In Zeiten des abnehmenden Lichts
- Автор: Ruge Eugen
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Год: Rowohlt
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:
— Als ich so alt war wie du, begann Charlotte und wollte Alexander von dem kratzenden weißen Wollkleid erzählen, das sie stets hatte tragen müssen, wenn ihre Mutter sonntags mit ihr in den Tiergarten ging, aber in diesem Augenblick ging der Motor los, und das ganze Gefährt rasselte wie eine Kaffeemühle.
Irina hielt am Fuchsbau. Das Haus war von Baugerüsten umstellt. Auch für die Sanierung des Hauses hatte Kurt sich bei Charlotte eine größere Summe geliehen.
— Dann ist das Auto also eigentlich mehr für Irina, erkundigte sich Charlotte, nachdem Irina und Alexander ausgestiegen waren.
— Mutti, ich kann nicht Auto fahren, du weißt doch, dass ich bloß auf einem Auge sehe.
Charlotte schwieg. In der Tat, daran hatte sie nicht gedacht. Andererseits: Wozu brauchte Irina ein Auto?
— Außerdem zahl ich dir das Geld ja zurück, sagte Kurt. Ich zahl dir monatlich zweihundert Mark, und wenn ich die Gehaltserhöhung bekomme, dreihundert.
— Darauf läuft es hinaus, sagte Charlotte und verkniff sich, ja, sie verkniff sich, hinzuzusetzen: Du zahlst und Irina fährt.
Trotzdem sagte Kurt:
— Mutti, ich weiß nicht, warum du so feindselig bist.
— Ich bin nicht feindselig.
— Ich finde, sagte Kurt, wir sollten die Tatsache, dass wir jetzt getrennt wohnen, zum Anlass nehmen, ein neues Kapitel in unseren Beziehungen aufzuschlagen.
— Das finde ich auch, sagte Charlotte.
Sie mochte das Thema nicht ausdehnen. Es schmerzte sie, dass Kurt in dieser Sache so ungerecht war. Als ob es an ihr läge! Sie bemühte sich schon seit geraumer Zeit um die Verbesserung der Beziehungen, und es kränkte sie, dass Kurt dies nicht einmal bemerkte. Nie erlaubte sie sich ein kritisches Wort über Irina: über ihre Allüren, ihre Verschwendungssucht, im Gegenteil, sie gab noch Geld für Irinas Hausbauprojekt, obwohl sie es, wenn sie ehrlich war, in jeder Beziehung maßlos fand. Jetzt brauchte Irina noch ein Auto … Aber Leistung gleich null. Kurt ackerte, Kurt hatte promoviert, hatte sein erstes Buch geschrieben, ein großartiges Buch — während Irina noch immer nicht ihre Ausbildung als Dokumentaristin beendet hatte. Wie auch, wenn sie nicht einmal richtig Deutsch sprach.
Das alles sagte Charlotte nicht. Stattdessen fragte sie:
— Hast du eigentlich schon das ND gelesen?
— Ja, sagte Kurt, ich habe deinen Artikel gelesen.
Dann stiegen Irina und Alexander wieder ins Auto, Alexander im Pulli, und Charlotte versuchte es noch einmaclass="underline"
— Als ich so alt war wie du …
Und wieder ging die Kaffeemühle los, ein Kuriosum, dieses Auto, in dem man sich nicht einmal unterhalten konnte. Auf dem Rücksitz wurde man hin und her geworfen. Zudem fuhr Irina beängstigend schnell, donnerte über die Kreuzungen, ohne nach links oder rechts zu schauen.
— Muss man nicht Vorfahrt beachten, fragte Charlotte höflich.
Niemand antwortete, vielleicht wussten sie nicht, an wen von beiden die Frage gerichtet war, oder sie hatten die Frage überhört bei dem Lärm. Charlotte ließ es dabei bewenden.
Sie fuhren zum Park Sanssouci, dann hieß es aussteigen. Aber Alexander sagte:
— Ich will aber noch Auto fahren!
— Nachher fahren wir ja wieder zurück, sagte Kurt.
Doch das Kind war nicht umzustimmen: Auto fahren!
Irina sagte:
— Na, dann farren wir nach Cecilienhof.
— Das ist zu kurz, entschied Alexander. Ihr habt gesagt Autotour!
Unglaublich, was hier vorging. Tatsächlich wurde in Erwägung gezogen, die Tour bis Bornim oder Neufahrland auszudehnen. Am Ende einigte man sich doch auf Cecilienhof, allerdings mit Umwegen. Alexander war zufrieden.
— Unser Auto hat einen Reservetank, teilte er mit.
Charlotte nickte.
Endlich Cecilienhof. Einparkmanöver — als handle es sich um ein Schiff. Kurt half ihr heraus, die reinste Kletterpartie, dann fragte er:
— Und? Wie findest du unser Auto?
— Großartig, sagte Charlotte.
Alexander wischte mit dem Ärmel einen Vogeldreck von der Karosserie. Charlotte enthielt sich jeder Bemerkung. Mehrmals drehte Alexander sich noch nach dem Auto um, und Charlotte wartete, bis sie außer Reichweite waren.
— Als ich so alt war wie du, begann sie zum dritten Mal, da musste ich jeden Sonntag mit meiner Mutter in den Tiergarten gehen, weil meine Mutter den Spleen hatte, dem Kaiser, der dort manchmal spazieren ging, ihre Aufwartung zu machen.
Alexander bekam große Augen.
— Dem Kaiser?
— Genau, sagte Charlotte, Kaiser Wilhelm. Und dann warteten wir manchmal stundenlang, kommt heute der Kaiser, kommt er nicht, und immer musste ich ein weißes Wollkleid tragen, das fürchterlich kratzte. Ein richtiges Kratzekleid, sagte Charlotte — und prüfte die Wirkung ihrer Worte in Alexanders Gesicht.
Es gab keine. Stattdessen fragte Alexander:
— Und kam dann der Kaiser?
Irina sagte:
— Jetzt hör auf, Mutti. Wenn dir etwas Schlechtes im Leben passiert, musst du nicht wünschen, dass es anderen auch passiert.
— Und kam dann der Kaiser, wollte Alexander wissen.
— Ja, sagte Charlotte, dann kam der Kaiser. Und ich habe ihn gehasst.
An der Badestelle am Ende des Heiligen Sees gingen Irina und Alexander Schwäne füttern, Charlotte setzte sich mit Kurt auf eine Bank. Es ging ein angenehmer, leichter Wind. Man hörte das Schilf rascheln.
— Nun, wie fandest du meinen Artikel, fragte Charlotte und setzte hinzu: Aber sei nicht so streng mit mir!
Sie merkte, dass Kurt herumdruckste.
— Na los, heraus mit der Sprache. Du fandest ihn also nicht gut?
— Ich verstehe dich nicht, sagte Kurt. Wieso du dich an so was beteiligst.
— Wieso denn beteiligst? An was denn?
Kurt schaute sie an. Auf einmal sah sie, dass er sie nur mit einem Auge ansah, und für einen Moment empfand sie so etwas wie Schuld — als sei sie, als Mutter, verantwortlich dafür.
— Mutti, hier geht es doch um eine politische Kampagne, sagte Kurt. Hier versuchen Leute, einen härteren Kurs durchzusetzen.
— Aber das Buch ist schlecht, wandte Charlotte ein.
— Dann lies es nicht.
Kurt plötzlich ungewohnt schroff.
— Nein, Kurt, so geht das nicht, sagte Charlotte. Auch ich habe das Recht, meine Meinung zu schreiben. Auch ich habe das Recht, ein Buch schlecht und schädlich zu finden, und ich finde es schlecht und schädlich, und dabei bleibe ich.
— Es geht nicht um dieses Buch.
— Mir geht es um dieses Buch.
— Nein, sagte Kurt. Es geht hier um Richtungskämpfe. Es geht hier um Reform oder Stillstand. Demokratisierung oder Rückkehr zum Stalinismus.
Charlotte griff sich entnervt an die Schläfen.
— Stalinismus … Auf einmal reden alle von Stalinismus!
— Ich verstehe dich nicht, sagte Kurt, und obwohl er gedämpft sprach, klang seine Stimme scharf, und er betonte jedes Wort, als er sagte: Dein Sohn ist in Workuta ermordet worden.
Charlotte sprang auf, bedeutete Kurt mit der Hand, zu schweigen.
— Ich möchte nicht, dass du so etwas sagst, Kurt, ich möchte nicht, dass du so etwas sagst!
Alexander kam gelaufen und teilte mit, dass die Möwen den Schwänen das Futter stahlen. — Und weg war er.
Kurt schwieg, Charlotte schwieg ebenfalls.
Am Ufer hörte man das Schilf rauschen.
Das Erste, was sie im Hause wahrnahm, war die stickige Luft, die sich wie ein alter Lappen auf ihre Lungen legte. Den Grund dafür erkannte sie, als sie die Treppe zum Badezimmer hinaufstieg: Mählich und Schlinger, jeder einen Pinsel in der Hand, machten sich im oberen Flur an einem großen Plakat zu schaffen und hatten — offenbar um beim Malen eine glatte Unterlage zu haben — den langen Läufer zusammengerollt. Die Luft war von Staub erfüllt.