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Pelagia und die weissen Hunde

Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:

Russland im ausgehenden 19. Jahrhundert: In Sawolshsk, einem kleinen russischen Provinzstädtchen, lebt und wirkt Ordensschwester Pelagia, eine aufgeweckte junge Frau, die ein für ihren Berufsstand seltenes Talent hat: Sie ist außergewöhnlich kriminalistisch begabt. So ist es kein Zufall, dass sich Pater Mitrofani, der Bischof der örtlichen orthodoxen Gemeinde, mit einer etwas ungewöhnlichen Bitte an sie wendet. Die Generalswitwe Marja Afanassjewna ist außer sich, weil man einen ihrer Hunde vergiftet hat. Bei dem Tier handelt es sich um eine weiße Bulldogge, eine sehr seltene und wertvolle Rasse, und so macht sich Pelagia auf zum Landsitz der reichen alten Dame, um den seltsamen Vorgängen auf den Grund zu gehen. Pelagias Ankunft am Ort des Verbrechens fällt mit der Anreise eines anderes Gasts zusammen: Wladimir Bubenzow, Gesandter der Petersburger Kirchenbehörde. Dieser hat einen anderen Fall aufzuklären – den grausamen Mord an zwei unbekannten Personen, deren enthauptete Leichen man ganz in der Nähe aus einem Fluss geborgen hat. Pelagia ahnt, dass es zwischen den gespenstischen Todesfällen eine geheime Verbindung gibt. . .
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Mitrofanis Beziehungen zur Hauptstadt hatten zudem bewirkt, dass der alte Gouverneur in den Ruhestand geschickt wurde; mit ihm hatte der Bischof ernsthafte Konflikte gehabt. Und es kam der neue, Baron Anton Antonowitsch von Gaggenau, damals knapp dreißig Jahre alt. Er war flexibel, energiegeladen, europäisch und ein Gerechtigkeitsfanatiker.

Der Baron schlug sich mit den örtlichen Sitten herum, biss sich an dieser Mauer die Zähne aus und verfiel aus lauter Verzweiflung in administrative Strenge, die bekanntlich alle Übel nur vergrößert. Gottlob war er nicht dumm, obwohl er ein Deutscher war – und er suchte beim Bischof Rat und Belehrung. Wie brachte Mitrofani es fertig, seine geistliche Behörde so zu lenken, dass alles anständig zuging, nicht wie bei anderen Bischöfen in den Gouvernements?

Der Bischof entgegnete, das sei ganz einfach: Man müsse weniger lenken, dann gehe alles ganz von selbst, nur eine feste Basis müsse man legen.

Wie denn, widersprach der junge Baron hitzig, wenn das Volk so verroht und verdorben sei.

Die Menschen seien verschieden, es gebe gute und schlechte, belehrte ihn der Bischof, doch größtenteils seien sie weder so noch so, sondern glichen Fröschen, welche die Temperatur des sie umgebenden Milieus annähmen. Man müsse dafür sorgen, dass sich das Klima im Gouvernement erwärme und verbessere, dann würden auch die Menschen sich bessern. Dies sei die einzige Pflicht der Macht, das rechte Klima zu schaffen, um alles Übrige kümmere sich Gott der Herr.

»Aber wie kann man es erwärmen, das Klima hier?«, suchte der Gouverneur zu verstehen.

»Man muss den Menschen Würde einpflanzen. Sie sollen sich selbst und andere achten. Ein Mensch mit Würde wird nicht stehlen, nicht kriechen, nicht betrügen, das empfände er als schändlich.«

Hier war der Baron von dem Bischof beinahe enttäuscht, er machte sogar eine wegwerfende Handbewegung.

»Ach, Bischöfliche Gnaden, Sie sind ein Idealist. Wir sind doch hier nicht in der Schweiz, sondern in Russland. Ist es etwa lange her, dass hier die Bauern stückweise verkauft wurden wie Vieh? Wo soll da Würde herkommen? Das Gedeihen dieses zarten Pflänzchens dauert Jahrhunderte.«

Mitrofani, der zu dieser Zeit ja noch jünger war und eine Schwäche für rhetorische Effekte hatte, antwortete bündig und belehrend nach antiker Manier:

»Gesetzlichkeit, Sattheit, Aufklärung. Sonst nichts.«

»Ach, Bischöfliche Gnaden, ich plage mich ja ab für die Einhaltung der Gesetzlichkeit, aber es ist zwecklos! Niemand will nach dem Gesetz leben – nicht die unten und nicht die oben.«

»Und das wird auch so bleiben. Die Menschen halten sich nur an solche Gesetze, die vernünftig und für die Mehrheit vorteilhaft sind. Ein kluger Gesetzgeber gleicht einem erfahrenen Gärtner im öffentlichen Park. Wenn der seinen Rasen gesät hat, legt er nicht gleich Gehwege an, sondern schaut erst mal, wo es für die Leute am bequemsten ist zu gehen, und dort pflastert er Wege.«

»Ja, ein kluger Gärtner.« Der Baron senkte die Stimme. »Aber bei uns in Russland gibt’s alle möglichen Gesetze. Nicht Sie und ich denken sie uns aus, dafür sind die höchsten Instanzen da. Doch die Einhaltung dieser Gesetze zu überwachen ist mir aufgegeben.«

Der Bischof schmunzelte.

»Es gibt das göttliche und das menschliche Gesetz. Und einhalten muss man nur diejenigen menschlichen Gesetze, die den göttlichen nicht zuwiderlaufen.«

Der Gouverneur zuckte die Achseln.

»Erlauben Sie, das begreife ich nicht. Wie Sie wissen, bin ich ein Deutscher. Für mich gilt: Gesetz ist Gesetz.«

»Darum bin ich Ihnen ja beigegeben«, antwortete Mitrofani freundlich dem begriffsstutzigen Gouverneur. »Sie, mein Herr, werden mich fragen, welches Gesetz von Gott ist und welches vom Bösen. Ich werde es Ihnen erklären.«

Und er erklärte es, doch diese Erklärung dauerte nicht eine oder zwei Stunden, sondern viel länger, und die ausgiebigen Gespräche mit dem Bischof wurden dem jungen Gouverneur mit der Zeit zur festen Gewohnheit.

Eine allgemeine Folge dieser Gespräche bestand darin, dass sich das Leben im Transwolgaland allmählich, Jahr für Jahr, zum Besseren wandte, so dass in den benachbarten Gouvernements Neid aufkam.

Am Tag nach der Rückkehr Wladimir Bubenzows, der wie ein römischer Triumphator die gefangenen Syten-Ältesten in die Stadt brachte (eine unglaubliche Menschenmenge hatte sich versammelt, um das einmalige Schauspiel zu bestaunen: zwei gefesselte Diener des Gottes Schischiga plus drei Leichen auf dem Leiterwagen), berief Bischof Mitrofani eine außerordentliche Beratung seiner engsten Verbündeten ein, die er mit schwarzem Humor »Rat in Fili« (In dem Dorf Fili bei Moskau fand am 1.9.1812 der Kriegsrat statt, der die Räumung Moskaus beschloss. D.Ü.) nannte. Auch seine Einführungsrede begann er im allegorischen Geist:

»Feldmarschall Kutusow konnte Moskau aufgeben, weil er Rückzugsräume hatte, aber wir, meine Herren, können uns nicht zurückziehen. Die Hauptstadt ist weniger eine Konzentration des öffentlichen Lebens als vielmehr sein Symbol, und ein Symbol kann man zeitweilig aufgeben. Wir aber leben im Transwolgaland, und das ist für uns kein abstraktes Symbol, sondern unser einziges Haus, und wir haben weder das Recht noch die Möglichkeit, es bösen Kräften zur Schändung zu überlassen.«

»Das ist zweifellos richtig«, bestätigte Anton von Gaggenau aufgeregt. Und Berditschewski fügte hinzu:

»Ein Leben außerhalb von Sawolshsk ist für mich undenkbar, aber wenn es diesem Inquisitor gelingen sollte, sich mit seinen Vorstellungen durchzusetzen, kann ich hier nicht mehr existieren.«

Mitrofani nickte, als hätte er diese Antwort erwartet.

»Jeder von uns dreien hatte zu verschiedenen Zeitpunkten das Angebot, in der Hauptstadt einen höheren Posten zu übernehmen, aber wir sind nicht hingefahren. Warum nicht? Weil wir begriffen hatten: Die Hauptstadt ist ein Reich des Bösen, und wer dorthin gerät, verliert sich selbst und setzt seine Seele Bedrohungen aus. Unsere hiesige Welt ist schlicht und gut, denn sie ist näher bei der Natur und bei Gott. In der Provinz kann man, selbst wenn man die Macht ausübt, seine lebendige Seele bewahren, in Petersburg ist das unmöglich. Von der Hauptstadt geht nur Schaden aus, nur Gewalt gegen die Natürlichkeit. Wir alle haben die Pflicht, die uns anvertraute Region vor solcher Heimsuchung zu schützen. Der Teufel ist mächtig, aber seine Macht ist nicht von Dauer, denn sie beruht nicht auf den Vorzügen des Menschen, sondern auf seinen Lastern, das heißt, nicht auf Kraft, sondern auf Schwäche. Gewöhnlich zerstört das Böse sich selbst, zerfällt von innen her. Aber darauf warten dürfen wir nicht, denn dann würde zu viel Gutes, das wir mühsam aufgebaut haben, noch eher zerstört sein als das Böse. Wir müssen handeln. Ich habe Sie hergebeten, meine Herren, um mit Ihnen einen Plan festzulegen.«

»Stellen Sie sich vor, Bischöfliche Gnaden, ich habe auch schon daran gedacht«, sagte Baron von Gaggenau. »Und da ist mir Folgendes in den Sinn gekommen. Mein älterer Bruder Karl Antonowitsch ist, wie Sie wissen, Stallmeister und wird einmal monatlich zum kleinen Abendessen in allerhöchster Anwesenheit gebeten, wo der Zar ungezwungen mit ihm plaudert und ihn nach allem Möglichen ausfragt. Ich werde Karl einen ausführlichen Brief schreiben und ihn um Unterstützung bitten. Er hat ein staatsmännisches Köpfchen und wird gewiss den Fall so darzustellen wissen, dass der Imperator unserer Not gegenüber nicht teilnahmslos bleiben kann.«

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