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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)

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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
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»Das verstehe ich gar nicht – so ein charmanter Kerl.« Ich war mir nicht sicher, was ich von der Vorstellung halten sollte, dass das Haus gestürmt wurde. Sheriff Tolliver aufzuknüpfen, war ja so weit gut und schön – aber da meine Erinnerungen an die feindseligen Menschenaufläufe in Salisbury und Hillsboro noch frisch waren, war ich mir nicht so sicher, dass sie sich auf den Sheriff beschränken würden. Durch einen Lynchpöbel zu sterben, war dem langsameren Justizmord, der mir wahrscheinlich bevorstand, nicht unbedingt vorzuziehen. Obwohl es wahrscheinlich immer eine Möglichkeit gab, dem Aufruhr zu entfliehen.

Und dann wohin zu gehen?, fragte ich mich.

Da ich keine gute Antwort auf diese Frage hatte, verdrängte ich sie und richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf Mrs. Ferguson, die mir unverdrossen einladend die Karten hinhielt.

»Nun gut«, sagte ich. »Aber nicht um Geld.«

»Oh, nein«, versicherte mir Mrs. Ferguson. »Bewahre. Aber wir brauchen irgendeinen Einsatz, damit es interessant wird. Wir spielen um Bohnen, ja?« Sie legte die Karten hin, wühlte unter dem Kissen und zog einen kleinen Beutel hervor, aus dem sie eine Handvoll kleiner weißer Bohnen ausschüttete.

»Bestens«, sagte ich. »Und wenn wir fertig sind, pflanzen wir sie ein und hoffen, dass eine riesige Bohnenranke daraus wird, die durch das Dach wächst, so dass wir daran flüchten können.«

Sie brach in Gekicher aus, und mir ging es plötzlich irgendwie ein wenig besser.

»Euer Wort in Gottes Ohr, Herzchen!«, sagte sie. »Ich gebe zuerst, ja?«

Brag entpuppte sich als eine Art Poker. Und ich lebte zwar schon lange genug mit einem Kartenbetrüger zusammen, um einen zu erkennen, wenn ich einen sah, doch Mrs. Ferguson schien ehrlich zu spielen – vorerst. Es stand sechsundvierzig Bohnen für mich, als Mrs. Tolliver zurückkehrte.

Die Tür öffnete sich unangemeldet, und sie kam mit einem dreibeinigen Hocker und einem Stück Brot herein. Letzteres schien sowohl mein Abendessen als auch ihre Ausrede für den Besuch der Zelle zu sein, denn sie reichte es mir mit einem lauten: »Das muss bis morgen reichen, Mrs. Fraser.«

»Danke«, sagte ich freundlich. Es war frisch und schien anstelle von Butter hastig durch Schinken-Bratfett gezogen worden zu sein. Ich biss ohne Zögern hinein, da ich mich jetzt so weit von meinem Schrecken erholt hatte, dass ich tatsächlich ziemlichen Hunger hatte.

Mrs. Tolliver spähte hinter sich, um sich zu vergewissern, dass die Luft rein war, stellte den Hocker nieder und zog eine bauchige, blaue Flasche aus ihrer Tasche, die mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt war.

Sie zog den Korken heraus, hielt sich die Flasche an den Mund, kippte sie und trank in tiefen Zügen, wobei sich ihr langer, dünner Hals krampfhaft bewegte.

Mrs. Ferguson schwieg und beobachtete die Vorgänge mit einer Art analytischer Aufmerksamkeit durch ihre glitzernde Brille, als vergliche sie Mrs. Tollivers Verhalten mit früheren Gelegenheiten.

Mrs. Tolliver ließ die Flasche sinken und hielt sie noch einen Moment fest, dann reichte sie sie mir abrupt und setzte sich plötzlich schwer atmend auf den Hocker.

Ich wischte den Flaschenhals so unauffällig wie möglich an meinem Ärmel ab, dann trank ich anstandshalber einen Schluck. Es war wirklich Gin – stark mit Wacholderbeeren gewürzt, um die schlechte Qualität zu tarnen, aber hochprozentig.

Jetzt trank Mrs. Ferguson einen kräftigen Schluck, und so fuhren wir fort, uns gegenseitig die Flasche zu reichen und dabei kleine Freundlichkeiten auszutauschen. Nachdem ihr erster Durst gelöscht war, wurde Mrs. Tolliver ausgesprochen umgänglich, und ihre frostige Miene taute beträchtlich auf. Dennoch wartete ich ab, bis die Flasche fast leer war, bevor ich die Frage stellte, die mir am wichtigsten war.

»Mrs. Tolliver – die Männer, die mich hergebracht haben – habt Ihr sie zufällig irgendetwas über meinen Mann sagen hören?«

Sie hielt sich die Faust vor den Mund, um einen Rülpser zu unterdrücken.

»Etwas sagen?«

»Darüber, wo er ist«, verbesserte ich.

Sie blinzelte mit ausdrucksloser Miene.

»Ich habe nichts gehört«, sagte sie. »Aber vielleicht haben sie Tolly etwas gesagt.«

Mrs. Ferguson reichte ihr die Flasche – wir beide saßen nebeneinander auf dem schmalen Bett, das die einzige Sitzgelegenheit in dem kleinen Raum war.

»Du könntest ihn aber doch fragen, oder, Maisie?«, sagte sie.

Obwohl sie schon glasig waren, nahmen Mrs. Tollivers Augen einen beklommenen Ausdruck an.

»O nein«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »Über solche Dinge redet er nicht mit mir. Das geht mich nichts an.«

Ich wechselte einen Blick mit Mrs. Ferguson, und sie schüttelte kaum merklich den Kopf; besser, wenn ich jetzt nicht weiter darauf beharrte.

In meiner Sorge fiel es mir schwer, das Thema fallenzulassen, doch ich konnte eindeutig nichts tun. Ich nahm all meine restliche Geduld zusammen und rechnete mir aus, wie viele Flaschen Gin ich mir noch leisten konnte, bevor mir das Geld ausging – und was ich wohl damit bewerkstelligen konnte.

Ich lag still in dieser Nacht und atmete die feuchte, stickige Luft mit ihren Schimmel- und Uringerüchen. Ich konnte auch Sadie Ferguson neben mir riechen; eine schwache Wolke aus abgestandenem Schweiß, die von einem starken Ginaroma überlagert wurde. Ich versuchte, die Augen zu schließen, doch jedes Mal, wenn ich das tat, überspülten mich kleine Wellen der Klaustrophobie; ich konnte spüren, wie die schwitzenden Putzwände näher rückten, und krallte meine Fäuste in den Matratzenbezug, um mich nicht gegen die Tür zu werfen. In meiner Einbildung sah ich mich hämmern und kreischen, meine Nägel angebrochen und blutig, weil ich sie in das unnachgiebige Holz geschlagen hatte, meine Schreie ungehört in der Dunkelheit – und niemals kam jemand.

Ich hielt es für absolut möglich. Von Mrs. Ferguson hatte ich noch mehr darüber gehört, wie unbeliebt Sheriff Tolliver war. Wenn er von einem aufgebrachten Pöbel angegriffen und aus seinem Haus gezerrt wurde – oder die Nerven verlor und die Flucht ergriff –, war es unwahrscheinlich, dass er oder seine Frau an die Gefangenen dachten.

Der Pöbel konnte uns finden – und uns umbringen, im Wahn des Augenblicks. Oder uns nicht finden und das Haus in Brand stecken. Die Vorratskammer bestand aus Lehmziegeln, doch die daran angrenzende Küche hatte Holzwände; feuchte Luft oder nicht, das Haus würde brennen wie eine Fackel, und das Einzige, was davon stehen bleiben würde, war diese verdammte Ziegelmauer.

Trotz des Geruchs holte ich ganz tief Luft, atmete wieder aus und schloss todesmutig die Augen.

Ein jeder Tag hat seine Plage. Das war einer von Franks Lieblingssprüchen gewesen, und im Großen und Ganzen war es kein schlechter.

Das hängt aber auch ein bisschen davon ab, was für ein Tag es ist, oder?, dachte ich in seine Richtung gewandt.

Ist das so? Sag’s mir. Der Gedanke war da, so deutlich, dass ich ihn gehört haben könnte – oder es mir nur eingebildet haben könnte. Doch wenn ich mir das eingebildet hatte, dann hatte ich mir ebenso einen Tonfall ironischer Belustigung eingebildet, der typisch Frank war.

Schön, dachte ich. Jetzt führe ich schon philosophische Dispute mit einem Geist. Der Tag war noch schlechter, als ich dachte.

Einbildung oder nicht, dieser Gedanke hatte es geschafft, meine Aufmerksamkeit von der unablässigen Sorge abzulenken. Ich fühlte mich eingeladen – oder besser versucht. Fühlte das Bedürfnis, mit ihm zu reden. Den Drang, mich in eine Unterhaltung zu flüchten, egal, ob sie einseitig war … und eingebildet.

Nein, so werde ich dich nicht benutzen, dachte ich ein wenig traurig. Es ist nicht richtig, dass ich nur dann an dich denke, wenn ich Ablenkung brauche, nicht um deiner selbst willen.

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