Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #5
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Und trotz dieser drängenden Eile war sie jedes Mal, wenn sie an dem Baum vorbeikam, einen Moment stehen geblieben. Hatte sich gebückt, um die Decke über der Leiche zurückzuschlagen und dem Mann ins Gesicht zu sehen; angewidert von ihrer eigenen Faszination, ohne ihr jedoch auch nur versuchsweise Widerstand zu leisten, hatte sie sich die erstaunliche, unausweichliche Veränderung in Farbe und Schatten eingeprägt, die Erstarrung der Muskeln und die Veränderungen der Konturen, als sich die Haut setzte und um die Knochen schmiegte und die Prozesse des Todes und Verfalls mit ihrer Grauen erregenden Magie begannen.
Es war ihr nicht in den Sinn gekommen, sich nach dem Namen des Mannes zu erkundigen. War das gefühllos von ihr?, fragte sie sich. Wahrscheinlich; doch es war nun einmal so, dass all ihre Gefühle damals anderweitig beschäftigt gewesen waren – es nach wie vor waren. Dennoch schloss sie kurz die Augen und sprach ein rasches Gebet für den Seelenfrieden ihres unbekannten Modells.
Als sie die Augen öffnete, sah sie, dass das Licht blasser wurde. Sie schabte die Palette sauber und begann, ihre Pinsel und Hände zu reinigen, während sie langsam und widerstrebend in die Welt außerhalb ihrer Arbeit zurückkehrte.
Jemmy hatte bestimmt schon zu Abend gegessen und gebadet, doch er weigerte sich einzuschlafen, wenn sie ihn nicht stillte und in den Schlaf wiegte. Bei diesem Gedanken begannen ihre Brüste, sacht zu kribbeln; sie waren angenehm gefüllt, schwollen jedoch nicht länger so schmerzhaft an, seit er angefangen hatte, feste Nahrung zu sich zu nehmen, und seine nimmersatten Anforderungen an ihren Körper daher nachgelassen hatten.
Sie würde Jemmy stillen und ihn hinlegen und dann ihr verspätetes Abendessen in der Küche zu sich nehmen. Sie hatte nicht mit den anderen zusammen gegessen, weil sie das Abendlicht ausnutzen wollte, und ihr Magen knurrte leise, als jetzt die Essensdüfte in der Luft die adstringierenden Gerüche von Terpentin und Leinöl verdrängten.
Und dann … dann würde sie hinauf zu Roger gehen. Bei diesem Gedanken presste sie die Lippen zusammen; sie merkte es und zwang ihren Mund, sich zu entspannen, indem sie die Luft mit einem lauten Geräusch ausblies, das an ein Motorboot erinnerte.
In diesem unpassenden Augenblick steckte Phoebe Sherston ihren Kopf samt Haube durch die Tür. Sie kniff kurz die Augen zu, besaß jedoch die guten Manieren so zu tun, als hätte sie nichts gehört.
»Oh, meine Liebe, da seid Ihr ja! Kommt doch eine Minute in den Salon, ja? Mr. und Mrs. Wilbur würden so gern Eure Bekanntschaft machen.«
»Oh – nun ja, natürlich«, sagte Brianna so freundlich wie möglich. Sie wies auf ihren farbverschmierten Kittel. »Ich will mich nur eben umziehen –«
Mrs. Sherston tat den Kittel mit einer Handbewegung ab, da sie offensichtlich mit ihrer zahmen Künstlerin in voller Montur angeben wollte.
»Nein, nein, macht Euch deswegen keine Gedanken. Wir sind heute Abend alle nicht groß herausgeputzt. Es wird niemanden stören.«
Brianna trat einen widerstrebenden Schritt auf die Tür zu.
»Na gut. Aber nicht lange; ich muss Jemmy ins Bett bringen.«
Bei diesen Worten verzog sich Mrs. Sherstons Rosenknospenmund sacht; sie sah keinen Grund, warum sich ihre Sklaven nicht ganz um das Kind kümmern konnten – doch sie hatte Briannas Meinung zu diesem Thema schon öfter zu hören bekommen und war so klug, sie nicht weiter zu bedrängen.
Briannas Eltern waren auch im Salon, zusammen mit den Wilburs, die sich als nettes, älteres Ehepaar entpuppten. Sie zeigten sich angemessen begeistert über ihr Erscheinen, beharrten höflich darauf, das Porträt zu sehen, drückten sowohl dem Sujet als auch der Malerin ihre tiefste Bewunderung aus – wenn sie auch angesichts des Ersteren kurz die Augen zusammenkniffen – und behandelten sie ganz allgemein mit solcher Freundlichkeit, dass sie spürte, wie sie sich allmählich entspannte.
Sie war schon im Begriff, sich zu entschuldigen, als Mr. Wilbur eine Gesprächslücke nutzte, um sich mit einem wohlwollenden Lächeln an sie zu wenden.
»Ich höre, man darf Euch zu Eurem Glück gratulieren, Mrs. MacKenzie?«
»Oh? Äh … danke«, sagte sie, ohne so recht zu wissen, wozu man ihr gratulierte. Sie warf ihrer Mutter einen hilfesuchenden Blick zu; Claire verzog kaum merklich das Gesicht und sah Jamie an, der aufhustete.
»Gouverneur Tryon hat deinem Mann fünftausend Acres im Hinterland überschrieben«, sagte er. Seine Stimme war gleichmütig und beinahe tonlos.
»Hat er das?« Sie war plötzlich verwirrt. »Was – warum?«
Es folgte ein Moment allgemeiner Verlegenheit, und die Sherstons und die Wilburs warfen sich unter leisem Räuspern eheliche Blicke zu.
»Kompensation«, sagte ihre Mutter knapp, während sie Jamie ihrerseits einen ehelichen Blick zuwarf.
Jetzt verstand Brianna; niemand würde so ungehobelt sein und Rogers irrtümliche Hinrichtung offen erwähnen, doch sie gab eine viel zu sensationelle Geschichte ab, als dass sie sich nicht in der feinen Gesellschaft von Hillsborough herumgesprochen hätte. Sie begriff plötzlich, dass auch Mrs. Sherstons Einladung an ihre Eltern und Roger möglicherweise nicht nur durch Freundlichkeit motiviert gewesen war. Den Gehängten als Gast im Haus zu haben, würde den Sherstons die Aufmerksamkeit ganz Hillboroughs sichern – was sogar noch besser war als die Anfertigung eines unkonventionellen Porträts.
»Ich hoffe doch, dass es Eurem Gatten besser geht, meine Liebe?«, überbrückte Mrs. Wilbur taktvoll die Lücke in der Unterhaltung. »Wir haben mit großem Bedauern von seiner Verletzung gehört.«
Verletzung. Eine umsichtigere Beschreibung der Situation war kaum denkbar.
»Ja, es geht ihm viel besser, danke«, sagte sie und lächelte, so knapp es die Höflichkeit zuließ, bevor sie sich wieder an ihren Vater wandte.
»Weiß Roger davon? Von dem Land?«
Er sah sie an, dann wandte er den Blick ab und räusperte sich.
»Nein. Ich dachte, du möchtest es ihm vielleicht selbst sagen.«
Ihre erste Reaktion war Dankbarkeit; sie würde Roger etwas zu sagen haben. Es war unangenehm, mit jemandem zu reden, der nicht antworten konnte. Sie sammelte im Lauf des Tages Gesprächsstoff; kleine Ideen oder Ereignisse, die sie in Geschichten verwandeln konnte, um sie ihm zu erzählen, wenn sie ihn sah. Doch ihr Vorrat an Geschichten war immer viel zu schnell aufgebraucht, und dann saß sie an seinem Bett und zerbrach sich den Kopf nach Belanglosigkeiten.
Ihre zweite Reaktion war ein Gefühl der Verärgerung. Warum hatte ihr Vater ihr das nicht unter vier Augen erzählt, anstatt ihre Familienangelegenheiten vor völlig Fremden zu enthüllen? Dann bemerkte sie den subtilen Blickwechsel zwischen ihren Eltern und begriff, dass ihre Mutter ihn gerade schweigend genau dasselbe gefragt hatte – und er mit kaum merklichen Blicken in Mr. Wilburs und dann in Mrs. Sherstons Richtung geantwortet hatte, bevor er seine langen, dunkelroten Wimpern wieder senkte.
Besser, die Wahrheit vor einem respektablen Zeugen auszusprechen, sagte seine Miene, als zuzulassen, dass sich Gerüchte verbreiten.
Sie kümmerte sich nicht besonders um ihren eigenen Ruf – den das Wort »berüchtigt« nur ansatzweise beschrieb –, doch sie hatte genug über die gesellschaftlichen Realitäten begriffen, um zu wissen, dass ein Skandal ihrem Vater ernstlich schaden konnte. Wenn sich zum Beispiel unwahre Berichte verbreiteten, dass Roger tatsächlich ein Anführer der Regulatoren gewesen war, würde man auch Jamies Loyalität in Zweifel ziehen.
Im Lauf der letzten Wochen hatte sie viele Gespräche im Salon der Sherstons mit angehört, und dabei war ihr allmählich klar geworden, dass die Kolonie ein riesiges Spinnennetz war. Sie war von zahllosen Routen durchzogen, an denen sich einige wenige große – und eine Reihe kleinerer – Spinnen vorsichtig entlanghangelten, stets auf der Pirsch nach dem leisen, ängstlichen Summen einer Fliege, die in das Netz geraten war, stets auf der Suche nach dünner werdenden Fäden, nach Lücken im Gespinst.