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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Schnaufend und etwas vor sich hinmurmelnd, stieg er die Treppe hinan. Sein Kutscher hatte, wie schon seit längerer Zeit, gar nicht gefragt, ob er auf ihn warten solle. Er wußte: wenn der Graf bei Rostows war, so dauerte es bis gegen zwölf Uhr. Die Rostowschen Diener stürzten erfreut auf ihn zu, um ihm Mantel, Stock und Hut abzunehmen; denn nach Klubgewohnheit ließ Pierre auch Stock und Hut im Vorzimmer.

Das erste Familienmitglied, welches er sah, war Natascha. Noch ehe er sie erblickte, hörte er sie, als er im Vorzimmer den Mantel ablegte. Sie sang im Saal Solfeggien. Er wußte, daß sie seit ihrer Krankheit nicht mehr gesungen hatte, und war daher überrascht und erfreut durch den Klang ihrer Stimme. Leise öffnete er die Tür und erblickte Natascha, wie sie in dem lila Kleid, in dem sie zur Messe gewesen war, im Saal hin und her ging und sang. Als er die Tür öffnete, wendete sie ihm beim Gehen gerade den Rücken zu; aber als sie sich kurz umdrehte und sein dickes, erstauntes Gesicht erblickte, errötete sie und trat schnell auf ihn zu.

»Ich wollte probieren, ob ich wieder singen kann«, sagte sie. »Es ist doch wenigstens eine Beschäftigung«, fügte sie wie zur Entschuldigung hinzu.

»Sie tun sehr recht daran«, erwiderte er.

»Wie freue ich mich, daß Sie gekommen sind! Ich bin heute so glücklich!« sagte sie mit der früheren Lebhaftigkeit, die Pierre an ihr schon lange nicht mehr gesehen hatte. »Wissen Sie schon, Nikolai hat das Georgskreuz bekommen. Ich bin so stolz auf ihn!«

»Freilich weiß ich es; ich habe ja den Tagesbefehl hergeschickt. Aber ich will Sie nicht weiter stören«, fügte er hinzu und wollte nach dem Salon weitergehen.

Natascha hielt ihn zurück.

»Graf! Ist das etwas Schlechtes, daß ich singe?« sagte sie und blickte errötend, aber ohne die Augen abzuwenden, Pierre fragend an.

»Nein, wieso denn? Im Gegenteil … Aber warum fragen Sie gerade mich?«

»Ich weiß es selbst nicht«, antwortete Natascha hastig. »Aber ich möchte nichts tun, was Ihnen mißfallen könnte. Ich habe zu Ihnen in allen Dingen ein großes Zutrauen. Sie wissen nicht, wie wichtig Sie für mich geworden sind, wieviel ich Ihnen zu verdanken habe!« Sie sprach schnell und bemerkte nicht, daß Pierre bei diesen Worten errötete. »Ich habe aus demselben Tagesbefehl ersehen, daß er, Bolkonski« (sie sprach diesen Namen eilig und flüsternd aus), »in Rußland ist und wieder im Dienst steht. Was meinen Sie«, sagte sie schnell; sie redete offenbar deswegen so hastig, weil sie fürchtete, ihre Kraft werde nicht vorhalten; »was meinen Sie: wird er mir jemals verzeihen? Wird er nicht immer gegen mich ein Gefühl des Hasses haben? Was meinen Sie? Wie denken Sie darüber?«

»Ich meine …«, erwiderte Pierre, »ich meine, er hat Ihnen nichts zu verzeihen … Wenn ich an seiner Stelle wäre …«

Eine natürliche Gedankenverknüpfung versetzte ihn in diesem Augenblick wieder in die Zeit zurück, wo er sie getröstet und zu ihr gesagt hatte, wäre er nicht der, der er wirklich wäre, sondern der beste Mensch auf der Welt und dabei frei, so würde er auf den Knien um ihre Hand bitten; und es ergriff ihn dasselbe Gefühl des Mitleids, der Zärtlichkeit und der Liebe, und dieselben Worte drängten sich ihm auf die Lippen. Aber sie ließ ihm nicht Zeit, sie auszusprechen.

»Ja, Sie … Sie …«, sagte sie, indem sie das Wort »Sie« mit besonderer Herzlichkeit sprach. »Das ist auch etwas anderes. Einen edleren, großmütigeren, besseren Menschen als Sie habe ich noch nie gekannt, und es kann auch keinen geben. Wenn Sie damals nicht gewesen wären, so weiß ich nicht, was aus mir geworden wäre; und auch wenn ich Sie jetzt nicht hätte … denn …«

Ihre Augen füllten sich plötzlich mit Tränen; sie wendete sich ab, hob die Noten zu den Augen hinauf und begann wieder zu singen und im Saal auf und ab zu gehen.

In diesem Augenblick kam Petja aus dem Salon hereingelaufen.

Petja war jetzt ein hübscher, gesund aussehender fünfzehnjähriger Bursche mit dicken, roten Lippen; mit Natascha hatte er ziemlich viel Ähnlichkeit. Er bereitete sich zur Aufnahmeprüfung für die Universität vor, hatte aber in der letzten Zeit mit seinem Kameraden Obolenski zusammen heimlich beschlossen, zu den Husaren zu gehen.

Petja kam zu seinem Namensvetter hereingelaufen, um mit ihm über diese wichtige Angelegenheit zu reden; er hatte ihn gebeten, sich zu erkundigen, ob er wohl bei den Husaren werde angenommen werden.

Pierre ging nach dem Salon zu, ohne auf Petja hinzuhören. Petja faßte ihn an den Arm, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

»Nun, wie steht es mit meiner Angelegenheit, Pjotr Kirillowitsch? Ich bitte Sie inständig; Sie sind meine einzige Hoffnung«, sagte er.

»Ja, richtig, deine Angelegenheit. Du wolltest ja wohl zu den Husaren? Ich werde dir Bescheid geben, gewiß. Heute noch, über alles.«

»Nun, wie ist’s, mein Lieber? Haben Sie sich das Manifest verschafft?« fragte ihn im Salon der alte Graf. »Die Gräfin war zur Messe bei Rasumowskis und hat da ein neues Gebet mit angehört. Es ist sehr schön gewesen, sagt sie.«

»Ja, ich habe es bekommen«, erwiderte Pierre. »Morgen kommt der Kaiser. Es findet eine außerordentliche Adelsversammlung statt, und es heißt, es soll eine Aushebung von je zehn Mann auf das Tausend veranstaltet werden. Ja, und ich spreche Ihnen meinen Glückwunsch aus.«

»Ja, ja, Gott sei Dank. Nun, und was gibt es Neues von der Armee?«

»Die Unsrigen sind wieder zurückgegangen. Sie stehen schon bei Smolensk, heißt es«, antwortete Pierre.

»Mein Gott, mein Gott!« rief der Graf. »Wo haben Sie denn das Manifest?«

»Den Aufruf? Ach ja!«

Pierre begann in den Taschen nach seinen Papieren zu suchen, konnte sie aber nicht finden. Immer noch an seinen Taschen herumklopfend, küßte er der Gräfin, die eingetreten war, die Hand und sah sich dann unruhig um; er wartete offenbar auf Natascha, die nicht mehr sang, aber trotzdem nicht in den Salon kam.

»Wahrhaftig, ich weiß nicht, wo ich die Papiere gelassen habe«, sagte er.

»Na ja, Sie verlieren aber auch immer alles«, sagte die Gräfin.

Natascha kam mit wehmütig gerührter Miene herein, setzte sich hin und blickte Pierre schweigend an. Sowie sie ins Zimmer trat, strahlte Pierres bis dahin finsteres Gesicht, und er blickte, während er fortfuhr nach den Papieren zu suchen, mehrere Male zu ihr hin.

»Weiß der Himmel, ich muß sie zu Hause vergessen haben; ich werde noch einmal zurückfahren. Unter allen Umständen …«

»Aber, da kommen Sie ja zu spät zum Essen.«

»Ach, und der Kutscher ist ja auch weggefahren.«

Aber Sonja, die ins Vorzimmer gegangen war, um die Papiere dort zu suchen, fand sie in Pierres Hut, wo er sie sorgsam halb hinter das Futter gesteckt hatte. Pierre wollte nun mit dem Vorlesen beginnen.

»Nein, bitte nach Tisch!« sagte der alte Graf, der von dieser Vorlesung offenbar ein großes Vergnügen erwartete.

Bei Tisch wurde auf die Gesundheit des neuen Georgsritters Champagner getrunken, und Schinschin erzählte Stadtneuigkeiten: von der Krankheit der alten Fürstin von Grusien, und daß Métivier aus Moskau verschwunden sei, und daß Leute aus dem Volk zu dem Grafen Rastoptschin (dieser habe die Geschichte selbst erzählt) einen Deutschen gebracht und dem Grafen erklärt hätten, das sei ein Champignon (sie hätten »Spion« sagen wollen); Graf Rastoptschin habe Befehl gegeben, den Champignon wieder laufenzulassen, und den Leuten bedeutet, das sei kein Champignon, sondern ein ganz gewöhnlicher alter deutscher Pilz.

»Ja, man ist jetzt flink mit dem Arretieren bei der Hand!« rief der Graf. »Ich habe der Gräfin auch schon gesagt, sie soll nicht so viel französisch sprechen. Das ist in diesen Zeitläuften nicht angebracht.«

»Aber haben Sie das gehört?« sagte Schinschin. »Fürst Golizyn hat sich einen russischen Lehrer angenommen; er lernt russisch. Es fängt an gefährlich zu werden, wenn man auf der Straße französisch spricht.«

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