In Zeiten des abnehmenden Lichts
- Автор: Ruge Eugen
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Год: Rowohlt
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:
— Was macht ihr denn da, fauchte Charlotte
— Wilhelm hat gesagt, begann Mählich …
— Wilhelm hat gesagt, Wilhelm hat gesagt, presste Charlotte heraus.
Im Bad nahm sie eine Prednisolon. Nach dem Duschen drückte sie sich ein feuchtes Handtuch vor den Mund, um über den Flur zu kommen. Inzwischen hatten die beiden Wilhelm zur Verstärkung geholt.
— Was ist denn los, wollte Wilhelm wissen.
Charlotte antwortete nicht, bahnte sich einen Weg durch den schmalen Flur, stieß versehentlich Schlinger an, der seinerseits aus dem Gleichgewicht geriet und auf das frischgemalte Plakat trampelte: direkt auf die — noch immer falsch geschriebene — revolution.
— Was ist denn in dich gefahren!
Charlotte ging weiter, ohne sich umzudrehen, stieg die Treppe hinab. Wilhelm hinterher, verstellte ihr den Weg zum Wintergarten.
— Kannst du mir mal erklären, was los ist?
— Wilhelm, sagte Charlotte so ruhig wie möglich. Es dürfte dir doch bekannt sein, dass ich unter einer Hausstauballergie leide.
— Wie bitte?
— Haus-staub-al-ler-gie, sagte Charlotte.
— Du immer mit deinem Zeug, sagte Wilhelm.
Charlotte schob die Flügel der Wintergartentür vor seiner Nase zusammen und schloss die Vorhänge.
Sie legte sich aufs Bett, hörte ihr Herz schlagen. Hörte ihren leicht rasselnden Atem. Auf der Zunge spürte sie noch den bitteren Abdruck der Prednisolon.
So lag sie eine Weile.
Der Zimmerspringbrunnen brummte.
Die Königin der Nacht fiel ihr ein. Die sie zum Blumenhändler zurückgebracht hatte, ohne sie blühen zu sehen.
Übrigens: In Mexiko hatte sie nie Asthma gehabt.
Nachts träumte sie wieder schlecht, konnte sich aber am Morgen nicht mehr daran erinnern. Wollte es auch nicht.
Den Sonntag verbrachte sie damit, Unkraut zu zupfen.
Am Montag hörte sie in den Nachrichten, dass eine von den Vereinigten Staaten ausgerüstete Invasionsarmee in Kuba gelandet war.
Am Mittwoch war die Invasionsarmee aufgerieben.
Der Genosse Hager rief nicht mehr an.
Wilhelms Tombola wurde ein großer Erfolg. Der Kreissekretär hielt eine Rede. Und der Vertreter der Nationalen Front verlieh Wilhelm die goldene Ehrennadel.
1. OKTOBER 1989
Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie so gesessen hatte, auf ihrem Bett, wo sie immer saß, die Beine über den Fesseln gekreuzt, die Hände im Schoß, als wären’s nicht ihre. Sie weinte nicht mehr. Ihre Tränen waren getrocknet, und die feinen Salzkrusten, die sie zurückgelassen hatten, kitzelten in ihrem Gesicht.
Draußen war es sehr hell, als sie aufsah, so hell, dass es wehtat. Die Birken leuchteten gelb, ein warmer Herbst dieses Jahr, gut für die Ernte, dachte Nadjeshda Iwanowna. In Slawa wurden jetzt die Kartoffeln gemacht, die ersten Feuer rauchten schon, das Kartoffelkraut brannte, und wenn erst mal das Kartoffelkraut brannte, dann war sie gekommen, unwiderruflich: die Zeit des abnehmenden Lichts.
Nadjeshda Iwanowna schnäuzte sich und nahm das Strickzeug zur Hand, das sie irgendwann heute morgen auf dem Kopfkissen abgelegt hatte, die Socken für Sascha, dann kriegte sie eben Kurt, eine Socke war schließlich schon fertig, bei der anderen arbeitete sie sich gerade an die Ferse heran, von Socken verstand sie was, hatte schon viele Socken gestrickt, die ersten so groß wie Eierwärmer, dreißig Jahre war das nun her, aber noch heute hatte sie den Geruch seiner Nackenhaare in der Nase, wenn sie daran dachte, wie er auf ihrem Schoß gesessen hatte, und sie hatten Maltschik-Paltschik gespielt, stundenlang, oder sie hatte ihm etwas vorgesungen, das Lied vom Zicklein, das nicht auf die Großmutter hören wollte, das wollte er immer hören, wieder und wieder, wird es vergessen haben, der Junge, obwohl er’s schon beinahe auswendig konnte mit seinen zwei Jahren, aber immer: Waruhum, waruhum, nur Hörnlein und Hufen, vergeblich gerufen, nur Hörnlein und Hufen, na, macht nichts, vielleicht schrieb er ja mal eine Postkarte, obwohl er wahrscheinlich Wichtigeres zu tun hatte dort, musste sich erst mal an alles gewöhnen, Amerika, sie kannte es ja aus dem Fernsehen, das andere Programm, zweimal schalten, sie guckte, ehrlich gesagt, meistens das andere Programm, Breschnew hatte sie genug geguckt, war irgendwie doch interessanter, Amerika, auch wenn man sich manchmal nicht hinzuschauen getraute, was die alles zeigten, wenn er sich bloß nicht versündigte, dachte Nadjeshda Iwanowna, oder war, was im Fernsehen kam, bloß Fernsehen, und am Ende war’s auch nicht viel anders als hier, man konnte ja rübergucken beinahe, oder war das noch Deutschland, was man da sah, übern See, oder war Deutschland Amerika, also ein Teil davon, also der Teil von Deutschland, der ein Teil von Amerika war, zum Verrücktwerden das Durcheinander, und wozu, wenn’s am Ende das Gleiche war, wie Ira behauptete, nur dass man dort alles kaufen konnte, hatte Ira gesagt, in dem anderen Deutschland, das Amerika war, aber verstehen verstand sie es nicht: An dem Platz, wo der O-Bus ankam, dort wo Sascha zur Schule gegangen war, da konnte man auch alles kaufen, nicht einmal rationiert, so viel du tragen kannst, Milch konntest du kaufen — in Tüten, das glaubte ihr keiner in Slawa, nur, ehrlich gesagt, ob’s an den Tüten lag oder weil sie staatlich waren, die Kühe, und mit der Maschine gemolken wurden, jedenfalls dick wurde sie nicht, die Milch, wenn man sie stehen ließ, verdarb einfach nur, die Milch von den staatlichen Kühen, war eben doch was anderes, die eigene Kuh im Stall, Dickmilch mit Zucker, das hatte er gern gemocht, Quark hatte man auch, und Butter hatte man, alles hatte man, was man brauchte.
Für die Ferse musste sie die Maschenzahl in drei Teile teilen, aber sie zählte nie nach, das machte sich irgendwie immer von selbst, dann die Maschen verschränken, und dann ging’s geradeaus, immer die Nadel lang, Kurt hatte die gleiche Größe, nur dass er die Socken nie trug, ehrlich gesagt, bedankte sich immer höflich, wenn sie ihm Socken schenkte, das ja, aber was soll man machen, die Hände wollten irgendwas tun, im Frühjahr war wieder der Garten dran, wenn sie’s erlebte, aber die Zeit bis dahin musste man ja auch irgendwie rumkriegen, immer nur fernsehen, man wurde ja dumm im Kopf, manchmal las sie das Buch, das Kurt ihr gegeben hatte, lesen konnte sie schließlich, hatte sich ja alphabetisiert, als sie nach Slawa kamen, wo die Sowjetischen waren, nur dass es zu dick war, das Buch, Krieg und Frieden, wenn man in der Mitte angekommen war, hatte man den Anfang schon wieder vergessen, über die Heumahd ging’s, daran erinnerte sie sich, schwere Arbeit, sie hatte genug Heu gemäht in ihrem Leben, nach Feierabend, wenn sie vom Sägewerk kam, im August war die Heumahd, im September kamen dann die Kartoffeln dran, so war das gewesen in Slawa. Jetzt hatte sie nur noch die Gurken, aber die machten sich praktisch von selbst, nur gießen musste man sie hin und wieder, Schlauch aufdrehen und fertig, so leicht war das Leben in Deutschland, das glaubte ihr keiner in Slawa, leicht war es, aber andererseits immer so vor sich hin, und Ira meckerte auch bloß, manchmal fragte man sich, ob es ein Fehler gewesen war, das Haus aufzugeben in Slawa, aber was soll man machen, die alten Knochen, wenn man nicht einmal mehr die Leiter hochkommt zum Windbretterölen, nein, sie beklagte sich nicht, aber irgendwie reichte es langsam, immerhin achtundsiebzig war sie, ihre Schwestern hatten nicht mal die zwanzig erreicht, Ljuba und Vera, irgendwo lagen sie, zwischen Gríschkin Nagár und Tartársk, und sie saß hier noch immer, in diesem Deutschland, bekam sogar eine Pension, dreihundertdreißig im Monat, zuerst hatte sie noch für die Beerdigung gespart, hatte immer befürchtet, sie könnte sterben, bevor es für ihre Beerdigung reichte, und wer weiß, dann wurde sie womöglich verbrannt, so etwas taten die hier, aber inzwischen reichte es drei Mal, und sie war immer noch da, stopfte noch immer ihre Rente ins Kopfkissen, hundert hatte sie immer gleich Sascha gegeben, Ira nahm ja kein Geld, hatte es nicht nötig, verstehst du, hochmütig, wie sie nun einmal war, das ärgerte Nadjeshda Iwanowna.