Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Oh?« Sie kniff die Augen zusammen, als versuchte sie, mich irgendwo einzuordnen, doch offenbar gelang ihr das nicht, denn sie gab achselzuckend auf. »Habt Ihr Geld dabei?«
»Ein bisschen.« Jamie hatte mich gezwungen, beinahe das ganze Geld an mich zu nehmen: Es war nicht sehr viel, aber in jeder der Taschen, die ich mir um die Taille gebunden hatte, ruhte ein kleines Münzengewicht, und in meinem Korsett steckten ein paar Proklamationsnoten.
Die Frau war um einiges kleiner als ich und gut gepolstert; sie hatte riesige Hängebrüste, und mehrere gemütliche Speckrollen wellten ihre korsettlose Taille; sie war im Hemd und hatte ihr Kleid und ihr Korsett an einen Nagel an der Wand gehängt. Sie schien harmlos zu sein – und das Atmen fiel mir allmählich etwas leichter, da ich zu begreifen begann, dass ich fürs Erste in Sicherheit war, nicht länger von plötzlicher, willkürlicher Gewalt bedroht.
Die andere Gefangene machte keine Anstalten, auf mich losgehen zu wollen, hüpfte aber vom Bett, und ihre nackten Füße bewegten sich gedämpft über etwas, das ich jetzt als verklebte Schicht aus verschimmeltem Stroh erkannte.
»Nun, dann ruft doch die alte Schachtel und lasst uns etwas Holländisches kommen, ja?«, schlug sie fröhlich vor.
»Die … wen?«
Statt zu antworten, wogte sie zur Tür, hämmerte dagegen und rief: »Mrs. Tolliver! Mrs. Tolliver!«
Die Tür öffnete sich beinahe umgehend und gab eine hochgewachsene, dünne Frau preis, die wie ein verärgerter Storch aussah.
»Also wirklich, Mrs. Ferguson«, sagte sie. »Ihr seid ein schrecklicher Quälgeist. Ich war sowieso gerade unterwegs, um mich Mrs. Fraser vorzustellen.« Sie wandte Mrs. Ferguson mit gebieterischer Würde den Rücken zu und neigte ihren Kopf knappe zwei Zentimeter in meine Richtung.
»Mrs. Fraser. Ich bin Mrs. Tolliver.«
Mir blieb nur der Bruchteil einer Sekunde Zeit, um zu entscheiden, wie ich reagieren sollte, und ich schlug – wenn es mir auch gegen die Hutschnur ging – den klugen Kurs vornehmer Unterwürfigkeit ein und verbeugte mich vor ihr, als sei sie die Gouverneursgattin.
»Mrs. Tolliver«, murmelte ich und wich achtsam ihrem Blick aus. »Wie gütig von Euch.«
Sie zuckte scharfsichtig wie ein Vogel, der einen verborgen durchs Gras kriechenden Wurm beobachtet – doch ich hatte meine Gesichtszüge jetzt fest im Griff, und da sie keinen Sarkasmus entdeckte, entspannte sie sich.
»Gerne«, sagte sie mit unterkühlter Höflichkeit. »Ich bin hier, um für Euer Wohlergehen zu sorgen und Euch mit unseren Sitten vertraut zu machen. Ihr erhaltet täglich eine Mahlzeit, es sei denn, Ihr möchtet noch mehr aus dem Wirtshaus holen lassen – auf Eure Kosten. Ich werde Euch einmal am Tag eine Schüssel zum Waschen bringen. Ihr entleert Euren Nachttopf selbst. Und –«
»Oh, steck dir deine Sitten sonst wo hin, Maisie«, sagte Mrs. Ferguson, die Mrs. Tollivers Standpauke mit der Selbstverständlichkeit einer langen Bekanntschaft unterbrach. »Sie hat Geld. Sei ein braves Mädchen, hol uns eine Flasche Genever, und wenn es sein muss, kannst du ihr dann ja erzählen, wo’s langgeht.«
Mrs. Tollivers schmales Gesicht verzog sich missbilligend, doch ihre Augen zuckten in meine Richtung und leuchteten im gedämpften Licht des Binsenlämpchens auf. Ich vollführte eine zögerliche Geste in Richtung meiner Tasche, und sie zog die Unterlippe ein. Sie lugte hinter sich, dann trat sie rasch einen Schritt auf mich zu.
»Also dann, einen Shilling«, flüsterte sie und hielt die Hand auf. Ich ließ ihr die Münze in die Hand fallen, und sie verschwand blitzartig unter ihrer Schürze.
»Ihr habt das Abendessen versäumt«, verkündete sie in ihrem normalen, missbilligenden Tonfall und trat wieder zurück. »Da Ihr aber gerade erst angekommen seid, werde ich eine Ausnahme machen und Euch etwas bringen.«
»Wie gütig von Euch«, wiederholte ich.
Die Tür schloss sich fest hinter ihr und schnitt uns von Licht und Luft ab, und der Schlüssel drehte sich im Schloss.
Dieses Geräusch setzte einen kleinen Panikfunken frei, den ich entschlossen zertrat. Ich fühlte mich wie eine ausgetrocknete Haut, bis zu den Ohren mit dem Zunder der Angst, der Unsicherheit und des Verlustes gefüllt. Ein einziger Funke würde reichen, dies in Brand zu stecken und mich zu Asche zu verbrennen – und weder Jamie noch ich konnten das riskieren.
»Sie trinkt?«, fragte ich und wandte mich mit vorgetäuschter Kühle wieder an meine neue Gefährtin.
»Kennt Ihr irgendjemanden, der das nicht tut, wenn er kann?«, fragte Mrs. Ferguson in aller Logik. Sie kratzte sich die Rippen. »Fraser, hat sie gesagt. Ihr seid nicht die –«
»Doch«, sagte ich ziemlich rüde. »Ich möchte nicht darüber reden.«
Ihre Augenbrauen fuhren hoch, doch sie nickte gleichmütig.
»Ganz wie Ihr wollt«, sagte sie. »Könnt Ihr Karten spielen?«
»Loo oder Whist?«, fragte ich argwöhnisch.
»Kennt Ihr ein Spiel namens Brag?«
»Nein.« Jamie und Brianna spielten es dann und wann, aber ich hatte mich nie mit den Regeln vertraut gemacht.
»Das macht nichts; ich bringe es Euch bei.« Sie langte unter die Matratze und zog ein ziemlich schlaffes Deck von Pappkarten hervor, die sie gekonnt auffächerte. Sie wedelte sanft damit unter ihrer Nase und lächelte mich an.
»Lasst mich raten«, sagte ich. »Ihr seid hier, weil Ihr beim Kartenspiel betrogen habt?«
»Ich? Aber nicht doch«, sagte sie, machte aber keinen beleidigten Eindruck. »Urkundenfälschung.«
Zu meiner großen Überraschung lachte ich. Ich fühlte mich zwar noch wackelig, aber Mrs. Ferguson entpuppte sich definitiv als willkommene Ablenkung.
»Wie lange seid Ihr schon hier?«, fragte ich.
Sie kratzte sich am Kopf, merkte, dass sie keine Haube trug, drehte sich um und zog diese aus der zerwühlten Bettwäsche.
»Oh – einen Monat ungefähr.« Sie setzte die zerknitterte Haube auf und wies kopfnickend auf den Türpfosten neben mir. Ich folgte ihrer Blickrichtung und sah, dass er mit Dutzenden kleiner, kreuzweise eingeritzter Kerben übersät war, zum Teil alt und vom Schmutz verdunkelt, zum Teil frisch hineingekratzt, so dass das rohe, gelbe Holz zu sehen war. Der Anblick der Kerben ließ mir den Magen erneut in die Knie rutschen, doch ich holte tief Luft und kehrte ihnen den Rücken zu.
»Hat man Euch schon den Prozess gemacht?«
Sie schüttelte den Kopf, und das Licht glitzerte in ihren Brillengläsern.
»Nein, zum Glück nicht. Ich höre von Maisie, dass das Gericht geschlossen ist, weil alle Richter untergetaucht sind. In den letzten zwei Monaten hat es keine Prozesse gegeben.«
Das war keine gute Nachricht. Dieser Gedanke war meinem Gesicht offenbar anzusehen, denn sie beugte sich vor und tätschelte mir mitfühlend den Arm.
»Ich hätte da keine Eile, Herzchen. Nicht in Eurer Lage. Solange sie Euch nicht vor Gericht gestellt haben, können sie Euch auch nicht hängen. Ich bin zwar schon Leuten begegnet, die behaupten, dass das Warten sie noch umbringt, aber ich habe noch keinen daran sterben sehen. Und ich habe genug am Ende eines Stricks sterben sehen. Das ist wirklich unangenehm.«
Sie sagte es beinahe sorglos, doch ihre Hand hob sich wie automatisch und berührte die fleischige weiße Haut an ihrem Hals. Sie schluckte, und ihr kleiner Kehlkopf hüpfte auf und ab.
Ich schluckte ebenfalls, denn meine Kehle fühlte sich unangenehm zugeschnürt an.
»Aber ich bin unschuldig«, sagte ich und fragte mich, noch während ich die Worte aussprach, wie es möglich war, dass ich so unsicher klang.
»Natürlich seid Ihr das«, beruhigte sie mich lapidar und drückte mir den Arm. »Lasst Euch nicht davon abbringen, Herzchen – lasst Euch nicht dazu einschüchtern, auch nur das Geringste zuzugeben!«
»Das werde ich nicht!«, versicherte ich ihr trocken.
»Eines Tages kommt der Pöbel sowieso hierher«, sagte sie kopfnickend. »Dann knüpfen sie den Sheriff auf, wenn er nicht aufpasst. Er ist nicht sehr beliebt, Tolliver.«