Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Aber du hast es getan?«, fragte sie sanft.
Er hob den Kopf und holte Luft mit einem feuchten Geräusch, so als zöge man einen nassen Verband von einer frischen Wunde.
»Iseabail«, sagte er, und sie wusste, dass es das erste – und vermutlich auch das einzige – Mal war, dass er den Namen laut aussprach. »Wenn es ein Sohn gewesen wäre, hätte ich ihn Jamie genannt.« Er sah sie mit dem Hauch eines Lächelns an. »Nur in meinen Gedanken, aye.«
Dann atmete er seufzend aus, zog die Schultern hoch und legte den Kopf auf die Knie.
»Was ich mich frage«, sagte er kurz darauf mit viel zu kontrollierter Stimme, »ist dies: Lag es an mir?«
»Ian! Du meinst, war es deine Schuld, dass das Baby gestorben ist? Warum sollte es das?«
»Ich bin gegangen«, sagte er schlicht und richtete sich auf. »Habe mich abgewandt, habe aufgehört, Christ zu sein, Schotte zu sein. Sie haben mich zum Fluss geführt und mich mit Sand abgerieben, um das weiße Blut fortzuwaschen. Sie haben mir meinen Namen gegeben – Okwaho’kenha – und gesagt, ich sei ein Mohawk. Aber das war ich nicht, nicht in Wirklichkeit.«
Er seufzte noch einmal tief, und sie legte ihm eine Hand auf den Rücken und spürte dabei seine Rückenwirbel durch das Leder seines Hemdes hindurch. Er isst nicht annähernd genug, dachte sie.
»Aber ich war ebenso wenig das, was ich einmal gewesen war«, fuhr er mit beinahe nüchterner Stimme fort. »Ich habe versucht, das zu sein, was sie wollten, verstehst du? Also habe ich aufgehört, zu Gott oder der Jungfrau Maria oder der heiligen Brigitta zu beten. Ich habe auf das gehört, was mir Emily über ihre Götter erzählt hat, die Geister, die in den Bäumen wohnen und all das. Aber wenn ich mit den Männern in die Schwitzhütte gegangen bin oder am Feuer gesessen und die Geschichten gehört habe … sind sie mir genauso wahr vorgekommen wie früher Christus und seine Heiligen.«
Er wandte den Kopf und sah unvermittelt zu ihr auf, halb bestürzt, halb trotzig.
»Ich bin der Herr, dein Gott«, sagte er. »Du sollst keine anderen Götter neben mir haben. Aber das hatte ich, nicht wahr? Das ist eine Todsünde, oder nicht?«
Am liebsten hätte sie gesagt, nein, natürlich nicht. Oder schwach eingewendet, dass sie kein Pastor sei, wie solle sie das also beurteilen? Doch das ging beides nicht; er war nicht darauf aus, sich auf dem einfachen Weg beruhigen zu lassen. Und ihm lediglich aus Schwäche jede Verantwortung abzusprechen, hätte ihm keinen Dienst erwiesen.
Sie holte tief Luft und atmete wieder aus. Es war schon viele Jahre her, seit sie den Katechismus gelernt hatte, aber so etwas vergaß man schließlich nicht.
»Die Voraussetzungen für eine Todsünde sind diese«, sagte sie den exakten Wortlaut aus dem Gedächtnis auf. »Erstens, dass die Handlung ein gravierender Fehler ist. Zweitens, dass dem Handelnden bewusst ist, dass es ein Fehler ist. Und drittens – dass er ihn in vollem Bewusstsein begeht.«
Er beobachtete sie gebannt.
»Nun, es ist falsch gewesen, und das wusste ich wohl auch – aye, ich habe es gewusst. Vor allem –« Sein Gesicht verfinsterte sich noch mehr, und sie fragte sich, welche Erinnerung ihm wohl gerade gekommen war.
»Aber – wie sollte ich denn einem Gott dienen, der um der Sünden des Vaters willen ein Kind nehmen würde?« Ohne eine Antwort abzuwarten, richtete er den Blick auf die Böschung, wo die Überreste des Mammuts in der Zeit erstarrt lagen. »Oder sind sie es gewesen? War es gar nicht mein Gott, sondern die Geister der Irokesen? Haben sie gewusst, dass ich kein echter Mohawk bin – dass ich ihnen einen Teil meiner selbst vorenthalten habe?«
Todernst richtete er seine Augen wieder auf sie.
»Götter sind doch eifersüchtig, oder?«
»Ian …« Sie schluckte hilflos. Aber sie musste irgendetwas sagen.
»Was du getan hast – oder nicht getan hast –, das war nicht falsch, Ian«, sagte sie unbeirrbar. »Deine Tochter … sie war zur Hälfte Mohawk. Es war nicht falsch, sie nach den Gebräuchen ihrer Mutter beerdigen zu lassen. Deine Frau – Emily – sie wäre doch furchtbar bestürzt gewesen, wenn du darauf bestanden hättest, das Baby zu taufen, oder nicht?«
»Aye, vielleicht. Aber …« Er schloss die Augen und ballte die Hände auf seinen Oberschenkeln zu Fäusten. »Aber wo ist sie dann?«, flüsterte er, und sie konnte die Tränen auf seinen Wimpern beben sehen. »Die anderen – sie sind ja gar nicht geboren worden; Gott wird sie in Seiner Hand halten. Aber die kleine Iseabail – sie kann doch nicht im Himmel sein, oder? Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass sie – dass sie vielleicht … irgendwo umherirrt. Wandert.«
»Ian …«
»Ich höre sie weinen. In der Nacht.« Er atmete in tiefen Schluchzern. »Ich kann ihr nicht helfen, ich kann sie nicht finden!«
»Ian!« Auch ihr liefen nun die Tränen über die Wangen. Sie packte ihn an den Handgelenken und drückte zu, so fest sie konnte. »Ian, hör mir zu!«
Er holte zitternd Luft und hielt den Kopf gesenkt. Dann nickte er kaum merklich.
Sie richtete sich zum Knien auf und zog ihn fest an sich, den Kopf an ihre Brust gedrückt. Sie presste die Wange an die Oberseite seines Kopfes und spürte sein Haar warm und nachgiebig an ihrem Mund.
»Hör mir zu«, sagte sie leise. »Ich hatte noch einen anderen Vater. Den Mann, der mich aufgezogen hat. Er ist jetzt tot.« Das Gefühl der Untröstlichkeit über seinen Verlust war lange Zeit gedämpft gewesen, durch neue Tochterliebe abgeschwächt, durch neue Verpflichtungen verdrängt. Jetzt überkam es sie wieder wie am ersten Tag, quälend scharf wie eine Stichwunde. »Ich weiß – ich weiß, dass er im Himmel ist.«
War er das wirklich? Konnte er tot und im Himmel sein, obwohl er noch gar nicht geboren war? Und doch war er für sie tot, und für den Himmel spielte die Zeit ganz bestimmt keine Rolle.
Sie hob das Gesicht in Richtung der Böschung, richtete ihre Worte jedoch weder an die Knochen noch an Gott.
»Papa«, sagte sie, und ihr brach die Stimme bei diesem Wort, doch sie hielt ihren Vetter fest. »Papa, ich brauche dich.« Ihre Stimme klang kleinlaut und bedauernswert unsicher. Doch andere Hilfe gab es nicht.
»Du musst Ians kleines Mädchen für mich finden«, sagte sie, so bestimmt sie konnte, und versuchte, das Gesicht ihres Vaters heraufzubeschwören, ihn oben auf der Böschung im wogenden Laub zu sehen. »Bitte such sie. Nimm sie in die Arme, und sorge dafür, dass sie in Sicherheit ist. Kümmere – bitte kümmere dich um sie.«
Sie hielt inne und hatte das obskure Gefühl, dass sie noch etwas sagen sollte, etwas Feierlicheres. Das Kreuzzeichen machen? »Amen« sagen?
»Danke, Papa«, sagte sie leise und weinte, als wäre ihr Vater gerade erst gestorben, und sie weinte allein, verwaist, verirrt in der Nacht. Ian hatte die Arme um sie geschlungen, und sie klammerten sich aneinander und hielten sich fest, während sich die Wärme der Nachmittagssonne schwer auf ihre Köpfe legte.
Sie lag ihm immer noch in den Armen, als sie aufhörte zu weinen, und ihr Kopf ruhte an seiner Schulter. Er tätschelte ihr ganz sanft den Rücken, schob sie aber nicht von sich.
»Danke«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Geht es wieder, Brianna?«
»Hm-mm.« Sie richtete sich auf und löste sich von ihm, schwankend, als sei sie betrunken. Sie fühlte sich auch so, als sei sie betrunken, als seien ihre Knochen weich und biegsam, als sei alles um sie herum leicht unscharf, bis auf bestimmte Dinge, die ihr ins Auge fielen: eine Stelle, an der leuchtend rosafarbener Frauenschuh wuchs, ein Stein, der von der Böschung gefallen war und dessen Oberfläche mit roten Eisenstreifen durchzogen war. Rollo, der beinahe auf Ians Fuß saß und seinen großen Kopf nervös an das Bein seines Herrchens gedrückt hatte.
»Und was ist mit dir, Ian?«, fragte sie.
»Es wird schon wieder.« Seine Hand tastete nach Rollos Kopf und rieb ihm beschwichtigend über die spitzen Ohren. »Vielleicht. Nur …«