Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Auf alle diese Fragen erteilte der Graf kurze und grimmige Antworten, die durchblicken ließen, daß seine Anordnungen nun ganz zwecklos seien, daß alles, was er sorgsam vorbereitet habe, jetzt durch irgend jemanden verfahren worden sei, und daß nun auch dieser Jemand die ganze Verantwortung für das, was nun geschehen werde, tragen möge.
»Sage diesem alten Esel«, erwiderte er auf die Anfrage aus der Erbgüterverwaltung, »er solle nur ruhig dableiben und seine Akten hüten. Und was fragst du da für Unsinn wegen der Feuerwehr? Wenn sie noch Pferde haben, mögen sie doch nach Wladimir fahren. Nur nichts den Franzosen lassen!«
»Euer Erlaucht, der Aufseher aus dem Irrenhaus ist da; was befehlen Sie?«
»Was ich befehle? Mögen sie alle davonlaufen, was ist denn dabei? Laßt doch die Verrückten in die Stadt. Wenn bei uns Verrückte Armeen kommandieren, so wird der liebe Gott auch nichts dagegen haben, wenn die andern frei herumlaufen.«
Auf die Anfrage betreffs der Sträflinge, die im Loch saßen, schrie der Graf den Aufseher wütend an: »Was? Soll ich dir etwa zwei von den Bataillonen, die ich nicht habe, zum Schutz geben? Laß sie doch laufen! Alle miteinander!«
»Euer Erlaucht, es sind auch politische Verbrecher dabei: Mjeschkow, Wereschtschagin.«
»Wereschtschagin? Der ist immer noch nicht gehängt?« schrie Rastoptschin. »Bring ihn her!«
25
Morgens um die neunte Stunde, als die Truppen bereits durch Moskau marschierten, kam niemand mehr zum Grafen, um dessen Befehle einzuholen. Alle, die abfahren konnten, fuhren von selber fort, und die, welche zurückblieben, trafen aus sich selbst heraus die Entscheidung, was sie zu tun hatten,
Der Graf hatte seinen Wagen anzuspannen befohlen, um nach Sokolniki zu fahren, und saß nun finster, gelb und schweigsam mit gefalteten Händen in seinem Arbeitszimmer.
In ruhigen, nicht stürmischen Zeiten glaubt jeder Verwaltungsbeamte, daß er alle Schritte der Bevölkerung seines Bezirkes nur seinen eignen Anregungen zu danken habe, und empfindet dieses Bewußtsein seiner Unentbehrlichkeit als den Hauptlohn für seine Mühe und Arbeit. Man kann verstehen, daß, solange das Meer der Weltgeschichte ruhig daliegt, der steuernde Verwaltungsbeamte, der sich von seinem lecken Boot aus mit einer Stange gegen das Schiff des Volkes lehnt und dadurch mitgetrieben wird, die Vorstellung haben muß, das Schiff, gegen das er sich lehnt, werde durch seine Anstrengungen fortbewegt. Aber es braucht sich nur ein Sturm zu erheben, das Meer in Aufruhr zu geraten und das Schiff sich allein zu bewegen, und dieser Irrtum ist nicht mehr möglich. Das Schiff schwimmt unabhängig und mit Riesenkraft dahin, die Stange reicht nicht mehr bis zu ihm heran und der vermeintliche Lenker und Leiter sieht sich auf einmal aus der Rolle eines Machthabers, die die Quelle seiner Kraft war, in die eines nichtigen, unnützen und ohnmächtigen Menschen versetzt. Rastoptschin fühlte dies, und das war es, was ihn so reizte.
Da traten der Polizeimeister, den die Menge angehalten hatte, und der Adjutant, der melden wollte, daß der Wagen bereit sei, gleichzeitig beim Grafen ein. Sie sahen beide bleich aus, und der Polizeimeister teilte, nachdem er über die Ausführung seines Befehls Bericht erstattet hatte, dem Grafen mit, daß sich unten im Hof eine gewaltige Volksmenge angesammelt habe, die ihn zu sehen wünsche.
Rastoptschin erwiderte kein Wort, stand auf, ging mit schnellen Schritten durch seinen üppigen, hellen Salon, trat auf die Balkontür zu und hatte schon die Klinke in der Hand, als er es sich doch wieder anders überlegte und ans Fenster trat, von wo aus er die Menge besser überblicken konnte. Der lange Bursche stand mit ernstem Gesicht in den vordersten Reihen, fuchtelte mit den Armen und hielt Reden. Der blutige Schmied stand mit finsterer Miene neben ihm. Durch die geschlossenen Fenster hörte man das Getöse vieler Stimmen.
»Ist der Wagen bereit?« fragte Rastoptschin und trat vom Fenster zurück.
»Zu Befehl, Euer Erlaucht«, antwortete der Adjutant.
Rastoptschin trat wieder auf die Balkontür zu.
»Was wollen die denn eigentlich?« fragte er den Polizeimeister.
»Euer Erlaucht, sie sagen, sie hätten sich versammelt, um auf Ihren Befehl hin gegen die Franzosen zu ziehen. Sie brüllen etwas von Verrat. Die Menge ist roh und zügellos, Euer Erlaucht. Mit Mühe bin ich ihr entronnen. Wenn ich mir einen Vorschlag erlauben darf, Euer Erlaucht …«
»Machen Sie gefälligst, daß Sie fortkommen! Ich weiß ohne Sie, was ich zu tun habe«, schrie Rastoptschin wütend.
Er stand an der Balkontür und blickte auf die Menge. Das haben sie aus Rußland gemacht! Das haben sie aus mir gemacht! dachte er und fühlte in seinem Herzen einen unaufhaltsamen Zorn gegen jemanden aufsteigen, dem man die Schuld an allem, was geschah, hätte zuschreiben können. Wie es hitzigen Leuten oft geht, hatte auch ihn der Zorn bereits überwältigt, während er noch immer nach einem Gegenstand dafür suchte. La voilà la populace, la lie du peuple, dachte er, indem er über die Menge hinblickte, la plèbe qu’ils ont soulevée par leur sottise. Il leur faut une victime, schoß es ihm durch den Kopf, als er den langen Burschen erblickte, der mit den Armen fuchtelte. Und dieser Gedanke kam ihm deshalb, weil er ein solches Opfer brauchte, einen Gegenstand, an dem er seinen Zorn auslassen konnte.
»Ist der Wagen bereit?« fragte er zum zweitenmal.
»Jawohl, Euer Erlaucht. Was befehlen Sie betreffs Wereschtschagins? Er wartet an der Treppe«, erwiderte der Adjutant.
»Ah!« rief Rastoptschin, wie von einer plötzlichen Erinnerung befallen.
Dann riß er hastig die Tür auf und trat mit entschiedenen Schritten auf den Balkon. Das Stimmengewirr verstummte mit einemmal, man nahm die Hüte und Mützen ab, und aller Augen erhoben sich zu dem heraustretenden Grafen.
»Guten Tag, Kinder!« sagte der Graf schnell und laut. »Ich danke euch, daß ihr gekommen seid. Gleich werde ich zu euch hinunterkommen, aber vor allem müssen wir mit einem Bösewicht fertig werden. Wir müssen den Bösewicht bestrafen, der Moskau ins Verderben gestürzt hat. Wartet auf mich!«
Und ebenso hastig ging der Graf wieder in sein Zimmer zurück und schlug laut die Tür hinter sich zu.
Ein beifälliges Murmeln der Befriedigung lief durch die Menge. »Das heißt, der wird schon mit allen Bösewichten fertig werden! Und du hast gesagt, er sei ein Franzose … Er wird schon allen Ordnung beibringen!« sagten die Leute, als wollte einer dem anderen seinen Mangel an Vertrauen zum Vorwurf machen.
Einige Augenblicke später trat aus dem Hauptportal eilig ein Offizier, erteilte einen Befehl, und die Dragoner standen stramm. Gierig drängte die Menge vom Balkon auf die Freitreppe zu. Da trat Rastoptschin mit hastigen, erregten Schritten auf die Treppe hinaus und sah sich unruhig um, als suche er jemanden.
»Wo ist er?« fragte der Graf.
Doch im selben Augenblick, als er dies sagte, sah er, wie zwischen zwei Dragonern ein junger Mann mit langem, dünnem Hals um die Hausecke kam, dessen Kopf zur Hälfte mit Haaren bewachsen, zur Hälfte kahl geschoren war. Dieser junge Mann trug eine früher elegant gewesene, mit blauem Tuch überzogene, abgeschabte Fuchspelzjacke und schmutzige, hanfleinene Sträflingshosen, die in ungeputzten, abgetretenen, feinen Stiefeln steckten. An seinen dünnen, schwachen Beinen hingen schwere Fesseln, die den schwankenden Gang des jungen Menschen noch unsicherer machten.
»Ah!« sagte Rastoptschin, wandte hastig seinen Blick wieder von dem jungen Mann im Fuchspelz ab und zeigte auf die unterste Treppenstufe: »Stellt ihn hierher!«
Der junge Mann schritt, mit den Fesseln klirrend, schwerfällig auf die bezeichnete Stufe zu, hielt mit dem Finger den beengenden Kragen seiner Pelzjacke nieder, reckte zweimal den langen Hals, seufzte und legte mit ergebener Gebärde seine feinen, arbeitsungewohnten Hände vor dem Leib zusammen.
Während der Gefesselte seinen Platz auf der Stufe einnahm, herrschte ein sekundenlanges Schweigen. Nur in den hinteren Reihen der auf die eine Stelle zudrängenden Menge hörte man Krächzen, Stöhnen, Stoßen und das Geräusch von hin und her tretenden Füßen.