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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
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Anstatt in der Statue die Dialektik von Leben und Tod zu erkennen, anstatt sie als Ausdruck einer großen Idee und als Hervorbringung eines heroischen Volkes zu würdigen, erblickte der Ich-Erzähler in ihr eines der «kühnsten und kältesten Monumente der Vergeblichkeit», ein «reines Bekenntnis zur Hässlichkeit der Existenz», woraus er den Schluss zog, dass es am besten sei, allein in den Dschungel zu gehen — und darin zu verschwinden.

Nein, dieses Buch, las Charlotte und fand sich mit jedem Wort, jeder Silbe im Recht, dieses Buch eignet sich nicht, um die Jugend zu einer weltzugewandten, humanistischen Haltung zu erziehen. Es eignet sich nicht, um die Menschen gegen das drohende atomare Inferno zu mobilisieren. Es eignet sich nicht, um den Glauben an den Fortschritt der Menschheit und an den Sieg des Sozialismus zu fördern, und deswegen gehört es nicht in die Regale der Buchläden unserer Republik.

Punkt.

Der Muckefuck war ausgetrunken, der Toast gegessen. Übrig blieb ein komisches Ziehen im Bauch: Irgendwo in ihren Unterlagen lungerte noch eine Abbildung der Coatlicue, ausgeschnitten aus dem Siempre. Oder war sie von Adrian?

Die Versuchung, die Wirkung von Coatlicue zu prüfen — fast zehn Jahre danach.

In der oberen Etage begann es zu rumoren: Acht Uhr, Wilhelm stand auf. Das Badewasser rauschte. Tatsächlich pflegte Wilhelm schon morgens zu baden und, während er in der Wanne saß, eine Viertelstunde täglich Höhensonne zu nehmen. Charlotte brachte die Zeitung zurück in den Briefkasten — ein bisschen albern, gewiss, aber der Stolz auf ihren Artikel war ihr peinlich, und sie wollte, dass Wilhelm die Zeitung vorfand wie immer und den Artikel selbst entdeckte.

Viertel nach acht standen die Haferflocken bereit. Wilhelm kam die Treppe herunter, in bester Laune, sie erkannte es am Schritt, und bereits in Krawatte und Anzug (einen Anzug trug er sogar unterm Blaumann). Er marschierte schnurstracks zum Briefkasten, holte sein ND, überflog, wie gewöhnlich, die erste Seite, um sie, während er seinen Haferflockenbrei löffelte, zu kommentieren. Sein heutiger Kommentar:

— Ein Affentheater mit Westberlin. Dann muss man die Staatsgrenze eben abriegeln!

Dummes Zeug natürlich, aber Charlotte hatte nicht vor zu streiten. Sie schwieg, löffelte ihre Haferflocken. Wilhelm verstand nicht die Bohne von Außenpolitik. Viermächtestatus, Potsdamer Abkommen: Böhmische Dörfer für ihn, dachte Charlotte. Sagte aber:

— Der Hausmeister ist auch weg.

— Der Wollmann?

— Genau, der Wollmann, sagte Charlotte.

— Zum Teufel mit Wollmann, sagte Wilhelm. Aber die jungen Leute! Verstehst du: Studieren auf unsere Kosten, und dann hauen sie ab. Da muss man den Riegel vorschieben!

Charlotte nickte und räumte die Teller ab.

Nach dem Frühstück ging Wilhelm ND lesen. Er tat dies am Schreibtisch. Noch immer, wie damals in Mexiko, las er jeden Artikel.

Charlotte widmete sich inzwischen ihren häuslichen Pflichten, wartete aber in Wirklichkeit darauf, dass Wilhelm ihren Artikel entdeckte. Sie fing an, die Küche aufzuräumen, beschloss dann, dies Lisbeth zu überlassen; streunte durchs Haus, überlegte, was man mit den frei gewordenen Zimmern von Kurt und Irina anfangen könnte; war erneut gekränkt beim Anblick der Möbel, die sie, Charlotte, für Kurt und Irina gekauft hatte, als diese aus der Sowjetunion heimgekommen waren, und die Irina nun bei ihrem Auszug demonstrativ hatte stehenlassen — und war plötzlich wieder bei Zenk. Genauer gesagt, sie dachte darüber nach, wie sie das Problem Zenk bei Hager vorbringen könnte, falls Hager in den nächsten Tagen anrief, oder, noch genauer, wie sie, ohne es direkt auszusprechen, klarmachen könnte, dass sie sich selbst, offen gestanden, für einen geeigneteren Prorektor hielt.

Als sie wieder nach unten kam, war Wilhelm bereits im Haus unterwegs.

— Bist du schon fertig mit dem ND, fragte Charlotte scheinheilig.

— Ja, sagte Wilhelm, kann das mit zur Tombola?

Er hielt eine Tischdecke hoch: in den mexikanischen Farben, handgewebt, mit Schlangen- und Adlermotiv.

— Nein, Wilhelm, die geht auf keinen Fall mit zur Tombola.

Hatte er den Artikel nicht gelesen? Oder hatte er bloß ihren Namen übersehen?

Um zehn kam Lisbeth. Wie immer pflegte Lisbeth alle Fragen, auch die bereits geklärten, fünfmal zu stellen … Nein, Lisbeth, es wird nicht staubgesaugt, wenn ich im Haus bin … Ja, heute Wäsche … Ja, Mittagessen um eins.

— Liest du eigentlich ND, Lisbeth?

— Ich hab ja schon die Märkische Volksstimme.

— Ach was, Märkische Volksstimme.

Aber Lisbeth war sowieso zu tumb. Sollte sie ruhig die Märkische Volksstimme lesen.

Dann wieder Wilhelm, den weißen Porzellanadler in der Hand, den der Vorbesitzer des Hauses bei seiner Flucht hinterlassen hatte.

Charlotte verdrehte die Augen:

— Wer soll denn das kaufen?

— Nicht kaufen! Weißt du nicht, was eine Tombola ist?

Lisbeth fragte:

— Frau Powileit, soll ick Kartoffelbrei machen oder Kartoffelmus?

Charlotte zählte bis fünf, um Lisbeth nicht anzuschreien, dann sagte sie:

— Das ist mir schnurzpiepegal, Lisbeth.

Um drei Uhr klingelte Kurt, pünktlich wie immer. Charlotte hatte nach dem Mittag geschlafen, hatte das graue Kostüm angelegt und, zur Feier des Tages, einen dezenten mexikanischen Halsschmuck.

Alexander wartete am Auto, Irina ebenfalls — geschminkt wie ein Papagei, aber das war natürlich ihre Sache.

— Mein Schatz, sagte sie zu Irina. Mein Spätzchen, zu Alexander. Zu Kurt sagte sie: Kurt.

Das Auto war blau, winzig klein: ein Trabant. Man bestaunte es zunächst von allen Seiten. Auch Wilhelm kam jetzt heraus.

— Kein Wort zu Wilhelm, raunte Charlotte Kurt zu.

Selbstverständlich wusste Wilhelm nichts davon, dass sie Kurt fünftausend Mark für das Auto geliehen hatte. Zu Wilhelm sagte sie:

— Nanu, willst du mitfahren?

— Ach was, sagte Wilhelm, für so was hab ich keine Zeit.

— Das Auto hat sowieso nur vier Plätze, sagte Kurt.

Alexander sagte:

— Mein Anzug kratzt.

Wilhelm klopfte gegen die Kunststoffkarosserie und erklärte:

— In Zukunft wird man alle Autos aus Plaste bauen.

— Und wie kommt man dahinten rein, wollte Charlotte wissen.

Das Auto besaß nur zwei Türen.

— Du kannst vorn sitzen, sagte Kurt.

Aber Charlotte wehrte ab (nicht zuletzt aus Sicherheitsbedenken, immerhin war Kurt Anfänger), und Kurt klappte einen Sitz um, sodass Charlotte — allerdings auf allen vieren — in den Fond des kleinen Gefährts kriechen konnte. Seltsame Idee, die Türen einzusparen.

Am meisten überraschte sie, dass Kurt auf dem Beifahrersitz Platz nahm, während Irina sich ans Steuer setzte.

— Wer fährt denn?

Beide drehten sich erstaunt um.

— Ich fahre, sagte Irina.

Genauer gesagt: Ich farre. Denn auch nach fünf Jahren in Deutschland sprach Irina noch gebrochen Deutsch. Ein Rätsel, wie sie die Fahrprüfung bestanden hatte.

— Mein Anzug kratzt, sagte Alexander.

Es war der Anzug, den Charlotte ihm zu Weihnachten geschenkt hatte.

— Wie kann denn der Anzug kratzen, wollte Charlotte wissen.

— Am Hals, sagte Alexander.

— Aber am Hals trägst du doch ein Hemd, wandte Charlotte ein.

— Kratzt aber trotzdem.

— Gut, sagte Irina, dann farren wir noch zu Hause vorbei, und du ziehst an was anderes.

Ein bisschen ärgerlich, dass das Kind dermaßen verhätschelt wurde. Ein intelligenter, aufgeschlossener Junge, aber so wie er erzogen wurde, war sein Unglück vorhersehbar.

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