Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Die Prinzessin faßte den Entschluß, am 15. abzureisen. Die Sorge für die Vorbereitungen und das Erteilen von Weisungen, die ein jeder sich von ihr erbat, nahmen sie den ganzen vorhergehenden Tag über in Anspruch. Die Nacht vom 14. auf den 15. verbrachte sie wie gewöhnlich, ohne sich auszukleiden, in einem Zimmer neben dem, in welchem der Fürst lag. Mehrmals, wenn sie aufwachte, hörte sie sein Ächzen und Murmeln und das Knarren der Bettstelle und die Schritte Tichons und des Arztes, die ihn herumdrehten. Einigemal horchte sie an der Tür, und es kam ihr vor, als ob er heute lauter murmelte als sonst und häufiger herumgedreht werden mußte. Sie konnte nicht schlafen, ging wiederholt an die Tür, horchte und wäre gern hineingegangen, konnte sich aber doch nicht entschließen, es zu tun. Obgleich er nicht sprechen konnte, sah und wußte Prinzessin Marja doch, wie unangenehm ihm jede Bekundung von Besorgnis um ihn war. Sie merkte, wie unzufrieden er sich von ihrem Blick abwandte, wenn sie ihn manchmal unwillkürlich länger ansah. Sie wußte, daß es ihn aufregen werde, wenn sie jetzt in der Nacht, zu so ungewohnter Zeit, zu ihm hereinkomme.
Aber nie war es ihr so schmerzlich, nie so furchtbar gewesen wie jetzt, daß sie ihn verlieren sollte. Sie erinnerte sich an ihr ganzes Zusammenleben mit ihm und fand in jedem seiner Worte, in jeder seiner Handlungen einen Ausdruck seiner Liebe zu ihr. Mitunter drängten sich mitten in diesen Erinnerungen in ihre Phantasie jene Versuchungen des Teufels ein, Gedanken daran, wie es nach dem Tod ihres Vaters sein werde, und wie sich ihr neues, freies Leben gestalten werde. Aber voll Abscheu wies sie diese Gedanken von sich. Gegen Morgen wurde der Fürst still, und Prinzessin Marja schlief ein.
Sie erwachte spät. Jene Aufrichtigkeit, die dem Erwachenden eigen ist, stellte ihr klar vor Augen, womit sie sich in Wirklichkeit während der Krankheit des Vaters am meisten beschäftigt hatte. Sie horchte nach dem hin, was hinter der Tür vorging, und als sie das Ächzen des Vaters hörte, sagte sie sich mit einem Seufzer, daß alles unverändert sei.
»Aber was ist denn das für eine Veränderung, auf die ich warte? Was habe ich denn gewünscht? Ich wünsche seinen Tod«, rief sie voll Empörung über sich selbst.
Sie kleidete sich an, wusch sich, sprach ihr Gebet und trat vor die Haustür. Dort standen, noch ohne Bespannung, die Wagen, auf die das Gepäck aufgeladen wurde.
Es war ein warmer, grauer Morgen. Prinzessin Marja blieb vor der Haustür stehen; sie war immer noch tief erschrocken über die Schlechtigkeit ihres Herzens und suchte ihre Gedanken in Ordnung zu bringen, ehe sie zu ihrem Vater hineinging.
Der Arzt kam heraus und trat zu ihr.
»Es geht ihm heute etwas besser«, sagte er. »Ich habe Sie gesucht. Es ist einzelnes von dem, was er sagt, zu verstehen; der Kopf ist klarer. Kommen Sie! Er ruft nach Ihnen …«
Das Herz begann der Prinzessin Marja bei dieser Mitteilung so stark zu schlagen, daß sie ganz blaß wurde und sich an die Tür lehnen mußte, um nicht umzufallen. Ihn zu sehen, mit ihm zu sprechen, ihm unter die Augen zu kommen, gerade jetzt, wo ihr ganzes Herz von diesen furchtbaren, verbrecherischen Versuchungen erfüllt war, das erschien ihr, bei aller Freude, als eine schreckliche Pein.
»Kommen Sie«, sagte der Arzt.
Prinzessin Marja ging zu ihrem Vater hinein und trat an sein Bett. Er lag auf dem Rücken da; der Oberkörper war hochgelegt; die kleinen, knochigen, mit bläulichen, knotigen Adern überzogenen Hände lagen auf der Bettdecke; das linke Auge war geradeaus gerichtet, das rechte schielte; die Augenbrauen und die Lippen waren regungslos. Seine ganze Gestalt sah überaus mager, klein und jammervoll aus. Sein Gesicht schien ganz zusammengetrocknet zu sein, die Gesichtszüge sahen wie verschwommen aus. Prinzessin Marja küßte ihm die Hand. Mit seiner linken Hand drückte er die ihrige so stark, daß sie daraus ersah, er habe schon lange auf sie gewartet. Er zog ihre Hand an sich heran, und seine Augenbrauen und Lippen begannen sich ungeduldig und ärgerlich zu bewegen.
Sie blickte ihn erschrocken an und bemühte sich zu erraten, was er von ihr wollte. Als sie, ihre Stellung ändernd, so an ihn herangerückt war, daß sein linkes Auge ihr Gesicht sah, beruhigte er sich für einige Sekunden und sah sie unverwandt an. Dann kamen seine Lippen und seine Zunge in Bewegung; Laute wurden vernehmbar, und er begann zu reden, wobei er sie schüchtern und flehend anblickte, offenbar in der Besorgnis, daß sie ihn nicht verstehe.
Prinzessin Marja spannte ihre Aufmerksamkeit aufs äußerste an und blickte ihm ins Gesicht. Die komischen Bemühungen, mit denen er seine Zunge herumdrehte, zwangen die Prinzessin Marja, die Augen niederzuschlagen, und nur mit Mühe unterdrückte sie das Schluchzen, das ihr in der Kehle aufstieg. Er sagte etwas und wiederholte seine Worte mehrere Male. Prinzessin Marja war nicht imstande, sie zu verstehen; aber sie versuchte zu erraten, was er sagte, und wiederholte die von ihm gesprochenen Laute in fragendem Ton mit ihren Ergänzungen.
»Lei … lei … he … he …«, wiederholte er mehrmals.
Es war unmöglich, diese Laute zu verstehen. Der Arzt glaubte, den Sinn zu erraten, und fragte: »Sollen wir den Leib noch mehr heben?« Er schüttelte verneinend mit dem Kopf und wiederholte wieder dasselbe …
»Ein Leid drückt Ihr Herz?« riet und fragte Prinzessin Marja.
Er stieß einen unartikulierten Laut der Bejahung aus, erfaßte ihre Hand und drückte sie gegen verschiedene Stellen seiner Brust, wie wenn er den richtigen Platz für sie suchen wollte.
»Immer Gedanken! An dich … Gedanken …« Er sprach jetzt, wo er überzeugt war verstanden zu werden, weit besser und deutlicher als vorher.
Prinzessin Marja drückte ihren Kopf auf seine Hand und bemühte sich, ihr Schluchzen und ihre Tränen zu verbergen.
Er strich ihr mit der Hand über das Haar.
»Ich habe die ganze Nacht über nach dir gerufen …«, sagte er.
»Wenn ich das gewußt hätte …«, erwiderte sie durch ihre Tränen hindurch. »Ich scheute mich, hereinzukommen.«
Er drückte ihr die Hand.
»Hast du nicht geschlafen?«
»Nein, ich habe nicht geschlafen«, antwortete Prinzessin Marja und schüttelte verneinend den Kopf.
Unwillkürlich dem Vater nachahmend, redete sie jetzt in ähnlicher Weise wie er: sie bemühte sich, mehr durch Zeichen zu sprechen, und bewegte anscheinend ebenfalls nur mit Mühe die Zunge.
»Mein liebes Kind …« oder »Mein Liebling …« (Prinzessin Marja konnte es nicht genau verstehen; aber nach dem Ausdruck seines Blickes zu urteilen, hatte er sicherlich ein zärtliches Kosewort gesprochen, wie er es sonst nie über seine Lippen gebracht hatte.) »Warum bist du nicht gekommen?«
»Und ich habe seinen Tod gewünscht!« dachte Prinzessin Marja.
Er schwieg ein Weilchen.
»Ich danke dir … liebe Tochter, mein gutes Kind … für alles, für alles … verzeih mir … ich danke dir … verzeih mir … ich danke dir …!« Und Tränen rannen ihm aus den Augen. »Ruft doch Andrei«, sagte er auf einmal, und eine Art von kindlicher Schüchternheit und Unsicherheit prägte sich bei diesen Worten auf seinem Gesicht aus.
Er schien selbst zu wissen, daß sein Verlangen keinen Sinn hatte. So kam es wenigstens der Prinzessin Marja vor.
»Ich habe einen Brief von ihm erhalten«, antwortete sie.
Er blickte sie erstaunt und schüchtern an.
»Wo ist Andrei denn?«
»Er ist beim Heer, lieber Vater, in Smolensk.«
Er schloß die Augen und schwieg lange. Dann nickte er bejahend mit dem Kopf wie zur Antwort auf seine Zweifel und zur bekräftigenden Versicherung, daß er jetzt alles verstanden habe und sich an alles erinnere, und öffnete wieder die Augen.