf. »Vielen Dank, Senorita.«

»Gern geschehen, Senor Toledano.«

Am nächsten Freitag nahm Jona wieder an der Sabbatfeier der kleinen Gruppe Konvertiten teil, die diesmal im Hause von Mica Benzaquen stattfand. Immer wieder warf er verstohlene Blicke zu Ines Denia hinüber, die bei den Frauen saß. Sogar im Sitzen hatte sie eine ausgezeichnete Haltung. Und ein so interessantes Gesicht. In der folgenden Woche ging er immer wieder auf den Markt und beobachtete sie aus der Ferne, aber er wußte, daß sein Herumlungern ein Ende haben mußte. Einige der Händler warfen ihm schon böse Blicke zu, vielleicht verdächtigten sie ihn, einen Diebstahl zu planen.

Tags darauf ging er nicht mehr am Morgen, sondern am späten Nachmittag auf den Markt, und zu seinem Glück kam er gerade zu dem Zeitpunkt an, als Felipa ihre Schwester im Seidenstand ablöste. Ines schlenderte mit ihrer kleinen Nichte Adriana über den Platz, um Essen einzukaufen, und Jona lenkte seine Schritte so, daß er ihnen über den Weg lief.

»Hola, Senorita!«

»Hola, Senor.« Der sinnliche Mund zeigte ein warmes Lächeln. Sie wechselten ein paar Worte, und dann trödelte er herum, während sie Linsen, Reis, Rosinen, Datteln und einen Granatapfel kaufte. Anschließend begleitete er sie zu einem anderen Gemüsehändler, wo sie zwei Weißkohlköpfe erstand.

Nun war ihre Tasche schwer. »Wenn Ihr gestattet.«

»Nein, nein... «

»Aber natürlich«, beharrte er fröhlich.

Er trug ihr die gefüllte Einkaufstasche nach Hause. Unterwegs unterhielten sie sich, aber danach wußte er nicht mehr, worüber sie gesprochen hatten. Er hatte ein großes Verlangen nach ihrer Gesellschaft.

Jetzt, da er wußte, zu welcher Zeit er auf den Markt gehen mußte, war es einfacher, Begegnungen mit ihr zu arrangieren. Zwei Tage später traf er sie wieder auf dem Marktplatz, als sie gerade mit dem Kind spazierenging.

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