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Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]

Электронная книга - «Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]». Краткое содержание книги:

Der 3. Weltkrieg wurde mit biologischen Waffen ausgetragen. Die Fäulnis, die Menschen bei lebendigem Leib verrotten lässt, grassiert auch noch Jahrzehnte nach Kriegsende. Es gibt ein Serum, doch das ist teuer und nur den Privilegierten vorbehalten.
Die heutigen Machtblöcke der Erde sind zerstoben. Ein greiser Mongole regiert den Weltstaat, ein Tyrann, der sich für die Inkarnation Dschingis Khans und Maos zugleich hält. Sein erdumspannender Geheimdienstapparat ist allgegenwärtig; die Überwachung der Untertanen lückenlos. Er bestimmt, wer der Gnade teilhaftig wird, das Serum zu erhalten. Ein Entzug kommt dem Todesurteil gleich.
Schadrach Mordecai, ein junger Neger aus den ehemaligen USA, ist der Leibarzt des Tyrannen. Er ist persönlich für den Gesundheitszustand des Herrschers verantwortlich, dessen Körper zum größten Teil bereits aus Ersatzorganen besteht. Und Schadrach Mordecai weiß, daß bei den perfekten Sicherheitsmaßnahmen er der einzige Mensch auf der Welt ist, der Hand an das greise Monstrum legen könnte. Doch er ist auf besondere Weise mit dem Tyrannen verbunden: Die Schmerzen des Herrschers sind auch die seinen.
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»Nanu, das sind Nigger Jim und die kleine Nell!« ruft Chin Shi Huang Ti, der auf der Mauer steht. Er vollführt einen kleinen Freudentanz, schwenkt seinen schwarzseidenen Hut, läßt den langen Chinesenzopf herumfliegen.

»Chop-chop«, sagt Schadrach. »Kung po chi ding!«

»Wo ist der Ausgang?« fragt ihn Katja.

»Dort«, sagt der erste Kaiser. »Vorbei an den Ketten, über die Stacheln.«

Sie schweben durch das Tor. Auf der anderen Seite der Großen Mauer glitzern überflutete Reisfelder im rosigen Sonnenlicht. Frauen in schwarzen Pyjamas, ausladende Kulihüte auf den Köpfen, bewegen sich langsam durch knöcheltiefes Wasser, bükken sich, setzen Reispflanzen. Unsichtbare Chöre erfüllen die Luft mit anschwellenden Crescendos himmlischer Klänge. Katja greift in den fetten gelben Schlamm und bewirft ihn mit einer Handvoll davon. Klatsch! Er wirft zurück. Klatsch! Sie bepflastern einander damit, dann umarmen sie sich, schlüpfrig und schmutzig und naß. Was für ein schöner Schlamm! Sie lachen und toben, purzeln und wälzen sich, landen platschend im Reisfeld, und die Chinesenfrauen tanzen um sie herum. Katja Lindmans Beine umklammern seine Hüften. Ihre Schenkel sind wie Schraubzwingen. Sie zieht ihn zu sich in den Schlamm, wo sie sich wie brünstige Büffel paaren. Grunzend wälzen sie sich um und um. Fleisch klatscht auf Fleisch. Bauch an Bauch suhlen sie sich im Schlamm. Sehr zufriedenstellend. Er nimmt sein steifes Organ nicht als etwas wahr, was ihm angehört, sondern eher als ein unabhängiges Bindeglied, das mit schnellen Bewegungen zwischen ihren Körpern hin und her geht. Ohne einen Höhepunkt zu erreichen, stehen sie auf, baden, ziehen weiter nach New York. Ein heißer Wind bläst durch die Stadt der Wolkenkratzer. Konfettischauer gehen auf sie nieder; es prickelt und brennt. Jubelrufe der Bewohner. Alle haben hier Organzersetzung, aber man findet sich damit ab; niemand ist deswegen alarmiert. Die Körper der New Yorker sind durchsichtig, und Schadrach sieht die roten Verletzungen in ihnen, die Zonen von Gewebeauflösung und Zerfall, die Perforationen und Eiterungen von Eingeweiden, Lungen, Lebern, Nieren. Die Krankheit macht sich durch ausstrahlende Wellen elektromagnetischer Pulse bemerkbar, die immerfort auf seine Seele einhämmern. Diese Menschen sind halbverfault und voller Löcher, und doch sind sie glücklich, und warum sollten sie es nicht sein? Schadrach und Katja segeln die Fifth Avenue hinunter. Schadrachs Haut ist weiß, seine Lippen sind dünn, sein Haar ist glatt und lang; der Wind weht es ihm in die Stirn und nimmt ihm vorübergehend die Sicht, und als er die Strähnen aus dem Gesicht streift, sieht er, daß Katja jetzt schwarz ist. Sie hat eine platte, breite Nase, einen prachtvollen fettsteißigen Hintern, Quadratmeter von schokoladenbrauner Haut. Rubinrote Lippen, süßer als Wein.

Sie tanzen auf Schwertern. Sie tanzen auf Ananas. Er verkauft sie in die Sklaverei und löst sie mit seinem Erstgeborenen wieder aus.

»Sind wir tot?« fragt er sie. »Wirklich und wahrhaftig tot?«

»Mausetot.«

»Und das macht soviel Spaß?«

»Macht es dir Spaß?« fragt sie.

Sie sind in Mexiko. Es ist Frühling, die Kakteen und Frangipani blühen. Hohle, stachliggrüne Stangen, besetzt mit Büscheln gelber Blüten. Sie schlafwandeln durch Dickichte von Feigenkakteen. Der Szenenwechsel ist hektisch, und doch fühlt er sich ausgeruht. Er könnte die ganze Nacht Walzer tanzen. Beim Überqueren der Pyrenäen begegnen sie Sancho Pansa, einem gedrungenen, speckigen Burschen, der ihnen grünen Wein aus einer ledernen Bota anbietet und in schrilles Gekicher ausbricht, als sie sich bespritzen. Sancho leckt Wein von Katjas Brüsten. Sie gibt ihm einen Stoß, und er überschlägt sich mehrere Male. Schließlich folgen sie ihm nach Andorra. Ihnen zu Ehren werden Gedenkmünzen von hohem Nennwert geprägt.

»Ich dachte, der Tod würde eine ernstere Sache sein«, sagt Schadrach.

»Ist er auch.«

Als Tote können sie gehen, wohin sie wollen, und sie tun es. Aber die Reise ist nichtig und eitel, und das Essen beim Bankett ist nur gesponnene Luft, weniger süß als Zuckerwatte. Er verlangt nach mehr Substanz, und die Bediensteten bringen ihm Steine. Er ist wieder schwarz, schwarz ist auch Dschingis Khan II. Mao, der zehn Meter über ihm auf einem Thron aus mattschimmernder Jade sitzt. Cifolia, Buckmaster, Avogadro und Crowfoot sind da, und auch sie sind schwarz. Mangu ist der schwärzeste von allen. Aber das Schwarz ihrer Häute ist kein Negerschwarz, kein afrikanisches Schwarz, es ist Ebenholzschwarz, die Farbe des Weltraums. Sie sehen wie Wesen von einem anderen Stern aus. Schadrach wandert unter ihnen umher, klatscht in die Hände, begrüßt sie, aber niemand scheint ihn zu beachten. Sie sprechen Niggermongolisch untereinander, sie lachen und singen, schunkeln und hüpfen. Cifolia spielt Gitarre, Buckmaster Leier, Avogadro Banjo.

»So gut ist es eigentlich nicht«, sagt Schadrach zu Katja. »Wir machen uns was vor.«

»Es hat seine Vorzüge.«

»Ich kann ein mißtrauisches Gefühl nicht loswerden.«

»Selbst als Toter kannst du dich nicht richtig gehen lassen, was?« Sie nimmt ihn am Handgelenk und zieht ihn mit sich, durch eine Wüste glitzernden Sandes, durch einen Fluß hüpfender, gischtender Wasser, durch ein Dickicht duftender Brombeerranken, in den Ozean, die große salzige Mutter, und sie liegen auf dem Rücken und blicken zur Sonne auf. Er ist völlig zur Ruhe gekommen.

»Wie lange geht es so weiter?« fragt er.

»Für immer.«

»Wann endet es?«

»Es hat kein Ende.«

»Ist das wahr?«

»Es liegt in der Natur der Sache. Der Tod ist nichts als eine Fortsetzung des Lebens auf anderer Ebene.«

»Das glaube ich nicht. Dopo la morte, nulla.«

»Wo sind wir dann jetzt?«

»Wir träumen«, sagt er.

»Einen und denselben Traum? Sei nicht albern.«

Die stumpfen Nasen von Haien durchstoßen die glatte Meeresoberfläche. Zähnestarrende Rachen gähnen. Schadrach praktiziert Furchtlosigkeit. Diese Bestien können ihm nichts anhaben. Schließlich ist er tot. Auch ist er Doktor der Medizin. Er schluckt Ozeanwasser, bis der glänzende, sandige Meeresboden trockenliegt. Die gestrandeten Haie zappeln verdrießlich, schnellen ihre glatten Körper hierhin und dorthin, fressen Krabben und Seesterne. Schadrach lacht. Der Tod ist Wirklichkeit, der Tod ist eine ernste Sache. Aus dem Norden kommen kalte Winde, fegen die Flanken des Himalaya herab. Unerschrocken setzen sie ihren Aufstieg fort, krallen sich von Mauerhaken zu Mauerhaken die Felsen empor, stapfen im Gänsemarsch über Steilhänge und Schneefelder, vor sich die furchteinflößende Gipfelgestalt über dem Talschluß. Sie frieren in ihren Parkas; mit müden Armen schwingen sie die Eispickel, hauen Stufen ins Gletschereis; die Traggurte der Sauerstoffgeräte schneiden in die schmerzenden Schultern, doch sie steigen weiter, hinauf in jene schwindelerregenden Bereiche über siebentausend Meter, wo nur der spreizfüßige Schneemensch zu gehen wagt. Der Gipfel ist in Sicht. Ungeheure Abgründe gähnen, aber sie haben keinen Schrecken; wo mit Mauerhaken und Stufenschlagen nicht weiterzukommen ist, stoßen sich Schadrach und Katja einfach zu gewaltigen, himmelüberspannenden Sprüngen vom Fels ab. Es ist zu einfach. Er hatte nicht erwartet, daß das Totenreich ein so frivoler Ort sein würde. Doch nun dunkelt der Himmel, das Tempo wird langsam; er hört feierliche Musik, er erfährt eine Abschwächung des frenetischen Bewegungsdrangs, der ihn bis hierher getrieben hat, er kommt in einer ägyptischen Zeitlosigkeit zur Ruhe. Er ist eins mit Ptah und Osiris. Er ist ein Memnonskoloß am Ufer des mächtigen Stroms und läßt die Zeitalter an sich vorüberziehen. Katja zwinkert ihm zu, und er blickt in finsterer Mißbilligung zurück. Der Tod ist eine ernste Sache, kein Urlaub. Ja, jetzt hat er das rechte Zeitmaß gefunden. Die Aufgabe, tot zu sein, nimmt ihn ganz in Anspruch. Er bewegt sich nicht. Er hat den Kern des Ereignisses erreicht. Hie jacet. Nascentes morimur, finisque ab origine pendet. Mors omnia solvit. Es ist sehr still hier. Wenn sie überhaupt sprechen, dann sprechen sie in Sanskrit, aramäisch, sunnerisch oder Latein. Thoth selbst spricht Latein. Zweifellos auch andere Sprachen, doch warum sollten Götter keine Launen haben? Wie süß es ist, unbeweglich zu sein und wenn überhaupt, dann nur in Sprachen zu denken, die niemand mehr versteht! Nullum est iam dictum quod non dictum est prius. Was für einen guten Klang das hat! Und nun bitte die Posaunen und die Bassetthörner:

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