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Wladimir - die ganze Wahrheit

Электронная книга - «Wladimir - die ganze Wahrheit». Краткое содержание книги:

Wenn Paranoia als Sinn für die Realität gelten muss: Der Moskauer Kremlkundler Stanislaw Belkowski analysiert Wladimir Putins Verhältnis zur Macht und zu seinen russischen Landsleuten.
Wer ist Putin wirklich? Er inszeniert sich als Angler mit gestähltem Oberkörper, als Taucher, Pilot, Macho und Frauenheld – doch obwohl es mittlerweile Dutzende Bücher und Tausende Artikel über den Staatschef Wladimir Putin gibt, bleibt die Person hinter dem Amt seltsam unklar. Ist er tatsächlich der russische »Übervater«? Der Staatserneuerer, der das Tor zu einer leuchtenden Zukunft aufgestoßen hat? Oder doch eher der »Kremltyrann«, der im Begriff ist, die junge russische Demokratie zu zerstören? Stanislaw Belkowski, Insider des Moskauer Politbetriebes, widerlegt in seinem Buch die hartnäckigsten Mythen über Wladimir Putin und beleuchtet dessen persönliche Motive für sein.
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Beresowski wurde mit Putin in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre durch Pjotr Awen bekannt gemacht, der damals Stellvertreter des Bürgermeisters von Sankt Petersburg (Anatoli Sobtschak) für Fragen der Außenbeziehungen gewesen war. Heute ist Awen Präsident der Alfa-Bank, und 1992 hatte er als Minister für Außenhandelsbeziehungen Russlands Putins Bemühungen hinsichtlich der föderalen Machtorgane betreut. Beresowski ist übrigens von Awen zu verschiedenen Zeiten sowohl mit Roman Abramowitsch und Walentin Jumaschew vernetzt worden, was in vielerlei Hinsicht den steilen Aufstieg und den langsamen, quälenden Fall des Oligarchen vorherbestimmte. Immer gern erzählte Beresowski die Geschichte von WWPs Zuverlässigkeit: Am 23. Januar 1999 hatte dieser sich nicht gescheut, den Unternehmer zu seinem Geburtstag aufzusuchen, auch wenn der Beresowski feindlich gestimmte Ministerpräsident Jewgeni Primakow, der in jenen Tagen bereits als Nachfolger von Boris Jelzin gehandelt wurde, derartige Schritte nicht begrüßen konnte. Und als unser Held im Januar 2000 zum diensttuenden Präsidenten des Landes wurde, fasste Beresowski das in vielerlei Hinsicht als seinen Sieg und sein Verdienst auf. Wie sich bald herausstellte, hatte er sich geirrt. Wie jedoch sein Tod zeigte, nicht zu 100 Prozent.

Der Konflikt zwischen Putin und Beresowski spitzte sich beim Untergang des Atom-U-Boots »Kursk« im September 2000 zu. Putin hatte seinen Urlaub in Sotschi nicht sofort unterbrochen, um zur Unglücksstelle zu eilen. Natürlich war das ein fataler politischer Fehler – ein Staatsoberhaupt ist verpflichtet, sich am Ort der größten Katastrophe seines Landes zu befinden. Sein Verhalten war unverzeihlich, aber wir sollten nicht vergessen, dass WWP Präsident geworden war, ohne dass er sich zuvor je einmal als Politiker in der Öffentlichkeit bewegt hatte. Ganz banal fürchtete er sich, vor den Kameraaugen zu Fragen über die Tragödie Rede und Antwort zu stehen. Er hatte Angst vor dem Umgang mit den erzürnten Seemannswitwen – nicht ohne Grund, wie sich herausstellte. Beresowski jedoch gab sich mit derlei Nuancen nicht ab, und außerdem ärgerte ihn die Reform des Föderationsrats (der höchsten Kammer des russischen Parlaments), die man ohne Rücksprache mit ihm, dem damals großen Oligarchen, im Mai 2000 initiiert hatte. Der von Beresowski persönlich kontrollierte Fernsehsender ORT (heute – Erster Kanal des Russischen Fernsehens) ließ seinen ganzen verbitterten Zorn an Putin aus. Die Nachrichtensendungen des Kanals sowie die analytische Sendung von Sergei Dorenko mit den höchsten Einschaltquoten äußerten sich gegenüber dem Präsidenten alles andere als freundlich. Besonders bemerkte Dorenko die Patek-Philippe-Uhr des Präsidenten im Wert von 50 000 Dollar, die ausgerechnet die linke Hand des neugewählten Staatsoberhaupts zierte.

Putin wertete Beresowskis Verhalten als Verrat, der sich für ein Mitglied eines vereinten Machtkommandos nicht ziemt. Alle direkten Interessenvertreter des Oligarchen bei ORT – zunächst die Leiter für Informationssendungen Tatjana Koschkarjowa und Sergei Narsikulow und dann Sergei Dorenko – wurden entlassen. Danach empfing der Präsident seinen ehemaligen Freund im Kreml und teilte ihm mit, dass der Erste Kanal nun wieder der direkten Aufsicht des Staates unterstellt sei, also seiner eigenen, der von Wladimir Putin. »Leben Sie wohl, Boris Beresowski« waren die letzten Worte des Präsidenten, die aus dem Freund einen Feind machten.

Dennoch wurde mit Beresowski als jemandem, der einen erheblichen Beitrag zu Operation »Nachfolger« geleistet hatte, durchaus menschlich umgegangen und auch nicht ohne den für Putin charakteristischen Edelmut. Man nahm ihm sein Eigentum auf russischem Territorium nicht weg, sondern kaufte es für viel Geld. 1,3 Milliarden Dollar erhielt er für seinen Anteil an Sibneft, 250 Millionen Dollar für den an Aeroflot, 170 Millionen Dollar für ein absolut illiquides Minderheitenpaket (49 Prozent) der Aktien am Fernsehsender ORT, der ohne staatlichen Willen und Zustimmung absolut keinen Wert besaß. Es waren also insgesamt an die 1,7 Milliarden Dollar – nicht schlecht, besonders für die Jahre zwischen 2000 und 2002, als die Preise und Größenordnungen noch ein wenig anders waren als heute. Putin hatte Beresowski nicht einmal sein berühmtes Gästehaus in Moskau (Nowokusnezkaja 40) weggenommen, wo in ihren besten Zeiten die Hautevolee des Kremls und seiner Umgebung zum Schmieden von Ränken und Intrigen zusammengekommen war. Dort befand sich später die Kunstgalerie »Triumpf« der Angehörigen von Beresowski, und heute findet man dort ihr Restaurant unter dem schönfärberischen, wenn auch etwas anmaßenden Namen »Revolution«.

Die Feindschaft dauerte zwölfeinhalb Jahre und endete mit den bußfertigen Briefen und schließlich an dem Schal, mit dem sich der Oligarch in dem von innen verschlossenen Badezimmer im Haus von Galina Bescharowa erhängte.

Wir jedoch interessieren uns weniger für dieses Sujet, das vielen bekannt ist, als vielmehr für die politisch-psychologischen Zusammenhänge. Das Verhältnis zwischen Putin und Beresowski ist für sich genommen ein ziemlich gutes Szenario für einen psychologischen Thriller. Dabei kann ich mich selbst zu den Freunden von Boris Beresowski zählen, auch wenn sich unsere Freundschaft in vollem Sinne dieses Wortes erst nach seiner dritten Ausreise aus Russland ergab. Deswegen erlaube ich mir ein Urteil über die Nuancen, die für einen außenstehenden, wenn auch gut informierten Beobachter nicht leicht zu erkennen sind.

Wenden wir uns also vom Allgemeinen dem Besonderen zu, und nicht umgekehrt.

Als jemand, der die postsowjetische politische Landschaft bereits seit fast 20 Jahren beobachtet und studiert, kann ich mit hoher Gewissheit sagen: Nur selten gehen psychisch gesunde Menschen in die Politik, und zwar im direkten, klinischen Sinne des Begriffs »psychisch gesund«. Das Gehirn eines Politikers ist ein Sammelbecken für alle möglichen Manien und Phobien, mit denen ein sogenannter normaler Mensch (bei aller himmelschreiender Relativität dieses Begriffs) einfach nicht zurechtkommen kann.

Ich möchte sofort hinzufügen, dass ich im gegebenen Fall nicht die Bürokraten meine, die aus einem Missverständnis heraus für Politiker gehalten werden. Ein Bürokrat in einem politischen Amt ist nicht dasselbe wie ein echter Politiker, auch wenn bei der Bestimmung des einen wie des anderen manchmal Verwirrung entsteht.

90 Prozent der Politiker kann man also entweder zu den Schizophrenen oder zu den Paranoikern rechnen, oder genauer: zu denjenigen, deren Denken in schizophrenen beziehungsweise paranoiden Bahnen verläuft. Wir werden hier der Kürze und Einfachheit zuliebe die Wörter »Schizophrener« und »Paranoiker« verwenden, auch wenn wir damit ein wenig Genauigkeit einbüßen.

Die Schizophrenen sind Kreative und Antreiber, die Paranoiker Manager und Wächter. Erstere sind gut für Zeiten der Instabilität und großer Umschwünge. Letztere eignen sich, wenn Stabilität in Mode kommt und Kontrolle wichtiger als Entwicklung wird.

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