Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]
- Автор: Кард Орсон Скотт
- Серия: Die Heimkehr #3
- Год: 1995
- Язык: немецкий
- Год: Bastei Lübbe
- ISBN: 3-404-24195-9
- Переводчик: Uwe Anton
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Schiffe der Erde [The Ships of Earth - de]». Краткое содержание книги:
»Ich kletterte«, flüsterte Issib. Alle hörten ihn, doch niemand sagte etwas, denn sie wußten, was er nun wohl denken mußte. Die Vorstellung, er klettere neben Nafai einen Baum hinauf …
»Kletterten den Baum hinauf, pflückten weitere Früchte und gaben sie ihnen«, sagte Volemak. »Und ich sah in ihren Gesichtern, daß sie alle schmeckten, was ich geschmeckt hatte, und fühlten, was ich gefühlt hatte. Erst jetzt fiel mir auf, daß viele, nachdem sie von den Früchten gegessen hatten, sich verstohlen umschauten, als schämten sie sich, von den Früchten gegessen zu haben, und hätten Angst, jemand habe sie beobachtet. Ich konnte nicht glauben, daß sie so empfanden, doch dann sah ich in die Richtung, in die viele von ihnen geschaut hatten, und dort, auf der anderen Seite des Flusses, sah ich ein großes Gebäude. Es war wie die Gebäude Basilikas, nur viel größer, mit hundert Fenstern, und in jedem Fenster sehen wir reiche Leute, extravagante Leute, modische und wunderschöne Leute, die lachten und tranken und sangen, wie sie es in Puppenstadt und Dauberville tun, nur viel lauter. Sie lachten und hatten ihre helle Freude. Doch da wurde mir klar, daß es keine Wirklichkeit war, daß der Wein sie glauben machte, sie hätten Freude — oder vielmehr, sie hatten Freude, doch der Wein machte sie glauben, es wäre wichtig, Freude zu haben, wo ich doch hier, direkt auf dem anderen Flußufer, die Frucht hatte, die ihnen die Freude geben würde. Es war in gewisser Hinsicht so traurig. Doch dann erkannte ich, daß viele der Leute, die hier bei mir waren, Leute, die tatsächlich die Frucht aßen, zu den Leuten in dem großen Gebäude schauten und neidisch auf sie waren. Sie wollten dorthin, die Frucht des Baumes aufgeben und sich zu denjenigen gesellen, die so laut lachten und so fröhlich sangen.«
Volemak erzählte ihnen nicht, daß einen Augenblick lang auch er einen schwachen Stachel des Neids verspürt hatte, denn als er sah, wie sie auf dem anderen Flußufer lachten und feierten, kam er sich alt vor und bedauerte es, nicht dazu zu gehören. Der Anblick erinnerte ihn daran, daß er, als er jung gewesen war, mit Freunden zusammen gewesen war, die mit ihm gelacht hatten; er hatte Frauen geliebt, deren Küsse ein Spiel gewesen war, und sie zu liebkosen, war gewesen, als hätte er getanzt und sich auf dem weichen Gras und kühlen Moos gerollt. Und in jenen Tagen hatte auch er gelacht und Lieder mit ihnen gesungen und den Wein getrunken, und es war wirklich gewesen, o ja, es war die Wirklichkeit gewesen. Wirklich, aber auch unerreichbar, denn das erste Mal war immer das beste Mal, und alles, was man wiederholte, war nie so gut, wie es zuvor gewesen war, bis es einem schließlich entglitt und nur noch eine Erinnerung war. Und dann, wenn die Freuden der Jugend nicht mehr wiederzuerlangen waren, dann wußte man, daß man alt war. Einige seiner Freunde hatten es versucht, hatten so getan, als wären diese Freuden nie für sie verblichen — doch jene Männer und Frauen waren selbst verblichen, zu geschminkten Puppen geworden, zu schlecht gemachten, abgenutzten Puppen, die nur eine Nachäfferei der Jugend darstellten.
Also beneidete Volemak die Leute in dem Gebäude und erinnerte sich daran, einmal zu ihnen gehört zu haben, oder dies zumindest versucht zu haben — war irgend jemand jemals ein wirklicher Bestandteil dieser vergänglichen Gemeinschaft des Vergnügens, die in einer einzigen Nacht verdampfte und sich immer wieder neu bildete, tausendmal in einer Woche? Sie existierte nie richtig, diese Familie der Frohlockenden, sie schien immer nur zu existieren, schien immer gerade drauf und dran zu sein, wirklich zu werden — und zog sich dann immer knapp außer Reichweite zurück.
Doch hier an diesem Baum, erkannte Volemak, hier ist die Wirklichkeit. Hier, mit dem Geschmack dieser Früchte in unserem Mund, sind wir Teil von etwas, das nicht nur eine Illusion ist. Wir sind Teil des Lebens, Ehefrauen und Gatten, Eltern und Kinder, der gewaltige, vorwärts gerichtete Fluß von Genen und Träumen, Körpern und Erinnerungen, eine Generation nach der anderen, Zeit ohne Ende. Wir schaffen hier etwas, das uns überdauern wird, das ist diese Frucht, das ist das Leben, und was sie drüben auf dem anderen Flußufer haben, ihr wahnsinniges Streben nach jeder möglichen Sinnesempfindung, ihr hektisches Vermeiden alles Schmerzhaften oder Schwierigen läßt sie von vornherein nicht erkennen, was es überhaupt bedeutet, lebendig zu sein. Nichts, was neu ist, ist jemals zweimal neu. Dahingegen sind die wahren Dinge auch beim nächsten Mal noch wahr; ja sogar wahrer, weil sie erprobt wurden, weil sie geschmeckt wurden, und sie sind immer reif, immer bereit …
Doch nichts davon konnte Volemak den Leuten erklären, die sich um ihn geschart hatten, denn er wußte, daß diese Gefühle seine ureigenen waren. Eigentlich nicht Teil des Traums selbst, sondern eher seine Reaktion auf den Traum, und vielleicht nicht einmal das, was der Traum bedeuten sollte.
»Die Leute in dem Gebäude sahen zu uns hinaus, die wir uns an dem Baum versammelten, und sie zeigten auf uns und lachten, und ich hörte, wie sie über uns spotteten, weil wir getäuscht worden waren und um einen Baum herumstanden und Früchte aßen, wo wir doch das Leben wirklich erfahren konnten, wenn wir nur über den Fluß gingen und uns zu ihnen gesellten. Zu der Feier gesellten.«
»Ja«, flüsterte Obring scharf.
»Ich sah, daß viele von denen, die die Früchte probiert hatten, die Reste ins Gras warfen und zum Fluß liefen, um ihn zu durchschwimmen und zu dem Gebäude zu gelangen, und viele von denen, die sie nicht probiert hatten oder nicht mal in die Nähe des Baums gekommen waren, liefen auch zu der endlosen Feier hinüber, die dort drüben abgehalten wurde. Einige von ihnen ertranken im Fluß und wurden flußabwärts getrieben, aber viele schafften es hinüber und gingen tropfnaß zu dem Gebäude und hinein, und ich sah, daß sie an die Fenster traten und auf uns zeigten und lachten. Aber ich war nicht wütend auf sie, denn nun sah ich etwas, das ich zuvor nicht gesehen hatte. Denn wißt ihr, der Fluß war schmutzig. Abwasser floß in ihm. Der gesamte Abfall einer verwahrlosten Stadt trieb flußabwärts, und als sie aus dem Wasser kamen, tropfte das Zeug von ihrer Kleidung, und so rochen sie auch, als sie sich zu den Feiernden gesellten, und in dem Gebäude waren alle mit dem Matsch aus dem Fluß bedeckt, und der Geruch war unaussprechlich. Und wenn man in das Gebäude schaute, sah man, daß es niemandem Freude bereitete, neben einem anderen zu stehen, weil alle so schmutzig waren Und stanken. Sie waren für eine kurze Zeit zusammengekommen, doch irgendwann würde der üble Gestank der Kleidung der anderen Personen sie wieder forttreiben. Und doch schien dies niemand zu begreifen — sie alle waren so versessen darauf, den Fluß zu durchschwimmen und bei der Feier mitzumachen. Sie alle schienen Angst zu haben, abgewiesen zu werden, wenn sie sich nicht beeilten und sofort dorthin gingen.«
Volemak richtete sich auf und lehnte sich auf dem Stein zurück, auf dem er saß. »Das war alles. Einmal abgesehen davon, daß ich mich zum Schluß erneut nach Elemak und Mebbekew umsah und hoffte, sie würden zu mir zum Baum kommen. Denn ich hielt noch immer die Frucht in meiner Hand und hatte ihren Geschmack in meinem Mund. Und sie war noch immer köstlich und perfekt, und sie verblich nicht; jeder Biß war besser als der vorherige, und ich wollte, daß meine gesamte Familie, all meine Freunde, daran teilhatten. Daß sie Teil des Lebens der Frucht waren. Und dann wußte ich, daß ich aufwachte — ihr wißt, wie das in einem Traum ist —, und ich dachte, ich kann sie noch immer schmecken. Ich kann die Frucht noch in meinen Händen spüren. Wie wunderbar — nun kann ich sie Elja und Meb bringen, und sie können sie selbst probieren, denn nur, wenn sie sie probieren, werden sie zu dem Rest von uns am Baum kommen.