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Pelagia und die weissen Hunde

Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:

Russland im ausgehenden 19. Jahrhundert: In Sawolshsk, einem kleinen russischen Provinzstädtchen, lebt und wirkt Ordensschwester Pelagia, eine aufgeweckte junge Frau, die ein für ihren Berufsstand seltenes Talent hat: Sie ist außergewöhnlich kriminalistisch begabt. So ist es kein Zufall, dass sich Pater Mitrofani, der Bischof der örtlichen orthodoxen Gemeinde, mit einer etwas ungewöhnlichen Bitte an sie wendet. Die Generalswitwe Marja Afanassjewna ist außer sich, weil man einen ihrer Hunde vergiftet hat. Bei dem Tier handelt es sich um eine weiße Bulldogge, eine sehr seltene und wertvolle Rasse, und so macht sich Pelagia auf zum Landsitz der reichen alten Dame, um den seltsamen Vorgängen auf den Grund zu gehen. Pelagias Ankunft am Ort des Verbrechens fällt mit der Anreise eines anderes Gasts zusammen: Wladimir Bubenzow, Gesandter der Petersburger Kirchenbehörde. Dieser hat einen anderen Fall aufzuklären – den grausamen Mord an zwei unbekannten Personen, deren enthauptete Leichen man ganz in der Nähe aus einem Fluss geborgen hat. Pelagia ahnt, dass es zwischen den gespenstischen Todesfällen eine geheime Verbindung gibt. . .
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Nainas Bruder Pjotr lachte unsicher.

»Nein, Naina, nein. Warum beschuldigst du dich? Willst du wieder originell sein?«

Am lautesten schrie Schirjajew, Qual in der Stimme:

»Aber warum, Naina? Das ist doch schrecklich! Gemein!«

»Schrecklich? Gemein? Es gibt Grenzen, jenseits derer Schrecklichkeit und Gemeinheit nicht mehr existieren!«

In ihrem lodernden Blick war nicht ein Schatten von Schuldbewusstsein, Reue oder wenigstens Scham, da war nur Ekstase und ein seltsamer Triumph. Man kann sogar sagen, dass ihr Aussehen in diesem Moment etwas Majestätisches hatte.

»Bravo! Ich weiß! ›Macbeth‹, zweiter Akt, ich glaube, auch zweite Szene.« Arkadi Poggio tat, als wolle er applaudieren. »Wie Lady Macbeth: ›Meine Hände sind blutig, wie die deinen; doch ich schäme mich, dass mein Herz so weiß ist.‹(Übersetzung: Dorothea Tieck.) Das Publikum rast, die ganze Bühne liegt voller Blumensträuße. Bravo!«

»Jämmerlicher Narr, unbegabter Pinselschwinger!«, zischte das gefährliche Fräulein. »Aus der Kunst hat man Sie vertrieben, und Ihr hölzerner Kasten wird Sie nicht retten. Nicht lange, dann wird jeder, der nicht zu faul ist, ein Photograph sein, und dann haben Sie nur noch eine Möglichkeit – auf dem Jahrmarkt lebendige Bilder vorzuführen!«

Pjotr nahm seine Schwester bei der Hand.

»Naina, Naina, besinn dich! Du bist außer dir, ich werde den Arzt rufen.«

Im nächsten Moment wäre er von einem heftigen Stoß beinahe zu Boden gestürzt, und der Zorn der wütenden Furie ergoss sich über ihren Bruder:

»Pjotr, mein herzliebstes Brüderchen! Erlaucht! Du verziehst das Gesicht? Du magst nicht mit ›Erlaucht‹ angeredet werden? Du bist ja unser Demokrat, du machst dir nichts aus Titeln. Das kommt, weil du dich deines Namens schämst. Fürst Telianow, das klingt irgendwie zweifelhaft. Was sind denn das für Fürsten, deren Namen man noch nie gehört hat? Wenn du Obolenski oder Wolkonski hießest, würdest du Durchlaucht nicht verschmähen. Du solltest heiraten, heirate deine Tanja. Die ist die richtige Fürstin für dich. Bloß was wirst du mit ihr machen, Pjotr, na? Kluge Bücher lesen? Einer Frau genügt das nicht, ganz und gar nicht. Doch zu anderem bist du nicht fähig. Schon dreißig und noch immer Knabe. Sie wird dir weglaufen und zu einem handfesten Kerl gehen.«

»Verdammt, was soll das!«, rief der Adelsmarschall entrüstet. »So was Unanständiges, und das in Gegenwart des Bischofs und uns allen! Die ist ja hysterisch, richtig hysterisch!«

Schirjajew zog die junge Frau zur Tür.

»Komm, Naina. Ich muss mit dir sprechen.«

Sie lachte böse.

»Natürlich, mit mir sprechen und reine Tränen vergießen. Wie ihr mir alle zum Halse heraushängt mit euren herzlichen Gesprächen! Bu-bu-bu, ssu-ssu-ssu«, äffte sie nach, »Pflicht gegenüber der Menschheit, Verschmelzung der Seelen, binnen hundert Jahren die Welt in eine blühende Landschaft verwandeln! Anstatt das Mädel einfach in den Arm zu nehmen und zu küssen! Idiot! Mit leeren Händen wirst du dastehen!«

Auch Sytnikow wollte etwas sagen, er machte schon den Mund auf, aber nach dem Strafgewitter, das auf seine Vorredner niedergegangen war, zog er es vor zu schweigen. Gleichwohl bekam auch er sein Fett ab.

»Und Sie, Donat Abramowitsch, was gucken Sie mich an wie ein Uhu? Sie können das nicht gutheißen? Oder tun Ihnen die Hundchen Leid? Ist es wahr, dass Sie Ihre Zwei-Zentner-Gattin mit Pilzen vergiftet haben? Um für die Neue Platz zu schaffen? Vielleicht für mich? Ich bin zwar damals noch im kurzen Röckchen rumgelaufen, aber Sie sind ja ein Mensch, der weit vorausschaut!«

Naina verschluckte ein kurzes, gepresstes Schluchzen und stürzte zur Tür, und alle traten verstört auseinander, um ihr Platz zu machen. Auf der Schwelle blieb sie stehen, ließ den Blick durch den Raum gleiten und für einen Moment auf Bubenzow verweilen (der vergnügt lächelte und den Skandal sichtlich genoss) und verkündete:

»Ich ziehe weg, ich werde in der Stadt leben. Denken Sie von mir, was Sie wollen, das ist mir schnuppe. Und Sie alle, eingeschlossen die gerissene Nonne und den ehrenwertesten Mitrofani, belege ich mit dem Kirchenbann.«

Nach diesem hässlichen Scherz lief sie hinaus und warf die Tür krachend ins Schloss.

»In alten Zeiten hätte man gesagt: Sie ist vom Teufel besessen«, schloss der Bischof traurig.

Sytnikow knurrte beleidigt: »Bei uns in der Kaufmannschaft würde man sie mit Ruten peitschen, dann würde der Teufel im Nu aus ihr herausfahren.«

»Wie bringen wir das bloß der Großmutter bei?«, sagte Pjotr und fasste sich an den Kopf.

Bubenzow fuhr zusammen.

»Tantchen darf es nicht erfahren! Das würde sie umbringen. Später, nicht jetzt. Soll sie sich erst ein wenig erholen.«

Der Adelsmarschall sorgte sich um etwas anderes.

»Aber was ist das für ein sonderbarer Hundehass? Wohl wirklich eine Form von Irresein. Es gibt so eine psychische Krankheit – die Kynophobie.«

»Das ist kein Irresein.« Pelagia besah ihr Taschentuch – blutete der Kratzer noch? Gut, dass die Brille nicht zerbrochen war. »Da waltet irgendein Geheimnis. Das muss man herausfinden.«

»Gibt es denn einen Anhaltspunkt?«, fragte der Bischof.

»Der findet sich, wenn man sucht. Eines lässt mir keine Ruhe . . .«

Aber Schirjajew ließ die Nonne nicht ausreden.

»Was ist bloß mit mir los, ich bin wie betäubt!« Er schüttelte den Kopf, wie um ein Trugbild zu verscheuchen. »Man muss sie aufhalten! Sie legt Hand an sich! Das ist ein Fieber!«

Er lief hinaus in den Korridor. Pjotr folgte ihm. Poggio zögerte kurz und ging dann auch.

»Die reinste Hundehochzeit«, konstatierte Sytnikow.

Der Mond war zwar am Abnehmen, sah aber noch schön rund aus und strahlte nicht weniger als ein Kristalllüster, und auch die Sterne beschienen wie kleine Lampions das tiefblaue Firmament, so dass die Nacht nur wenig dunkler war als der Tag.

Der Bischof und Pelagia schlenderten durch die Hauptallee des Parks. Hinter ihnen her zogen die Pferde die Kutsche, die fast mit den Bäumen und Büschen verschmolz, sie setzten schläfrig die Hufe und klirrten mit dem Zaumzeug.

»Dieser elende Rabe«, sagte Mitrofani. »Hast du gesehen, wie er nach dem Anwalt Korsch schickte? Jetzt wird er nicht mehr loslassen und sich sein Teil abreißen. Dieses verdrehte Mädchen hat ihm seine Aufgabe erleichtert – eine Erbin weniger. Pelagia, ich möchte dich um etwas bitten. Bringe es der Hausfrau schonend bei, damit es sie nicht wieder umwirft. Es ist ja nicht leicht, so etwas über die eigene Enkelin zu erfahren. Und bleibe noch eine Zeit lang hier.«

»Es wird sie nicht umwerfen. Ich glaube, Vater, Marja Afanassjewna interessiert sich viel weniger für die Men-sehen als für die Hunde. Ich will natürlich gern bei ihr sitzen und ihr möglichst Trost spenden, aber für den Fall wäre es besser, ich gehe in die Stadt.«

»Was für ein Fall?«, fragte der Bischof verwundert. »Der Fall ist abgeschlossen. Und du wolltest herausfinden, weshalb Naina die Hunde getötet hat.«

»Das beschäftigt mich ja, Vater. Hier geht etwas Ungewöhnliches vor, wovon es mir kalt den Rücken herunterläuft. Ihr habt vorhin scharfsichtig gesagt: vom Teufel besessen.«

»Aberglauben ist das.« Der Bischof war noch mehr verwundert. »Glaubst du etwa an die satanische Besessenheit? Ich habe das doch bildlich gemeint. Es gibt keinen Dämon, es gibt das allgegenwärtige Böse, das die Seelen versucht.«

Pelagia blickte mit blitzender Brille zum Bischof auf.

»Es gibt keinen Dämon? Wer hat denn heute den ganzen Abend grinsend die Zähne gebleckt über die menschliche Niedertracht?«

»Du meinst Bubenzow?«

»Wen sonst? Er ist ein Dämon mit allem, was dazugehört. Er ist bösartig, giftig und verführerisch. Ich bin sicher, dass er hinter der ganzen Sache steckt. Habt Ihr gesehen, Vater, was für Blicke Naina ihm zugeworfen hat? Als ob sie Lob von ihm erwartete. Das ganze Theater mit Geschrei und Zähneknirschen hat sie doch für ihn aufgeführt. Wir übrigen sind für sie gar nichts, nur Kulisse.«

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