Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Das Manifest des Kaisers wurde vorgelesen und rief große Begeisterung hervor; dann verteilten sich alle in lebhaftem Gespräch. Außer den alltäglichen Unterhaltungsgegenständen hörte Pierre Gespräche darüber, wo die Adelsmarschälle beim Eintritt des Kaisers stehen sollten, wann man dem Kaiser einen Ball geben könne, ob man sich jetzt nach Kreisen ordnen oder die Adligen des ganzen Gouvernements ungeteilt bleiben sollten usw.; aber sowie die Rede auf den Krieg und auf den Zweck dieser Adelsversammlung kam, wurden die Äußerungen unsicher und schwankend; ein jeder wollte lieber hören als reden.
Ein Mann in mittleren Jahren, von stattlicher, hübscher Figur, in der Uniform eines Marineoffiziers a.D., sprach in einem der Nebensäle, und es drängten sich viele um ihn herum. Auch Pierre trat zu dem dichten Ring, der sich um den Redner gebildet hatte, und begann zuzuhören. Graf Ilja Andrejewitsch, der in seinem Wojewodenkaftan aus der Zeit der Kaiserin Katharina mit freundlichem Lächeln durch die Menge wandelte, in der er mit allen bekannt war, trat gleichfalls zu dieser Gruppe und hörte zu, indem er, wie immer wenn er zuhörte, gutmütig lächelte und zum Zeichen, daß er mit dem Redenden einer Meinung sei, beifällig mit dem Kopf nickte. Der Marineoffizier a.D. sprach mit großer Dreistigkeit; das war aus dem Gesichtsausdruck seiner Zuhörer zu ersehen, sowie daraus, daß mehrere Herren, die Pierre als besonders loyale, stille Männer kannte, sich mißbilligend von ihm entfernten oder ihren Widerspruch äußerten. Pierre drängte sich bis in die Mitte der Gruppe, hörte zu und überzeugte sich, daß der Redende tatsächlich ein Fortschrittsmann war, aber in einem ganz andern Sinn, als es Pierres eigener Anschauungsweise entsprach. Der Marineoffizier sprach mit dem bei Edelleuten häufigen besonders klangvollen, singenden Bariton, mit einem angenehm klingenden Schnarren des r und mit Unterdrückung einzelner Konsonanten, in dem Ton, mit dem er »Orrroanz« (Ordonnanz), die »Pfeife!« und Ähnliches gerufen haben mochte. Man hörte seiner Redeweise an, daß er gewohnt war, lustig zu leben und zu kommandieren.
»Was geht uns das an, daß die Smolensker dem Kaiser Landwehrleute angeboten haben? Haben uns etwa die Smolensker etwas zu sagen? Wenn der verehrliche Adel des Gouvernements Moskau es für nötig befindet, so kann er Seiner Majestät dem Kaiser seine Ergebenheit auch durch andere Mittel zum Ausdruck bringen. Haben wir etwa die Landwehr von achtzehnhundertsieben vergessen? Dabei haben nur die Federfuchser ihr Schäfchen geschoren, die Diebe und Räuber …«
Graf Ilja Andrejewitsch lächelte süß und nickte zustimmend.
»Und dann, sind etwa unsere Landwehrleute dem Staat von Nutzen gewesen? Ganz und gar nicht! Nur unsere Gutswirtschaft ist dadurch ruiniert worden. Da ist eine Rekrutenaushebung denn doch noch besser … Der Landwehrmann, der aus dem Krieg zu uns zurückkommt, ist weder Soldat noch Bauer, sondern einfach ein Liederjan. Der Adel wird sein eigenes Leben nicht schonen; wir werden uns selbst Mann für Mann einfinden, wir bringen noch die Rekruten mit, und dann braucht der Kaiser nur zu befehlen, so gehen wir alle für ihn in den Tod!« fügte der Redner enthusiastisch hinzu.
Ilja Andrejewitsch mußte wiederholt den Speichel hinunterschlucken, der ihm vor Vergnügen im Mund zusammenfloß, und stieß Pierre an; aber Pierre wollte gern gleichfalls reden. Er drängte sich nach vorn, ohne noch selbst zu wissen, warum er eigentlich so erregt war und was er sagen wollte. Aber kaum hatte er den Mund geöffnet, um zu reden, als ein Senator, ein völlig zahnloser, alter Mann mit klugem, zornig erregtem Gesicht, der nahe bei dem Redner stand, Pierre unterbrach. Sichtlich gewöhnt, sich an Debatten zu beteiligen und Streitfragen zu behandeln, begann er mit leiser, aber vernehmlicher Stimme:
»Ich bin der Ansicht, verehrter Herr«, sagte der Senator wispernd, wie eben Leute ohne Zähne reden, »daß wir nicht hierhergerufen sind, um ein Urteil darüber abzugeben, was für den Staat im gegenwärtigen Augenblick zweckmäßiger ist, Rekrutierung oder Landwehr. Sondern wir sind hierhergerufen, um auf den Aufruf zu antworten, mit dem uns Seine Majestät der Kaiser beehrt hat. Darüber zu urteilen, was zweckmäßiger sei, Rekrutierung oder Landwehr, das überlassen wir der höchsten Stelle …«
Nun hatte Pierre auf einmal den Weg gefunden, auf dem er seiner Erregung Luft machen konnte. Er war wütend auf diesen Senator, der diesen Formalismus und diese Beschränktheit der Anschauungsweise in die Behandlung der dem Adel gestellten Aufgaben hineinbrachte. Pierre ging weiter nach vorn und unterbrach ihn. Er wußte selbst nicht, was er sagen würde; aber er begann lebhaft, wobei er sich ab und zu mit französischen Ausdrücken half und eine Art von Schriftrussisch sprach.
»Verzeihen Sie, Euer Exzellenz«, begann er (Pierre war mit diesem Senator ganz gut bekannt, hielt es aber hier für notwendig, mit ihm in offizieller Form zu verkehren). »Obgleich ich dem Herrn …« (Pierre stockte; er wollte sagen: à mon très honorable préopinant) »dem Herrn … den ich nicht die Ehre habe zu kennen, nicht beistimme, so bin ich doch der Ansicht, daß der Stand der Adligen nicht nur zusammenberufen ist, um seine Sympathie und Begeisterung zum Ausdruck zu bringen, sondern auch um ein Urteil über die Maßregeln abzugeben, durch die dem Vaterland geholfen werden kann. Ich bin der Ansicht«, fuhr er, immer mehr in Eifer geratend, fort, »daß der Kaiser sogar unzufrieden sein würde, wenn er an uns weiter nichts fände als Eigentümer von Bauern, die wir ihm hingeben, und … und chair à canon, Kanonenfutter, wozu wir uns selbst anbieten, aber keine Rat … Rat … Ratgeber.«
Viele entfernten sich von dieser Gruppe, da sie das geringschätzige Lächeln des Senators sahen und merkten, daß Pierre fortschrittliche Ansichten aussprach; nur Ilja Andrejewitsch war mit Pierres Rede zufrieden, wie er auch mit den Reden des Marineoffiziers und des Senators zufrieden gewesen war und überhaupt immer mit derjenigen Rede zufrieden war, die er soeben gehört hatte.
»Ich bin der Ansicht, daß, bevor wir in die Erörterung dieser Fragen eintreten«, fuhr Pierre fort, »wir den Kaiser fragen sollten, wir ehrerbietigst Seine Majestät bitten sollten, uns … communiquer, mitzuteilen, wieviel Truppen wir haben, und in welchem Zustand sich unsere Truppen befinden, und daß wir dann …«
Aber Pierre konnte seinen Satz nicht zu Ende sprechen, da auf einmal von drei Seiten gleichzeitig Gegner über ihn herfielen. Am heftigsten griff ihn ein alter Bekannter von ihm an, der ihm sonst immer freundlich gesinnt gewesen war und manche Partie Boston mit ihm gespielt hatte, Stepan Stepanowitsch Adraxin. Stepan Stepanowitsch trug an diesem Tag Uniform, und mochte es nun von der Uniform herkommen oder von irgendwelchen anderen Ursachen, genug, Pierre sah heute einen ganz anderen Menschen vor sich. Stepan Stepanowitsch, auf dessen Gesicht sich auf einmal ein greisenhafter Jähzorn zeigte, schrie Pierre an:
»Erstens möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, daß wir gar kein Recht haben, dem Kaiser eine solche Frage vorzulegen, und zweitens, selbst wenn der russische Adel ein derartiges Recht hätte, so könnte der Kaiser uns doch keine Antwort geben. Die Truppen bewegen sich entsprechend den Bewegungen des Feindes; die Truppen vermindern sich und nehmen wieder zu …«