Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Er blieb stehen. Er schwitzte heftig vom schnellen Gehen und wischte sich mit dem Ärmel über das Kinn. Brianna konnte ebenfalls spüren, wie ihr der Schweiß über den Rücken rann und ihr das Jagdhemd anfeuchtete, doch sie achtete nicht darauf. Sie legte ihm ganz sanft die Hand auf den Rücken, sagte aber nichts.
Er stieß einen tiefen Seufzer aus, der beinahe erleichtert klang, dachte sie – vielleicht, weil die schreckliche Geschichte beinahe zu Ende war.
»Wir haben es noch eine Zeitlang versucht«, erzählte er jetzt wieder ganz sachlich. »Emily und ich. Aber sie war nicht mehr mit dem Herzen dabei.
Sie hatte kein Vertrauen mehr in mich. Und … Ahkote’ohskennonton war da. Er hat an unserem Herdfeuer gegessen. Und er hat sie beobachtet. Sie hat angefangen, seine Blicke zu erwidern.«
Eines Tages hatte Ian ein Stück Holz für einen Bogen bearbeitet. Er hatte sich ganz auf den Verlauf der Körnung unter seinem Messer konzentriert und versucht, in den Wirbeln die Dinge zu sehen, die Emily darin sah, die Stimme des Baumes zu hören, wie sie ihm gesagt hatte. Doch es war nicht der Baum, der in seinem Rücken sprach.
»Enkelsohn«, sagte eine trockene, alte Stimme mit einem Hauch von Ironie.
Er ließ das Messer fallen, das nur knapp seinen Fuß verfehlte, und fuhr herum, den Bogen in der Hand. Tewaktenyonh stand knapp zwei Meter von ihm entfernt und hatte eine Augenbraue hochgezogen, belustigt, weil es ihr gelungen war, sich ungehört an ihn heranzuschleichen.
»Großmutter«, sagte er und nickte in ironischer Anerkennung ihrer Geschicklichkeit. Sie mochte ja uralt sein, doch niemand bewegte sich geräuschloser als sie. Daher ihr Ruf; die Kinder des Dorfes lebten in respektvoller Furcht vor ihr, weil sie gehört hatten, sie könne sich in Luft auflösen und dann an anderer Stelle wieder auftauchen, direkt vor den schuldigen Augen etwaiger Missetäter.
»Komm mit mir, Wolfsbruder«, sagte sie und wandte sich um, ohne seine Antwort abzuwarten – mit der sie auch gar nicht rechnete.
Sie war schon außer Sichtweite, als er seinen halbfertigen Bogen unter einen Busch gelegt, sein Messer aufgehoben und Rollo herbeigepfiffen hatte, doch er holte sie problemlos ein.
Sie hatte ihn durch den Wald vom Dorf fortgeführt bis zu einer Stelle, an der ein Wildwechsel begann. Dort hatte sie ihm einen Beutel Salz und ein Wampumarmband gegeben und hatte ihn gebeten zu gehen.
»Und du bist gegangen?«, fragte Brianna nach längerem Schweigen. »Einfach – so?«
»Einfach so«, sagte er und sah sie zum ersten Mal an, seit sie am Morgen aus dem Lager aufgebrochen waren. Sein Gesicht war ausgezehrt, gezeichnet von seinen Erinnerungen. Der Schweiß glänzte auf seinen Wangen, doch er war so blass, dass sich die gepunkteten Linien seiner Tätowierungen scharf abzeichneten – Perforationslinien, an deren Verlauf entlang man sein Gesicht zerreißen konnte.
Sie schluckte ein paarmal, bevor sie etwas sagen konnte, brachte dann jedoch einen ähnlich sachlichen Tonfall wie er zuwege.
»Ist es noch sehr weit?«, fragte sie. »Unser Ziel?«
»Nein«, sagte er leise. »Wir sind fast da.« Und wandte sich ab, um weiter vorauszugehen.
Eine halbe Stunde später hatten sie eine Stelle erreicht, an der sich der Fluss tief in sein Bett gefressen und es zu einer kleinen Schlucht verbreitert hatte. Silberbirken und Schneeballdickichte wuchsen an den felsigen Wänden, und ihre glatten Wurzeln wanden sich durch das Gestein wie Finger, die sich in die Erde klammerten.
Bei diesen Gedanken kribbelte Briannas Nacken. Die Wasserfälle lagen jetzt weit über ihnen, und das Lärmen des Wassers hatte nachgelassen. Hier sprach der Bach mit sich selbst, während er über die Felsen rann und durch Matten aus Kresse und Wasserlinsen säuselte.
Eigentlich hatte sie den Eindruck, dass man oben am Rand der Schlucht leichter gehen konnte, doch Ian führte sie, ohne zu zögern, hinein, und sie folgte ihm entschlossen, obwohl ihr langes Gewehr sie beim Klettern über das Durcheinander aus Felsen und Baumwurzeln behinderte. Rollo, der für ihre ungeschickten Anstrengungen nichts als Verachtung übrighatte, stürzte sich in den Bach, in dem er nicht stehen konnte, und schwamm mit angelegten Ohren, so dass er aussah wie ein überdimensionaler Otter.
Während er sich auf die Bewältigung des schwierigen Terrains konzentrierte, hatte Ian seine Selbstbeherrschung wiedererlangt. Dann und wann blieb er stehen und streckte die Hand aus, um ihr über eine besonders steile Stelle oder einen durch eine Überflutung entwurzelten Baum hinwegzuhelfen, doch er wich ihrem Blick aus, und seine verschlossene Miene gab keinen Gedanken preis.
Ihre Neugier war auf dem absoluten Höhepunkt, aber es war klar, dass er vorerst alles gesagt hatte. Es war erst kurz nach Mittag, aber im Schatten der Birken herrschte ein goldenes Licht, das alles ringsum irgendwie gedämpft, beinahe verzaubert aussehen ließ. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wozu diese Expedition im Zusammenhang mit Ians Erzählung dienen könnte – doch dies war ein Ort, an dem beinahe alles möglich zu sein schien.
Sie dachte plötzlich an ihren ersten Vater – an Frank Randall, und diese Erinnerung erfüllte sie mit einem leisen Gefühl der Wärme. Dies war eine Stelle, die sie ihm gern gezeigt hätte.
Sie hatten oft in den Adirondacks Urlaub gemacht; ein anderes Gebirge, andere Bäume – doch über den schattigen Tälern und fließenden Gewässern hatte ein ähnlich rätselhaftes Schweigen gelegen. Manchmal war ihre Mutter auch mitgekommen, doch meistens waren nur sie beide weit in den Wald hinaufgewandert, ohne viel zu reden, glücklich und zufrieden in der Gesellschaft des Himmels.
Auf einmal wurde das Wasser wieder lauter; ein anderer Wasserfall war direkt in ihrer Nähe.
»Gleich da, Cousinchen«, sagte Ian leise und bedeutete ihr mit einer Kopfbewegung, ihm zu folgen.
Sie traten aus den Bäumen hinaus, und sie sah, dass die Schlucht hier plötzlich wegbrach und das Wasser fast sieben Meter tief in ein Becken stürzte. Ian führte sie an der Oberkante des Wasserfalls entlang; sie konnte das Wasser unter sich rauschen hören, doch hier oben war das Ufer dicht mit Ried bewachsen, durch das sie sich ihren Weg bahnen mussten, und sie traten welke Goldrutenstengel zu Boden und wichen den Grashüpfern aus, die panisch zu ihren Füßen aufschossen.
»Da, sieh«, sagte Ian und streckte die Hand aus, um die Lorbeerzweige vor ihr beiseitezuschieben.
»Wow!«
Sie erkannte sofort, was es war. Es war unverwechselbar, obwohl es zum Großteil unsichtbar war, verschüttet unter der bröckelnden Böschung am anderen Ufer der Schlucht. Vor nicht allzu langer Zeit hatte eine Flut den Wasserspiegel des Bachs steigen lassen und die Böschung unterspült, so dass ein riesiger Block aus Gestein und Schlamm abgebrochen war und das in ihm verborgene Geheimnis preisgegeben hatte.
Die gebogenen Rippen erhoben sich wie ein Fächer aus dem Schmutz, und sie nahm vage ein Durcheinander von Gegenständen wahr, das halb im Geröll am Fuß der Böschung vergraben war; enorme Gegenstände, knotig und verdreht. Möglich, dass es Knochen waren, möglich, dass es einfach nur Steine waren – aber es war der Stoßzahn, der ihren Blick auf sich zog. Er ragte als riesiger Bogen aus der Böschung, auf Anhieb vertraut und umso verblüffender, eben weil er ihr so vertraut erschien.
»Du weißt, was das ist?«, fragte Ian aufgeregt und ließ ihr Gesicht nicht aus den Augen. »Du hast so etwas schon einmal gesehen?«
»O ja«, sagte sie erschauernd, und eine Gänsehaut zog sich über ihre Unterarme, obwohl ihr die Nachmittagssonne warm auf den Rücken schien. Nicht vor Angst, sondern aus schierer Ehrfurcht vor dem Anblick, der sich ihr bot, und aus einer Art ungläubiger Freude heraus. »O ja. Das habe ich.«
»Was?« Ians Stimme war immer noch gedämpft, als könnte die Kreatur sie hören. »Was ist es?«