Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Aus allen diesen Parteien bildete sich gerade zu der Zeit, als Fürst Andrei zur Armee kam, noch eine neunte Partei, die ihre Stimme zu erheben begann. Dies war die Partei der alten, vernünftigen Männer, die im Staatswesen Erfahrung besaßen, und ohne eine der sich bekämpfenden Meinungen zu teilen, imstande waren, alles, was beim Stab des Hauptquartiers vorging, vorurteilslos zu betrachten und auf Mittel zu sinnen, um aus dieser Unbestimmtheit, Unentschlossenheit, Verwirrung und Schwäche herauszukommen. Die Männer dieser Partei sagten und glaubten, die Übelstände kämen vorzugsweise davon her, daß der Kaiser mit seinem militärischen Hofstaat bei der Armee anwesend sei. So sei jene schwankende Unsicherheit der Beziehungen, die bei Hof am Platz sein möge, auf die Armee übertragen worden, wo sie nur schädlich wirken könne; der Kaiser müsse regieren, aber nicht die Truppen befehligen; der einzige Ausweg aus dieser Lage sei die Abreise des Kaisers mit seinem Hofstaat von der Armee; schon die bloße Anwesenheit des Kaisers fessele fünfzigtausend Mann, die zur Sicherung seiner Person nötig seien; der schlechteste, aber unabhängige Oberkommandierende werde besser sein als der beste, der durch die Anwesenheit und Obergewalt des Kaisers gebunden sei.
Gerade in der Zeit, als sich Fürst Andrei noch ohne bestimmte Tätigkeit im Lager an der Drissa aufhielt, schrieb der Staatssekretär Schischkow, einer der Hauptvertreter dieser Partei, an den Kaiser einen Brief, welchen Balaschow und Araktschejew mit unterzeichneten. In diesem Brief machte Schischkow von der Erlaubnis Gebrauch, die ihm der Kaiser gegeben hatte, sein Urteil über den allgemeinen Gang der Dinge auszusprechen, und unterbreitete dem Kaiser in aller Ehrfurcht und unter dem Vorwand, es sei erforderlich, daß der Kaiser die hauptstädtische Bevölkerung für den Krieg begeistere, den Vorschlag, die Armee zu verlassen.
Daß er das Volk für den Krieg begeistern und zur Verteidigung des Vaterlandes aufrufen möge, wurde dem Kaiser gegenüber als Vorwand gebraucht, damit er (wie er es auch tat) den Vorschlag, das Heer zu verlassen, annähme. Und dieselbe Begeisterung (insofern sie durch des Kaisers persönliche Anwesenheit in Moskau hervorgerufen war) war nachher die wichtigste Ursache des Sieges Rußlands.
X
Dieser Brief war dem Kaiser noch nicht übergeben worden, als Barclay beim Mittagessen dem Fürsten Andrei mitteilte, der Kaiser wünsche ihn persönlich zu sprechen, um ihn nach dem Stand der Dinge in der Türkei zu befragen; er solle um sechs Uhr abends sich in Bennigsens Quartier einstellen.
An ebendiesem Tag war in dem kaiserlichen Quartier die Nachricht von einer neuen Bewegung Napoleons eingegangen, und man fürchtete, diese Bewegung könne für unsere Armee gefährlich werden (die Nachricht stellte sich aber später als falsch heraus). Und an demselben Vormittag hatte der Oberst Michaud mit dem Kaiser die Befestigungen an der Drissa abgeritten und dem Kaiser bewiesen, daß dieses von Pfuel eingerichtete befestigte Lager, das bisher für ein Meisterstück der Taktik gegolten hatte, an welchem Napoleon seinen Untergang finden müsse, in Wirklichkeit ein Wahnwitz sei und der russischen Armee zum Verderben gereichen werde.
Fürst Andrei ritt nach dem Quartier des Generals Bennigsen, der ein kleines Gutshaus dicht am Fluß bewohnte. Weder Bennigsen noch der Kaiser waren schon anwesend; aber der kaiserliche Flügeladjutant Tschernyschow empfing den Fürsten Andrei und teilte ihm mit, der Kaiser besichtige heute schon zum zweitenmal mit dem General Bennigsen und dem Marquis Paulucci die Befestigungen des Lagers an der Drissa, an dessen Zweckmäßigkeit starke Zweifel aufgetaucht seien.
Tschernyschow saß, als Fürst Andrei eintrat, mit einem französischen Roman an einem Fenster des ersten Zimmers. Dieses Zimmer hatte wahrscheinlich früher als Tanzsaal gedient; es stand darin noch eine Art Drehorgel, über die ein paar Teppiche geworfen waren, und in einer Ecke stand das Feldbett des Adjutanten Bennigsens. Dieser Adjutant war anwesend Augenscheinlich ermüdet, sei es von einem Gelage oder vom Arbeiten, saß er auf dem Bett, dessen Oberdecke zurückgeschlagen war, im Halbschlummer. Aus diesem Saal führten zwei Türen: die eine geradeaus in einen großen Salon, die andere nach rechts in ein Arbeitszimmer. Aus der ersten Tür waren Stimmen vernehmbar, die deutsch und mitunter auch französisch sprachen. Dort, in dem ehemaligen Salon, war nicht eigentlich ein Kriegsrat versammelt (der Kaiser liebte das Unbestimmte), sondern eine Anzahl von Personen, deren Meinung er angesichts der bevorstehenden Schwierigkeiten zu hören wünschte. Es war dies kein Kriegsrat, sondern sozusagen eine Versammlung von Männern, die ausgewählt waren, um dem Kaiser persönlich Aufklärung über gewisse Fragen zu geben. Zu diesem Pseudo-Kriegsrat waren eingeladen: der schwedische General Armfelt, der Generaladjutant Wolzogen, Wintzingerode, welchen Napoleon einen entflohenen französischen Untertanen genannt hatte, Michaud, Toll, der Freiherr vom Stein, obwohl er überhaupt kein Militär war, und endlich Pfuel selbst, der, wie Fürst Andrei gehört hatte, die Haupttriebfeder der ganzen Aktion war. Fürst Andrei hatte Gelegenheit, ihn genau zu betrachten, da Pfuel bald nach ihm ankam, durch den Saal nach dem Salon ging und ein Weilchen stehenblieb, um ein paar Worte mit Tschernyschow zu sprechen.
Im ersten Augenblick kam Pfuel in seiner schlecht gearbeiteten russischen Generalsuniform, die ihm so wenig paßte, als ob er sich verkleidet hätte, dem Fürsten Andrei bekannt vor, obwohl er ihn nie gesehen hatte. Er erinnerte in seiner Erscheinung an Weyrother und Mack und Schmidt und viele andere deutsche Theoretiker der Strategie, die Fürst Andrei im Jahre 1805 zu sehen Gelegenheit gehabt hatte; aber er repräsentierte den Typus reiner als diese alle. Einen solchen deutschen Theoretiker, der alle die charakteristischen Züge jener Männer in sich vereinigte, hatte Fürst Andrei noch niemals gesehen.
Pfuel war von mäßiger Größe, sehr mager, aber starkknochig, von derbem, gesundem Körperbau, mit breitem Becken und vorstehenden Schulterblättern. Sein Gesicht war sehr runzlig, die Augen lagen tief in den Höhlungen. Die Haare waren vorn an den Schläfen augenscheinlich in Eile mit einer Bürste glattgestrichen, ragten aber hinten in einzelnen Büscheln in die Höhe, was einen komischen Eindruck machte. Unruhig und ärgerlich um sich blickend, trat er in den Saal, als ob er in dem großen Salon, nach dem er hinging, alles mögliche Schlimme erwartete. Mit einer linkischen Bewegung den Degen anhebend, wandte er sich an Tschernyschow und fragte ihn auf deutsch, wo der Kaiser sei. Es lag ihm offenbar daran, möglichst schnell seinen Weg durch die Zimmer zurückzulegen und mit den Verbeugungen und Begrüßungen fertigzuwerden, um sich zur Arbeit an die Landkarte setzen zu können, wo er sich an seinem Platz fühlte. Er nickte rasch mit dem Kopf und lächelte ironisch, als er Tschernyschows Antwort hörte, der Kaiser besichtige die Befestigungen, die er, Pfuel, selbst nach Maßgabe seiner Theorie angelegt hatte. Mit seiner Baßstimme und in jenem barschen Ton, dessen sich selbstbewußte Deutsche gern bedienen, brummte er vor sich hin: »Dummheiten … die ganze Geschichte haben sie verdorben …‘s wird was Gescheites draus werden.« Fürst Andrei hörte nicht darauf hin und wollte vorbeigehen; aber Tschernyschow stellte ihn Pfuel vor und bemerkte dazu, Fürst Andrei komme aus der Türkei, wo der Krieg so glücklich beendet sei. Pfuel sah nicht sowohl den Fürsten Andrei an als vielmehr über ihn hin und äußerte lächelnd: »Das muß ein schöner taktischer Krieg gewesen sein!« Und verächtlich auflachend ging er weiter nach dem Salon, aus dem die Stimmen herausklangen.