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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Ja«, sagte er leise, aber deutlich. »Rußland ist verloren! Sie haben es zugrunde gerichtet!«

Er fing wieder an zu schluchzen, und die Tränen rannen ihm aus den Augen. Prinzessin Marja konnte sich nicht länger beherrschen und weinte ebenfalls, indem sie sein Gesicht ansah.

Er schloß von neuem die Augen. Sein Schluchzen brach auf einmal ab. Er machte mit der Hand ein Zeichen nach den Augen zu, und Tichon, der dieses Zeichen verstand, wischte ihm die Tränen weg.

Dann machte er die Augen auf und sagte etwas, was lange Zeit niemand verstehen konnte; endlich verstand es Tichon als der einzige und teilte es den andern mit. Prinzessin Marja hatte den Sinn seiner Worte in denjenigen Vorstellungskreisen gesucht, denen das angehörte, was er eine Minute vorher gesagt hatte. Nacheinander hatte sie gedacht, er rede von Rußland, oder vom Fürsten Andrei, oder von ihr, oder von seinem Enkel, oder von seinem Tod. Und aus diesem Grund hatte sie den Sinn seiner Worte nicht erraten können.

»Zieh dein weißes Kleid an; das sehe ich gern«, hatte er gesagt.

Als sie erfuhr, daß er dies gesagt habe, begann sie noch lauter zu schluchzen. Der Arzt faßte sie unter den Arm, führte sie aus dem Zimmer auf die Terrasse und redete ihr zu, sie möchte sich beruhigen und sich mit den Vorbereitungen zur Abreise beschäftigen.

Nachdem Prinzessin Marja das Zimmer des Fürsten verlassen hatte, fing er wieder an von seinem Sohn, vom Krieg und vom Kaiser zu reden, zuckte ärgerlich mit den Augenbrauen, zwang seine heisere Stimme zu lautem Sprechen und erlitt zum zweiten-und letztenmal einen Schlaganfall.

Prinzessin Marja war auf der Terrasse stehengeblieben. Das Wetter hatte sich aufgeklärt; es war sonnig und heiß geworden. Sie konnte nichts begreifen, denken und fühlen als ihre leidenschaftliche Liebe zu ihrem Vater, eine Liebe, von der sie, wie es ihr schien, bis zu diesem Augenblick gar nicht gewußt hatte, daß sie in dieser Stärke in ihrer Seele vorhanden war. Schluchzend lief sie in den Garten, auf den vom Fürsten Andrei angelegten und mit jungen Linden eingesäumten Steigen hinunter zum Teich.

»Und ich … ich … ich habe seinen Tod gewünscht! Ja, ich habe gewünscht, daß es recht bald zu Ende sein möchte … Ich wollte zur Ruhe kommen … Aber was wird aus mir werden? Was habe ich von der Ruhe, wenn er nicht mehr ist!« murmelte Prinzessin Marja hörbar vor sich hin, während sie mit schnellen Schritten durch den Garten ging und die Hände gegen die Brust preßte, aus der ein krampfhaftes Schluchzen hervorbrach.

Als sie im Garten ringsherum gegangen und so wieder zum Haus zurückgelangt war, sah sie Mademoiselle Bourienne mit einem ihr unbekannten Herrn ihr entgegenkommen. (Mademoiselle Bourienne war in Bogutscharowo geblieben und hatte von dort nicht wegfahren wollen.) Dieser Herr war der Adelsmarschall des Kreises, der persönlich zur Prinzessin kam, um ihr die unbedingte Notwendigkeit einer schleunigen Abreise vorzustellen. Prinzessin Marja hörte, was er zu ihr sagte, verstand es aber nicht. Sie führte ihn ins Haus, lud ihn ein, zu frühstücken, und setzte sich mit ihm hin. Dann aber entschuldigte sie sich bei ihm und ging an die Tür des alten Fürsten. Der Arzt kam mit aufgeregtem Gesicht zu ihr heraus und sagte, sie könne jetzt nicht hereinkommen.

»Gehen Sie, Prinzessin, gehen Sie, gehen Sie!«

Prinzessin Marja ging wieder in den Garten und setzte sich unten am Abhang, beim Teich, an einer Stelle, wo niemand sie sehen konnte, ins Gras. Sie wußte nicht, wie lange sie dort gesessen haben mochte, als eilige weibliche Schritte, die auf dem Steig herankamen, sie wieder zur Besinnung brachten. Sie stand auf und sah, daß ihr Stubenmädchen Dunjascha herbeigelaufen kam, augenscheinlich um ihr etwas zu sagen, und plötzlich, wie wenn sie beim Anblick ihrer Herrin erschrecken würde, stehenblieb.

»Bitte, kommen Sie, Prinzessin … der Fürst …«, sagte Dunjascha mit fast versagender Stimme.

»Sogleich, ich komme, ich komme …«, antwortete die Prinzessin, ohne dem Mädchen Zeit zu lassen, ihr vollständig mitzuteilen, was sie ihr zu sagen hatte, und lief nach dem Haus, wobei sie es vermied, Dunjascha anzusehen.

»Prinzessin, was geschieht, ist Gottes Wille; Sie müssen sich auf alles gefaßt machen«, sagte der Adelsmarschall, der ihr bei der Haustür begegnete.

»Lassen Sie mich; es ist nicht wahr!« schrie sie ihn heftig an.

Der Arzt wollte sie aufhalten. Sie stieß ihn zurück und lief zur Tür des Krankenzimmers. »Warum wollen mich diese Leute, die so erschrockene Gesichter machen, aufhalten? Was habe ich mit ihnen zu schaffen? Und was tun sie hier?« Sie öffnete die Tür und erschrak über das helle Tageslicht in diesem bisher halbdunklen Zimmer. In dem Zimmer waren mehrere Frauen, auch die alte Kinderfrau. Alle traten von dem Bett zurück und machten der Prinzessin Platz. Er lag ganz wie sonst auf dem Bett; aber die strenge Miene seines ruhigen Gesichtes hielt die Prinzessin Marja an der Schwelle des Zimmers zurück.

»Nein, er ist nicht gestorben; es ist nicht möglich!« sagte sie zu sich und trat zu ihm heran; sie überwand den Schrecken, der sie überkommen hatte, und drückte ihre Lippen an seine Wange. Aber im selben Augenblick fuhr sie auch von ihm zurück. Die ganze Kraft der Zärtlichkeit, die sie in ihrem Herzen gegen ihn empfunden hatte, war momentan verschwunden und hatte einem Gefühl des Grauens vor dem, was da vor ihr war, Platz gemacht. »Nein, er ist nicht mehr! Er ist nicht mehr; und hier, an derselben Stelle, wo er war, ist nun etwas Fremdes, Feindliches, ein furchtbares, beängstigendes, abstoßendes Geheimnis!« Prinzessin Marja verbarg das Gesicht in den Händen und fiel in die Arme des Arztes, der sie auffing.

In Tichons und des Arztes Gegenwart wuschen die Weiber das, was ehemals Fürst Bolkonski gewesen war, banden ein Tuch um den Kopf, damit der Mund nicht in geöffneter Stellung erstarre, und banden mit einem anderen Tuch die sich spreizenden Beine zusammen. Dann zogen sie dem Toten seine Uniform mit den Orden an und legten den kleinen, zusammengetrockneten Körper auf den Tisch. Gott weiß, wer die Sorge dafür übernommen hatte und wann alles besorgt worden war; aber alles war wie von selbst geschehen: am Abend war ein Sarg da, um welchen ringsherum Kerzen brannten; auf dem offenen Sarg lag eine Decke; auf den Fußboden war Wacholderreisig gestreut; unter den verschrumpften Kopf des Toten war ein gedrucktes Gebet gelegt, und in der Ecke saß ein Küster, der Psalmen las.

So wie um ein totes Pferd herum die anderen Pferde scheuen, sich drängen und schnauben, so drängte sich im Salon um den Sarg eine Menge Volk, teils Angehörige des Hauses, teils fremde Leute, der Adelsmarschall, der Dorfschulze und Weiber, und alle bekreuzten sich erschrocken mit starren Augen und verneigten sich und küßten die kalte, starre Hand des alten Fürsten.

IX

Über das Gut Bogutscharowo hatte, ehe Fürst Andrei sich dort einen Wohnsitz geschaffen hatte, von jeher die Herrschaft so gut wie keine Aufsicht ausgeübt, und die Bauern von Bogutscharowo hatten einen ganz anderen Charakter als die von Lysyje-Gory. Sie unterschieden sich von ihnen auch durch die Sprache, durch die Kleidung und durch die Gebräuche. Sie wurden Steppenbauern genannt. Der alte Fürst lobte sie wegen ihrer Ausdauer bei der Arbeit, wenn sie nach Lysyje-Gory kamen, um bei der Ernte zu helfen oder Teiche und Kanäle auszugraben, hatte sie aber wegen ihrer Wildheit nicht gern.

Auch dadurch, daß in letzter Zeit Fürst Andrei in Bogutscharowo gewohnt und mancherlei Neues eingeführt, namentlich Krankenhäuser und Schulen gebaut und den Pachtzins ermäßigt hatte, auch dadurch waren ihre Sitten nicht gemildert, sondern im Gegenteil jener Charakterzug, den der alte Fürst Wildheit nannte, nur noch verstärkt worden. Unter ihnen waren immer irgendwelche unklaren Redereien im Gange: bald von einer bestehenden Absicht, sie alle zu den Kosaken auszuheben, bald von einem neuen Glauben, zu dem man sie bekehren wolle, bald von irgendeiner Proklamation des Zaren, bald von einem Eid des Kaisers Pawel Petrowitsch im Jahre 1797 (sie behaupteten, es sei damals ein Erlaß über die Bauernbefreiung erschienen, aber die Edelleute hätten die Sache vereitelt), bald von Pjotr Feodorowitsch, der in sieben Jahren den Thron besteigen werde, und unter dessen Regierung alle frei sein würden und alles so schlicht zugehen werde, daß es keine Adligen mehr geben werde. Die Gerüchte vom Krieg und von Bonaparte und von seinem Eindringen verbanden sich in ihren Köpfen mit ebenso unklaren Vorstellungen vom Antichrist, dem Weltende und der völligen Freiheit.

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