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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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IX

Fürst Andrei traf Ende Juni im Hauptquartier ein. Die Truppen der ersten Armee, derjenigen, bei der sich der Kaiser befand, waren in einem befestigten Lager an der Drissa untergebracht; die Truppen der zweiten Armee, welche den Versuch gemacht hatten, sich mit der ersten zu vereinigen, waren zurückgewichen, weil sie, wie es hieß, durch überlegene französische Streitkräfte von jener abgeschnitten worden waren. Alle waren mit dem gesamten Gang, den der Krieg für die russische Armee nahm, unzufrieden; aber an die Gefahr eines Einrückens der Feinde in die russischen Gouvernements dachte niemand; niemand glaubte, daß sich der Krieg noch über die westlichen, polnischen Gouvernements hinaus ausdehnen werde.

Fürst Andrei fand Barclay de Tolly, dem er zugewiesen war, am Ufer der Drissa. Da in der Nähe des Lagers kein größeres Dorf oder Städtchen lag, so hatte sich die ganze gewaltige Menge der Generale und Hofleute, die sich bei der Armee befand, in einem Umkreis von zehn Werst in den besten Häusern der kleinen Dörfchen diesseits und jenseits des Flusses einquartiert. Barclay de Tollys Quartier lag vier Werst von dem des Kaisers entfernt. Er empfing Bolkonski trocken und kühl und sagte ihm mit seiner deutschen Aussprache, er werde dem Kaiser über ihn Meldung machen, damit ihm eine bestimmte Stellung zugewiesen werde; vorläufig ersuche er ihn, bei seinem Stab zu bleiben. Anatol Kuragin, den Fürst Andrei bei der Armee zu finden gehofft hatte, war nicht dort: er war jetzt wieder in Petersburg; und diese Nachricht war dem Fürsten Andrei angenehm. Der gewaltige Krieg, der sich jetzt abspielte und in dessen Zentrum er sich befand, nahm ihn ganz in Anspruch, und er war froh, auf einige Zeit von der gereizten Stimmung freizukommen, die der Gedanke an Kuragin bei ihm hervorrief. Während der ersten vier Tage, wo niemand von ihm eine Tätigkeit verlangte, ritt Fürst Andrei das ganze befestigte Lager ab und suchte mit Hilfe seiner Kenntnisse und eingehender Gespräche mit Sachkundigen sich eine bestimmte Meinung darüber zu bilden. Aber die Frage, ob dieses Lager vorteilhaft oder unvorteilhaft sei, mochte Fürst Andrei nicht entscheiden. Er hatte aus seiner militärischen Erfahrung bereits die Überzeugung gewonnen, daß im Krieg die mit der tiefsten Gelehrsamkeit ausgedachten Pläne nichts nützen (wie er das bei der Schlacht bei Austerlitz mit angesehen hatte), sondern alles davon abhängt, wie man auf die unerwarteten und gar nicht vorherzusehenden Handlungen des Feindes antwortet, sowie davon, wie und von wem die ganze Sache geleitet wird. Um über diese letzte Frage ins klare zu kommen, suchte Fürst Andrei unter Benutzung seiner Stellung und seiner Bekanntschaften in den Charakter der Heeresleitung, d.h. der an ihr beteiligten Personen und Parteien einzudringen, und gelangte dabei zu folgender Anschauung von der Lage der Dinge.

Als sich der Kaiser noch in Wilna befand, war die Armee in drei Teile geteilt: die erste Armee kommandierte Barclay de Tolly, die zweite Bagration, die dritte Tormasow. Der Kaiser befand sich bei der ersten Armee, aber nicht in der Eigenschaft eines Oberkommandierenden. In den Tagesbefehlen an die Armeen war nicht gesagt, daß der Kaiser das Kommando führen werde; gesagt war nur, er werde bei der Armee sein. Außerdem war beim Kaiser persönlich nicht der Stab des Oberkommandierenden, sondern der Stab des kaiserlichen Hauptquartiers. Bei ihm befanden sich: der Chef des kaiserlichen Stabes, Generalquartiermeister Fürst Wolkonski, Generale, Flügeladjutanten, Beamte der Diplomatie und eine große Anzahl von Ausländern; aber der Stab der Armee war nicht da. Außerdem waren ohne eigentliches Amt in der Umgebung des Kaisers: der frühere Kriegsminister Araktschejew; Graf Bennigsen, der Rangälteste unter den Generalen; der Großfürst Thronfolger Konstantin Pawlowitsch; der Kanzler Graf Rumjanzew; der ehemalige preußische Minister Stein; der schwedische General Armfelt; Pfuel, der bei der Aufstellung des Feldzugsplanes die Oberleitung gehabt hatte; der Generaladjutant Paulucci, ein sardinischer Emigrant; Wolzogen und viele andere. Obgleich diese Personen sich ohne ein militärisches Amt bei der Armee befanden, übten sie doch vermöge ihrer Stellung einen großen Einfluß aus, und oftmals wußte ein Korpskommandeur oder sogar der Oberkommandierende selbst nicht, in welcher Eigenschaft Bennigsen oder der Großfürst oder Araktschejew oder Fürst Wolkonski über dies und das Fragen stellten und den einen oder andern Rat gaben, und ob eine solche in Form eines Rates gekleidete Weisung von diesen Herren persönlich oder vom Kaiser herrührte, und ob sie somit befolgt werden mußte oder nicht. Aber dies war nur etwas mehr Äußerliches; welche Bedeutung die Anwesenheit des Kaisers und aller dieser Personen in Wirklichkeit hatte, das war vom höfischen Standpunkt aus (und bei Anwesenheit des Kaisers werden alle zu Hofleuten) einem jeden klar. Diese Bedeutung war folgende: der Kaiser hatte den Titel eines Oberkommandierenden nicht angenommen, traf aber Anordnungen für alle Armeen, und die Männer, die ihn umgaben, waren dabei seine Gehilfen. Araktschejew war ein treuer Vollstrecker der kaiserlichen Befehle, ein Wächter der Ordnung, ein Leibtrabant des Kaisers. Bennigsen besaß im Gouvernement Wilna Güter und machte sozusagen die Honneurs des Gouvernements; er war wirklich ein tüchtiger General, im Rat gut zu gebrauchen und auch insofern nützlich, als man ihn immer in Bereitschaft hatte, um Barclay zu ersetzen. Der Großfürst war da, weil es ihm so beliebte, der ehemalige Minister Stein, weil er bei Beratungen nützliche Dienste leisten konnte und weil Kaiser Alexander seine persönlichen Eigenschaften hoch schätzte. Armfelt war ein grimmiger Hasser Napoleons und ein General, der ein großes Selbstvertrauen besaß, was auf Kaiser Alexander nie seine Wirkung verfehlte. Paulucci war da, weil er im Reden eine große Dreistigkeit und Entschiedenheit an den Tag legte. Die Generaladjutanten waren da, weil sie eben überall zu finden waren, wo sich der Kaiser Alexander von der Zweckmäßigkeit dieses Planes überzeugt hatte und nun die gesamten Operationen leitete. Zu Pfuel gehörte auch Wolzogen, dessen Aufgabe es war, Pfuels Gedanken in verständlicherer Form vorzutragen, als es dieser selbst, ein krasser, selbstbewußter, alle anderen verachtender Stubengelehrter vermochte.

Außer diesen genannten Personen, teils Russen, teils Ausländer (von denen besonders die Ausländer mit derjenigen Dreistigkeit, die sich die Menschen beim Wirken in fremder Umgebung gern aneignen, alle Tage neue, überraschende Pläne in Vorschlag brachten), waren noch viele Personen zweiten Ranges da, die sich deshalb bei der Armee befanden, weil ihre Chefs dort waren.

Aus all den Meinungen und Reden bei dieser gewaltigen, unruhigen, glänzenden, stolzen Menschenklasse erkannte Fürst Andrei die folgenden Richtungen und Parteien heraus, die ziemlich scharf voneinander gesonderte Unterabteilungen darstellten.

Die erste Partei wurde von Pfuel und seinen Anhängern gebildet, Theoretikern des Krieges, die da glaubten, es gebe eine Wissenschaft des Krieges und in dieser Wissenschaft unveränderliche Gesetze, Gesetze der schrägen Bewegung, der Umgebung usw. Gemäß diesen strikten, von der vermeintlichen Theorie des Krieges vorgeschriebenen Gesetzen verlangten Pfuel und seine Anhänger, die Armeen sollten sich tief in das Innere des Landes zurückziehen, und erblickten in jeder Abweichung von dieser Theorie nur Barbarentum, Mangel an Bildung oder böse Absichten. Zu dieser Partei gehörten die deutschen Prinzen, Wolzogen, Wintzingerode und andere, hauptsächlich Deutsche.

Die zweite Partei stand zu der ersten in schroffem Gegensatz. Wie es gewöhnlich der Fall ist, fehlte es dem einen Extrem gegenüber nicht an Vertretern des anderen Extrems. Die Männer dieser Partei waren diejenigen, die in Wilna verlangt hatten, man solle nach Polen vorrücken und sich durch keinerlei im voraus festgesetzte Pläne in der Bewegungsfreiheit beschränken lassen. Abgesehen davon, daß die Anhänger dieser Partei für kühnes Handeln eintraten, waren sie auch gleichzeitig die Vertreter der nationalen Richtung, was sie bei den Debatten noch einseitiger machte. Dies waren die Russen Bagration, Jermolow, dessen Stern damals im Aufsteigen begriffen war, und einige andere. Damals wurde zuerst das bekannte Witzwort Jermolows kolportiert: er wolle den Kaiser nur um die eine Gnade bitten, ihn zum Deutschen zu ernennen. Die Männer dieser Partei sagten unter Berufung auf Suworow, man müsse nicht grübeln, nicht die Landkarte mit Stecknadeln bestecken, sondern kämpfen, den Feind schlagen, ihn nicht nach Rußland hineinlassen und dafür sorgen, daß die Truppen nicht mutlos würden.

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