Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #5
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Das flammende Kreuz: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Er verzog die Lippen, entschloss sich jedoch dann zu einem zaghaften Lächeln. Er schüttelte den Kopf, hob eine Hand und deutete zur Decke. Als sie den Kopf wandte, sah sie einen dunklen Fleck auf dem Putz – bei näherer Betrachtung erkannte sie, dass es eine verirrte Biene war, die im Lauf des Tages hereingeflogen war und jetzt in der Dunkelheit schlief.
»Ach ja? Okay, hier kommt das Bienchen«, sagte sie leiser und schob ihm den Löffel in den Mund. »Bsss, bsss, bsss.«
Sie konnte nicht länger spielerisch tun, doch die Atmosphäre hatte sich ein wenig entspannt. Sie erzählte ihm von Jemmy, der ein neues Lieblingswort hatte – »Wagga« –, allerdings hatte noch niemand herausgefunden, was er damit meinte.
»Ich habe gedacht, es heißt vielleicht ›Katze‹, aber er nennt die Katze ›Mau-mau‹.« Sie strich sich mit dem Handrücken einen Schweißtropfen von der Stirn, dann tauchte sie den Löffel wieder ein.
»Mrs. Sherston sagt, er müsste eigentlich schon laufen«, sagte sie, den Blick fest auf seinen Mund geheftet. »Die Kinder ihrer Schwester sind natürlich beide mit einem Jahr gelaufen! Aber ich habe Mama gefragt; sie sagt, er macht sich prima. Sie sagt, Kinder laufen, wenn sie so weit sind, und das kann irgendwann zwischen zehn und achtzehn Monaten sein, aber normal sind ungefähr fünfzehn.«
Sie musste seinen Mund im Auge behalten, um mit dem Löffel zu zielen, doch ihr war bewusst, dass er sie beobachtete. Sie hätte ihm gern in die Augen gesehen, fürchtete sich aber beinahe vor dem, was sie in ihren dunkelgrünen Tiefen erblicken würde; würde es der Roger sein, den sie kannte, oder der stumme Fremde – der Gehängte?
»Oh – fast hätte ich es vergessen.« Sie unterbrach sich mitten in ihrer Beschreibung der Wilburs. Sie hatte es nicht vergessen, hatte aber auch nicht sofort mit der Nachricht herausplatzen wollen. »Pa hat heute Nachmittag mit dem Gouverneur gesprochen. Er – der Gouverneur, meine ich – überschreibt dir ein Stück Land. Fünftausend Acres.« Sie hatte die Worte noch nicht ausgesprochen, als ihr schon klar wurde, wie absurd das Ganze war. Fünftausend Acres Wildnis im Austausch für ein fast zerstörtes Leben. Das ›fast‹ kannst du streichen, dachte sie plötzlich, als sie Roger betrachtete.
Er sah sie stirnrunzelnd an, und seine Miene schien Verwunderung auszudrücken, dann schüttelte er den Kopf, legte sich auf das Kissen zurück und schloss die Augen. Er hob die Hände und ließ sie wieder sinken, als sei das jetzt einfach zu viel für ihn. Vielleicht war es das ja auch.
Sie stand auf und beobachtete ihn schweigend, doch er öffnete die Augen nicht. Zwischen seinen Augenbrauen waren tiefe Falten.
Weil sie ihn einfach berühren musste, um das Schweigen zu überbrücken, zeichnete sie den Schatten der Prellung nach, der über seinem Wangenknochen lag, und ihre wandernden Finger berührten sacht seine Haut.
Sie konnte die seltsam verschwommenen Umrisse des Blutergusses sehen, konnte beinahe das dunkel geronnene Blut unter seiner Haut sehen, wo die Kapillargefäße geborsten waren. Die Stelle wurde allmählich gelb; ihre Mutter hatte ihr erklärt, dass die Leukozyten des Körpers an den Ort einer Verletzung eilten, um dort die verletzten Zellen abzubauen und dann ganz ökonomisch das ausgeströmte Blut zurückzuschleusen; die Farbveränderungen waren das Resultat dieser zellulären Hausfrauenarbeit.
Er öffnete die Augen, heftete sie auf ihr Gesicht, doch in seiner Miene regte sich nichts. Sie wusste, dass sie ein sorgenvolles Gesicht machte, und versuchte zu lächeln.
»Du siehst gar nicht tot aus«, sagte sie. Das ließ die reglose Fassade zerbröckeln; seine Augenbrauen fuhren zuckend hoch, und in seinen Augen zeigte sich ein schwaches, humorvolles Glänzen.
»Roger –« Da ihr die Worte fehlten, bewegte sie sich impulsiv auf ihn zu. Er erstarrte und zog instinktiv den Kopf ein, um das wackelige Röhrchen in seiner Kehle zu schützen, doch sie legte ihm vorsichtig den Arm um die Schultern, weil sie unbedingt spüren musste, dass er real war.
»Ich liebe dich«, flüsterte sie, und ihre Hand schloss sich fest um seinen Armmuskel, damit er ihr auch ja glaubte.
Sie küsste ihn. Seine Lippen waren warm und trocken, vertraut – und doch durchfuhr sie ein Schreck. Es strich keine Luft über ihre Wange, kein warmer Atemhauch aus seiner Nase oder seinem Mund berührte sie. Es war, als küsste sie eine Maske. Aus den verborgenen Tiefen seiner Lungen zischte feuchte, kühle Luft durch das Bernsteinröhrchen an ihren Hals, wie der Luftzug aus einer Höhle. Eine Gänsehaut lief ihr über die Arme, und sie wich zurück. Sie hoffte, dass ihr weder der Schreck noch der Abscheu anzusehen waren.
Er hatte die Augen geschlossen und fest zugekniffen. Sein Kinnmuskel verkrampfte sich; sie sah, wie dort der Schatten wanderte.
»Ruh … dich aus«, brachte sie mit zittriger Stimme hervor. »Bis … bis morgen.«
Sie stieg die Treppe hinunter und registrierte kaum, dass der Kerzenleuchter im Flur jetzt brannte oder dass die wartende Sklavin lautlos wieder aus dem Schatten in das Zimmer glitt.
Sie war jetzt wieder hungrig, doch sie musste sich erst der unbenutzten Milch entledigen. Sie wandte sich dem Zimmer ihrer Eltern zu und spürte einen schwachen Luftzug in der drückenden Dunkelheit. Trotz der warmen, schwülen Luft, fühlten sich ihre Finger kalt an, als dünstete ihre Haut immer noch Terpentin aus.
Letzte Nacht habe ich von meiner Freundin Deborah geträumt. Sie hat sich ein bisschen Geld damit verdient, dass sie beim Studentenverband Tarotkarten gelegt hat; sie hat mir ständig angeboten, es für mich umsonst zu machen, aber ich habe sie nicht gelassen.
Schwester Marie Romaine hat uns im fünften Schuljahr erzählt, dass den Katholiken jede Art von Hellseherei verboten ist – wir dürften keine Alphabettafeln, Tarotkarten oder Kristallkugeln berühren, weil diese Dinge das Werk des T-E-U-F-E-L-S seien – sie hat das Wort immer buchstabiert, es niemals ausgesprochen.
Ich war mir nie so richtig sicher, was der Teufel damit zu tun hatte, aber irgendwie konnte ich mich nicht dazu durchringen, mir von Deb die Karten legen zu lassen. Aber letzte Nacht in meinem Traum hat sie es getan.
Ich habe ihr oft dabei zugesehen, wie sie es für andere getan hat; ich fand die Tarotkarten faszinierend – vielleicht nur, weil sie verboten schienen. Aber sie hatten so coole Namen – Große Arkana, kleine Arkana; Ritter der Münzen, Bub der Kelche, Königin der Stäbe, König der Schwerter. Die Herrscherin, der Magier. Und der Gehängte.
Klar, wovon sollte ich auch sonst träumen? Ich meine, das war nun wirklich kein subtiler Traum. Da lag sie, inmitten der ganzen Karten, und Deb erzählte mir, was sie bedeutete.
»Ein Mann hängt mit dem Fuß an einem Balken, der quer über zwei Bäume gelegt ist. Seine Arme sind hinter seinem Rücken gefaltet und bilden zusammen mit dem Kopf ein Dreieck, dessen Spitze nach unten zeigt; seine Beine bilden ein Kreuz. In gewisser Weise ist der Gehängte nach wie vor mit der Erde verhaftet, denn sein Fuß ist ja an dem Balken befestigt.«
Ich konnte den Mann auf der Karte vor mir sehen, für ewig zwischen Himmel und Erde gefangen. Diese Karte war mir schon immer seltsam vorgekommen – der Mann schien überhaupt nicht beunruhigt zu sein, obwohl er mit dem Kopf nach unten hing und die Augen verbunden hatte.
Deb schob die Karten wieder und wieder zusammen und legte sie erneut aus, und dieses Motiv tauchte ständig wieder auf.
»Der Gehängte repräsentiert die Notwendigkeit der Hingabe und Aufopferung«, erklärte sie. »Diese Karte ist von profunder Bedeutung«, sagte sie und sah mich an, während sie mit dem Finger auf die Karte tippte. »Doch diese Bedeutung ist zum Großteil verschleiert; du musst selbst herausfinden, was sie dir sagt. Selbstaufgabe führt zu einer Transformation der Persönlichkeit, doch die Person muss ihre Regenerierung selbst bewerkstelligen.«