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Pelagia und die weissen Hunde

Электронная книга - «Pelagia und die weissen Hunde». Краткое содержание книги:

Russland im ausgehenden 19. Jahrhundert: In Sawolshsk, einem kleinen russischen Provinzstädtchen, lebt und wirkt Ordensschwester Pelagia, eine aufgeweckte junge Frau, die ein für ihren Berufsstand seltenes Talent hat: Sie ist außergewöhnlich kriminalistisch begabt. So ist es kein Zufall, dass sich Pater Mitrofani, der Bischof der örtlichen orthodoxen Gemeinde, mit einer etwas ungewöhnlichen Bitte an sie wendet. Die Generalswitwe Marja Afanassjewna ist außer sich, weil man einen ihrer Hunde vergiftet hat. Bei dem Tier handelt es sich um eine weiße Bulldogge, eine sehr seltene und wertvolle Rasse, und so macht sich Pelagia auf zum Landsitz der reichen alten Dame, um den seltsamen Vorgängen auf den Grund zu gehen. Pelagias Ankunft am Ort des Verbrechens fällt mit der Anreise eines anderes Gasts zusammen: Wladimir Bubenzow, Gesandter der Petersburger Kirchenbehörde. Dieser hat einen anderen Fall aufzuklären – den grausamen Mord an zwei unbekannten Personen, deren enthauptete Leichen man ganz in der Nähe aus einem Fluss geborgen hat. Pelagia ahnt, dass es zwischen den gespenstischen Todesfällen eine geheime Verbindung gibt. . .
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Also, da war er, der herrliche, entsetzliche, einzigartige Skandal, dessen Herannahen die Stadt Sawolshsk mit ihrer empfindlichen Nase gewittert hatte! Und dabei ging es keineswegs um die Abbildung einer nackten Frau. Wir leben zwar im Krähwinkel, aber doch nicht in Persien, und mit Aktbildern, selbst als Photographie, sind unsere Kunstliebhaber nicht zu irritieren. Nein, der Kitzel lag in der Person der Nackten, deren Figur die Betrachter gierig anstarrten. War sie es oder nicht?

Sytnikow ächzte, fuhr mit fünf Fingern durch den Bart, schüttelte missbilligend den Kopf, hatte es jedoch nicht eilig weiterzugehen. Im Gegenteil, er setzte den Kneifer auf, der gar nicht zu ihm passte, und vertiefte sich in die Details, als schätzte er eine Partie Waren ab.

Schirjajew bot einen kläglichen Anblick. Er war bis zum Haaransatz blutübergossen, sein Atem ging stoßweise, seine Finger lockerten sich und ballten sich wieder zu Fäusten. Auch Poggio benahm sich sonderbar. Er beglotzte die eigenen Werke mit krankhaftem, irrlichterndem Lächeln und schien das Publikum vergessen zu haben.

Als Letzter trat Bubenzow herzu. Mit Kennermiene, den Kopf zur Seite geneigt, beäugte er das Triptychon und fragte auflachend:

»Wer ist die Nymphe?«

Poggio fuhr zusammen und winkte lässig ab.

»Ach, eine hiesige Einwohnerin. Hübsch, nicht?«

Da ertönte von hinten eine laute, spöttische Stimme:

»Was gibt’s denn da zu schauen, Herrschaften? Wohl ein Meisterwerk?«

In der Tür stand die Fürstin Naina Telianowa, unsagbar schön in einem weißen Kleid, um das sich ein blutroter Gürtel schlang, auf dem Kopf ein Samthütchen mit Schleier, durch den ihre riesengroßen schwarzen Augen funkelten.

Der größte Skandal stand also noch bevor.

»Da sind Sie ja doch noch!«, schrie Poggio und ging ihr einen Schritt entgegen. »Zu spät! Oder dachten Sie, ich mache Spaß?«

»Es war Absicht«, antwortete sie und ging auf die Gäste zu. »Ich wollte mal sehen, was für Teufel in Ihnen stecken.«

Mit Bedacht langsam schritt sie am Landschaftsteil der Ausstellung vorüber, verhielt sogar vor einer nicht sonderlich bemerkenswerten Studie, um die Spannung zu steigern. Endlich gelangte sie zu dem Häuflein, das sich vor dem Triptychon drängte. Alle traten eilig auseinander, um ihr Platz zu machen.

Während Naina die skandalösen Photos betrachtete, war es sehr still. Frau Lissizyna sah, dass einige der Besucher mit besonderem Interesse die Nackenlinie des gefährlichen Fräuleins studierten und mit dem von hinten abgelichteten Modell verglichen. Die Ähnlichkeit war groß, sehr groß.

Endlich drehte Naina sich um, und es war zu sehen, dass ihre anfängliche Bravour etwas nachgelassen hatte, und die Augen unter dem dünnen Schleier glänzten auffallend – doch nicht von Tränen?

»Was hat das eigentlich mit einer Meeresbucht zu tun?«, fragte Kirill Krasnow laut, offenbar um dem Moment die Schärfe zu nehmen. »Das ist doch ein Motiv aus Puschkins ›Ruslan und Ludmila‹.«

»Genau«, antwortete Poggio und sah Naina mit entzündeten Augen an.

»Sie haben die Nixe dargestellt, das ist es! ›Von Zauber ist die Bucht umschauert, Der Schrat geht um, die Nixe lauert.‹(Nachdichtung von Martin Remané).«

Poggio öffnete die roten Lippen zu einem erbarmungslosen Lächeln und sagte gedehnt:

»Möglich. Oder eine andere Stelle aus ›Ruslan‹ . . .« Er fuhr fort, jedes Wort akzentuierend: »›Ach, Recke, das war ja Naina.‹«

Ohne ein einziges Wort (und das war das Schlimmste) stürzte sich Schirjajew auf seinen ehemaligen Studienkollegen und schlug ihm in rasender Wut die Faust ins Gesicht, so dass der Künstler gegen die Wand flog und aus seinem Mund Blut in den Bart floss.

»Stepan, was machst du?«, schrie Pjotr entsetzt und legte Schirjajew von hinten die Arme um die Schultern. »Was hast du denn?« Und plötzlich ging ihm ein Licht auf: »Du hast gedacht, das ist Naina?«

Nun kam es zu einer wirklich skandalösen Szene. Mehrere Männer hielten Schirjajew fest, der sich losreißen wollte und nichts sagte, nur röchelte. Pjotr Telianow hielt beide Hände vors Gesicht und schluchzte laut. Poggio aber, der mit seinem blutenden Mund wie ein Vampir aussah, gab etwas von sich, das ein Husten, aber auch ein hysterisches Lachen sein konnte.

Naina drehte sich plötzlich jäh zu Bubenzow um, der die Rauferei mit sorglosem Lächeln beobachtete, und fragte ihn mit klirrender Stimme:

»Na, lustig?«

»Nicht sehr«, antwortete er halblaut.

»Fürst der Finsternis«, flüsterte Naina und prallte erschrocken von ihm zurück, dann fügte sie etwas Unverständliches hinzu: »Fürst und Fürstin, wie das passt. . .«

Ohne das Ende des Kampfes abzuwarten, stürmte sie Hals über Kopf davon.

»Madame Telianowa beherrscht nicht die Kunst des Bühnenabgangs«, sagte Bubenzow ironisch zur Gastgeberin. »Einfach hinausgehen, das bringt sie nicht fertig, sie muss unbedingt rennen.«

Olimpiada sah aus wie eine siegreiche Nike – die Soiree hatte ihre Erwartungen weit übertroffen.

»Es reicht, meine Herren!«, verkündete sie laut. »Was sind denn das für Kindereien. Daran ist nur der Champagner schuld. Kommen Sie morgen zur offiziellen Eröffnung. Ich denke, es wird interessant werden.«

Aber tags darauf fand keine allgemeine Eröffnung statt, denn es gab nichts zu eröffnen.

Und niemanden, der es hätte tun können.

 Dieselben, doch nicht alle

Aber immer der Reihe nach, denn hier ist jedes, selbst das scheinbar unwichtigste Detail von Bedeutung.

Als Arkadi Poggio um halb zehn Uhr morgens noch nicht zum Frühstück erschienen war, dachte sich Olimpiada zunächst nichts dabei, denn ihr Gast aus der Hauptstadt zeichnete sich, wie es einem freischaffenden Künstler ziemt, nicht eben durch Pünktlichkeit aus. Doch nach einer Viertelstunde, als das Omelett nicht mehr warten konnte, schickte sie einen Lakai. Der überquerte den Hof und ging auf die Straße, denn anders gelangte man nicht zu dem einzeln stehenden Flügel, läutete das Glöckchen und klopfte sicherheitshalber, bekam jedoch keine Antwort.

Da wurde die Postmeistersgattin unruhig, denn Poggio konnte ja einen Schwächeanfall erlitten haben nach den gestrigen Erlebnissen und dem sehr fühlbaren Faustschlag, den Schirjajew ihm verpasst hatte. Der Lakai wurde ein zweites Mal ausgesandt und bekam den Schlüssel mit. Den brauchte er freilich nicht, denn Poggio hatte in seiner Zerstreutheit die Tür nicht abgeschlossen. Der Sendbote ging hinein, und nach ein paar Augenblicken durchgellte sein Schrei das Haus.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass in unserer Stadt seit etlichen Jahren Tötungsdelikte sehr selten vorgekommen waren. Eigentlich hatte sich diese Sünde das letzte Mal vor zwei Jahren ereignet, als zwei Lastfuhrleute sich wegen einer Marktschönheit in die Haare kriegten und der eine dem anderen einen Knüppel zu heftig über den Schädel zog. Und fünf Jahre davor war aus Liebe Folgendes geschehen: Zwei Gymnasiasten aus der sechsten Klasse hatten sich mit Schusswaffen duelliert. Der eine von ihnen hatte einen Liebesbrief abgefangen, der an die hübsche Tochter unseres Stadtarchivars Benewolenski gerichtet war. Pistolen hatten die Jungen nicht, sie schossen sich mit Jagdgewehren und waren beide tot. Über diese Geschichte schrieben sämtliche Zeitungen, wenngleich natürlich nicht so exponiert wie über den jetzigen Zwischenfall mit den Syten. Das arme Mädchen, das ohne eigenes Zutun zum Anlass der zwiefachen Tötung geworden war, wurde von seinem Vater für immer zu Verwandten in ein entlegenes Gouvernement geschickt, wohl gar nach Wladiwostok.

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