Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Denkst du denn je um meiner selbst willen an mich? Diese Frage schwebte in der Dunkelheit hinter meinen Augenlidern. Ich konnte sein Gesicht ganz deutlich sehen, die Falten humorvoll gekrümmt, eine dunkle Augenbraue hochgezogen. Ich war vage überrascht; es war schon so lange her, dass ich konzentriert an ihn gedacht hatte, dass ich eigentlich längst vergessen haben müsste, wie er aussah. Doch das hatte ich nicht.
Und das ist dann wohl die Antwort auf deine Frage, dachte ich schweigend an ihn gerichtet. Gute Nacht, Frank.
Ich drehte mich auf die Seite, so dass ich der Tür zugewandt war. Ich fühlte mich jetzt ein wenig ruhiger. Ich konnte gerade eben die Umrisse der Tür ausmachen, und sie sehen zu können verminderte dieses Gefühl, lebendig begraben zu sein.
Ich schloss die Augen wieder und versuchte, mich auf die Vorgänge im Inneren meines Körpers zu konzentrieren. Das half oft, denn es beruhigte mich, dem Strom des Blutes in meinen Adern zu lauschen und dem leisen Gurgeln der Organe, die alle friedlich vor sich hin arbeiteten, ohne irgendwelcher bewussten Anweisungen zu bedürfen. So als säße ich in meinem Garten und lauschte dem Summen der Bienen in ihren Körben …
Ich unterbrach diesen Gedankengang, denn mein Herz tat bei der Erinnerung einen Ruck, so scharf wie ein Bienenstich.
Ich dachte mit aller Macht an mein Herz, das tatsächliche Organ; seine stabilen, weichen Kammern und empfindlichen Ventile – doch was ich spürte, war eine wunde Stelle. Es waren hohle Stellen in meinem Herzen.
Jamie. Eine klaffende, widerhallende Lücke, kalt und tief wie eine Gletscherspalte. Brianna. Jemmy. Roger. Und Malva, wie eine kleine, aber tiefgehende Verletzung; ein Geschwür, das einfach nicht verheilte.
Bis jetzt war es mir gelungen, das Rascheln und heftige Atmen meiner Leidensgenossin zu ignorieren. Was ich nicht ignorieren konnte, war die Hand, die meinen Hals streifte, dann über mich hinwegglitt und sich sacht um meine Brust legte.
Ich hielt den Atem an. Dann atmete ich ganz langsam aus. Ganz ohne mein Dazutun schmiegte sich meine Brust in ihre gekrümmte Handfläche. Ich spürte eine Berührung in meinem Rücken; einen Daumen, der durch mein Hemd hindurch ganz sanft meine Wirbelsäule nachzeichnete.
Ich verstand das Bedürfnis nach menschlicher Nähe, den schieren Hunger nach Berührung. Ich hatte sie selbst schon oft gespendet und empfangen, ein Teil des empfindlichen Netzes der Menschlichkeit, das so oft zerrissen und neu gesponnen wurde. Doch es lag etwas in Sadie Fergusons Berührung, das von mehr kündete als schlichter Wärme oder dem Sehnen nach menschlicher Nähe in der Dunkelheit.
Ich ergriff ihre Hand, entfernte sie von meiner Brust, schloss die Finger sanft zur Faust und schob sie entschlossen von mir, bis sie an ihrer eigenen Brust ruhte.
»Nein«, sagte ich leise.
Sie zögerte und bewegte die Hüften, so dass sich ihr Körper von hinten an mich schmiegte und ihre Oberschenkel warm und rund an den meinen lagen, ein Angebot der Geborgenheit und Zuflucht.
»Es würde doch niemand erfahren«, flüsterte sie immer noch hoffnungsvoll. »Ich könnte Euch alles vergessen lassen – für eine Weile.« Ihre Hand streichelte meine Hüfte, sanft, verführerisch.
Wenn sie das könnte, dachte ich ironisch, wäre ich womöglich versucht. Doch dieser Weg stand mir nicht offen.
»Nein«, sagte ich, entschlossener diesmal, drehte mich auf den Rücken und rutschte so weit von ihr fort, wie ich konnte – ungefähr drei Zentimeter. »Ich bedaure – aber nein.«
Sie schwieg einen Moment, dann seufzte sie schwer.
»Oh. Nun ja. Vielleicht ja später.«
»Nein!«
Die Geräusche in der Küche hatten aufgehört, und Stille legte sich über das Haus. Doch es war nicht die Stille der Berge, jene Wiege aus Zweigen und flüsterndem Wind und der endlosen Tiefe des Sternenhimmels. Es war die Stille einer Stadt, unterbrochen von Rauch und dem dumpfen Glühen der Herdfeuer und Kerzen; angefüllt mit schlummernden Gedanken, die, losgelöst von der Vernunft der Wachenden, beklommen durch die Dunkelheit streiften.
»Könnte ich Euch denn festhalten?«, fragte sie sehnsüchtig, und ihre Finger strichen über meinen Hals. »Sonst nichts?«
»Nein«, sagte ich noch einmal. Doch ich griff nach ihrer Hand und hielt sie fest. Und so schliefen wir ein, mit keusch – und fest – verschlungenen Händen.
Wir wurden von etwas geweckt, das ich zuerst für den Wind hielt, der im Schornstein stöhnte, denn dieser ragte mit der Rückseite in unser Schlupfloch. Doch das Stöhnen wurde lauter, brach in lautes Geschrei aus und hörte dann abrupt auf.
»Ach du meine Güte!« Sadie Ferguson setzte sich mit großen, blinzelnden Augen hin und tastete nach ihrer Brille. »Was war das denn?«
»Eine Frau in den Wehen«, sagte ich, da ich dieses Geräuschmuster schon ziemlich oft gehört hatte. Das Stöhnen setzte wieder ein. »Und zwar sehr kurz vor dem Ende.« Ich glitt vom Bett und schüttelte meine Schuhe aus, womit ich eine kleine Kakerlake und ein paar Silberfischchen verscheuchte, die in den Schuhspitzen Zuflucht gesucht hatten.
Fast eine Stunde saßen wir da und lauschten dem Wechsel von Stöhnen und Geschrei.
»Sollte das nicht aufhören?«, sagte Sadie und schluckte nervös. »Sollte das Kind nicht inzwischen geboren sein?«
»Vielleicht«, sagte ich geistesabwesend. »Manche Babys brauchen länger als andere.« Ich hielt mein Ohr an die Tür gepresst und versuchte auszumachen, was auf der anderen Seite vor sich ging. Die Frau, wer auch immer sie war, war in der Küche, und zwar nicht mehr als drei Meter von mir entfernt. Dann und wann hörte ich Maisie Tollivers Stimme, gedämpft und skeptisch. Meistens allerdings nur das rhythmische Keuchen, Stöhnen und Schreien.
Noch eine weitere Stunde, und meine Nerven fransten allmählich aus. Sadie lag auf dem Bett und hielt sich das Kissen fest über den Kopf, um den Lärm fernzuhalten.
Genug davon, dachte ich, und als ich das nächste Mal Mrs. Tollivers Stimme hörte, hämmerte ich mit dem Absatz gegen die Tür und rief, so laut ich konnte: »Mrs. Tolliver!«
Sie hörte mich, und einen Moment später knirschte der Schlüssel im Schloss, und eine Woge von Licht und Luft fiel in die Zelle. Im ersten Moment blendete mich das Tageslicht, doch dann kniff ich die Augen zusammen und machte die Umrisse einer Frau aus, die auf allen vieren am Herdfeuer kniete und mir das Gesicht zugewandt hatte. Es war eine Schwarze, die in Schweiß gebadet war. Gerade hob sie den Kopf und heulte wie ein Wolf. Mrs. Tolliver fuhr auf, als hätte sie jemand von hinten mit einer Nadel gestochen.
»Entschuldigung«, sagte ich und schob mich an ihr vorbei. Sie machte keine Anstalten, mich aufzuhalten, und im Vorübergehen fing ich einen kräftigen Schwall von Wacholderbeerduft auf.
Die schwarze Frau ließ sich keuchend auf die Ellbogen sinken, so dass ihr nackter Hintern in die Luft ragte. Ihr Bauch hing herab wie eine reife Guave, hell getönt durch das schweißdurchtränkte Hemd, das daran klebte.
In der kurzen Pause vor dem nächsten Schrei stellte ich ihr einige gezielte Fragen und fand heraus, dass dies ihr viertes Kind war und dass sie Wehen hatte, seit ihr in der Nacht die Fruchtblase geplatzt war. Mrs. Tolliver steuerte die Auskunft bei, dass sie ebenfalls eine Gefangene und eine Sklavin war. Das hätte ich angesichts der rötlichen Schwielen auf ihrem Rücken und ihren Pobacken auch erraten können.
Ansonsten war Mrs. Tolliver nicht besonders hilfreich. Sie stand mit glasigem Blick schwankend über mir, hatte es aber geschafft, mir einen kleinen Stapel Lappen und eine Schüssel mit Wasser zu besorgen, so dass ich der Frau das verschwitzte Gesicht abwischen konnte. Sadie Ferguson steckte vorsichtig ihre bebrillte Nase aus der Zelle, zog sich aber hastig zurück, als das Heulen von neuem ansetzte.
Es war eine Steißlage, was die Schwierigkeiten erklärte, und die nächste Viertelstunde war haarsträubend für alle Beteiligten. Schließlich jedoch zog ich ein kleines Baby auf die Welt. Es kam mit den Füßen zuerst, voller Schleim, reglos, und seine Haut war in einem gespenstischen Blau gefärbt.