Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Petja rechnete auf einen Erfolg seiner Bitte an den Kaiser namentlich deswegen, weil er noch so jung war (er stellte es sich sogar schon im voraus vor, wie alle über sein jugendliches Alter erstaunt sein würden); zugleich aber wollte er doch durch das Arrangement seines Hemdkragens, durch seine Frisur und durch seinen gemessenen, langsamen Gang sich als einen schon älteren Menschen darstellen. Aber je weiter er ging und je mehr die in immer dichteren Scharen dem Kreml zuströmende Volksmenge seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, um so mehr vergaß er es, jene ehrbare, gemessene Haltung zu beobachten, wie sie den Erwachsenen eigen ist. Als er sich dem Kreml näherte, hatte er schon seine Not, nicht zu arg gequetscht zu werden, und stemmte mit entschlossener, drohender Miene die Arme in die Seiten. Aber im Troizkija-Tor drückten trotz all seiner Entschlossenheit die Menschen, die wahrscheinlich nicht wußten, in welcher patriotischen Absicht er nach dem Kreml ging, ihn dermaßen gegen die Mauer, daß er sich fügen und stehenbleiben mußte, während die Equipagen laut donnernd durch das Torgewölbe hineinfuhren. Um Petja herum standen eine Frau mit ihrem Diener, zwei Kaufleute und ein verabschiedeter Soldat. Nachdem Petja eine Weile im Torweg gestanden hatte, wollte er, ohne abzuwarten, bis die Equipagen sämtlich vorbeigefahren sein würden, früher als die andern weitergehen und begann kräftig mit den Ellbogen zu arbeiten; aber die Frau, die ihm im Weg stand und gegen die er zuerst seine Ellbogen in Tätigkeit setzte, schrie ihn ärgerlich an:
»Aber Herrchen, du stößt einen ja! Du siehst doch, daß alle noch stehenbleiben. Wie kannst du dich da vordrängen!«
»Wir werden schon alle weitergehen; nur Geduld!« sagte der Diener, begann nun ebenfalls mit den Ellbogen zu arbeiten und drückte Petja in einen übelriechenden Winkel des Torwegs hinein.
Petja wischte sich mit den Händen den Schweiß ab, der ihm das Gesicht bedeckte, und suchte den vom Schweiß weich gewordenen Hemdkragen in Ordnung zu bringen, den er zu Hause so schön nach Art der Erwachsenen zurechtgelegt hatte.
Er fühlte, daß sein Äußeres nicht mehr sehr präsentabel war, und fürchtete, wenn er in dieser Gestalt vor die Kammerherren hinträte, so würden sie ihn nicht zum Kaiser lassen. Aber sich zurechtzumachen und sich an einen andern Platz zu begeben, war bei dem Gedränge ein Ding der Unmöglichkeit. Einer der vorbeifahrenden Generale war ein Bekannter der Familie Rostow. Petja wollte ihn schon um seinen Beistand bitten, sagte sich dann aber doch, daß das seiner männlichen Würde nicht angemessen sei. Als alle Equipagen vorübergefahren waren, drängte die Menge nach und trug auch Petja mit hinein auf den großen Platz, der ganz von Menschen angefüllt war. Nicht nur auf dem Platz selbst, sondern auch auf den Böschungen und auf den Dächern, überall standen Menschen. Sobald Petja auf den Platz gelangt war, hörte er in voller Deutlichkeit die Glockenklänge, die den ganzen Kreml erfüllten, und das fröhliche Redegesumme der Volksmenge.
Als alles sich zurechtgeschoben hatte, stand man auf dem Platz eine Zeitlang etwas weniger eng; aber auf einmal entblößten sich alle Köpfe, und alles stürzte irgendwohin nach vorn. Petja wurde so arg gedrückt, daß er nicht atmen konnte, und alle schrien: »Hurra! Hurra! Hurra!« Petja hob sich auf den Zehen in die Höhe, stieß und kniff seine Vordermänner, konnte aber nichts weiter sehen als die Menschen, die ihn umgaben.
Auf allen Gesichtern lag der gleiche Ausdruck der Rührung und der Begeisterung. Eine Kaufmannsfrau, die neben Petja stand, schluchzte laut, und die Tränen rollten ihr aus den Augen.
»Väterchen, Schutzengel, Wohltäter!« rief sie unaufhörlich und wischte sich mit den Fingern die Tränen weg.
»Hurra!« wurde auf allen Seiten geschrien.
Einen Augenblick lang blieb die Menge auf einer Stelle stehen; aber dann stürmte sie wieder vorwärts.
Petja, der kaum von sich selbst wußte, biß die Zähne zusammen, riß mit einem Ausdruck tierischer Wildheit die Augen weit auf und stürzte vorwärts, indem er mit den Ellbogen um sich stieß und Hurra! schrie, als wäre er ohne weiteres bereit, im nächsten Augenblick sich selbst und alle andern zu töten; neben ihm stürzten Leute mit ebenso tierisch wilden Gesichtern vorwärts und schrien gleichfalls Hurra.
»Da sieht man, was für ein hohes Wesen ein Kaiser ist!« dachte Petja. »Nein, ihm selbst darf ich meine Bitte nicht vortragen; das wäre doch gar zu kühn!« Trotzdem arbeitete er sich mit immer gleicher Heftigkeit weiter nach vorn hindurch und erblickte hinter dem Rücken seiner Vordermänner hervor bereits den freien Raum, auf dem ein Weg mit rotem Tuch belegt war; aber in diesem Augenblick wich die Menge in wellenförmiger Bewegung zurück (vorn stießen Polizisten diejenigen zurück, die sich gar zu nah an den Zug herandrängten: der Kaiser ging vom Palais nach der Uspenski-Kathedrale), und Petja erhielt unerwartet einen solchen Stoß in die Seite gegen die Rippen und wurde so zusammengepreßt, daß ihm auf einmal vor den Augen alles dunkel wurde und er das Bewußtsein verlor. Als er wieder zu sich kam, hielt ihn ein Mann geistlichen Standes, mit einem Büschel grauer Haare hinten am Kopf, in dem abgetragenen, langen, blauen Rock eines kirchlichen Beamten, wahrscheinlich ein Küster, mit einer Hand unter der Achsel, mit der andern schützte er ihn gegen die andringende Menge.
»Ihr habt ja den jungen Herrn erdrückt!« sagte der Küster. »Ist das eine Zucht …! Sachte, sachte … Erdrückt habt ihr ihn, geradezu erdrückt!«
Der Kaiser war vorbeigekommen und in die Uspenski-Kathedrale gegangen. Nun floß die Menge wieder einigermaßen auseinander, und der Küster führte Petja, der ganz blaß aussah und nur schwach atmete, zur Kaiserkanone1 hin. Einige mitleidige Seelen sprachen ihr Bedauern über Petjas Unfall aus, und auf einmal wandte sich der ganze Menschenschwarm zu ihm hin, und es entstand um ihn ein starkes Gedränge. Die zunächst Stehenden suchten ihm hilfreich zu sein, knöpften ihm den Rock auf, setzten ihn auf den Sockel der Kanone und schalten auf diejenigen, die ihn so gedrückt hatten.
»So kann man ja einen Menschen totdrücken! Was soll denn das vorstellen! Das ist ja Mord! Seht bloß mal, wie blaß der nette Junge geworden ist, weiß wie ein Laken!« so redeten sie durcheinander.
Petja erholte sich bald wieder, die Farbe kehrte in sein Gesicht zurück, der Schmerz verging, und um ihn für diese zeitweilige Unannehmlichkeit zu trösten, gab man ihm einen Platz auf der Kanone, von wo aus er hoffen konnte den Kaiser zu sehen, der bei der Rückkehr aus der Kirche hier vorbeikommen mußte. Petja dachte jetzt gar nicht mehr daran, seine Bitte vorzutragen. Wenn er ihn nur zu sehen bekam, auch dann schon wollte er sich für hochbeglückt halten!
Während des Gottesdienstes in der Uspenski-Kathedrale (man verband dabei eine Feier anläßlich der Ankunft des Kaisers mit einem Dankfest wegen des Friedensschlusses mit der Türkei) zerstreute sich die Menge zum Teil, und es erschienen laut schreiende Händler mit Kwas, Pfefferkuchen und Mohn, von welchem letzteren Petja ein besonderer Liebhaber war, und man hörte Gespräche alltäglichen Inhalts. Eine Kaufmannsfrau zeigte ihren Schal, der ihr in dem Gedränge zerrissen war, und erzählte, wieviel sie seinerzeit dafür gegeben habe; eine andere sprach davon, daß alle Seidenstoffe jetzt so teuer geworden seien. Der Küster, Petjas Retter, setzte einem Beamten auseinander, was für eine Menge von Geistlichen heute neben dem hochwürdigsten Metropoliten beim Gottesdienst mitwirke; dabei bediente er sich mehrere Male der Wendung »unter Assistenz des Klerus«, die Petja nicht verstand. Zwei junge Bürgersöhne scherzten mit ein paar Landmädchen, welche Nüsse knackten.