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Pelagia und die weissen Hunde

Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:

Russland im ausgehenden 19. Jahrhundert: In Sawolshsk, einem kleinen russischen Provinzstädtchen, lebt und wirkt Ordensschwester Pelagia, eine aufgeweckte junge Frau, die ein für ihren Berufsstand seltenes Talent hat: Sie ist außergewöhnlich kriminalistisch begabt. So ist es kein Zufall, dass sich Pater Mitrofani, der Bischof der örtlichen orthodoxen Gemeinde, mit einer etwas ungewöhnlichen Bitte an sie wendet. Die Generalswitwe Marja Afanassjewna ist außer sich, weil man einen ihrer Hunde vergiftet hat. Bei dem Tier handelt es sich um eine weiße Bulldogge, eine sehr seltene und wertvolle Rasse, und so macht sich Pelagia auf zum Landsitz der reichen alten Dame, um den seltsamen Vorgängen auf den Grund zu gehen. Pelagias Ankunft am Ort des Verbrechens fällt mit der Anreise eines anderes Gasts zusammen: Wladimir Bubenzow, Gesandter der Petersburger Kirchenbehörde. Dieser hat einen anderen Fall aufzuklären – den grausamen Mord an zwei unbekannten Personen, deren enthauptete Leichen man ganz in der Nähe aus einem Fluss geborgen hat. Pelagia ahnt, dass es zwischen den gespenstischen Todesfällen eine geheime Verbindung gibt. . .
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Eine weitere, fast ebenso pikante Quelle für Gerede war Naina Georgijewna Telianowa. Nachdem sie das Gut ihrer Großmutter verlassen hatte und nach Sawolshsk gezogen war, zeigte sie nicht die geringste Neigung, weiter in andere Regionen zu fliehen, das heißt, es war genauso gekommen, wie es die scharfsinnige Schwester Pelagia vorhergesagt hatte. Alle Welt wusste natürlich, was für eine böse Rolle sie in der Sache mit den unglücklichen Hunden gespielt hatte, und kaum jemand wollte noch mit der verrückten Fürstin zu tun haben, doch die allgemeine Ablehnung focht das energische Fräulein überhaupt nicht an. Es zeigte sich, dass die von Schwester Pelagia seinerzeit geäußerten Befürchtungen hinsichtlich der ärmlichen Lage, in die Naina geraten würde, wenn ihr das Erbe ihrer Großmutter entzogen wäre, gänzlich unbegründet waren. Neben der prächtigen kleinen Villa besaß Naina auch eigenes Kapital, Erbteil von einem entfernten Onkel. Das war weiß Gott kein Reichtum, reichte aber hin, um sich ein Stubenmädchen zu halten und sich nach der neuesten Mode zu kleiden. Naina zeigte sich ganz ungeniert in der Öffentlichkeit und führte sich überhaupt so auf, dass sie mit ihren Extravaganzen zeitweilig sogar die missionarischen und amourösen Großtaten Bubenzows in den Schatten stellte.

Allein schon die täglichen abendlichen Ausfahrten des überdrehten Fräuleins auf dem Petersburger Boulevard, den Champs-Élysees von Sawolshsk!

Angetan mit einem die Sinne betörenden Kleid (jedes Mal einem neuen) und einem überbreiten befiederten Hut, in der Hand einen durchschimmernden Sonnenschirm, fuhr Naina in der Kutsche gemächlich die Esplanade entlang, musterte herausfordernd die ihr entgegenkommenden Damen und befahl dem Kutscher, auf dem Kirchplatz vor dem Gasthof »Zum Großfürsten« zu halten. Hier blickte sie lange, manchmal bis zu einer halben Stunde, unverwandt auf die Fenster, hinter denen Bubenzow wohnte. Diese ihre Gepflogenheit hatte sich herumgesprochen, und wenn die Stunde herankam, sammelte sich bei der Umfriedung bereits eine kleine Menschenmenge, die das wunderliche Fräulein begaffte. Zwar hatte nie jemand gesehen, dass sich die Tür geöffnet und der Inspektor die Fürstin hereingebeten hätte, aber diese Unzugänglichkeit machte die Situation noch skandalöser.

Am Tag vor dem Gedenken an die Enthauptung Johannes des Täufers roch es in der Stadt nach einem neuen Skandal, obwohl noch ungewiss war, worin der bestehen würde. Der Geruch aber war intensiv und untrüglich. Und die Gerüchte weckten größte Hoffnungen.

Es stand ein Ereignis ins Haus, das für Sawolshsk selten, um nicht zu sagen, erstmalig war – eine öffentliche Bilderausstellung, doch es handelte sich nicht um Gymnasiastenzeichnungen oder kleine Aquarelle, wie sie von den Mitgliedern der Gesellschaft »Beamtenfrauen für Sittsamkeit« getuscht wurden, sondern um Photographien des berühmten hauptstädtischen Künstlers Arkadi Sergejewitsch Poggio.

Die Vernissage für geladene Gäste – mit Champagner und Häppchen – war für den traurigen Gedenktag anberaumt worden, der bekanntlich strengste Einhaltung der Fastenregeln verlangt. Allein schon dies wurde als Provokation empfunden. Noch auffälliger war die viel sagende Geheimniskrämerei, mit der die Schirmherrin der Ausstellung, Olimpiada Schestago, die Einladungen an einen kleinen Kreis von Freunden und Bekannten verschickte. Es wurde gemunkelt, den wenigen Glücklichen solle etwas ganz Besonderes gezeigt werden, und die Befürchtung ging um, man werde nach der Vernissage das Interessanteste gar nicht zu sehen bekommen, ja, vielleicht werde die öffentliche Ausstellung abgesagt.

Die Postmeistersgattin badete in den Wellen der allgemeinen Aufregung. Sie hatte noch nie so viele Einladungen zu Soireen, Namenstagen und Jours fixes gleichzeitig erhalten. Sie nahm nicht alle wahr, sondern wählte sorgfältig aus und spannte alle auf die Folter, und wenn sie direkt um eine Einladung gebeten wurde, antwortete sie, der Raum sei zu klein, und der Künstler wolle nicht zu viele Besucher haben, da seine Arbeiten dann schlecht zu sehen seien. Am Tag nach der Vernissage herzlich gern.

Endlich war der bedeutsame Abend angebrochen.

Die Ausstellung befand sich in einem einzeln stehenden Seitenflügel des Postmeisterhauses mit Eingang von der Straße her. Hier wohnte Arkadi Poggio schon einen Monat, seit er aus dem Gut Drosdowka weggezogen war. Das hatte er aus nicht recht ersichtlichen Gründen getan, denn auffälligen Zwist zwischen ihm und den Gutsbewohnern hatte es nicht gegeben, doch scharfsichtige Beobachterinnen hatten wahrgenommen, dass sein Auszug zeitlich zusammenfiel mit der Emigration der Fürstin Naina. Im Erdgeschoss der Wohnung befand sich ein geräumiger Salon, in dem die Ausstellung untergebracht war, und davor ein Besuchszimmer. Der erste Stock hatte zwei Zimmer: In dem einen schlief Poggio, und in dem anderen, dicht mit Stores verhängt, hatte er sein Photolabor eingerichtet.

Die geladenen Gäste kamen nicht alle auf einmal, sondern nach und nach, darum wurde die Umsicht der Hausfrau, die im Vorraum einen Tisch mit Imbisshäppchen aufgebaut hatte, gebührend gewürdigt.

Fast als Erste kamen Stepan Schirjajew und Pjotr Telianow, was die Mutmaßungen über einen Zwist zwischen Poggio und den Gutsbewohnern endgültig widerlegte. Schirjajew war blass und verkrampft, als argwöhnte er in der Ausstellung etwas für ihn Unangenehmes. Dafür gab sich sein junger Begleiter fröhlich, machte Scherze und trachtete danach, heimlich die Nase in den verschlossenen Salon zu stecken, so dass Olimpiada auf den Schelm ein besonderes Auge haben musste.

Von Seiten des Künstlers waren überdies geladen: Donat Sytnikow und Kirill Krasnow. Die Generalswitwe Tatistschewa war zwar von ihrem Leiden genesen, hatte aber noch nicht wieder das Gut verlassen, und wenn sie eine Ausfahrt unternommen hätte, würde sie kaum die Ausstellung des ungeliebten »Knipsers« mit ihrem Besuch beehrt haben (so nannte sie Poggio nach dem Geräusch seines Photoapparats).

Von Seiten der Hausfrau waren mehr Gäste geladen: Bubenzow mit seinem Sekretär, der Adelsmarschall Graf Gawriil Alexandrowitsch (diesmal mit Gattin), ein paar besonders vertraute und verlässliche liberale Freunde und schließlich eine gewisse Polina Andrejewna Lissizyna, die erst vor kurzem aus Moskau zugereist war und schon mit allen Größen der Sawolshsker Gesellschaft Freundschaft geschlossen hatte. Olimpiadas Gatte war von der Teilnahme an der Soiree ausgeschlossen worden, da er sich nichts aus Kunst machte und nicht mit Bubenzow Zusammentreffen sollte.

Alle waren schon versammelt, und jeden Moment musste die Hauptperson eintreffen – Wladimir Bubenzow, der von Staatsangelegenheiten aufgehalten wurde, sein Kommen aber verbindlich zugesagt hatte. Die Gäste hatten schon tüchtig dem Champagner zugesprochen, sie beäugten mit wachsender Neugier den Urheber der Festlichkeit. Poggio ging von einer Gruppe zur nächsten, scherzte fortwährend, wischte sich mit einem Taschentuch die Hände und blickte immer wieder ungeduldig zur Tür, wohl um in Gedanken den Verspäteten zur Eile zu treiben.

Nun näherte er sich der Moskauerin, um die sich einer der örtlichen Fortschrittler bemühte, und rief übertrieben lebhaft:

»Nein, Polina Andrejewna, Sie müssen mir unbedingt erlauben, Sie zu porträtieren! Je länger ich Ihr Gesicht anschaue, desto interessanter finde ich es. Noch wunderbarer wäre, wenn Sie Ihre Schwester überreden könnten, sich zusammen mit Ihnen abbilden zu lassen. Es ist geradezu verblüffend, wie verschieden Gesichtszüge sein können, die alle Merkmale familiärer Ähnlichkeit aufweisen!«

Lissizyna lächelte, ihre braunen Augen blitzten, aber sie sagte nichts.

»Seien Sie mir nicht gram, Polina, aber solch ein Doppelporträt würde aufs anschaulichste allen demonstrieren, wie verbrecherisch Frauen, die sich von der Welt zurückziehen, an sich selbst handeln. Ihre Schwester Pelagia ist eine graue Maus, Sie sind eine feurige Löwin. Sie gleicht dem trüben Mond, Sie gleichen der blendenden Sonne. Nase, Brauen, Augen sind bei beiden gleich gezeichnet, aber niemals würde jemand Sie mit Ihrer Schwester verwechseln. Sie ist wohl wesentlich älter als Sie?«

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