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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Napoleon ritt auf die Höhe von Semjonowskoje und sah durch den Pulverdampf Soldatenkolonnen in Uniformen, deren Farbe seinem Auge nicht vertraut war. Es waren Russen.

Die Russen standen in dichten Reihen hinter Semjonowskoje und dem Hügel, und ihre Geschütze dröhnten und dampften die ganze Linie entlang, ohne aufzuhören. Eine Schlacht war nicht mehr im Gang. Es war nur ein fortgesetztes Morden, das weder für die Russen noch für die Franzosen zu einem Ergebnis führen konnte.

Napoleon hielt sein Pferd an und versank wieder in jenes Nachdenken, aus dem Berthier ihn schon vorhin aufgeschreckt hatte. Er konnte dieses Spiel, das sich da vor ihm und um ihn herum abrollte, und das man von ihm geleitet und von ihm abhängig glaubte, nicht mehr aufhalten, und zum erstenmal erschien ihm infolge seines Mißgeschickes dies alles nutzlos und entsetzlich.

Einer seiner Generäle ritt an Napoleon heran und erlaubte sich, ihm vorzuschlagen, seine alte Garde ins Gefecht zu schicken. Ney und Berthier, die neben Napoleon standen, blickten einander an und lächelten geringschätzig über den unsinnigen Vorschlag dieses Generals.

Napoleon senkte den Kopf und schwieg lange.

»A huit cent lieux de France je ne ferai pas démolir ma garde«, sagte er endlich, wendete sein Pferd und ritt nach Schewardino zurück.

35

Kutusow saß, den grauen Kopf tief über den zusammengesunkenen schweren Körper geneigt, auf der mit einem Teppich belegten Bank noch auf derselben Stelle, wo ihn Pierre am Morgen gesehen hatte. Er traf keinerlei Anordnungen, sondern stimmte nur dem, was ihm vorgeschlagen wurde, zu oder wies es ab.

»Ja, ja, macht das nur so«, erwiderte er auf verschiedene Vorschläge. »Ja, ja, reite mal hin, mein Lieber, und sieh zu«, wandte er sich bald an diesen, bald an jenen seiner Umgebung. Oder er antwortete: »Nein, das ist nicht nötig, damit wollen wir lieber noch warten.« Er hörte die ihm zugetragenen Meldungen an und erteilte Befehle, wenn seine Untergebenen dies verlangten, aber er schien sich beim Anhören dieser Meldungen nicht für den Sinn dessen, was man ihm berichtete, zu interessieren, sondern für etwas anderes, das im Gesichtsausdruck, im Ton des Meldenden lag.

Aus seiner langjährigen Kriegserfahrung wußte er und hatte es mit seinem greisen Verstand vollkommen begriffen, daß ein einzelner Mensch nicht Hunderttausende, die auf Tod und Leben kämpfen, zu leiten vermag. Er wußte, daß für das Endergebnis einer Schlacht nicht die Anordnungen eines Oberkommandierenden ausschlaggebend sind noch das Gelände, auf dem die Truppen stehen, noch die Zahl der Kanonen oder der Gefallenen, sondern allein jene schwer faßbare Kraft, die man den Geist der Truppen nennt, und deshalb verfolgte er diese Kraft und leitete sie, soweit dies in seiner Macht stand.

Der Gesamtausdruck von Kutusows Gesicht zeigte innere Sammlung, ruhige Aufmerksamkeit und eine Anspannung, die kaum die Müdigkeit des alten sdrwachen Körpers zu überwinden vermochte.

Gegen elf Uhr morgens überbrachte man ihm die Nachricht, daß die von den Franzosen genommenen Pfeilschanzen wieder zurückerobert seien, Fürst Bagration aber verwundet sei. Kutusow seufzte und schüttelte den Kopf.

»Reite hin zum Fürsten Peter Iwanowitsch und erkundige dich genau, was geschehen ist und wie«, sagte er zu einem seiner Adjutanten und wandte sich darauf zum Prinzen von Württemberg, der hinter ihm stand.

»Bitte übernehmen Sie das Kommando über die zweite Armee, Königliche Hoheit«, sagte er.

Kurz nachdem der Prinz weggeritten war, so bald, daß er kaum bis Semjonowskoje gekommen sein konnte, kehrte der Adjutant des Prinzen zurück und meldete dem Durchlauchtigen, der Prinz bitte um Truppen.

Kutusow zog die Stirn kraus und schickte Dochturow, das Kommando der zweiten Armee zu übernehmen, den Prinzen aber ließ er bitten, zu ihm zurückzukehren, da er ihn, wie er sagte, in diesen wichtigen Augenblicken nicht missen könne.

Als Kutusow die Nachricht von der Gefangenname Murats überbracht wurde und die Herren vom Stab ihm gratulierten, lächelte er.

»Warten Sie, meine Herren«, sagte er. »Die Schlacht ist noch nicht gewonnen, und die Gefangenname Murats ist nichts Besonderes. Lieber mit der Freude noch etwas warten.«

Dennoch schickte er einen Adjutanten aus, um allen Truppen diese Nachricht mitzuteilen.

Als von der linken Flanke Schtscherbinin mit der Meldung angaloppiert kam, die Franzosen hätten die Pfeilschanzen und Semjonowskoje eingenommen, erriet Kutusow aus dem vom Schlachtfeld herüberdringenden Getöse und aus Schtscherbinins Miene, daß es eine schlechte Nachricht war, stand auf, wie um sich die Füße zu vertreten, nahm Schtscherbinins Arm und führte ihn beiseite.

»Reite mal hin, mein Lieber«, sagte er zu Jermolow, »und sieh mal zu, ob wir da nichts machen können.«

Kutusow hielt sich in Gorki auf, im Zentrum der russischen Stellung. Der Angriff, den Napoleon auf unsere linke Flanke unternommen hatte, war mehrmals zurückgeschlagen worden.

Im Zentrum drangen die Franzosen nicht weiter als bis Borodino vor. Auf unserer rechten Flanke hatte Uwarows Kavallerie die Franzosen in die Flucht geschlagen.

Gegen drei Uhr hörten die Angriffe der Franzosen auf. Auf allen Gesichtern seiner Umgebung und derer, die vom Schlachtfeld zurückkamen, las Kutusow den Ausdruck einer Spannung bis zum höchsten Grad. Kutusow aber war mit diesem über seine Erwartungen hinausgehenden Erfolg sehr zufrieden. Aber die Körperkräfte ließen den alten Mann im Stich. Ein paarmal sank sein Kopf tief herab, als wollte er herunterfallen, und er schlummerte ein. Man brachte ihm das Mittagessen.

Der Flügeladjutant Wolzogen, derselbe, der beim Fürsten Andrej vorbeigeritten war und gesagt hatte, der Krieg müsse räumlich ausgedehnt werden und der Bagration so sehr haßte, kam während des Essens zu Kutusow herangeritten. Wolzogen kam von Barclay mit einer Meldung über den Gang der Schlacht auf der linken Flanke. Der überlangsame Barclay de Tolly hatte die fliehenden Verwundeten und die aufgelösten Truppenteile hinter der Schlachtlinie gesehen, hatte alle Umstände wohl erwogen und war zu dem Schluß gekommen, daß die Schlacht verloren sei, und seinen Liebling Wolzogen mit dieser Kunde zum Oberkommandierenden geschickt.

Kutusow kaute mühsam sein gebratenes Huhn und sah Wolzogen mit zusammengekniffenen, verschmitzten Augen an. Dieser trat in lässiger Haltung, ein halb geringschätziges Lächeln um die Lippen, auf Kutusow zu und berührte leicht mit der Hand den Mützenschirm.

Er verkehrte mit dem Durchlauchtigen in einer gewissen affektierten Nachlässigkeit, die zeigen sollte, daß er als hochgebildeter Strategiker es zwar den Russen überlasse, aus diesem alten, unnützen Mann einen Abgott zu machen, selber aber recht wohl wisse, mit wem er es zu tun habe. Der alte Herr, wie die Deutschen Kutusow unter sich nannten, macht es sich recht bequem, dachte Wolzogen, warf einen strengen Blick auf den Teller, der vor Kutusow stand, und fing an, über den Stand der Dinge auf der linken Flanke zu berichten, so wie es Barclay ihm aufgetragen und er es selber gesehen und beurteilt hatte.

»Alle Punkte unserer Stellung sind in den Händen der Feinde; sie zurückzuerobern ist undenkbar, weil wir keine Truppen haben. Die Leute fliehen, und es ist keine Möglichkeit, sie aufzuhalten«, berichtete er.

Kutusow hörte auf zu kauen und starrte Wolzogen höchst erstaunt an, als verstünde er nicht, was man ihm da sagte. Als Wolzogen die Befremdung des alten Herrn bemerkte, setzte er lächelnd hinzu: »Ich halte mich nicht für berechtigt, Euer Durchlaucht das zu verschleiern, was ich gesehen habe … Die Truppen befinden sich in völliger Auflösung …«

»Das haben Sie gesehen? Das haben Sie gesehen?« rief Kutusow, plötzlich finster werdend, stand hastig auf und trat auf Wolzogen zu. »Wie können Sie … wie können Sie das wagen!« rief er mit fast versagender Stimme und machte mit zitternden Händen eine drohende Gebärde. »Wie können Sie es wagen, mein Herr, mir das zu sagen! Nichts wissen Sie. Melden Sie dem General Barclay von mir, daß seine Nachrichten falsch sind, und daß mir, dem Oberkommandierenden, der wahre Gang der Schlacht besser bekannt ist als ihm.«

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