Pelagia und die weissen Hunde
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #1
- Год: 2003
- Язык: немецкий
- Переводчик: Renate Reschke
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:
»Mein Sohn, leider plaudert Konstantin Petrowitsch viel öfter mit dem Zaren als einmal monatlich«, sagte der Bischof seufzend. »Es ist anzunehmen, dass Seine Majestät für Bubenzow eingenommen ist, und diese Meinung zu ändern wird nicht einfach sein. Leider kommt vielen einflussreichen Personen in Petersburg unser Skandal sehr gelegen.«
Anton von Gaggenau sagte wehmütig:
»Aber wir müssen doch etwas tun. Diese Spinne vom Synod erscheint mir schon im Traum. Dann liege ich da und kann mich nicht rühren, und er wickelt und wickelt mich in seinen klebrigen Faden . . .«
Eine lastende Pause trat ein, die von Matwej Berditschewski beendet wurde. Blass geworden, verkündete er entschlossen:
»Meine Herren, ich weiß, was zu tun ist. Ich fordere ihn zum Duell, jawohl! Wenn er sich weigert, sich mit mir zu schießen, ist er vor der Gesellschaft blamiert, niemand lässt ihn mehr über die Schwelle, und die Sawolshsker Damen, die ihn jetzt umtanzen, werden ihm die kalte Schulter zeigen. Nimmt er aber meine Forderung an, so jagt ihn der Oberprokuror von seinem Posten. So oder so, es wird für uns gut sein.«
Diese originelle Idee ließ die Teilnehmer der Beratung erstarren. Der Baron schüttelte den Kopf.
»Wenn er annimmt, werden Sie sich wirklich mit ihm schießen müssen, und er wird Ihnen die verdorbene Karriere nicht verzeihen, Matwej Benzionowitsch. Und wenn Sie an der Barriere stehen, was machen Sie dann? Ich habe auf der Jagd gesehen, wie Sie schießen. Statt des Rebhuhns haben Sie mir die Mütze durchlöchert. Sie müssen auch an Ihre Kinder denken.«
Berditschewski wurde noch blasser, denn er besaß eine sehr lebhafte Phantasie und stellte sich sogleich seine Gattin in Trauerkleidung vor, auch die Kinderchen in schwarzen Mänteln und Anzügen, aber er beharrte:
»Sei’s drum . . .«
»Ach, Unfug.« Der Gouverneur winkte ab. »Sie können ihn gar nicht fordern, er wird Ihnen keinen Anlass liefern.«
Da lief der blasse Berditschewski plötzlich puterrot an und gestand den jüngsten schmählichen Vorfalclass="underline"
»Einen Anlass gibt es. Er hat mir einen Nasenstüber versetzt, so heftig, dass die Nase geblutet hat, und ich habe es hingenommen. Weil ich an meine Kinder gedacht habe . . .«
Der Baron erklärte:
»Laut Duellregeln muss eine Forderung binnen vierundzwanzig Stunden nach der Beleidigung ausgesprochen werden und keinesfalls später. Sie sind also zu spät dran, Matwej Benzionowitsch.«
»Dann gebe ich ihm auch eins auf die Nase, und er wird wissen, wofür.«
»Er wird es wissen, aber andere nicht«, warf der Bischof ein. »Dann landen Sie womöglich wegen Tobsucht im Irrenhaus. Nein, das geht nicht. Ein Duell ist auch nicht christlich. Dazu kann ich meinen Segen nicht erteilen.«
»Also Folgendes.« Berditschewski fasste nach seiner Nase und drehte sie hin und her. »Dann probieren wir es anders, mit einem Trojanischen Pferd.«
»Wie denn das?«, fragte der Gouverneur erstaunt. »Wer soll dieses Pferd sein?«
»Der Polizeimeister Lagrange. Er ist so etwas wie Bubenzows rechte Hand geworden, und Bubenzow vertraut ihm vieles an. Und ich habe als Staatsanwalt einiges gegen ihn in der Hand.«
Berditschewski war jetzt ruhig und sachlich, und seine Stimme zitterte nicht mehr.
»Lagrange hat vorgestern von dem altgläubigen Kaufmann Pimenow ein Geschenk angenommen. Siebentausend Rubel in Scheinen. Er hat sie Pimenow abgepresst mit der Drohung, ihn für Schmähreden gegen die Bräuche der rechtgläubigen Kirche in Haft zu nehmen.«
»Was sagen Sie da!«, rief der Baron. »Das ist ja unerhört!«
(Seine Verwunderung ist begreiflich, denn in unserem Gouvernement gab es die direkte Schmiergeldnahme, noch dazu seitens eines hohen Beamten, nur noch in der Überlieferung.)
»Aber er hat es genommen, sieht wohl neue Zeiten kommen. Ich habe eine schriftliche Meldung von Pimenow. Noch habe ich nichts unternommen. Ich könnte mit Felix Lagrange sprechen. Er ist nicht sehr klug, aber er wird es kapieren. Dann kann er zum Schein Bubenzows Gehilfe bleiben, wird mir aber insgeheim eingehend über die Pläne und Umtriebe unseres lieben Freundes berichten.«
Mitrofani ächzte, seufzte.
»Ach, ich weiß nicht, ich weiß nicht. . . Ich werde beten und Gott befragen, ob solche Tricks zulässig sind. Gewiss, ER duldet mitunter, dass Böses mit Bösem ausgemerzt wird, aber es ist trotzdem nicht schön.«
»Noch weniger schön ist es, die Hände in den Schoß zu legen und nichts zu tun, und Sie, Bischöfliche Gnaden, sind mit jedem Vorschlag unzufrieden«, sagte der Gouverneur vorwurfsvoll.
»Sie haben Recht, mein Sohn. Es ist besser zu sündigen als willenlos Böses zu dulden. Sie, Anton Antonowitsch, sollten wirklich Ihrem Bruder schreiben, dass er mal mit dem Zaren redet. Damit Seiner Majestät nicht nur von einer Seite ins Ohr geblasen wird. Und du, Matwej, handle nach deinem Ermessen.« Der Bischof sprach Berditschewski so familiär an, da er ihn schon als Halbwüchsigen gekannt hatte. »Dich muss man nicht belehren. Und noch etwas . . .« Mitrofani hüstelte. »Anton Antonowitsch, bitte sagen Sie Ihrer Frau nichts von unseren Plänen.«
Das lange Gesicht des Barons spiegelte tiefes Leid.
»Und Sie, Vater?«, fragte Berditschewski eilig, um die Peinlichkeit zu überspielen. »Was gedenken Sie zu tun?«
»Ich werde beten«, sprach der Bischof nachdrücklich. »Damit Gott uns erlösen möge. Des Weiteren setze ich große Hoffnungen auf die Hilfe einer Person, die Sie nicht kennen.«
Also, der schwindende Sommer sah die Väter des Gouvernements in Unruhe und Verwirrung, und sie hatten triftige Gründe dafür, aber wahr ist auch, dass für unsere Sawolshsker Gesellschaft das Leben noch nie so spannend war wie in diesen August – und Septembertagen.
Dabei ging es nicht nur um die politische und religiöse Erschütterung, die unsere Region binnen weniger Tage in ganz Russland berühmt machte. Derartige Ereignisse sind geeignet, die Gemüter zu bewegen, aber ein besonderer Nervenkitzel geht von ihnen nicht aus, und doch war bei uns gerade nervliche Erregung zu beobachten – jene besondere Erregung, die nur überspannte und vor Neugier vibrierende Frauen bewirken können. Denn der wichtigste Nerv der Gesellschaft definiert sich bekanntlich durch die Stimmung der Vertreterinnen des schwachen Geschlechts. Wenn sie sich langweilen und Trübsal blasen, wird in der Welt alles klein, dürr und grau. Wenn sie hingegen, von Erregung gepackt, den Schlaf abschütteln, beschleunigt das Leben sofort seinen Puls, erblüht, füllt sich mit Tönen und Farben. In den Hauptstädten befinden sich die Damen fast ständig in der bebenden Ekstase, einem großen Ereignis beizuwohnen, oder im Vorgeschmack dieses beseligenden Zustands, was auch erklärt, warum sich die Frauen ewig danach reißen, aus der Provinz wegzukommen nach Petersburg oder zur Not nach Moskau, in den Lärm, die Lichter und den schimmernden Glanz eines nie endenden Festes. In der Abgeschiedenheit hingegen verfallen die Damen von der Stille und Langeweile in Hysterie und Melancholie, doch umso ungestümer kochen die aufgestauten Gefühle hoch, wenn das Wunder geschieht und über den gähnenslangweiligen heimischen Penaten plötzlich die Sonne eines wirklichen Skandals erstrahlt. Dann haben die Damen Dramatik und Leidenschaften und süßes Getratsche – noch dazu ganz aus der Nähe, und sie stehen fast mit auf der Bühne und müssen nicht vom vierten Rang aus durch die Lorgnette gucken wie in den Hauptstädten.
Im Mittelpunkt dieses spannenden Lebens, zu dessen Arena seit einiger Zeit das stille Sawolshsk geworden war, stand natürlich Wladimir Lwowitsch Bubenzow, der einstige Sünder und jetzige Held, das heißt, eine Figur, die für das Herz der Frauen hochgefährlich war. Die Beziehungen des Synodalemissärs zu der Gouverneursgattin Ljudmila Platonowna, zu der Postmeistersgattin Olimpiada Schestago und noch einigen Löwinnen von örtlicher Bedeutung wurden zum wichtigsten Gesprächsthema in unseren Salons. Über die Art dieser Beziehungen wurden die unterschiedlichsten Meinungen geäußert, von barmherzig bis anzüglich, und es sei zugegeben, dass Letztere deutlich überwogen.