Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #4
- Год: 2017
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Der Ruf der Trommel: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Die Tür eines der Sklavenquartiere öffnete sich für einen Moment und schloss sich dann wieder. Kam da jemand? Ja; sie konnte Schritte auf dem Kies hören und trat noch einen Schritt zurück in den Schatten – das Letzte, was sie wollte, war zu erklären, was sie hier draußen trieb.
Ein Blitz zeigte ihn ihr deutlich im Vorübergehen, und sie erkannte ihn schlagartig. Lord John Grey, der in Hemdsärmeln und ohne Kopfbedeckung vorbeieilte; sein blondes Haar, das nicht zusammengebunden war, wehte im Wind, und offensichtlich bemerkte er weder die Kälte noch den Regen. Er ging vorbei, ohne sie zu entdecken, und verschwand unter dem Überhang der Küchenveranda.
Sie erkannte, dass sie in Gefahr war, ausgesperrt zu werden, und rannte hinter ihm her. Er war gerade dabei, die Tür zu schließen, als sie mit der Schulter dagegenprallte. Sie platzte in die Küche und stand triefend da, während Lord John sie ungläubig anglotzte.
»Schöne Nacht für einen Spaziergang«, sagte sie, halb außer Atem. »Nicht wahr?« Sie strich sich das feuchte Haar zurück, glitt mit einem höflichen Nicken an ihm vorbei, hinaus und die Treppe hinauf. Ihre nackten Füße hinterließen feuchte, halbmondförmige Abdrücke auf dem dunklen, polierten Holz. Sie lauschte, doch sie hörte keine Schritte hinter sich, als sie an ihrem Zimmer angelangte.
Sie ließ Umhang und Nachthemd vor dem Feuer zum Trocknen liegen und stieg nackt ins Bett, nachdem sie sich Haare und Gesicht abgetrocknet hatte. Sie zitterte, doch das Gefühl der Baumwolllaken auf ihrer nackten Haut war wundervoll. Sie räkelte sich und wackelte mit den Zehen, dann drehte sie sich auf die Seite, rollte sich fest um ihren Schwerpunkt zusammen und ließ die beständige Wärme aus ihrem Inneren nach außen weichen, wo sie nach und nach ihre Haut erreichte und einen kleinen Kokon der Wärme um sie bildete.
Sie ließ die Szene auf dem Gartenweg noch einmal vor ihrem inneren Auge ablaufen, und ganz allmählich nahmen die verschwommenen Gedanken, die ihr im Kopf herumgerattert waren, eine rationale Gestalt an.
Lord John begegnete ihr stets aufmerksam und respektvoll – oft belustigt oder bewundernd –, doch irgendetwas fehlte. Sie war nicht in der Lage gewesen, es zu identifizieren – lange Zeit war es ihr nicht einmal aufgefallen –, doch jetzt wusste sie, was es war, ohne jeden Zweifel.
Wie die meisten auffallend schönen Frauen war auch sie an die offene Bewunderung der Männer gewöhnt, und auch Lord John brachte ihr diese entgegen. Doch unter der Bewunderung lag für gewöhnlich eine tiefere Aufmerksamkeit, subtiler als Blick oder Geste, eine Vibration wie der entfernte Klang einer Glocke, eine instinktive Bestätigung, dass man sie als Frau wahrnahm. Bei ihrer ersten Begegnung hatte sie geglaubt, dies bei Lord John zu spüren, doch bei den darauffolgenden Begegnungen war es fort gewesen, und sie war zu dem Schluss gekommen, dass sie es anfangs irrtümlich angenommen hatte.
Sie hätte es schon eher erraten können, dachte sie; sie hatte diese innere Gleichgültigkeit schon einmal erlebt, beim Zimmergenossen eines beiläufigen Freundes. Andererseits verbarg Lord John es sehr gut; sie wäre nie darauf gekommen, wäre sie ihm nicht zufällig im Hof begegnet. Nein, sie brachte ihn nicht zum Klingen. Doch als er aus dem Dienstbotenquartier gekommen war, da hatte er gedröhnt wie eine Alarmglocke.
Sie fragte sich kurz, ob ihr Vater es wusste, verwarf die Möglichkeit dann aber wieder. Nach seinen Erfahrungen im Gefängnis von Wentworth konnte er unmöglich solch liebevolle Hochachtung, wie er sie für Lord John empfand, für einen Mann mit dessen Vorlieben hegen.
Sie drehte sich auf den Rücken. Die glänzende Baumwolle des Lakens glitt liebkosend über die nackte Haut ihrer Brüste und Oberschenkel. Sie bemerkte das Gefühl unbewusst, und als sich ihre Brustwarze versteifte, hob sie automatisch die Hand, um ihre Brust zu umfassen, spürte in der Erinnerung Rogers große, warme Hand – und eine unvermittelte Welle des Verlangens. Dann fühlte sie in der Erinnerung den plötzlichen Griff groberer Hände, die sie kniffen und rieben, und das Verlangen verwandelte sich augenblicklich in ohnmächtige Wut. Sie warf sich auf den Bauch, die Arme unter den Brüsten gekreuzt und das Gesicht in ihrem Kissen vergraben, die Beine zusammengeklemmt und die Zähne in sinnloser Selbstverteidigung zusammengebissen.
Das Baby war ein großer, unbequemer Kloß; inzwischen war es unmöglich geworden, so zu liegen. Mit einem leisen, halb ausgesprochenen Fluch drehte sie sich um und wälzte sich aus dem Bett, fort von den verräterischen, verführerischen Laken.
Sie ging nackt durch das halbdunkle Zimmer, stellte sich erneut ans Fenster und blickte hinaus auf den niederprasselnden Regen. Ihr Haar hing ihr feucht über den Rücken, und Kälte kam durch das Glas und überzog die weiße Haut auf ihren Armen, Beinen und ihrem Bauch mit einer Gänsehaut. Sie machte weder Anstalten, sich zu bedecken, noch, zurück ins Bett zu gehen, sondern stand einfach nur da und blickte hinaus, eine Hand auf ihrem Kugelbauch, in dem es sanft zappelte.
Bald würde es zu spät sein. Schon als sie aufbrachen, hatte sie gewusst, dass es zu spät war – und ihre Mutter auch. Doch keine von ihnen hatte es der anderen eingestehen wollen; sie hatten beide so getan, als würde Roger rechtzeitig zurückkehren, als würde er mit ihr nach Hispaniola segeln, als würden sie den Rückweg durch die Steine finden – zusammen.
Sie legte ihre andere Hand auf das Glas; sogleich bildete sich ein Nebel aus Kondenswasser entlang der Umrisse ihrer Finger. Es war Anfang März; vielleicht blieben ihr noch drei Monate, vielleicht weniger. Die Reise zur Küste würde eine Woche dauern, vielleicht zwei. Doch kein Schiff würde im März die verräterischen Outer Banks riskieren. Anfang April, frühestens, bevor die Reise unternommen werden konnte. Wie lange bis zu den Westindischen Inseln? Zwei Wochen, drei?
Also Ende April. Und ein paar Tage, um ins Landesinnere zu gelangen, die Höhle zu finden; es würde langsam vorangehen, sich im achten Monat durch den Dschungel zu kämpfen. Und gefährlich sein, obwohl das eine relativ geringe Rolle spielte.
So könnte es geschehen, wenn Roger jetzt hier wäre. Doch das war er nicht. Vielleicht würde er auch nicht kommen, doch sie focht hart dagegen an, sich diese Möglichkeit auszumalen. Wenn sie nicht darüber nachdachte, auf wie viele Arten er sterben konnte, dann würde er auch nicht sterben; das war einer der Grundsätze ihres hartnäckigen Glaubens; die anderen lauteten, dass er noch nicht tot war und dass ihre Mutter zurückkommen würde, bevor das Kind geboren war. Was ihren Vater anging – wieder kochte ihre Wut hoch, wie immer, wenn sie an ihn dachte – ihn oder Bonnet –, also gab sie sich Mühe, so wenig wie möglich an sie zu denken.
Sie betete natürlich, so fest sie konnte, doch Beten und Warten war nicht ihre Sache; sie war zum Handeln geboren. Hätte sie doch nur mit ihnen gehen können, um Roger zu suchen!
Doch in dieser Hinsicht hatte sie keine Wahl gehabt. Sie biss die Zähne zusammen und breitete ihre Hand flach über ihren Bauch. Sie hatte in vielen Dingen keine Wahl gehabt. Doch sie hatte die eine Wahl getroffen – ihr Kind zu behalten –, und jetzt würde sie mit den Konsequenzen leben müssen.
Sie fing an zu zittern. Abrupt wandte sie sich vom Anblick des Sturms ab und ging zum Feuer. Eine kleine Flammenzunge spielte über die geschwärzte Rückseite eines rot knisternden Scheites, und das Herz der Holzkohlen glühte rot und weiß.
Sie sank auf den Teppich vor dem Kamin und schloss die Augen, als die Hitze des Feuers wohlige Wellen über ihre kalte Haut aussandte, liebkosend wie das Streicheln einer Hand. Diesmal unterdrückte sie jeden Gedanken an Bonnet, verweigerte ihm den Einlass in ihren Kopf und konzentrierte sich stattdessen mit aller Gewalt auf die wenigen kostbaren Erinnerungen, die sie an Roger hatte.