Pelagia und die weissen Hunde
- Автор: Акунин Борис Чхартишвили
- Серия: Schwester Pelagia #1
- Год: 2003
- Язык: немецкий
- Переводчик: Renate Reschke
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:
Etwas erfolgreicher waren Pelagias Recherchen in der Syten-Angelegenheit.
Ein interessanter Umstand ergab sich aus einem Gespräch mit dem Pathologen Wiesel, einem Protege der barmherzigen Frau Grabbe. Bubenzow nämlich hatte von der unheilschweren Waldlichtung, auf der mutmaßlich der blutgierige Schischiga angebetet wurde, Bodenproben mitgebracht, die von einer blutartigen Flüssigkeit durchtränkt waren, und den Auftrag, diese Proben zu analysieren, hatte Wiesel erhalten. Die Laboruntersuchung ergab, dass es in der Tat Blut war, doch nicht Menschen-, sondern Elchblut, und das wurde dem Polizeimeister Lagrange gemeldet. Aber diese wichtige Information gelangte der Presse und der Öffentlichkeit nicht zur Kenntnis.
Der Gendarmerie-Rittmeister Prischibjakin, aus Petersburg abkommandiert, um die Außerordentliche Kommission zu unterstützen, erzählte Polina Lissizyna, ihr heiß ins Ohr atmend und sie mit dem gewichsten Schnurrbart kitzelnd, unter dem Siegel der Verschwiegenheit von getrockneten Menschenköpfen, die bei dem Schamanen der Syten gefunden worden wären, und versprach, sie der jungen Witwe zu zeigen, wenn sie ihn im Hotel besuchen käme. Frau Lissizyna glaubte ihm und kam – und? Getrocknete Köpfe hatte Prischibjakin nicht vorzuweisen, statt dessen ließ er einen Champagnerkorken knallen und trachtete, sie zu umarmen. Sie musste ihm, gleichsam aus Ungeschicklichkeit, den Ellbogen in die Leisten rammen, was den einfallsreichen Rittmeister blass und schweigsam machte, er stöhnte nur und folgte der entflatternden Besucherin mit leidendem Blick.
Mit dem Untersuchungsführer Borissenko, ebenfalls von der Außerordentlichen Kommission, hatte sie mehr Glück. Auf dem Ball im Adelsklub spreizte er sich vor der wissbegierigen reizvollen Frau und erzählte ihr, die verhafteten Syten seien stur und wollten keine wahrheitsgemäßen Aussagen machen, die anderen aber, die von Schischiga und Menschenopfern erzählten, verwickelten sich immerfort in Widersprüche, so dass die Protokolle hinterher umgeschrieben werden müssten.
All das war beachtenswert, doch es setzte die »Sawolshsker Partei« nicht in den Stand, die Invasion aus Petersburg mit einem entschlossenen Gegenangriff zu beantworten. Darum hatte Frau Lissizyna der Eröffnung der Photoausstellung solche Bedeutung beigemessen: Es schien einen Bezug zu den Ereignissen in Drosdowka zu geben, und diesmal konnte sich vielleicht etwas klären. Womöglich war das die geheimnisvolle Bedrohung, mit der Arkadi Poggio die Fürstin Naina einzuschüchtern versucht hatte? Überdies würde auch Bubenzow dort sein. Also musste Frau Lissizyna unbedingt zu einer Einladung für die Vernissage kommen, was ihr dank ihrem Einfallsreichtum auch gelungen war.
Am Tag vor der Soiree geriet sie in ernsthafte Bedrängnis, da die Einladung den Damen ein »dekolletiertes Abendkleid« vorschrieb. Bisher hatte sie sogar auf Bällen Schultern, Brust und Rücken mit einem Gazeschleier bedeckt, was die Modenärrinnen in der Stadt für den letzten Moskauer Chic hielten und nachmachten. Aber die Kleidervorschriften der Gastgeberin zu ignorieren wäre einem Affront gleichgekommen, der besonders spürbar gewesen wäre, da die Moskauerin nachgerade die einzige Dame zu sein schien, die von Olimpiada einer Einladung gewürdigt worden war. Das Missvergnügen der wichtigsten Konfidentin und Bundesgenossin Bubenzows zu erregen wäre zumindest unvernünftig gewesen.
Die arme Pelagia saß fast einen halben Tag in ihrem Schlafzimmer vor dem Toilettenspiegel und zog den Ausschnitt des schamlosen Samtkleides mal zum Kinn hoch, mal ließ sie ihn in die von Monsieur Leblanc vorgegebene Tiefe sinken.
Dabei sei eingestanden, dass sich ihr Dekollete sehen lassen konnte, denn ihre Sommersprossen waren zum Herbst vorn fast ganz verschwunden, aber sie waren auf die Schultern hinübergewechselt, vermutlich eine Folge des häufigen Schwimmens, und verliehen nach ihrer Meinung diesem Teil ihrer Anatomie Ähnlichkeit mit zwei goldenen Apfelsinen. Alle würden dorthin starren.
Entsetzlich, aber sie hatte keine Wahl.
Das Messingglöckchen klingelte – jemand war von der Straße hereingekommen, und Frau Lissizyna sah Poggio sich auf die Zehenspitzen stellen und den Hals recken.
Eingetroffen waren Bubenzow und sein Adlatus Selig. Polina Lissizyna vermerkte noch die Enttäuschung, die dem Künstler den Mund herabzog, dann richtete sie mit allen anderen ihre Aufmerksamkeit auf den Ankömmling.
Bubenzow nickte den Gästen leicht zu, hielt es jedoch nicht für notwendig, sich für die Verspätung zu entschuldigen. Der Hausfrau drückte er die Hand und hielt ihre langen blassen Finger ein wenig fest, was sie erröten und erblühen ließ.
»So, nun sind alle beisammen!«, rief sie fröhlich. »Na, Arkadi Sergejewitsch, sagen wir Sesam öffne dich?« Und sie zeigte auf die verschlossene Tür zum Salon.
»So geht es nicht. Die Nachzügler müssen erst die Gelegenheit bekommen, ein Gläschen zu trinken«, widersprach der Künstler und blickte wieder zum Eingang. »Der Champagner ist gewiss attraktiver als meine langweiligen Landschaften.«
»Es ist Fastenzeit«, sagte Selig vorwurfsvoll. »Wladimir Lwowitsch und ich sind Gottesmänner. Zeigen Sie uns lieber Ihre Bilder.«
Bubenzow hatte schon am Glas genippt, aber er stellte es sogleich hin. Mit erwartungsvoll hochgezogenen Brauen sagte er: »Ja, wirklich, öffnen Sie. Wir wollen doch sehen, womit Sie uns so neugierig gemacht haben.«
Poggio wurde blass. Er bezwang seine Erregung und sagte, gleichsam verärgert über sich selbst, sehr hastig: »Na gut, soll es so sein. Also, meine Damen und Herren, wie einige von Ihnen wissen, bin ich hierher gekommen, um etliche Arbeiten für eine Ausstellung im Moskauer Rumjanzew-Museum zu machen. Der Titeclass="underline" Das verschwindende Russland. Die poetische Welt eines alten Adelsguts, das Bild eines verwilderten Gartens, von Efeu umrankte Lauben, abendlicher Dunst und sonstiger romantischer Schnickschnack. Aber was soll ich das beschreiben – sehen Sie selbst.«
Mit einer übertrieben heftigen, gleichsam verzweifelten Geste stieß er die beiden Türflügel auf und bat in den Salon.
Die kleine Ausstellung – nicht mehr als drei Dutzend Arbeiten – war einfach, aber kunstvoll arrangiert. Das flimmernde Licht der Gaslämpchen warf keine störenden Lichtreflexe, sondern verlieh den schwarzweißen Bildern den Eindruck lebendiger Realität. Rechts und links hingen an den Wänden anmutige Landschaften und Studien, welche die unauffällige, doch bezaubernde Schönheit des Drosdowka-Parks, der Weite des Flusses, des baufälligen Gutshauses zur Geltung brachten. Die Betrachter wanderten langsam an den Photographien vorbei, nickten beifällig und gelangten an die der Tür gegenüberliegende Wand, und hier erstarrten sie und gingen nicht weiter, so dass es dort sehr bald zum Stau kam.
Frau Lissizyna erreichte die geheimnisvolle Stelle als eine der ersten, sie stieß einen leisen Ruf aus und griff sich ans Herz.
Da hingen drei über einen halben Meter große Photos mit dem gemeinsamen Untertitel »An der Meeresbucht«. Jedes davon zeigte eine nackte Frau, allem Anschein nach jedes Mal dieselbe. »Allem Anschein nach« deshalb, weil das Gesicht der Posierenden nicht zu erkennen war. Auf dem linken Bild kauerte sie am Wasser, den Kopf gesenkt, die langen Haare mit eingeflochtenen Wasserpflanzen hingen herab. Auf dem rechten Bild lag die Frau mit dem Rücken zum Betrachter, den Arm über den Kopf gelegt; der Vordergrund war Sand, der Hintergrund das Wasser voller Blinklichter. Das mittlere Bild zeigte die Frau en face, sie stand bis zu den Hüften im Wasser und hielt die Hände vors Gesicht; auf dem nassen blonden Haar trug sie eine Krone aus Lilien, und zwischen den leicht gespreizten Fingern blitzten lachende Augen. Es sei zugegeben, dass die Arbeiten meisterlich ausgeführt waren, aber natürlich gab es nicht deshalb ein solches Gedränge.