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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Ich habe nie an dem Eifer des russischen Adels gezweifelt. Aber heute hat er meine Erwartungen übertroffen. Ich danke Ihnen im Namen des Vaterlandes. Meine Herren, lassen Sie uns handeln; die Zeit ist sehr kostbar …«

Der Kaiser schwieg; die Menge drängte sich um ihn herum, und von allen Seiten erschollen enthusiastische Ausrufe.

»Ja, sehr kostbar … Das ist ein Kaiserwort!« sagte schluchzend vom Hintergrund her die Stimme Ilja Andrejewitschs, der nichts ordentlich gehört, aber alles auf seine Art verstanden hatte.

Aus dem Saal des Adels begab sich der Kaiser in den Saal der Kaufleute. Er verweilte dort ungefähr zehn Minuten. Pierre mit einigen andern sah den Kaiser, als dieser aus dem Saal der Kaufmannschaft mit Tränen der Rührung in den Augen herauskam. Wie man nachher erfuhr, hatte der Kaiser seine Ansprache an die Kaufleute kaum begonnen gehabt, als ihm die Tränen aus den Augen gestürzt waren; mit zitternder Stimme hatte er dann zu Ende gesprochen. Als Pierre den Kaiser sah, trat dieser gerade, von zwei Kaufleuten begleitet, aus dem Saal. Den einen kannte Pierre: es war ein dicker Branntweinpächter; der andere war der Bürgermeister, mit magerem, gelblichem Gesicht und schmalem Bart. Beide weinten. Dem Mageren standen die Tränen nur in den Augen; aber der dicke Branntweinpächter schluchzte wie ein Kind und wiederholte fortwährend:

»Euer Majestät, nimm unser Leben und unser Vermögen!«

Pierre hatte in diesem Augenblick keine andere Empfindung als den Wunsch, zu zeigen, daß ihm kein Opfer zu groß und er bereit sei, alles hinzugeben. Er machte sich gewissermaßen Vorwürfe wegen seiner Rede mit der konstitutionellen Tendenz und suchte nach einer Gelegenheit, das wiedergutzumachen. Als er erfuhr, daß Graf Mamonow ein Regiment stelle, erklärte Besuchow dem Grafen Rastoptschin sofort, er werde tausend Mann geben und die Unterhaltungskosten tragen.

Der alte Rostow konnte seiner Frau das, was sich begeben hatte, nicht ohne Tränen erzählen, erklärte sofort seine Einwilligung zu Petjas Bitte und fuhr selbst hin, um dessen Einschreibung zu bewirken.

Am folgenden Tag reiste der Kaiser wieder ab. Alle die Adligen, die an der Versammlung teilgenommen hatten, zogen ihre Uniformen aus, machten es sich wieder bei sich zu Hause und in den Klubs bequem, gaben unter vielem Räuspern ihren Verwaltern die nötigen Anweisungen über die Landwehr und wunderten sich über das, was sie getan hatten.

Zehnter Teil

I

Napoleon begann den Krieg mit Rußland, weil er nicht anders konnte als nach Dresden gehen, nicht anders konnte als sich durch die ihm erwiesenen Ehren und Huldigungen verblenden lassen, nicht anders konnte als eine polnische Uniform anziehen und sich der Einwirkung des zu Unternehmungen verlockenden Junimorgens überlassen, und weil er Kurakin und später Balaschow gegenüber seinen Jähzorn nicht zu beherrschen imstande war.

Alexander lehnte alle Verhandlungen ab, weil er sich persönlich gekränkt fühlte. Barclay de Tolly gab sich alle Mühe, das Heer so gut wie möglich zu führen, um seine Pflicht zu erfüllen und den Ruhm eines großen Feldherrn zu verdienen. Rostow sprengte zum Angriff auf die Franzosen los, weil er den Wunsch nicht unterdrücken konnte, über das offene Feld hin zu galoppieren. Und genau ebenso handelten nach Maßgabe ihrer persönlichen Eigenschaften, Gewohnheiten, Verhältnisse und Ziele all die zahllosen an diesem Krieg beteiligten Personen. Sie fürchteten sich, rühmten sich, freuten sich, waren unzufrieden und räsonierten, alles in der Meinung, sie wüßten, was sie täten, und täten es um ihrer selbst willen; und doch waren sie sämtlich unfreiwillige Werkzeuge der Geschichte und verrichteten eine ihnen selbst verborgene, uns aber verständliche Arbeit. Das ist das unabänderliche Los aller Wirkenden und Handelnden, und sie sind um so unfreier, je höher sie auf der Stufenleiter menschlicher Ehren und Würden stehen.

Jetzt sind die Männer, die im Jahre 1812 mitgewirkt haben, längst von ihren Plätzen abgetreten, ihre persönlichen Interessen sind spurlos verschwunden, und nur die geschichtlichen Resultate jener Zeiten liegen vor unsern Augen.

Sobald wir es aber als eine innere Notwendigkeit betrachten, daß die Völker Europas unter Napoleons Führung in das Innere Rußlands eindrangen und dort umkamen, wird die ganze, in sich widerspruchsvolle, sinnlose, grausame Tätigkeit der an diesem Krieg beteiligten Menschen für uns verständlich.

Die Vorsehung ließ alle diese Menschen, die ihre eigenen Ziele zu erreichen trachteten, zur Herbeiführung eines einzigen gewaltigen Resultates zusammenwirken, von dem kein Mensch, weder Napoleon noch Alexander und noch weniger irgendein anderer der an diesem Krieg Beteiligten, die geringste Ahnung hatte.

Jetzt ist uns klar, was im Jahre 1812 der Grund des Unterganges der französischen Armee war. Niemand wird bestreiten, daß den Untergang der Truppen Napoleons zwei Ursachen herbeiführten: einerseits der Umstand, daß die Franzosen in später Jahreszeit ohne Vorbereitungen auf einen Winterfeldzug in das Innere Rußlands eindrangen, und andererseits der Charakter, den der Krieg infolge der Einäscherung russischer Städte und der Erweckung des russischen Volkshasses gegen den Feind annahm. Damals aber sah niemand voraus, was jetzt einleuchtend erscheint: daß nur auf diesem Weg eine Armee von acht mal hunderttausend Mann, die beste auf der Welt und geführt von dem besten Feldherrn, bei dem Zusammenstoß mit der halb so starken, unerfahrenen, von unerfahrenen Führern befehligten russischen Armee vernichtet werden konnte. Und dies sah nicht nur niemand voraus, sondern es waren sogar alle Anstrengungen von seiten der Russen beständig darauf gerichtet, das zu verhindern, wodurch allein Rußland gerettet werden konnte; und von seiten der Franzosen waren trotz Napoleons Erfahrung und seines sogenannten Feldherrngenies alle Anstrengungen darauf gerichtet, zu Ende des Sommers Moskau zu erreichen, d.h. gerade das zu tun, was zu ihrem Untergang führen mußte.

In den Geschichtswerken über das Jahr 1812 sprechen die französischen Schriftsteller gern davon, daß es dem Kaiser Napoleon nicht entgangen sei, wie gefährlich die große Ausdehnung seiner Operationslinie war, daß er eine Schlacht gesucht habe, daß seine Marschälle ihm geraten hätten, bei Smolensk haltzumachen, und was dergleichen Behauptungen mehr sind, durch die bewiesen werden soll, daß man die Gefährlichkeit des Feldzuges schon damals erkannte; und mit noch größerem Eifer reden die russischen Schriftsteller davon, daß gleich bei Beginn des Feldzuges der Plan eines Skythenkrieges bestanden habe, also der Plan, Napoleon in das Innere Rußlands hineinzulocken, und der eine schreibt diesen Plan Pfuel zu, ein anderer irgendeinem Franzosen, ein dritter Tolly, ein vierter dem Kaiser Alexander selbst, wobei sie sich auf Memoiren, Projekte und Briefe berufen, in denen sich tatsächlich Hindeutungen auf diese Art der Kriegführung finden. Aber alle diese Hindeutungen, aus denen man schließen könnte, daß jemand auf französischer oder russischer Seite das später Geschehene vorausgesehen habe, werden jetzt nur deswegen hervorgeholt, weil die Ereignisse ihnen recht gegeben haben. Wären die Ereignisse nicht eingetreten, so wären diese Hindeutungen vergessen, wie jetzt Tausende und Millionen von entgegengesetzten Hindeutungen und Voraussagungen vergessen sind, die damals in Umlauf waren, aber keine Bestätigung fanden. Über den Ausgang eines jeden größeren Ereignisses, das sich zu vollziehen im Begriff ist, gibt es immer so viele Voraussagungen, daß, es mag enden wie es will, sich immer Leute finden werden, die sagen können: »Ich habe schon damals gesagt, daß es so kommen werde«, wobei dann ganz vergessen wird, daß unter den zahllosen Voraussagungen sich auch solche völlig entgegengesetzten Inhaltes befunden haben.

Die Annahme, Napoleon habe die Gefahr, die in der großen Ausdehnung seiner Operationslinie lag, erkannt, und die Russen ihrerseits hätten den Feind absichtlich in das Innere Rußlands hineingelockt, diese Annahme gehört augenscheinlich zu dieser Kategorie, und nur mit großer Gewaltsamkeit können die Geschichtsschreiber dem Kaiser Napoleon solche Erwägungen und den russischen Heerführern solche Pläne zuschreiben. Alle Tatsachen widersprechen einer solchen Annahme durchaus. Auf seiten der Russen bestand nicht nur während des ganzen Verlaufes des Krieges kein Wunsch, die Franzosen in das Innere Rußlands hineinzulocken, sondern sie haben im Gegenteil alles getan, um die Feinde bei ihrem ersten Eindringen in Rußland aufzuhalten; und Napoleon fürchtete nicht nur keine üblen Folgen von der großen Ausdehnung seiner Operationslinie, sondern freute sich vielmehr über jeden Schritt, den er vorwärts tat, wie über einen Triumph und suchte, abweichend von seiner Praxis in seinen früheren Feldzügen, nur mit sehr geringem Eifer eine Schlacht.

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