Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Die zweite Anordnung bestand darin, Poniatowski solle die Richtung nach dem Dorf durch den Wald einschlagen und die linke Flanke der Russen umgehen. Der Grund, weshalb dies nicht ausgeführt werden konnte und nicht ausgeführt wurde, war, daß Poniatowski, als er die Richtung nach dem Dorf durch den Wald einschlug, dort auf Tutschkow stieß, der ihm den Weg versperrte, so daß er die russische Position nicht umgehen konnte und nicht umging.
Die dritte Anordnung war: General Compans marschiert in den Wald, um sich der ersten Befestigung zu bemächtigen. Die Division Compans bemächtigte sich der ersten Befestigung nicht, sondern wurde zurückgeschlagen, weil sie beim Austritt aus dem Wald sich erst unter dem Kartätschenfeuer ordnen mußte, was Napoleon nicht bedacht hatte.
Die vierte Anordnung lautete: Der Vizekönig bemächtigt sich des Dorfes (Borodino) und geht auf den dortigen drei Brücken hinüber, indem er in gleicher Höhe mit den Divisionen Morand und Gérard marschiert (von denen nicht gesagt war, wohin und wann sie sich in Bewegung setzen sollten), die unter seinem Oberbefehl die Richtung auf die Redoute nehmen und in die Linie der übrigen Truppen einrücken. Soviel sich, wenn nicht aus diesem sinnlosen Satz selbst, so doch aus den Versuchen entnehmen läßt, die der Vizekönig unternahm, um die ihm erteilten Weisungen auszuführen, sollte er durch Borodino von links her gegen die Redoute vorrücken und die Divisionen Morand und Gérard gleichzeitig von der Front her. Alles dies kam ebensowenig zur Ausführung wie die übrigen Punkte der Disposition, und konnte auch nicht zur Ausführung kommen. Als der Vizekönig durch Borodino hindurchmarschiert war, wurde er an der Kolotscha zurückgeschlagen und konnte nicht weiter vordringen; und auch die Divisionen Morand und Gérard nahmen die Redoute nicht, sondern wurden zurückgeschlagen, und die Redoute wurde erst gegen Ende der Schlacht von der Kavallerie genommen (ein unerhörtes Ereignis, das Napoleon wohl nicht vorhergesehen hatte).
Somit wurde von den Anordnungen der Disposition keine einzige ausgeführt, und es konnte auch keine ausgeführt werden. In der Disposition war aber noch gesagt, nachdem die Schlacht in dieser Weise eingeleitet sein werde, würden weitere Befehle dem Verhalten des Feindes entsprechend gegeben werden, und daher könnte man glauben, es seien während der Schlacht alle erforderlichen Anordnungen von Napoleon getroffen worden; dies geschah jedoch nicht und konnte nicht geschehen, weil sich Napoleon während der ganzen Dauer der Schlacht so weit von ihr entfernt befand, daß (wie es sich herausstellte) er über den Gang des Kampfes nicht orientiert sein und keine während des Kampfes von ihm getroffene Anordnung ausgeführt werden konnte.
XXVIII
Viele Geschichtsschreiber sagen, die Franzosen hätten die Schlacht bei Borodino deshalb nicht gewonnen, weil Napoleon den Schnupfen gehabt habe; hätte er keinen Schnupfen gehabt, so wären seine Anordnungen während der Schlacht noch genialer gewesen, und Rußland wäre zugrunde gegangen, und die Welt hätte ein ganz anderes Gesicht bekommen. Für Geschichtsschreiber, welche behaupten, der Wille eines einzelnen Menschen, Peters des Großen, habe bewirkt, daß sich das russische Reich bildete, und der Wille eines einzelnen Menschen, Napoleons, sei die Ursache davon gewesen, daß Frankreich sich aus einer Republik in ein Kaiserreich verwandelte und die französischen Truppen in Rußland eindrangen, für solche Geschichtsschreiber ist der Schluß von zwingender Beweiskraft, daß Rußland deswegen ein mächtiger Staat geblieben sei, weil Napoleon am 26. August am Schnupfen gelitten habe.
Wenn es von Napoleons Willen abhing, die Schlacht bei Borodino zu liefern oder nicht zu liefern, und wenn es von seinem Willen abhing, die und die oder eine andere Anordnung zu treffen, so ist klar, daß ein Schnupfen, der auf die Äußerung seines Willens von Einfluß war, die Ursache der Rettung Rußlands werden konnte und daß daher jener Kammerdiener, der am 24. vergessen hatte, dem Kaiser die wasserdichten Stiefel zu reichen, der Retter Rußlands war. Bei einer solchen Art zu denken, ist dieser Schluß zweifellos richtig; ebenso richtig wie jener Schluß Voltaires, der scherzend (wiewohl er selbst nicht recht wußte, worüber er sich dabei eigentlich lustig machte) behauptete, die Bartholomäusnacht habe sich infolge einer Magenverstimmung Karls IX. ereignet. Denjenigen Leuten jedoch, die nicht zugeben, daß die Bildung des russischen Reiches auf den Willen eines einzelnen Menschen, Peters des Großen, und die Entstehung des französischen Kaiserreichs und der Beginn des Krieges mit Rußland auf den Willen eines einzelnen Menschen, Napoleons, zurückzuführen sei, solchen Leuten erscheint jener Schluß nicht nur als ein unrichtiger und unverständiger, sondern auch als ein dem ganzen Wesen der Menschheit zuwiderlaufender. Auf die Frage, welches die Ursache der geschichtlichen Ereignisse sei, bietet sich eine andere Antwort dar, nämlich folgende: der Gang der Weltereignisse ist von oben vorherbestimmt und hängt von dem Zusammentreffen aller Willensäußerungen der an diesen Ereignissen beteiligten Menschen ab, und der Einfluß von Männern wie Napoleon auf den Gang dieser Ereignisse ist nur ein äußerlicher und eingebildeter.
Wie seltsam auch auf den ersten Blick die Annahme erscheinen mag, daß die Bartholomäusnacht, zu der Karl IX. den Befehl gab, nicht das Resultat seines Willens gewesen sei, sondern es ihm nur so geschienen habe, als habe er ihre Veranstaltung befohlen, und daß die Niedermetzelung von achtzigtausend Menschen bei Borodino nicht das Resultat des Willens Napoleons gewesen sei, obwohl er doch die Befehle über den Beginn und weiteren Gang des Kampfes erteilte, sondern es ihm nur so vorgekommen sei, als befehle er dies – wie seltsam auch diese Annahme erscheinen mag, so befiehlt uns doch die menschliche Würde, die uns sagt, daß jeder von uns, wenn nicht in höherem, so doch jedenfalls in nicht geringerem Grade ein Mensch ist als jeder Napoleon, diese Lösung der Frage als die richtige anzuerkennen, und die geschichtlichen Forschungen bringen für diese Annahme die reichste Bestätigung.
In der Schlacht bei Borodino hat Napoleon auf niemand geschossen und niemand getötet. Alles dies haben die Soldaten getan. Folglich ist nicht er es gewesen, der die vielen Menschen getötet hat.
Die Soldaten der französischen Armee gingen bei Borodino in diesen mörderischen Kampf nicht infolge des Befehles Napoleons, sondern von ihrem eigenen Verlangen getrieben. Die ganze Armee, Franzosen, Italiener, Deutsche, Polen, hungrig, abgerissen und durch die langen Märsche erschöpft, sagte sich angesichts eines Heeres, das ihnen den Weg nach Moskau versperrte, der Wein sei nun einmal abgezogen und müsse getrunken werden. Hätte Napoleon ihnen jetzt verboten, sich mit den Russen zu schlagen, so würden sie ihn getötet haben und darauf in den Kampf mit den Russen gegangen sein, weil das eben für sie ein Ding der Notwendigkeit war.
Als sie Napoleons Armeebefehl anhörten, der ihnen als Trost für Verstümmelung und Tod in Aussicht stellte, die Nachwelt werde davon reden, daß auch sie bei der Schlacht unter den Mauern von Moskau dabeigewesen seien, da riefen sie:
»Es lebe der Kaiser!«, geradeso wie sie beim Anblick des Porträts des Knaben, der den Erdball mit einem Bilboquetstäbchen durchbohrte, »Es lebe der Kaiser!« gerufen hatten, und geradeso wie sie es bei jedem Unsinn getan haben würden, den er zu ihnen gesagt hätte. Es blieb ihnen nichts weiter übrig als »Es lebe der Kaiser!« zu rufen und in den Kampf zu gehen, um als Sieger in Moskau Nahrung und Erholung zu finden. Somit haben sie nicht infolge von Napoleons Befehl ihresgleichen getötet.
Auch leitete Napoleon in Wirklichkeit nicht den Gang der Schlacht, da ja von seiner Disposition nichts zur Ausführung kam und er während der Schlacht nicht wußte, was weiter vorn vorging. Also war auch die Art und Weise, wie die Menschen einander töteten, nicht ein Resultat von Napoleons Willen, sondern gestaltete sich, unabhängig von ihm, nach dem Willen der Hunderttausende von Menschen, die an dem allgemeinen Kampf teilnahmen. Napoleon glaubte nur, es vollziehe sich alles nach seinem Willen. Und darum hat die Frage, ob Napoleon den Schnupfen gehabt habe oder nicht, für die Geschichte kein größeres Interesse als die Frage nach dem Schnupfen des letzten Trainsoldaten.