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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Nachdem er zu Abend gegessen hatte, legte er sich, ohne sich auszukleiden, aufs Sofa und wurde gegen ein Uhr von einem Kurier geweckt, der ihm einen Brief von Kutusow überbrachte. In diesem Brief hieß es, da sich die Armee nun auf die Rjasansche Straße hinter Moskau zurückziehe, möchte der Graf Polizeibeamte schicken, um die Truppen durch die Stadt zu führen. Diese Nachricht war für Rastoptschin nichts Neues. Nicht nur seit der gestrigen Zusammenkunft mit Kutusow auf dem Poklonberg, sondern schon seit der Schlacht bei Borodino, als alle nach Moskau zurückkehrenden Generäle einstimmig erklärt hatten, daß es unmöglich sei, eine weitere Schlacht zu liefern, und als auf den Befehl des Grafen schon allnächtlich fiskalisches Gut weggeschafft wurde und die Hälfte der Einwohner die Stadt verließ – schon seit jener Zeit wußte Graf Rastoptschin, daß Moskau preisgegeben werden mußte. Als ihm aber jetzt in der Nacht, mitten in seinem ersten Schlaf, diese Tatsache in Form eines einfachen Briefes mit einem Befehl Kutusows mitgeteilt wurde, erregte und reizte ihn diese Nachricht doch.

Als Rastoptschin später über sein Wirken während dieser Zeit in seinen Erinnerungen Aufschluß gab, hat er wiederholt behauptet, damals zwei wichtige Ziele im Auge gehabt zu haben: de maintenir la tranquillité à Moscou et d’en faire partir les habitants. Erkennt man diesen zwiefachen Vorsatz an, so kann gegen keine seiner Handlungen ein Vorwurf erhoben werden. Warum wurden die Heiligtümer, die Waffen, das Pulver, die Brotvorräte nicht aus Moskau fortgeschafft? Warum wurden Tausende von Einwohnern durch die falsche Meldung, Moskau werde nicht kapitulieren, nicht nur getäuscht, sondern auch zugrunde gerichtet? Um die Ruhe in der Hauptstadt aufrechtzuerhalten, antwortet Rastoptschins Erklärung. Wozu wurden ganze Berge unnützer Akten von den Behörden und Leppichs Luftballon und noch andere Dinge aus der Stadt fortgeschafft? Um Moskau leer zu machen, antwortet Rastoptschins Erklärung. Man braucht nur zuzugeben, daß etwas die Ruhe des Volkes zu stören gedroht habe – und gleich erscheint jeder Schritt als gerechtfertigt.

Alle Greuel seiner Schreckensherrschaft finden so in seiner Sorge um die Ruhe im Volk ihre Begründung.

Doch worauf fußte Rastoptschins Besorgnis um die Ruhe im Volk in Moskau im Jahre 1812? Welcher Grund ließ auf eine Neigung zum Aufruhr im Volk schließen? Die Bewohner waren abgereist, die Stadt war voller Truppen, die sich auf dem Rückzug befanden. Warum sollte demnach das Volk revoltieren?

Nicht nur in Moskau, auch in ganz Rußland hatte sich während des Eindringens der Feinde nicht das geringste ereignet, was wie ein Aufstand auch nur ausgesehen hätte. Am 1. und 2. September befanden sich noch über zehntausend Menschen in Moskau, aber außer dem Volkshaufen, der sich auf dem Hof des Oberbefehlshabers, durch ihn selbst herbeigezogen, versammelt hatte, fanden keine Zusammenrottungen statt. Noch weniger wäre offenbar eine Empörung im Volk zu erwarten gewesen, wenn Rastoptschin gleich nach der Schlacht bei Borodino, als die Preisgabe Moskaus offensichtlich oder wenigstens wahrscheinlich geworden war, statt das Volk durch Waffenausgabe und Flugblätter aufzuregen, Maßnahmen zum Abtransport aller Heiligtümer, des Pulvers, der Munition und des Geldes getroffen und dem Volk geradeheraus gesagt hätte, daß man die Stadt nicht halten könne.

Rastoptschin, ein hitziger, sanguinischer Mensch, der sich nur immer in den höchsten Verwaltungskreisen bewegt hatte, besaß, wenn er auch patriotisch gesinnt war, doch nicht das geringste Verständnis für jenes Volk, das er zu lenken und zu leiten wähnte. Von allem Anfang an, seit der Feind in Smolensk eingerückt war, hatte er sich in Gedanken die Rolle eines Mannes zugeteilt, der im »Herzen Rußlands« das Nationalgefühl des Volkes in die rechten Bahnen leitet. Ihm schien wie jedem Verwaltungsbeamten, daß er die Bewohner Moskaus nicht nur durch äußere Maßnahmen leite, sondern auch ihre Gesinnung lenke, und zwar durch seine Aufrufe und Flugblätter, die in jener läppischen Sprache geschrieben waren, die das Volk unter sich schon gering schätzt und, wenn es sie nun gar von obenher vernimmt, überhaupt nicht versteht. Die schöne Rolle eines Hüters des Nationalbewußtsseins im Volk gefiel Rastoptschin so sehr und er hatte sich so in sie hineingelebt, daß ihn die Notwendigkeit, diese Rolle aufzugeben, die Notwendigkeit, Moskau ohne jeden heroischen Knalleffekt dem Feind zu überlassen, unerwartet schwer traf, so daß er plötzlich den Boden unter den Füßen verlor und tatsächlich nicht wußte, was er tun sollte. Obgleich ihm alles bekannt gewesen war, hatte er doch bis zum letzten Augenblick im innersten Herzen nicht an eine Preisgabe Moskaus geglaubt und auch nichts dafür unternommen. Die Einwohner waren gegen seinen Willen aus der Stadt gezogen. Wenn er die Behörden hatte fortschaffen lassen, so war dies nur auf den dringenden Wunsch der Beamten geschehen, dem der Graf nur ungern beigestimmt hatte. Er selbst war in jener Rolle aufgegangen, die er für sich selber zurechtgemacht hatte. Wie es Leuten, die mit lebhafter Einbildungskraft begabt sind, häufig zu gehen pflegt, wußte er zwar schon lange, daß Moskau hingegeben werden mußte, begriff es aber nur mit dem Verstand, während er im Innersten seines Herzens nicht daran glaubte und sich in Gedanken nicht in diese neue Lage versetzte.

Sein ganzes Wirken, so eifrig und energisch es war – inwieweit es sich als nützlich erwies und auf das Volk Einfluß hatte, ist eine andere Frage –, sein ganzes Wirken war nur darauf gerichtet, in den Einwohnern Moskaus jenes Gefühl zu erwecken, das er selber empfand: patriotischen Haß gegen die Franzosen und Selbstvertrauen.

Doch als die Ereignisse ihr wahres, historisches Ausmaß annahmen, als es nicht mehr hinreichte, nur durch Worte seinen Haß gegen die Franzosen zu bekunden, und es zur Unmöglichkeit geworden war, diesen Haß durch eine Schlacht zu zeigen, als sich alles Selbstvertrauen gerade hinsichtlich der einen Frage »Moskau« als zwecklos erwies, als die ganze Bevölkerung wie ein Mann ihr Hab und Gut im Stich ließ und aus der Stadt flutete und gerade durch diese negative Handlung die ganze Kraft ihres nationalen Empfindens offenbarte – da stellte sich die Rolle, die Rastoptschin erwählt hatte, auf einmal als sinnlos heraus. Er fühlte sich plötzlich vereinsamt, schwach und lächerlich; der Boden wankte ihm unter den Füßen.

Als er aus dem Schlaf geweckt wurde und den kalten und befehlenden Brief Kutusows erhielt, fühlte er sich um so gereizter, je mehr er sich der eignen Schuld bewußt wurde. In Moskau war alles das zurückgeblieben, was ihm gerade anvertraut worden war, lauter Staatseigentum, das er hätte fortschaffen müssen. Jetzt noch alles wegzubringen war unmöglich.

Wer ist schuld daran, wer hat es so weit kommen lassen? dachte er. Ich selbstverständlich nicht. Bei mir war alles bereit, ich hätte Moskau gehalten. So weit haben sie also die Karre in den Dreck gefahren. Diese Schurken! Diese Verräter! dachte er, ohne sich recht darüber klar zu sein, wen er unter diesen Schurken und Verrätern verstand, nur aus dem Gefühl eines notwendigen Hasses gegen irgendwelche Übeltäter heraus, die an der schiefen und lächerlichen Lage, in der er sich befand, schuld waren.

In dieser Nacht erteilte Graf Rastoptschin viele Befehle, die entgegenzunehmen man aus allen Ecken und Enden Moskaus zu ihm kam. Noch nie hatte ihn seine Umgebung so finster und gereizt gesehen wie in dieser Nacht.

»Euer Erlaucht, jemand aus der Erbgüterverwaltung, vom Direktor, um Befehle einzuholen … vom Konsistorium, vom Senat, von der Universität, vom Findelhaus … der Vikar schickt her … läßt fragen … Wie soll sich die Feuerwehr verhalten? Der Inspektor aus dem Gefängnis … aus dem Irrenhaus …« so meldete man dem Grafen ununterbrochen die ganze Nacht über.

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