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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
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Jetzt klopfte Kurt.

— Ich schenk ihm ein Glas Gurken, sagte Nadjeshda Iwanowna. Oder ist das nicht gut genug?

— Das ist sehr gut, Nadjeshda Iwanowna, schenken Sie ihm ein Glas Gurken.

Ein guter Mann, Kurt, immer höflich, immer mit Vor- und Vatersnamen, Ira konnte von Glück reden, dass sie so einen gefunden hatte, dachte Nadjeshda Iwanowna, während sie sich aufrappelte, zwar gesessen hatte er auch im Lager, ein Ehemaliger war er, aber das hatte sie schon in Slawa gemerkt, dass die Ehemaligen anständig waren, anständiger als die Lagerverwaltung mitunter, das versoffene Pack, aber dass er’s mal so weit bringen würde, Professer war er, fuhr nach Berlin jeden Montag, mit einer Aktentasche, machte da irgendwas, sie wusste es nicht genau, aber von Staats wegen irgendwas, und Geld verdiente er, hatte Ira ein Auto gekauft, das glaubte ihr keiner in Slawa: Die Frau fuhr Auto, und der Mann ging zu Fuß, allerdings, wo war denn Ira?

— Wo ist denn Ira, fragte Nadjeshda Iwanowna.

Kurt schüttelte den Kopf.

— Kommt nicht mit, sagte er.

— Wie denn, kommt nicht mit? Zu Wilhelms Geburtstag?

Kurt zeigte mit dem Finger nach oben. Jetzt hörte Nadjeshda Iwanowna die Musik, die aus Iras Zimmer kam, die Musik kannte sie, Ira hörte sie in letzter Zeit öfter, es war russische Musik, ein russischer Sänger, der um sein Leben brüllte, aber nicht die Musik war es, was Nadjeshda Iwanowna beunruhigte.

— Geht’s ihr nicht gut, fragte Nadjeshda Iwanowna.

— Geht ihr nicht gut, sagte Kurt.

— Wegen Sascha, fragte Nadjeshda Iwanowna.

— Wegen Sascha, sagte Kurt.

War trotzdem kein Grund zum Trinken, fand Nadjeshda Iwanowna. Gehörte sich einfach nicht für eine Frau, wo gab es denn so was, die Frau trinkt, und der Mann ist nüchtern, man schämte sich wirklich, rauchen rauchte sie auch, das war alles nicht richtig, sich betrinken zu Wilhelms Geburtstag, als ob Sascha zurückkäme, wenn sie sich da oben betrank.

— Haken Sie sich bei mir unter, Nadjeshda Iwanowna, sonst stürzen Sie noch.

Sie hakte sich bei Kurt unter, stieg Stufe für Stufe die Treppe vorm Haus hinab. Das Unkraut zwischen den Gehwegplatten hätte man jäten müssen, dachte sie, während sie zum Gartentor schritten, aber das war nicht ihre Sache.

— Hauptsache, es geht ihm gut dort, sagte Nadjeshda Iwanowna.

— Ja, sagte Kurt, das ist die Hauptsache.

Charlotte und Wilhelm wohnten in derselben Straße, nicht sehr weit, aber doch auch nicht nah für kaputte Füße. Zum Glück waren die Bürgersteige in Deutschland gepflastert. Kurt hatte das Gurkenglas an sich genommen, sie gingen eingehakt, kleine Schritte. Vielleicht war er einfach nicht streng genug mit Irina, dachte Nadjeshda Iwanowna. Von ihr ließ sie sich ja überhaupt nichts mehr sagen, alles wusste sie besser, ob’s um die Gurken ging oder um den Teig für Pelmeni, da gehörten nun mal keine Eier rein, oder versuch mal, ihr zu sagen, sie soll weniger trinken, ein Donnerwetter gab’s da, was mischst du dich in mein Leben ein, wir sind hier nicht hinterm Ural, dabei, entschuldige, waren sie ja hinterm Ural, weit hinterm Ural, da kannst du nur Tür zu und Ruhe. Wahrscheinlich kam’s daher, weil sie keinen Vater gehabt hatte, Großmutter Marfa hatte sie natürlich verwöhnt, zuerst hieß es: Schande, Schande, ein Kind von dem Schwarzen, der Schwarze hatte sie immer gesagt, der «Zigan», dabei war er überhaupt kein Zigan, Händler war er gewesen, Petroleum hatten sie bei ihm gekauft, ein guter Mann war’s, Pjotr Ignatjewitsch, kein Trinker, nicht wie die Mushiks in Gríschkin Nagár, ein Herr war’s, beinahe, mit seinem Mantel und seinen Manieren, drei Pferde vor seinem Wagen, so viel gab es im ganzen Dorf nicht, und wenn es auch Sünde gewesen war, und sie bat Gott um Vergebung, aber insgeheim fühlte sie sich unschuldig, denn wäre nicht Mutter Marfa davor gewesen, dann hätten sie sich vor Gott und der Kirche getraut, er hatte es ihr versprochen, auf Ehrenwort.

— Er wollte mich ja heiraten, sagte Nadjeshda Iwanowna.

— Wer, fragte Kurt.

— Na, Pjotr Ignatjewitsch, sagte Nadjeshda Iwanowna.

— Aha, sagte Kurt, gewiss.

Aber sie spürte, dass er ihr nicht so recht glaubte.

— Er hätte mich geheiratet, wiederholte sie, wenn nicht Marfa davor gewesen wäre, und dann sind wir ja weggegangen aus Gríschkin Nagár, später, als Ira schon groß war, nach Slawa.

— In welchem Jahr war denn das, fragte Kurt.

— Als die Sowjetischen kamen.

— Als die Sowjetischen kamen, Nadjeshda Iwanowna, da waren Sie gerade zehn.

— Nein, nein, korrigierte ihn Nadjeshda Iwanowna, ich weiß es ja noch, das war, als der Vetter die Kühe geschlachtet hat, weil es hieß, wer mehr als drei Kühe hat, wird entkulakisiert, und dann haben sie ihn trotzdem entkulakisiert, weil er die Kühe geschlachtet hat.

— Sie meinen, sie haben ihn erschossen.

— Werden ihn wohl erschossen haben, ist lange her.

— Und da sind Sie nach Slawa.

— Nu ja, erst wollte Marfa nicht hin, nach Slawa, da war’n ja die Sowjetischen.

— Aber in Gríschkin Nagár waren doch auch die Sowjetischen, haben Sie gerade erzählt.

— Ja, aber in Gríschkin Nagár, verstehst du, da war ja nicht viel mit sowjetisch, sechs Häuser, nicht mal ’ne Kirche zum Abreißen. In Slawa reißen sie Kirchen ab, hieß es. Da machen sie elektrischen Strom. Damit wollte sie nix zu tun haben, meine Mutter. Die war ja gegen den Fortschritt. Ich war ja nicht gegen den Fortschritt. Dass sie Kirchen abgerissen haben, das war eine Schande. Aber elektrischer Strom, warum nicht? Und Schule, hieß es, machen sie in der Stadt, da sind wir dann in die Stadt gezogen, hauptsächlich auch wegen Irina.

— In welche Stadt denn, fragte Kurt.

— Wie denn, in welche Stadt?

— Sie sagten, Sie sind in die Stadt gezogen.

— Ja, das weißt du doch, sagte Nadjeshda Iwanowna.

— Also meinen Sie Slawa.

— Ja, klar, Slawa. Wohin denn sonst?

— Natürlich, sagte Kurt, wohin denn sonst.

Sie wechselten die Straßenseite. Die Sonne schien durch die schütteren Baumkronen, wärmte durch die Kleidung hindurch, bis in die Knochen. Nadjeshda Iwanowna genoss es, an Kurts Seite zu gehen, so eingehakt, fast schmeichelte es ihr, sogar ihre Füße hatte sie beim vielen Reden vergessen. Vielleicht, dass sie doch noch einmal zur Kirche ging, also zur orthodoxen, ein Stück konnte man mit der Straßenbahn fahren, und eine Kerze stiften für Sascha, auch wenn er nicht daran glaubte, vielleicht half es ja trotzdem, dass er endlich zur Ruhe kam, der Junge, oder sie gab mal was für die Kollekte, wenn’s daran lag, Geld hatte sie schließlich.

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