Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Offenbar war Pfuel, der auch sonst stets zu gereizten, ironischen Äußerungen neigte, an diesem Tag besonders erregt, weil man gewagt hatte, ohne ihn hinzuzuziehen, sein Lager zu besichtigen und zu kritisieren. Fürst Andrei konnte sich, dank seinen Austerlitzer Erinnerungen, schon aufgrund dieser einen kurzen Begegnung mit Pfuel ein klares Bild von dem Charakter dieses Mannes machen. Pfuel war von einem unerschütterlichen, unheilbaren, geradezu fanatischen Selbstbewußtsein erfüllt, wie es eben nur bei den Deutschen vorkommt, und zwar besonders deswegen, weil nur die Deutschen aufgrund einer abstrakten Idee selbstbewußt sind, aufgrund der Wissenschaft, d.h. einer vermeintlichen Kenntnis der vollkommenen Wahrheit. Der Franzose ist selbstbewußt, weil er meint, daß seine Persönlichkeit sowohl durch geistige als durch körperliche Vorzüge auf Männer und Frauen unwiderstehlich bezaubernd wirkt. Der Engländer ist selbstbewußt aufgrund der Tatsache, daß er ein Bürger des besteingerichteten Staates der Welt ist, und weil er als Engländer immer weiß, was er zu tun hat, und weiß, daß alles, was er als Engländer tut, zweifellos das Richtige ist. Der Italiener ist selbstbewußt, weil er ein aufgeregter Mensch ist und leicht sich und andere vergißt. Der Russe ist besonders deswegen selbstbewußt, weil er nichts weiß und auch nichts wissen will, da er nicht an die Möglichkeit glaubt, daß man etwas wissen könne. Aber bei dem Deutschen ist das Selbstbewußtsein schlimmer, hartnäckiger und widerwärtiger als bei allen andern, weil er sich einbildet, die Wahrheit zu kennen, nämlich die Wissenschaft, die er sich selbst ausgedacht hat, die aber für ihn die absolute Wahrheit ist.
Ein solcher Mensch war offenbar Pfuel. Er war im Besitz der Wissenschaft, d.h. einer Theorie der schrägen Bewegung; diese Theorie hatte er sich aus der Geschichte der Kriege Friedrichs des Großen abgeleitet, und alles, was ihm in der neueren Kriegsgeschichte vorkam, erschien ihm als Unsinn, als Barbarei, als wüste Rauferei, wobei von beiden Seiten so viele Fehler begangen seien, daß diese Kriege gar nicht Kriege genannt werden könnten; sie fügten sich nicht in die Theorie und konnten nicht als Objekt der Wissenschaft dienen.
Im Jahre 1806 hatte Pfuel an der Aufstellung des Feldzugsplanes für jenen Krieg mitgearbeitet, der mit Jena und Auerstedt endete; aber in dem Ausgang dieses Krieges sah er nicht den geringsten Beweis für die Unrichtigkeit seiner Theorie. Im Gegenteil waren nach seiner Anschauung die einzige Ursache des ganzen Mißlingens die Abweichungen, die man sich von seiner Theorie gestattet hatte, und mit der ihm eigenen ironischen Freude äußerte er: »Ich sagte ja vorher, daß die ganze Geschichte zum Teufel gehen werde.« Pfuel gehörte zu den Theoretikern, die in ihre Theorie so verliebt sind, daß sie den Zweck der Theorie, ihre Anwendung auf die Praxis, vergessen; in seiner Liebe zur Theorie haßte er jede Praxis und wollte von ihr nichts wissen. Er freute sich sogar über einen Mißerfolg; denn der Mißerfolg, da er von den Abweichungen herrührte, die man sich in der Praxis von der Theorie erlaubt hatte, bewies ihm lediglich die Richtigkeit seiner Theorie.
Die paar Worte, die er vor den Ohren des Fürsten Andrei und Tschernyschows über den jetzigen Krieg hingeworfen hatte, waren in einer Art gesprochen, als wisse er im voraus, daß alles schiefgehen werde, und sei damit gar nicht einmal unzufrieden. Selbst die auf dem Hinterkopf aufstarrenden ungekämmten Haarbüschel und die eilig zurechtgebürsteten Schläfenhaare schienen das gewissermaßen klar und deutlich auszusprechen.
Er ging in das andere Zimmer, den Salon, und es ließen sich von dort sogleich die tiefen, mürrischen Töne seiner Stimme vernehmen.
XI
Kaum hatte Fürst Andrei den hinausgehenden Pfuel mit den Augen bis an die Tür begleitet, als Graf Bennigsen eilig in den Saal trat; er nickte dem Fürsten Andrei zu, gab, ohne stehenzubleiben, seinem Adjutanten einige Befehle und ging in das Arbeitszimmer. Der Kaiser mußte gleich hinter ihm kommen; Bennigsen war ihm schnell vorangeritten, um noch einiges vorzubereiten und dann zum Empfang des Kaisers bereit zu sein. Tschernyschow und Fürst Andrei traten auf die Freitreppe vor der Haustür hinaus. Der Kaiser, dessen Gesicht eine starke Ermüdung bekundete, stieg soeben vom Pferd; der Marquis Paulucci sagte etwas zu ihm. Der Kaiser, den Kopf nach der linken Seite neigend, hörte mit unzufriedener Miene dem Marquis zu, der mit auffälliger Hitze redete. Der Kaiser ging vorwärts und wünschte sichtlich, das Gespräch zu beenden; aber der Italiener, der vor Erregung einen ganz roten Kopf bekommen hatte, vergaß die Regeln des Anstandes und redete, hinter ihm hergehend, immer weiter.
»Was denjenigen anlangt, der zu diesem Lager, dem Lager an der Drissa, geraten hat«, sagte Paulucci gerade in dem Augenblick, als der Kaiser die Stufen hinanstieg, den Fürsten Andrei bemerkte und dessen ihm unbekanntes Gesicht betrachtete. »Was diesen Menschen anlangt, Sire«, fuhr Paulucci, der sich anscheinend gar nicht mehr beherrschen konnte, grimmig fort, »so hat man meines Erachtens für ihn keine andere Wahl als das Irrenhaus oder den Galgen.«
Als ob er die Worte des Italieners gar nicht hörte, wandte der Kaiser, ohne das Ende von dessen Rede abzuwarten, sich gnädig zu Bolkonski, den er inzwischen erkannt hatte.
»Ich freue mich sehr, dich wiederzusehen; geh dort hinein, wo die Versammlung stattfindet, und warte auf mich.«
Der Kaiser ging in das Arbeitszimmer. Ihm folgten Fürst Pjotr Michailowitsch Wolkonski und der Freiherr vom Stein; hinter ihnen wurde die Tür zugemacht. Fürst Andrei machte von der Erlaubnis des Kaisers Gebrauch und ging mit Paulucci, den er von der Türkei her kannte, in den Salon, wo sich die Eingeladenen versammelt hatten.
Fürst Pjotr Michailowitsch Wolkonski versah gleichsam das Amt eines Chefs des kaiserlichen Stabes. Er kam aus dem Arbeitszimmer, breitete im Salon einige Landkarten, die er mitgebracht hatte, auf dem Tisch aus und teilte die Frage mit, über die er die Meinung der versammelten Herren zu hören wünschte. Es handelte sich darum, daß in der Nacht die (sich später als unrichtig erweisende) Nachricht von einer Bewegung der Franzosen eingegangen war, welche eine Umgehung des Lagers an der Drissa zu bezwecken schien.
Zuerst sprach General Armfelt, der zur Vermeidung der bevorstehenden Schwierigkeit unerwarteterweise einen völlig neuen Vorschlag machte: eine Position seitwärts von der Petersburg-Moskauer Straße einzunehmen; in dieser Position sollte dann nach seiner Ansicht die vereinigte Armee den Feind erwarten. Zu erklären war der Vorschlag dieser Position nicht, wenn man nicht Armfelts Wunsch, zu zeigen, daß auch er eine Meinung haben könne, als Erklärung gelten lassen wollte. Es war klar, daß er sich diesen Plan schon lange zurechtgelegt hatte und ihn jetzt vorbrachte nicht sowohl in der Absicht, auf die vorgelegte Frage zu antworten, auf die dieser Plan eben gar keine Antwort enthielt, als vielmehr weil ihm dies eine günstige Gelegenheit schien, um ihn darzulegen. Es war dies ein Vorschlag unter Tausenden, die alle mit gleich viel und gleich wenig innerer Begründung vorgebracht werden konnten, da eben niemand einen Begriff davon hatte, wie der Krieg sich weiter gestalten werde. Einige der Teilnehmer an der Beratung bekämpften Armfelts Meinung, andere verteidigten sie. Der junge Oberst Toll griff die Ansicht des schwedischen Generals am hitzigsten von allen an und holte bei der Debatte aus der Brusttasche ein geschriebenes Heft heraus, das er vorlesen zu dürfen bat. In diesem weitläufig abgefaßten Schriftstück schlug Toll einen anderen Feldzugsplan vor, der von dem Armfeltschen und dem Pfuelschen vollständig verschieden war. Paulucci, der gegen Toll sprach, befürwortete den Vormarsch und Angriff; dies war nach seiner Versicherung das einzige Mittel, das uns aus dieser ungewissen Lage und aus der Mausefalle, in der wir uns befänden (damit meinte er das Lager an der Drissa), befreien könne. Pfuel und Wolzogen, der sein Dolmetscher und in seinen Beziehungen zum Hof seine Brücke war, schwiegen unterdessen. Pfuel beschränkte sich darauf, verächtlich zu schnauben und sich halb abzuwenden, um dadurch zu verstehen zu geben, daß er sich niemals so weit erniedrigen werde, auf solchen Unsinn, wie er ihn jetzt höre, etwas zu erwidern. Und als Fürst Wolkonski, der die Debatte leitete, ihn aufforderte, seine Meinung zu äußern, sagte er nur: