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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
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Sie entschied sich für die runde Schachtel Schmelzkäse und ein Glas saurer Gurken und begann, die auf dem Tablett ausgelegten Brote zu bestreichen … Wohnbezirksparteisekretär: Das war der Mann, der den Parteibeitrag der zehn oder fünfzehn Veteranen zwischen Thälmannstraße und OdF-Platz kassierte — nichts weiter. Aber was machte Wilhelm? Hielt irgendwelche geheimen Versammlungen ab, da unten in seiner Zentrale, plante irgendwelche «Operationen». Zu den letzten Kommunalwahlen hatte er eine motorisierte Einsatzstaffel organisiert, um denjenigen, die am frühen Nachmittag immer noch nicht gewählt hatten, Agitatoren auf den Hals zu schicken: Den ganzen Rasen hatten diese Trottel zerfahren! Seine neueste Idee: die Lokomotive für Kuba. Neuendorf, mit seinen nicht einmal zehntausend Einwohnern, sollte das Geld für eine Diesellok aus dem Karl-Marx-Werk aufbringen. Überall sammelten sie wie verrückt, die Jungen Pioniere brachten Altstoffe weg, und am Ende sollten die Leute noch etwas für eine große Tombola hergeben, die am nächsten Wochenende im Klub der Volkssolidarität stattfinden und den Höhepunkt der ganzen Aktion darstellen sollte.

Unglaublich, wie er die Leute einzuwickeln verstand, dachte Charlotte, während sie die Brote mit Schmelzkäse bestrich. Mit seinen Andeutungen, seinem Gehabe. Mit seinem Hut, den er zu jeder Jahreszeit trug. Fast war er, sie musste es zugeben, schon eine Berühmtheit in Neuendorf. Stand andauernd in der Zeitung, auch wenn es nur die Lokalpresse war. Die Leute kannten ihn, sie grüßten ihn auf der Straße. Nicht sie, er wurde gegrüßt. Die Leute erzählten sich irgendwelche unerhörten Geschichten … Wie machte der das? Nein, man konnte nicht sagen, dass Wilhelm solche Geschichten in die Welt setzte. Aber irgendwie, weiß der Teufel … Er nagelte sein Lasso an die Wand in seiner Zentrale — und schon waren die jungen Genossen überzeugt, Wilhelm sei ein begnadeter Lassowerfer gewesen. Er schenkte Cuba Libre aus, und schon glaubten alle, er kenne Fidel Castro persönlich! Und wenn er Nescafé auf «mexikanisch» trank (was nichts anderes hieß, als dass er das Pulver zuerst mit Kaffeesahne anrührte, sodass dann eine kleine Schaumkrone auf dem Kaffee entstand) und dazu eine russische Papyrosse rauchte, war eigentlich allen klar, dass Wilhelm in Mexiko das sowjetische Geheimdienstnetz aufgebaut hatte.

Wenn die wüssten, dachte Charlotte. Sie hielt einen Augenblick inne (sie war gerade dabei, die winzigen Gurken in winzige Scheiben zu schneiden). Hielt inne und dachte an Hamburg: Wilhelms «Geheimdiensttätigkeit». Drei Jahre lang hatte er im Büro gesessen und Zigaretten geraucht. Das war Wilhelms «Geheimdiensttätigkeit». Drei Jahre auf verlorenem Posten. Nichts ging mehr. Nachrichten über Verhaftungen trudelten ein, und Wilhelm saß da und wartete. Worauf eigentlich? Worauf hatten sie eigentlich gewartet? Wofür hatten sie ihr Leben riskiert? Sie wusste es nicht. Jeder weiß nur so viel, wie er wissen muss, sagte Wilhelm. Und sie, anstatt mit den Jungs nach Moskau zu gehen, war in Deutschland geblieben und hatte die Ehegattin gespielt: zur Tarnung. Fast war sie — das konnte man natürlich keinem erzählen — froh gewesen, als alles aufflog und sie Hals über Kopf abhauen mussten. Mit Schweizer Pässen. Bei Wilhelms Berliner Dialekt. Du lieber Gott, das war ein Geheimdienst. Nicht einmal anständige Pässe konnten sie einem beschaffen.

Erbärmlich, die Brote: Der frische Teig war beim Bestreichen gerissen. Wütend verteilte Charlotte Gurkenscheiben darauf, obwohl sie, je mehr sich die Sache dem Ende näherte, desto sicherer war, dass sie nicht in den Keller gehen würde …

Was nun? Der Akademieapparat fiel ihr ein: Erst kürzlich hatte Wilhelm einen Anschluss seines sogenannten Akademieapparates in den Keller verlegen lassen — ein internes Betriebstelefon, das Wilhelm, obwohl er bereits seit sechs Jahren aus der Akademie ausgeschieden war, unverdrossen weiterbenutzte. Sie ging zu ihrem Akademieapparat und rief Wilhelm auf seinem Akademieapparat an, um ihm mitzuteilen, dass die Brote auf dem Küchentisch standen — und obwohl sie im selben Moment von einem mörderischen Hunger überfallen wurde, verdrückte sie sich erst einmal aus der Küche, um nicht dabei zu sein, wenn Schlinger das Tablett holte.

Sie aß viel und schlief schlecht. Nachts gegen halb drei setzte der Harndrang ein, sie wankte durch den Flur wie ein Kind, ängstlich und dünnhäutig. Zur Wolfsstunde, wie ihre Mutter diese Uhrzeit genannte hatte, war sie von jeher den verschiedensten Anfechtungen ausgesetzt. Selbst die Muschel im Flur war ihr unheimlich; sie sah nicht nach links, nicht nach rechts, versuchte, an nichts Schlimmes zu denken. Aber als sie auf dem Klo saß und darauf wartete, dass das letzte Tröpfchen abging, kam ihr auf einmal der Verdacht, ihr Artikel könnte dem Genossen Hager missfallen haben; sie könnte sich völlig verrannt haben und ihr Artikel sei in Wirklichkeit schlecht und kleinlich und rückwärtsgewandt …

Am Morgen war der Gedanke immer noch da, wenn auch durch das Tageslicht gemildert. Trotzdem widerstand Charlotte der Versuchung, im Morgenrock zum Briefkasten zu rennen und nachzuschauen, ob das ND schon gekommen war. Sie stand auf wie immer, duschte kalt, bereitete sich einen Muckefuck und ein Toastbrot mit Butter, erst dann ging sie die Zeitung holen, brachte sie, zusammen mit Toast und Muckefuck, in den Wintergarten, schaffte es sogar, zuerst die Titelseite zu überfliegen, auf der von kriminellen Machenschaften an der Sektorengrenze die Rede war, und blätterte dann geduldig bis zur Kulturseite — und da war er!

Mehr als eine Frage des guten Geschmacks. Wolfgang Koppes Roman «Mexikanische Nacht» im Mitteldeutschen Verlag. Von Charlotte Powileit

Es war nicht das erste Mal, dass etwas von ihr gedruckt wurde, aber Routine war es keineswegs. Obwohl sie den ganzen Artikel im Grunde auswendig konnte, las sie noch einmal jedes Wort, genüsslich, mit Toastbrot und Muckefuck. Jetzt, wo er gedruckt stand, wirkte der Artikel noch fester, noch schlüssiger als vorher.

Im Grunde genommen handelte es sich um eine Rezension, aber da sie auch grundsätzliche Fragestellungen behandelte, hatte man Charlotte eine Halbseite eingeräumt: alle sechs Spalten. Es ging um das Buch eines westdeutschen Schriftstellers, das jüngst in einem DDR-Verlag erschienen war. Es war ein schlechtes, ein ärgerliches Buch, Charlotte hatte es von der ersten Seite an gründlich missfallen. Es handelte von einem jüdischen Emigranten, der nach Deutschland — ins westliche Deutschland — zurückkehrte und feststellte, dass die faschistische Ideologie dort immer noch fortlebte. So weit, so gut. Anstatt aber — immerhin eine denkbare Alternative — in die DDR zu gehen, kehrte er nach Mexiko zurück, wo er ein bisschen über Leben und Tod philosophierte und sich schließlich das Leben nahm. Zwar war es spannend und sprachlich brillant, auch vertrat der Autor zweifellos eine antifaschistische Gesinnung — aber das war auch schon alles.

Noch das geringste Übeclass="underline" Mexiko war vollkommen falsch dargestellt, als wäre der Autor nie da gewesen.

Gegen die Tatsache, dass die Hauptfigur homosexuell war, hatte Charlotte im Prinzip nichts einzuwenden, auch wenn sie, das musste sie zugeben, auf unangenehme Weise an ihren Bruder Carl-Gustav denken musste, wenn der Ich-Erzähler seine homoerotischen Abenteuer mit minderjährigen mexikanischen Strichjungen schilderte: langatmig, zermürbend, ekelhaft.

Ihr Haupteinwand war jedoch politischer Art. Das Buch war negativ. Defätistisch. Es zog den Leser in dunkle Sphären hinunter, machte ihn passiv und klein, stellte ihn hilflos in eine Welt, die grausam war und schlecht, zeigte keinerlei Auswege auf — weil es, so meinte der Ich-Erzähler, keine Auswege gab. Seltsamerweise überkam ihn diese Gewissheit ausgerechnet beim Anblick der Kolossalstatue der Coatlicue.

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