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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Aber keines von diesen Gesprächen vermochte jetzt Petjas Interesse zu erregen, nicht einmal die Späßchen mit den jungen Mädchen, die doch sonst für Petja, wie überhaupt für junge Leute in seinem Alter, einen besonderen Reiz hatten; er saß auf seinem erhöhten Sitz, der Kanone, von dem Gedanken an den Kaiser und an seine Liebe zu ihm noch immer ebenso aufgeregt wie vorher. Der Umstand, daß zu dem Gefühl der Begeisterung sich noch das Gefühl des Schmerzes und der Furcht bei der argen Zusammenpressung gesellt hatte, dieser Umstand diente dazu, das Bewußtsein von der hohen Bedeutung dieses Momentes bei ihm noch zu verstärken.

Plötzlich ertönten von der Uferstraße her Kanonenschüsse (es wurde zur Feier des Friedensschlusses mit den Türken geschossen), und die Menge stürzte hastig dorthin, um zuzusehen, wie geschossen wurde. Petja wollte ebenfalls hinlaufen; aber der Küster, der den jungen Herrn unter seine Obhut genommen hatte, ließ ihn nicht weg. Das Schießen war noch nicht zu Ende, als aus der Uspenski-Kathedrale schnellen Schrittes mehrere Offiziere, Generale und Kammerherren herauskamen und darauf minder schnell noch einige andere Herren. Wieder flogen die Mützen von den Köpfen, und diejenigen, die weggelaufen waren, um die Kanonen zu sehen, kamen wieder zurückgerannt. Endlich kamen noch vier Herren, in Uniform und mit Ordensbändern, aus dem Portal der Kathedrale heraus. »Hurra! Hurra!« schrie die Menge von neuem.

»Welcher ist es? Welcher ist es?« fragte Petja die Umstehenden mit weinerlicher Stimme; aber niemand gab ihm Antwort, alle waren zu sehr mit ihrer Begeisterung beschäftigt. So wählte sich denn Petja einen von diesen vier Herren aus, den er durch die Freudentränen, die ihm in den Augen standen, allerdings nicht deutlich sehen konnte, konzentrierte auf ihn, obgleich es gar nicht der Kaiser war, seine ganze Begeisterung, schrie wie wütend Hurra und nahm sich vor, morgen, es koste, was es wolle, Soldat zu werden.

Die Menge lief hinter dem Kaiser her, begleitete ihn bis zum Palais und begann sich dann zu zerstreuen. Es war schon spät, und Petja hatte nichts gegessen, und der Schweiß floß ihm in Strömen am Körper herab; aber er ging nicht nach Hause, sondern stand mit der zwar kleiner gewordenen, aber immer noch recht beträchtlichen Volksmenge während des Diners des Kaisers vor dem Palais, blickte nach den Fenstern hinauf und beneidete in gleichem Grad die hohen Würdenträger, die beim Portal vorfuhren, um sich zu dem kaiserlichen Diner zu begeben, und die Kammerlakaien, die an der Tafel aufwarteten und mitunter an den Fenstern vorüberhuschten.

An der Tafel sagte Walujew nach einem Blick durch das Fenster zum Kaiser:

»Das Volk hofft immer noch, Euer Majestät zu sehen.«

Die Tafel war bereits zu Ende, der Kaiser stand, noch mit dem Verzehren eines Biskuits beschäftigt, auf und trat auf den Balkon hinaus. Das Volk, und Petja mitten darunter, stürzte nach dem Balkon hin.

»Schutzengel! Väterchen! Hurra! Wohltäter …!« schrie das Volk, darunter auch Petja; und wieder weinten viele Frauen vor Glückseligkeit, sowie, wenn auch in etwas geringerem Maße, einige Männer, auch Petja.

Ein ziemlich großes Stück von dem Biskuit, das der Kaiser in der Hand hielt, brach ab, fiel auf das Geländer des Balkons und von dem Geländer auf die Erde. Ein Kutscher in ärmellosem Wams, der am nächsten dabeistand, stürzte auf dieses Stück Biskuit los und ergriff es. Einige aus der Menge warfen sich auf den Kutscher. Als der Kaiser dies bemerkte, ließ er sich einen Teller mit Biskuits reichen und begann, die Biskuits vom Balkon herunterzuwerfen. Die Äderchen in Petjas Augen füllten sich mit Blut; durch die Gefahr, erdrückt zu werden, wurde seine Aufregung noch gesteigert; er stürzte sich auf die Biskuits. Er wußte nicht warum; aber er mußte, mußte ein Biskuit aus den Händen des Kaisers haben und durfte sich durch nichts hindern lassen. Er stürzte auf eine alte Frau los, die nach einem Biskuit griff, und stieß sie um. Aber die Alte gab sich, obgleich sie auf der Erde lag, noch nicht besiegt: sie griff von neuem nach dem Biskuit, kam aber mit den Armen nicht hin; denn Petja stieß mit seinem Knie ihren Arm beiseite, packte das Biskuit, und als wenn er fürchtete, damit zu spät zu kommen, schrie er mit bereits heiser gewordener Stimme eilig von neuem: »Hurra!«

Der Kaiser trat wieder hinein, und darauf begann der größte Teil der Menge auseinanderzugehen.

»Ich habe es ja gleich gesagt, daß wir noch warten müßten; und das ist denn auch das Richtige gewesen«, sagten die Leute an verschiedenen Stellen mit vergnügten Gesichtern.

So glücklich sich Petja auch fühlte, so kam es ihm doch gar zu traurig vor, gleich nach Hause zu gehen und sich sagen zu müssen, daß nun der ganze Genuß dieses Tages zu Ende sei. Daher begab er sich aus dem Kreml nicht nach Hause, sondern zu seinem Kameraden Obolenski, der auch fünfzehn Jahre alt war und ebenfalls in ein Regiment eintreten wollte. Als er dann nach Hause zurückgekehrt war, erklärte er mit aller Bestimmtheit und Festigkeit, wenn man ihn nicht eintreten ließe, so werde er davonlaufen. Und am andern Tag fuhr Graf Ilja Andrejewitsch, obwohl er noch nicht völlig eingewilligt hatte, dennoch aus, um sich zu erkundigen, wie man Petja irgendwo möglichst gefahrlos unterbringen könne.

Fußnoten

1 Sie ist 5,3 m lang und steht vor der Kaserne am Senatsplatz.

Anmerkung des Übersetzers.

XXII

Am Vormittag des 15. Juli, also zwei Tage nach diesen Ereignissen im Kreml, hielt vor dem Slobodski-Palais eine zahllose Menge von Equipagen.

Die Säle waren voll Menschen. Im ersten Saal waren die Adligen, sämtlich in Uniform, im zweiten die Kaufleute, bärtige Männer in blauen Kaftanen, mit Medaillen geschmückt. In dem Saal, in welchem die Adelsversammlung stattfand, herrschte lautes Stimmengewirr und lebhafte Bewegung. An einem großen Tisch saßen unter dem Porträt des Kaisers auf hochlehnigen Stühlen die allervornehmsten Persönlichkeiten; die meisten Adligen aber gingen im Saal hin und her.

Alle diese Adligen, dieselben Leute, die Pierre täglich bald im Klub, bald in ihren Häusern sah, alle trugen sie Uniformen: teils solche aus der Zeit der Kaiserin Katharina, teils solche aus Kaiser Pauls Zeit, teils die neuen von Alexander eingeführten, teils auch die gewöhnlichen Adelsuniformen; und diese gemeinsame Eigenschaft des Uniformiertseins verlieh all den alten und jungen, höchst verschiedenartigen, wohlbekannten Persönlichkeiten ein gleichartiges, seltsam-phantastisches Aussehen. Besonders auffallend sahen die halbblinden, zahnlosen, kahlköpfigen Greise aus, die teils von gelblichem Fett aufgedunsen, teils runzlig und mager waren. Sie saßen größtenteils auf ihren Plätzen und schwiegen, und wenn sie umhergingen und redeten, so schlossen sie sich an irgendwelche jüngeren Leute an. Ebenso wie auf den Gesichtern der Volksmenge, die Petja auf dem Platz im Kreml gesehen hatte, waren auch auf all diesen Gesichtern zwei zueinander in starkem Gegensatz stehende Züge wahrnehmbar: einerseits die allgemeine Erwartung von etwas Feierlichem, andrerseits die gewöhnlichen, alltäglichen Interessen: für die Bostonpartie, für die Leistungen des Koches Pjotr, für das Befinden der teuren Gattin Sinaida Dimitrijewna usw.

Pierre, der schon vom frühen Morgen an in eine unbequeme, ihm zu eng gewordene Adelsuniform eingezwängt war, bewegte sich gleichfalls in dem Adelssaal und seinen Nebenräumen. Er war in lebhafter Erregung: die ungewöhnliche Zusammenberufung nicht nur des Adels, sondern auch der Kaufmannschaft (der Stände, états généraux) rief bei ihm eine ganze Reihe von Gedanken an den Contrat social und die Französische Revolution wieder wach, Gedanken, mit denen er sich seit langer Zeit nicht mehr beschäftigt hatte, die aber in seiner Seele tief eingegraben waren. Die Worte, die ihm in dem Aufruf besonders bemerkenswert erschienen waren, nämlich daß der Kaiser zum Zweck der Beratung mit seinem Volk in der Residenz erscheinen werde, diese Worte bestärkten ihn noch in seiner Ansicht. Und in der Annahme, daß in diesem Sinne ein wichtiges, von ihm längst erwartetes Ereignis herannahe, ging er umher, sah aufmerksam um sich, hörte nach den Gesprächen hin, fand aber nirgends eine Äußerung der Gedanken, die ihn beschäftigten.

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