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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)

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Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
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»Ein Mammut«, sagte sie und ertappte sich dabei, dass sie ebenfalls flüsterte. Die Sonne hatte den Zenit überschritten; die Sohle des Flussbetts lag schon im Schatten. Licht fiel auf den fleckigen Bogen aus uraltem Elfenbein und schärfte die Konturen der hochstirnigen Schädelhöhle, an der er befestigt war. Der Schädel steckte leicht schräg im Boden, der eine sichtbare Zahn ragte hoch auf, die Augenhöhle ein schwarzes Rätsel.

Der Schauder kehrte zurück, und sie zog die Schultern hoch. Man konnte leicht das Gefühl bekommen, als könnte sich das Tier jeden Moment aus dem Lehm winden und seinen gigantischen Kopf mit den leeren Augen in ihre Richtung wenden, sich die Erde von den Stoßzähnen und den knochigen Schultern schütteln, sich in Bewegung setzen und den Boden erbeben lassen, wenn seine langen Zehen auftraten und im Schlamm einsanken.

»So nennt man es – Mammut? Aye, nun ja … Es ist ziemlich groß.« Ians Stimme zerstreute die Illusion, dass sich das Tier gleich bewegen könnte, und sie konnte endlich den Blick davon lösen – obwohl sie das Gefühl hatte, alle paar Sekunden wieder hinsehen zu müssen, um sicherzugehen, dass es noch da war.

»Sein lateinischer Name ist Mammuthus«, erklärte sie und räusperte sich. »In einem New Yorker Museum ist ein vollständiges Skelett ausgestellt. Ich habe es mir schon oft angesehen. Und ich habe Bilder davon in Büchern gesehen.« Sie richtete den Blick wieder auf die Kreatur in der Böschung.

»Ein Museum? Also ist es kein Tier, das es da gibt, wo … wenn« – er verhaspelte sich –, »wo du herkommst? Nicht lebendig, meine ich?« Er machte einen ziemlich enttäuschten Eindruck.

Sie hätte am liebsten gelacht, als sie sich vorstellte, wie Mammuts durch die Bostoner Vorgärten streiften oder sich am Ufer des Cambridge River tummelten. Kurzfristig war sie sogar enttäuscht, dass es nicht so gewesen war; es wäre wunderbar gewesen, sie zu sehen.

»Nein«, sagte sie bedauernd. »Sie sind alle vor Tausenden und Abertausenden von Jahren gestorben. Als das Eis gekommen ist.«

»Eis?« Ian ließ den Blick zwischen ihr und dem Mammut hin- und herschweifen, als fürchtete er, einer von beiden könne etwas Unziemliches tun.

»Die Eiszeit. Die Welt ist kälter geworden, und von Norden her haben sich Eisflächen ausgebreitet. Viele Tiere sind damals ausgestorben – ich meine, sie konnten kein Futter mehr finden und sind alle gestorben.«

Ian war blass vor Aufregung.

»Aye. Aye, solche Geschichten habe ich schon einmal gehört.«

»Wirklich?« Das überraschte sie.

»Aye. Aber du sagst, es ist echt.« Er wies erneut mit dem Kopf auf die Mammutknochen. »Ein Tier, aye, so wie ein Bär oder ein Opossum?«

»Ja«, sagte sie, verwundert über seine Stimmung, die zwischen Aufregung und Bestürzung zu pendeln schien. »Größer, aber sonst, ja. Was sollte es denn sonst sein?«

»Ah«, sagte er und holte tief Luft. »Nun, verstehst du, das war es, was ich von dir hören wollte, Cousinchen. Weißt du, die Kahnyen’kehaka – sie erzählen sich Geschichten von … Wesen. Tieren, die eigentlich Geister sind. Und wenn ich je etwas gesehen habe, das ein Geist sein könnte –« Er hatte den Blick immer noch auf das Skelett gerichtet, als könnte es aus dem Boden hervorspazieren, und sie merkte, wie ihn ein leichter Schauer überlief.

Auch sie konnte ein ähnliches Erschauern nicht unterdrücken, während sie das gigantische Tier betrachtete. Es überragte sie, grimmig und erschreckend, und einzig ihr Wissen, was es war, verhinderte, dass sie dem Bedürfnis nachgab, sich zu ducken und wegzulaufen.

»Es ist echt«, wiederholte sie zu ihrer eigenen Beruhigung genauso wie zu seiner. »Und es ist tot. Wirklich tot.«

»Woher weißt du das alles?«, fragte er ernsthaft neugierig. »Du sagst, es ist uralt. Du musst doch in deiner eigenen Zeit viel weiter davon« – er wies mit einem Ruck seines Kinns auf das riesige Skelett – »entfernt sein, als wir es jetzt sind. Wie ist es möglich, dass du mehr darüber weißt, als es die Menschen heute tun?«

Sie schüttelte mit einem schwachen Lächeln den Kopf, denn sie konnte es ihm nicht erklären.

»Wann hast du es gefunden, Ian?«

»Letzten Monat. Ich bin durch die Schlucht gekommen –«, er wies mit einer Geste den Bach entlang –, »und da war es. Ich habe mir fast in die Hose gemacht.«

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte sie und unterdrückte das Bedürfnis zu lachen.

»Aye«, sagte er, ohne ihre Belustigung wahrzunehmen, so sehr brannte er darauf, ihr alles zu erklären. »Ich wäre mir sicher gewesen, dass es ein Rawenniyo – ein Geist, ein Gott – ist, wenn der Hund nicht gewesen wäre.«

Rollo war aus dem Bach gestiegen, hatte sich das Wasser aus dem Fell geschüttelt und sich dann in den Schildblumen gewälzt; schwanzwedelnd vor Vergnügen, hatte er eindeutig keinerlei Notiz von dem stummen Giganten über ihm in der Böschung genommen.

»Was meinst du damit? Dass Rollo keine Angst davor hatte?«

Ian nickte.

»Aye. Er hat sich ganz so benommen, als ob da gar nichts wäre. Und doch …« Er zögerte und warf ihr einen Blick zu. »Manchmal im Wald. Er – er sieht Dinge. Dinge, die ich nicht sehen kann. Verstehst du?«

»Ich verstehe«, sagte sie, und erneut überlief sie ein Gefühl der Beklommenheit. »Hunde sehen … Dinge.« Sie konnte sich gut an ihre eigenen Hunde erinnern, besonders Smoky, den riesigen Neufundländer, der manchmal abends plötzlich den Kopf hob und lauschte. Seine Nackenhaare hatten sich gesträubt, während seine Augen … etwas … verfolgten, das das Zimmer durchquerte und verschwand.

Er nickte, erleichtert, dass sie wusste, wovon er sprach.

»So ist es. Ich bin weggelaufen, als ich das gesehen habe« – er wies mit einer Geste auf die Böschung –, »und habe mich hinter einem Baum versteckt. Aber der Hund hat einfach weitergemacht, ohne es zu beachten. Also habe ich gedacht, nun ja, vielleicht ist es ja doch nicht das, wofür ich es halte.«

»Und wofür hast du es gehalten?«, fragte sie. »Ein Rawenniyo, sagst du?« Jetzt, da die Aufregung über den Anblick des Mammuts nachzulassen begann, fiel ihr wieder ein, weshalb sie theoretisch hier waren. »Ian, du hast gesagt, das, was du mir zeigen wolltest, hätte etwas mit deiner Frau zu tun. Ist das …?« Sie wies mit hochgezogenen Augenbrauen auf die Böschung.

Er antwortete nicht sogleich, sondern legte den Kopf zurück und betrachtete den gigantischen Stoßzahn.

»Ich habe hin und wieder Geschichten gehört. Bei den Mohawk, meine ich. Sie haben sich von seltsamen Dingen erzählt, auf die die Männer bei der Jagd gestoßen sind. Geister, die im Felsen gefangen sind, und wie sie dort hingelangt sind. Meistens böse Geister. Und ich habe mir gedacht, wenn das hier auch so etwas ist …«

Er brach ab und wandte sich ihr zu, ernst und konzentriert.

»Ich musste es von dir hören, aye? Ob es das ist oder nicht. Denn wenn es so gewesen wäre, dann habe ich vielleicht etwas Falsches gedacht.«

»Das ist es nicht«, versicherte sie ihm. »Aber was in aller Welt hast du denn gedacht?«

»Über Gott«, sagte er und überraschte sie erneut. Er leckte sich über die Lippen, unsicher, wie er fortfahren sollte.

»Yeksa’a – das Kind. Ich habe sie nicht taufen lassen«, sagte er. »Ich konnte es nicht. Oder vielleicht hätte ich es ja gekonnt – man kann es schließlich selbst tun, wenn kein Pastor in der Nähe ist. Aber ich hatte nicht den Mut, es zu versuchen. Ich – ich habe sie nie zu Gesicht bekommen. Sie hatten sie schon eingewickelt … Sie hätten es nicht gern gesehen, wenn ich versucht hätte …« Seine Stimme erstarb.

»Yeksa’a«, sagte sie leise. »War das der Name deiner – deiner Tochter?«

Er schüttelte den Kopf und verzog ironisch den Mund.

»Es bedeutet einfach nur ›kleines Mädchen‹. Die Kahnyen’kehaka geben ihren Kindern bei der Geburt noch keine Namen. Erst später. Wenn …« Er verstummte und räusperte sich. »Wenn es am Leben bleibt. Sie kämen nie auf den Gedanken, einem ungeborenen Kind einen Namen zu geben.«

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