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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Na, wie ist denn das, Graf Pjotr Kirillowitsch? Wenn die Landwehr aufgeboten wird, müssen Sie wohl auch zu Pferd steigen?« sagte der alte Graf, zu Pierre gewendet.

Pierre war während des ganzen Diners schweigsam und in Gedanken versunken gewesen. Als er von dem Grafen so angeredet wurde, blickte er ihn an, wie wenn er ihn nicht verstanden hätte.

»Ja, ja, in den Krieg«, sagte er. »Aber nein, was würde ich für ein Krieger sein! Übrigens, es ist alles so sonderbar, so sonderbar! Und ich verstehe mich selbst nicht. Ich weiß nicht, militärische Neigungen liegen mir eigentlich ganz fern, aber niemand kann in unserer jetzigen Zeit garantieren, was er morgen tun wird.«

Nach Tisch setzte sich der Graf gemächlich in einen Lehnstuhl und forderte mit ernstem Gesicht Sonja zum Vorlesen auf, da diese sich hierin einer besonderen Meisterschaft rühmen konnte.

»An unsere erste Residenzstadt Moskau.

Der Feind ist mit großen Streitkräften über die Grenze in Rußland eingedrungen und trachtet, unser geliebtes Vaterland zugrunde zu richten«, las Sonja eifrig mit ihrem hellen Stimmchen. Der Graf schloß die Augen, hörte zu und seufzte an einigen Stellen.

Natascha saß gerade aufgerichtet da und blickte bald ihrem Vater, bald Pierre forschend ins Gesicht.

Pierre fühlte ihren Blick auf sich gerichtet und vermied es, nach ihr hinzusehen. Die Gräfin wiegte bei jedem feierlichen Ausdruck des Manifestes mißbilligend und ärgerlich den Kopf hin und her. Sie entnahm sich aus all diesen Worten nur das eine, daß die Gefahren, die ihrem Sohn drohten, noch nicht so bald zu Ende sein würden. Schinschin, der seinen Mund zu einem spöttischen Lächeln verzogen hatte, stand offenbar auf dem Sprung, sich über das erstbeste lustig zu machen, was zum Spott Anlaß geben würde: über Sonjas Vorlesen, über das, was der Graf sagen würde, ja sogar über den Aufruf selbst, wenn sich kein besserer Gegenstand für seine Spottlust finden sollte.

Nachdem Sonja von den Gefahren gelesen hatte, von denen Rußland bedroht sei, und von den Hoffnungen, die der Kaiser auf Moskau und namentlich auf den altberühmten Adel setze, las sie mit einem Zittern der Stimme, das hauptsächlich durch die gespannte Aufmerksamkeit hervorgerufen wurde, mit der ihr alle zuhörten, die folgenden Worte: »Wir werden nicht zögern, selbst in der Mitte unseres Volkes in dieser Hauptstadt und an anderen Orten unseres Reiches zu erscheinen, um die erforderlichen Beratungen zu veranstalten und die nötigen Anweisungen für alle Verteidiger unseres Vaterlandes zu erteilen, sowohl für diejenigen, die schon jetzt dem Feind den Weg versperren, als auch für diejenigen, die neu eingestellt werden sollen, um ihn überall niederzuwerfen, wo er sich nur zeigen mag. Möge das Verderben, in das er uns zu stürzen gedenkt, sich auf sein eigenes Haupt wenden und das von der Knechtschaft befreite Europa den Namen Rußlands preisen!«

»So ist’s recht!« rief der Graf, die feuchten Augen öffnend. Und mehrmals von Schnauben unterbrochen, wie wenn man ihm ein Fläschchen mit starkem Riechsalz unter die Nase hielte, fuhr er fort: »Der Kaiser braucht nur ein Wort zu sagen, so bringen wir alles zum Opfer; nichts soll uns zu teuer sein!«

Schinschin hatte noch nicht Zeit gefunden, den Witz auszusprechen, den er bereits über den Patriotismus des Grafen zurechtgemacht hatte, als Natascha von ihrem Platz aufsprang und zu ihrem Vater hinlief.

»Was habe ich für einen prächtigen Vater!« rief sie und küßte ihn; und dann sah sie wieder nach Pierre hin mit der unbewußten Koketterie, die ihr zugleich mit ihrer Lebhaftigkeit wiedergekehrt war.

»Ei, ist das eine Patriotin!« bemerkte Schinschin.

»Gar nicht Patriotin, sondern einfach …«, erwiderte Natascha gekränkt. »Ihnen ist alles lächerlich; aber dies ist ganz und gar kein Scherz …«

»Keine Rede von Scherz!« stimmte der Graf bei. »Wenn der Kaiser nur ein Wort sagt, so kommen wir alle … Wir sind andere Leute wie diese Deutschen …«

»Aber haben Sie auch wohl beachtet«, sagte Pierre, »daß es in dem Aufruf heißt: ›um Beratungen zu veranstalten‹?«

»Na, ganz gleich, wozu …«

In diesem Augenblick trat Petja, auf den niemand geachtet hatte, zum Vater hin und sagte mit hochgerötetem Gesicht, wobei ihm die Stimme fortwährend überschlug, so daß sie bald tief, bald hoch klang: »Aber jetzt, lieber Papa, sage ich Ihnen mit aller Entschiedenheit … und auch Ihnen, liebe Mama, da mögen Sie sagen, was Sie wollen … ich sage Ihnen mit aller Entschiedenheit: lassen Sie mich als Soldat eintreten; denn ich bin nicht imstande … Ja, das war’s, was ich Ihnen sagen wollte!«

Die Gräfin blickte entsetzt zu ihm auf, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und wandte sich ärgerlich zu ihrem Mann:

»Das hast du nun mit deinem Gerede angerichtet!« sagte sie.

Aber der Graf hatte sich nach der ersten Aufregung sogleich wieder gefaßt.

»Na, na!« sagte er. »Das ist noch mal ein Krieger! Laß die Dummheiten beiseite; du mußt lernen.«

»Das sind keine Dummheiten, Papa. Fjodor Obolenski ist jünger als ich und geht auch. Und vor allen Dingen, es ist ganz gleich, ich kann jetzt doch nicht lernen, wo …« Petja hielt inne, wurde dunkelrot und stieß dann heraus: »wo das Vaterland in Gefahr ist.«

»Hör auf, hör auf! Das sind Dummheiten.«

»Aber Sie haben doch selbst gesagt, wir wollten alles zum Opfer bringen.«

»Petja! Ich sage dir, schweig still!« rief der Graf und blickte dabei nach seiner Frau, die ganz blaß mit starren Augen ihren jüngsten Sohn ansah.

»Aber ich sage Ihnen, ich bleibe dabei. Und auch Pjotr Kirillowitsch hier wird Ihnen sagen …«

»Ich sage dir, das ist lauter dummes Zeug. Ist noch nicht trocken hinter den Ohren und will Soldat werden! Höre, was ich dir sage …« Der Graf schickte sich an, aus dem Zimmer zu gehen; die Papiere nahm er mit, wahrscheinlich um sie in seinem Zimmer vor dem Schläfchen noch einmal durchzulesen. »Nun, Pjotr Kirillowitsch, kommen Sie mit, rauchen Sie ein bißchen …«

Pierre war verlegen und unschlüssig. Nataschas ungewöhnlich lebhafte, glänzende Augen, die fortwährend mit einem mehr als bloß freundlichen Ausdruck auf ihn gerichtet waren, hatten ihn in diesen Zustand versetzt.

»Ich danke, ich muß wohl nach Hause …«

»Nach Hause? Aber Sie wollten doch den Abend über bei uns bleiben … Sie kommen in letzter Zeit überhaupt so selten zu uns. Und meine Tochter«, sagte der Graf gutherzig, auf Natascha weisend, »ist nur heiter, wenn Sie hier sind.«

»Ja, ich habe etwas vergessen … Ich muß ganz notwendig nach Hause … Geschäftliches …«, sagte Pierre hastig.

»Na, dann also auf Wiedersehen«, sagte der Graf, ging weiter zur Tür und verließ das Zimmer.

»Warum brechen Sie auf? Warum sind Sie so verstimmt? Warum denn?« fragte Natascha Pierre und blickte ihm in freundlich entgegenkommender Art in die Augen.

»Weil ich dich liebe!« wollte er sagen, sagte es aber nicht; er errötete, daß ihm beinah die Tränen kamen, und schlug die Augen nieder.

»Weil es für mich besser ist, wenn ich Sie seltener besuche«, sagte er. »Weil … Nein, ganz einfach, ich habe Geschäftliches zu erledigen …«

»Warum wollen Sie weg? Nein, sagen Sie es mir doch …«, begann Natascha in entschlossenem Ton, verstummte aber plötzlich.

Beide blickten einander erschrocken und verlegen an. Er machte einen Versuch zu lächeln, war aber dazu nicht imstande: sein Lächeln hatte einen schmerzlichen Ausdruck; er küßte ihr schweigend die Hand und ging.

Pierre nahm sich vor, Rostows nicht mehr zu besuchen.

XXI

Petja ging, nachdem ihm seine Bitte so entschieden abgeschlagen war, auf sein Zimmer, schloß sich dort ein und weinte bitterlich. Zum Tee erschien er schweigend, mit finsterer Miene und verweinten Augen; aber alle taten, als bemerkten sie nichts davon.

Am andern Tag traf der Kaiser ein. Mehrere von der Rostowschen Dienerschaft erbaten sich Urlaub, um hinzugehen und den Zaren zu sehen. An diesem Morgen verbrachte Petja viel Zeit mit seinem Anzug; sein Haar und seinen Hemdkragen machte er so zurecht, wie es bei Erwachsenen üblich war. Vor dem Spiegel nahm er zur Übung eine ernste, grimmige Miene an, gestikulierte und bewegte die Schultern; zuletzt setzte er, ohne jemandem etwas davon zu sagen, die Mütze auf und verließ, um unbemerkt zu bleiben, das Haus durch die Hintertür. Petja hatte vor, geradewegs dahin zu gehen, wo der Kaiser war, und ohne weiteres irgendeinem Kammerherrn (nach Petjas Vorstellung war der Kaiser immer von Kammerherren umgeben) mitzuteilen, daß er, Graf Rostow, trotz seiner Jugend dem Vaterland zu dienen wünsche, daß sein jugendliches Alter kein Hindernis für seine Hingebung an die große Sache bilden dürfe, und daß er bereit sei … Während Petja sich fertig machte, hatte er sich viele schöne Worte zurechtgelegt, die er dem Kammerherrn sagen wollte.

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