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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Zu der dritten Partei, zu welcher der Kaiser das meiste Vertrauen hatte, gehörten Hofleute, die einen Kompromiß zwischen den erstgenannten beiden Richtungen herzustellen suchten. Die Männer dieser Partei, zu der auch Araktschejew, größtenteils aber Zivilisten gehörten, glaubten und sagten, was gewöhnlich Leute sagen, die keine eigene Überzeugung haben, aber doch eine solche zu haben scheinen möchten. Sie sagten, der Krieg verlange ohne Zweifel, namentlich wenn man es mit einem solchen Genie wie Bonaparte zu tun habe (man nannte ihn jetzt wieder Bonaparte), die tiefsinnigsten Kombinationen, eine subtile Kenntnis der Wissenschaft, und auf diesem Gebiet sei Pfuel geradezu genial; aber zugleich müsse man zugeben, daß die Theoretiker oft einseitig seien, und dürfe ihnen deshalb nicht ausschließlich vertrauen, sondern müsse auch auf das hören, was Pfuels Gegner sagten, die Männer der Praxis, die im Kriegswesen Erfahrung hätten, und aus allem die Mitte nehmen. Die Männer dieser Partei befürworteten, man solle dem Pfuelschen Plan gemäß das Lager an der Drissa beibehalten, aber die Bewegungen der anderen Armeen ändern. Obgleich bei dieser Art zu handeln weder das eine noch das andere Ziel erreicht wurde, schien es den Männern dieser Partei dennoch so das beste zu sein.

Die vierte Richtung war die, deren hervorragendster Vertreter der Großfürst Thronfolger war, der die ihm bei Austerlitz widerfahrene Enttäuschung nicht vergessen konnte, wo er wie bei einer Parade in Helm und Koller vor der Garde einhergeritten war in der Erwartung, die Franzosen mit frischem Mut niederzuwerfen, und, da er unvermutet in die vorderste Linie gekommen war, nur mit Mühe sich in der allgemeinen Verwirrung gerettet hatte. Die Männer dieser Partei zeigten in ihren Äußerungen die Vorzüge und die Fehler der Offenherzigkeit. Sie fürchteten Napoleon, sahen in ihm ein Sinnbild der Kraft, in sich ein Sinnbild der Schwäche und sprachen dies unverhohlen aus. Sie sagten: »Dies alles führt zu weiter nichts als zu Unglück, Schande und Verderben! Wir haben Wilna aufgegeben, wir haben Witebsk aufgegeben, wir werden auch die Drissa aufgeben. Das einzig Verständige, das uns zu tun übrigbleibt, ist Frieden zu schließen, und zwar so schnell wie möglich, ehe wir auch noch aus Petersburg verjagt werden!« Diese in den höheren Schichten der Armee stark verbreitete Anschauung fand auch in Petersburg Unterstützung, sowie bei dem Kanzler Rumjanzew, der aus Gründen der Staatsräson gleichfalls für den Frieden war.

Die fünfte Partei waren diejenigen, die sich zu Barclay de Tolly hielten, weil sie, ohne alle seine menschlichen Eigenschaften zu verteidigen, seine Tätigkeit als Kriegsminister und Oberkommandierender hochschätzten. Sie sagten: »Mag er im übrigen sein, wie er will« (so begannen ihre Reden stets), »aber ehrenhaft und tüchtig ist er, und einen besseren haben wir nicht. Man gebe ihm nur eine wirkliche Macht, da ein Krieg ohne einheitliche Leitung nicht mit Erfolg geführt werden kann, und er wird zeigen, was er leisten kann, wie er es in Finnland gezeigt hat. Wenn unsere Armee, ohne Niederlagen zu erleiden, in guter Ordnung und ungeschwächt bis zur Drissa zurückgegangen ist, so verdanken wir das nur Barclay. Wird Barclay jetzt durch Bennigsen ersetzt, so ist alles verloren; denn Bennigsen hat seine Unfähigkeit schon im Jahre 1807 hinreichend gezeigt.« So redeten die Männer dieser Partei.

Die Anhänger der sechsten, Bennigsenschen Partei sagten dagegen, es sei doch niemand tüchtiger und erfahrener als Bennigsen, und wie man sich auch drehen und wenden möge, man komme doch immer wieder auf ihn zurück. »Macht nur jetzt immerzu Fehler!« (Und die Männer dieser Partei bewiesen, daß unser ganzer Rückmarsch zur Drissa die schmachvollste Niederlage und eine ununterbrochene Reihe von Fehlern gewesen sei.) »Je mehr Fehler ihr macht, um so besser; wenigstens werdet ihr dann eher zu der Einsicht kommen, daß es so nicht weitergehen kann«, sagten sie. »Wir brauchen nicht einen Barclay, sondern einen Mann wie Bennigsen, der sich schon im Jahre 1807 bewährt hat und dem Napoleon selbst hat Gerechtigkeit widerfahren lassen; wir brauchen einen Mann, in dessen Hände wir mit frohem Herzen die Macht legen können. Und ein solcher Mann ist einzig und allein Bennigsen.«

Die siebente Partei bildeten Leute, wie sie in der Umgebung von Herrschern, und namentlich von jungen Herrschern, immer zu finden sind, und die in der Umgebung des Kaisers Alexander besonders zahlreich waren: Generale und Flügeladjutanten, die ihm leidenschaftlich ergeben waren und ihn nicht als Kaiser, sondern als Menschen vergötterten, aufrichtig und uneigennützig wie es Rostow im Jahre 1805 getan hatte, und die an ihm nicht nur alle Tugenden, sondern auch alle Geistesgaben fanden, die ein Mensch nur besitzen kann. Diese Männer waren zwar von der Bescheidenheit des Kaisers entzückt, der auf das Kommando über die Truppen verzichtet hatte, tadelten aber dieses Übermaß von Bescheidenheit und wünschten und verlangten nur das eine: der vergötterte Kaiser möge, das übermäßige Mißtrauen gegen sich selbst ablegend, offen erklären, daß er sich an die Spitze der Truppen stelle; er möge sich mit dem Generalstab umgeben und, indem er sich erforderlichenfalls mit erfahrenen Theoretikern und Praktikern berate, selbst seine Truppen führen, die nur dadurch auf den höchsten Grad der Begeisterung gebracht werden könnten.

Die achte, größte Gruppe, die ihrer gewaltigen Quantität nach sich zu den andern wie neunundneunzig zu eins verhielt, bestand aus Menschen, die weder den Frieden noch den Krieg wünschten, weder Offensivbewegungen noch ein Defensivlager, weder an der Drissa noch sonstwo, weder Barclay noch den Kaiser, weder Pfuel noch Bennigsen, sondern nur eines, das für sie den Kern des Ganzen bildete: möglichst viel Vorteil und Vergnügen für sich selbst. In dem trüben Gewässer der einander kreuzenden und verwirrenden Intrigen, von denen es im kaiserlichen Hauptquartier wimmelte, war es in vieler Hinsicht möglich, Dinge zu erreichen, deren Erreichung zu anderer Zeit undenkbar gewesen wäre. Der eine, der weiter nichts wünschte als seine vorteilhafte Stellung nicht zu verlieren, stimmte an dem einen Tag mit Pfuel, am nächsten mit dessen Gegner, und erklärte am dritten Tag, lediglich um sich der Verantwortung zu entziehen und es dem Kaiser recht zu machen, er habe über den betreffenden Gegenstand kein eigenes Urteil. Ein anderer, welcher Vorteile zu erlangen wünschte, lenkte die Aufmerksamkeit des Kaisers dadurch auf sich, daß er das, was der Kaiser tags zuvor als seine eigene Meinung angedeutet hatte, im Kriegsrat mit großem Stimmaufwand vortrug, stritt und schrie und sich auf die Brust schlug und Andersdenkende zum Duell forderte und damit zeigte, daß er bereit sei, sich für das Gemeinwohl zum Opfer zu bringen. Ein dritter forderte einfach zwischen zwei Sitzungen und in Abwesenheit seiner persönlichen Feinde für sich eine Extrabelohnung für seine treuen Dienste, da er wohl wußte, daß jetzt keine Zeit war, die Sache zu prüfen und die Bitte abzuschlagen. Ein vierter kam, anscheinend zufällig, dem Kaiser gerade in solchen Augenblicken vor Augen, wo er den Eindruck machen konnte, als sei er mit Arbeit überlastet. Ein fünfter bewies mit großer Erregung und unter Beibringung mehr oder minder starker und zutreffender Gründe die Richtigkeit oder Unrichtigkeit irgendeiner neu auftretenden Idee, lediglich um ein längst ersehntes Ziel zu erreichen: eine Einladung zur kaiserlichen Tafel. Alle, die zu dieser Partei gehörten, haschten nach Rubeln, Orden und Beförderungen und achteten bei diesen Bestrebungen nur darauf, nach welcher Richtung die Wetterfahne der kaiserlichen Gunst wies. Kaum hatten sie bemerkt, daß diese Wetterfahne sich nach einer bestimmten Seite gewandt hatte, so begann auch dieser ganze Drohnenschwarm beim Heer nach derselben Seite zu blasen, so daß es dem Kaiser um so schwerer wurde, die Fahne wieder nach einer anderen Seite zu drehen. Inmitten der Ungewißheit der Lage und angesichts der ernsten, drohenden Gefahr, die jedem Schritt etwas Beängstigendes, Aufregendes gab, und inmitten dieses Wirbels von Intrigen, von ehrgeizigen Bestrebungen und von mannigfaltigen aufeinanderprallenden Meinungen und Richtungen, und endlich bei der Nationalitätsverschiedenheit aller dieser Personen: zu alledem steigerte diese achte, größte Partei, deren Mitglieder sich nur mit persönlichen Interessen beschäftigten, noch in hohem Grad die Zerfahrenheit und Unklarheit, die in den öffentlichen Angelegenheiten herrschten. Welche Frage auch immer neu aufgeworfen wurde, der Schwarm dieser Drohnen flog, ehe noch das erste Thema erledigt war, zum neuen herüber, machte durch sein Gesumme die ehrlich debattierenden Stimmen unverständlich und betäubte sie völlig.

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