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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
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Jetzt klopfte es an der Tür, Kurt war’s, ob sie denn mitkam nachher, zu Wilhelms Geburtstag. Herrje, heute morgen hatte sie noch dran gedacht, aber dann hatte der alte Kopf es vergessen, aber zugeben wollte sie’s nicht.

— Natürlich komm ich mit, sagte sie. Wie denn anders.

Nur der Blumenladen am Friedhof hatte längst zu, äch ty, rastjopa, was nun, eine Schachtel Pralinen hatte sie noch, hoffentlich nicht von Charlotte und Wilhelm, die schenkten ihr immer Pralinen, obwohl sie gar keine aß, aber schaden tat’s nix, hatte sie was anzubieten, wenn Sascha mit seiner Freundin kam, Kalinka oder wie, seine Neue, ob die mit nach Amerika war oder in Deutschland geblieben? Schlecht war sie nicht gewesen, die Arme ein bisschen zu dürr, zum Arbeiten taugte sie nicht, aber arbeiten arbeitete sie auch nicht, sondern war Schauspielerin, Dünne brauchte man schließlich auch im Film, oder sie schenkte Wilhelm die Gurken, gute Gurken, uralische Art, mit Knoblauch und Dill, Sascha war immer ganz wild gewesen auf ihre Gurken, allerdings, ob’s zum Geburtstag das Richtige war, sie würde Kurt fragen, immerhin neunzig, das war schon was, und dabei sah er noch gut aus, Wilhelm, beinahe wie achtzig, und immer im Anzug, wie ein Minister sah er aus und sprach auch so, mit Bedeutung, merkte man gleich, dass er rumgekommen war in der Welt, mit dem Schiff waren sie über das Meer, Gott bewahre, einmal hatte sie es gesehen, das Meer, bis zum Himmel nur Wasser, das glaubte ihr keiner in Slawa, und ganz oben, ganz auf dem Rand, krochen winzige Schiffe entlang wie auf dem Dachfirst, schreckliche Vorstellung, da war ihr die Eisenbahn lieber, wenigstens war man auf Gottes Erde, und wenn’s erst mal fuhr, dann war es gar nicht so schlimm, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hatte, sogar schlafen schlief sie am Ende und wachte dann auf und war plötzlich in Deutschland und wusste nicht mal, wie weit es eigentlich war, Sascha hatte es ihr einmal zeigen wollen auf einer Karte, als ob man’s ersehen konnte auf einer Karte, wie weit es war, von Tartársk, beispielsweise, bis nach Gríschkin Nagár, das war auf der Karte vier Finger breit, aber in Wirklichkeit waren es vier Jahre, die sie gegangen waren, oder länger, sie wusste es gar nicht mehr, eine Ewigkeit waren sie gegangen, seit sie denken konnte, ein einziges Gehen. An Tartársk erinnerte sie sich, ehrlich gesagt, gar nicht mehr, wo sie geboren war, der Vater, der nicht vom Flößen zurückgekehrt war, hatte Mutter Marfa gesagt, später hieß es dann plötzlich, er sei im Krieg gefallen, eine einzige Dunkelheit, aus der man kam, und das Erste, was sichtbar wurde, wenn sie zurückdachte, das war der Weg, ein schwaches, ein wackliges Bild: der Weg, der kein Ende nahm, und wenn sie nach unten schaute, sah sie die eigenen, dreckigen Füße, das war das Erste, woran sie sich erinnerte, und an den ewigen Durst und dass die Hand rot war von Blut, wenn man sich an die Stirn schlug, vor lauter Mücken.

Sie zog das Kleid über, das Gute, lila mit Goldfaden, auch ein bisschen, nun ja, übertrieben in ihrem Alter, in Slawa konnte man so was nicht anziehen, aber hier trugen die Leute ja alles Mögliche, sogar die Alten, wenn sie beim Tanz gewesen war im Klub der Volkso-Dali-Rität, einmal im Jahr, Eintritt frei, da war sie gern hingegangen, als die Füße noch gingen, auch wenn sie die Tänze nicht kannte, die vorgeschriebenen, hatte einfach getanzt wie zu Hause, uralisch, Likörchen dazu, und dann tanzten sie auf einmal alle uralisch, mehr oder weniger, jetzt musste sie nur noch in ihre Schuhe reinkommen, gute Schuhe, hatte Ira ihr besorgt, aber bezahlt hat’s der Staat, das glaubte ihr auch keiner in Slawa, solche Schuhe, gute, lederne Schuhe, als Kind hatte sie immer Ausschau gehalten nach solchen Schuhen, wenn sie in irgendein Dorf kamen und sie vor der Kirche saß, gehasst hatte sie das, die beiden Großen durften sich Arbeit suchen im Dorf, und sie, die Kleinste, musste die Hand aufhalten, den ganzen Tag lang, Kopf runter, Hand hoch, aber wenn keine Schuhe in Sicht waren, konnte man die Hand auch mal runternehmen, das hatte sie rasch kapiert, Fußlappen brachten nix, Bastschuhe hin und wieder, aber sobald irgendwo Schuhe auftauchten, da hieß es Achtung, richtige, lederne Schuhe, so wie die, die sie trug, ottopädische hießen sie, so was kannten die gar nicht in Slawa, mit zwölf Löchern auf jeder Seite, eigentlich schade, dass sie nun doch nicht nach Slawa fuhr, Nina hatte sie eingeladen, sogar ein Visum war da, aber was soll man machen, wo sie nicht einmal mehr bis zur Kirche kam mit diesen Füßen, da halfen auch ihre Ottopädischen nix, waren einfach hinüber, die Füße, waren genug umhergegangen auf dieser Welt, bis Gríschkin Nagár, von Tartársk her, vier Jahre lang oder wie viel, nur gegangen, gegangen, jeden Sommer, von der Schneeschmelze an, bis in die Erntezeit, und dann gib Gott, dass der Kulak sich erbarm, und sei’s nur ein Plätzchen im Stall, wo man den Winter verbrachte.

Zum Rein-in-die-Schuhe musste sie die Schnürsenkel immer fast ganz ausfädeln, jetzt knöperte sie sich durch zwölf Löcher wieder hinauf, band eine Schleife, und noch einen Knoten über die Schleife, zur Sicherheit, dann war es geschafft. Sie bürstete sich die Haare, wobei sie nicht extra ins Bad ging, für ihre Zotteln genügte der Fernsehschirm, fand Nadjeshda Iwanowna, umso besser, wenn man sich nicht so genau sah, dann zog sie den Sommermantel über, draußen war es noch warm, nahm statt der Handtasche, die sie bei solchen Gelegenheiten mit sich herumtrug — warum eigentlich, den Schlüssel hatte sie sowieso an einer Kette um den Hals, und ihr Portemonnaie versteckte sie in einer extra eingenähten Rocktasche — , nahm also statt der Handtasche das Glas Gurken, das seit heute morgen auf ihrem Tisch stand, setzte sich wieder aufs Bett und wartete, bis Kurt sie abholte. Es machte ihr nichts aus zu warten, wenn man wusste, worauf man wartet, im Gegenteil, dann wartete sie sogar gern. Ihr fiel ein, dass sie noch nichts gegessen hatte, das Käsebrot, das Ira ihr hingeknallt hatte, lag noch immer unangebissen auf dem Tisch, aber sie beschloss, es nicht anzurühren, sie war ja kein Hund, schließlich, also blieb sie sitzen, das Glas Gurken im Schoß, und wartete, dachte an nichts, jedenfalls an nichts Bestimmtes, nur dass es seltsam war, an was sie heut dachte, das dachte sie, wie sie als Kind vor der Kirche saß und nach Schuhen schaute, lange hatte sie nicht mehr daran gedacht, aber wo das gewesen war, keine Ahnung, das Dorf, die Gesichter, nichts mehr von alldem, vergessen, wie den Anfang des Buches, das Krieg und Frieden hieß, nur an den Tag, wo sie Ljuba fanden, daran erinnerte sie sich natürlich, wie sie im Schnee lag, dass man glauben konnte, es sei ein gefrorener Lumpen. Dass sie einen der Männer mit einer Axt bedroht hatte, so hieß es. Und dann mussten sie ziehen, die «Unruhestifter», mitten im Winter, immerhin gab ihnen der Kulak noch ein viertel Pud Brot, das wusste sie noch, und wie die Leute hinter den Fenstern standen und schauten, und dann — wusste sie nicht mehr. Keine Ahnung. Irgendwie kamen sie durch. Irgendwo kamen sie unter. Irgendwann — war es in diesem Sommer, war es im nächsten? — erreichten sie Gríschkin Nagár, noch zu dritt: Mutter Marfa, Vera, Nadjeshda.

An Vera erinnerte sie sich noch gut. Ljubow war die Schönste gewesen, hatte Mutter Marfa immer gesagt, aber Vera die Sanfteste, und so hatte Nadjeshda Iwanowna sie auch in Erinnerung, gottesfürchtig und still, und noch heute fragte sie sich, wieso ausgerechnet Vera so ein grausames Ende gefunden hatte. Einen einzigen Winter hatte sie in Gríschkin Nagár noch erlebt. Das erste Mal, dass sie ein eigenes Zuhause gehabt hatten, der Vetter hatte ihnen die Kate überlassen, schön die Ritzen mit Moos ausgestopft, der Ofen reichte zum Schlafen gerade für drei, abends brannte der Kienspan, es roch nach Harz, während man zusammen am Tisch saß und vor sich hin werkelte. Der Samowar summte. Draußen heulte der Wind, oder, wenn es ganz still war, dann heulten die Wölfe, weit entfernt, so schien es, aber wenn der Winter lange genug gedauert hatte, dann kamen sie, schlichen zwischen den Häusern von Gríschkin Nagár umher, und wenn man am Morgen die Tür aufmachte, fand man im Schnee ihre Spuren. Im Sommer waren sie feige, da wurde man eher von den Mücken gefressen als von den Wölfen, halb tot musste man sein, ehe sie einen anfielen, sagten die Männer, wahrscheinlich war sie schon halb verrückt gewesen vor Durst, wer weiß, wie lange sie schon herumgeirrt war, wer sich verlief, lief im Kreis, so hieß es, gefunden hatte man sie in einer Entfernung von zwölf oder fünfzehn Werst, zwei Jahre später, den Zinkeimer brachte man, mit dem sie zum Beerensammeln gegangen war, und in dem Eimer, frag lieber nicht, noch heute bekam sie Gänsehaut, wenn sie dran dachte, was von ihr übrig geblieben war, Hörnlein und Hufen, nun weißt du, warum, zweimal drehst du dich, zweimal streckst du dich nach den Beeren, schon hast du die Richtung verloren, groß ist die Taiga, und schnell verliert man die Richtung, und dann merk es dir wohl, was übrig geblieben ist von dem Zicklein, nur Hörnlein und Hufen, vergeblich gerufen, nur Hörnlein … Egal, wird’s vergessen haben, der Junge, wozu auch, in Deutschland gab’s keine Wölfe, alles geordnet in Deutschland, sogar der Wald, und wer weiß, ob es in Amerika überhaupt Wald gab.

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