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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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An Kuragin zu schreiben und ihm zum Duell zu fordern, hielt Fürst Andrei für unzweckmäßig. Da kein neuerer Grund zum Duell vorlag, so fürchtete Fürst Andrei, durch eine derartige Forderung die Komtesse Rostowa zu kompromittieren, und suchte deshalb eine persönliche Begegnung mit Kuragin, in der Absicht, dabei einen neuen Grund zum Duell zu finden. Aber auch bei der Moldau-Armee gelang es ihm nicht, Kuragin zu treffen, der, unmittelbar nachdem Fürst Andrei dort eingetroffen war, die Rückreise nach Rußland angetreten hatte.

In dem neuen Land und in den neuen Verhältnissen wurde es dem Fürsten Andrei leichter, das Leben zu ertragen. Nach dem Treuebruch seiner Braut, der ihn um so tiefer schmerzte, je sorgfältiger er dessen Wirkung auf sein Gemüt vor allen zu verbergen suchte, war ihm die ganze Lebenssphäre, in der er so glücklich gewesen war, gar zu drückend geworden und noch drückender die Freiheit und Unabhängigkeit, die er früher so hoch geschätzt hatte. Er hing nicht mehr jenen früheren Gedanken nach, die ihm zum erstenmal gekommen waren, als er auf dem Schlachtfeld von Austerlitz zum Himmel emporblickte, und die er gern im Gespräch mit Pierre weiter verfolgt hatte, und mit denen er seine einsamen Stunden in Bogutscharowo und dann in der Schweiz und in Rom ausgefüllt hatte; ja er mied es sogar, sich an diese Gedanken zu erinnern, die ihm eine unendliche, helle Fernsicht erschlossen hatten. Ihn interessierten jetzt nur die nächstliegenden praktischen Beschäftigungen, die mit seinen früheren in keiner Verbindung standen, und nach diesen Beschäftigungen griff er mit um so größerer Gier, je weiter sie von seinen früheren ablagen. Es hatte sich gewissermaßen jenes endlose, ferne, ferne Himmelsgewölbe, das über ihm gestanden hatte, in ein niedriges, eng begrenztes, ihn erdrückendes Gewölbe verwandelt, in welchem zwar alles deutlich sichtbar war, aber nichts Ewiges, Geheimnisvolles Raum fand.

Von den Tätigkeiten, die sich ihm darboten, war der Militärdienst die einfachste und ihm vertrauteste. In der Stellung eines diensttuenden Generals im Stab Kutusows widmete er sich den Geschäften mit hartnäckigem Eifer und setzte Kutusow durch seine Arbeitslust und Sorgfalt in Erstaunen. Nachdem er Kuragin in der Türkei nicht gefunden hatte, hielt Fürst Andrei es nicht für notwendig, ihm wieder nach Rußland nachzujagen; aber soviel wußte er: mochte es auch noch so lange dauern, bis er Kuragin traf – trotz aller Verachtung, die er gegen diesen Menschen hegte, und trotz aller Beweise, die er sich selbst gegenüber dafür vorbrachte, daß er sich nicht dazu herabwürdigen dürfe, ihm als Gegner gegenüberzutreten, werde er, wenn er ihn einmal träfe, einem inneren Zwang gehorchend ihn fordern, gerade wie ein Hungriger nicht anders kann als sich auf die Speise stürzen. Und dieses Bewußtsein, daß die Beleidigung noch nicht gerächt war, daß der Grimm noch keinen Ausbruch gefunden hatte, sondern ihm auf der Seele lastete, vergiftete dem Fürsten Andrei die künstliche Ruhe, die er sich bei einer mühevollen, anstrengenden und bis zu einem gewissen Grade ehrgeizigen, ruhmsüchtigen Tätigkeit in der Türkei zu eigen zu machen suchte.

Als im Jahre 1812 die Kunde von dem Krieg mit Napoleon nach Bukarest gelangte (wo Kutusow zwei Monate lang gewohnt und alle Tage und Nächte bei seiner Walachin zugebracht hatte), richtete Fürst Andrei an Kutusow die Bitte um seine Versetzung zur Westarmee. Kutusow, der Bolkonskis bereits überdrüssig geworden war, da dessen eifrige Geschäftigkeit gewissermaßen einen Vorwurf für seine eigene Untätigkeit bildete, entließ ihn sehr gern und gab ihm eine Überweisung an Barclay de Tolly mit.

Bevor Fürst Andrei sich zur Armee begab, die sich im Mai in einem Lager an der Drissa befand, fuhr er nach Lysyje-Gory heran, welches dicht an seinem Weg lag, da es nur drei Werst von der großen Smolensker Landstraße entfernt war. Die letzten drei Jahre hatten im Leben des Fürsten Andrei so viele Umwälzungen mit sich gebracht, er hatte so vieles durchdacht, empfunden und gesehen (er war im Westen und im Osten herumgekommen), daß er sich ganz sonderbar überrascht fühlte, als er bei der Einfahrt in Lysyje-Gory wahrnahm, daß hier das Leben genau so wie früher, bis auf die geringsten Einzelheiten genau ebenso dahinfloß. Als er in die Allee und in das steinerne Tor einfuhr, da hatte er die Empfindung, als komme er in ein verzaubertes, schlafendes Schloß. Dieselbe Ehrbarkeit, dieselbe Sauberkeit, dieselbe Stille herrschte in diesem Haus wie ehemals: da waren noch dieselben Möbel, dieselben Wände, dieselben Geräusche, derselbe Geruch und dieselben furchtsamen Gesichter, nur daß diese etwas älter geworden waren. Prinzessin Marja war noch ganz dasselbe schüchterne, unschöne, alternde Mädchen, das in Furcht und steten seelischen Leiden, ohne Nutzen und Freude, die besten Jahre ihres Lebens hinbrachte. Mademoiselle Bourienne war dieselbe selbstzufriedene, kokette Person, die jede Minute ihres Lebens heiter ausnutzte und für ihre eigene Zukunft die fröhlichsten Hoffnungen hegte; nur war sie, wie es dem Fürsten Andrei vorkam, noch sicherer und zuversichtlicher in ihrem Auftreten geworden. Der Erzieher Dessalles, den er aus der Schweiz mitgebracht hatte, trug einen Rock nach russischem Schnitt und sprach unter arger Entstellung der Sprache russisch mit der Dienerschaft; aber er war immer noch derselbe mäßig kluge, gebildete, tugendhafte, pedantische Erzieher. Der alte Fürst hatte sich körperlich nur insofern verändert, als an der einen Seite des Mundes das Fehlen eines Zahnes zu bemerken war; geistig war er ganz derselbe wie früher; nur zeigte er sich noch jähzorniger und glaubte noch weniger an die Wirklichkeit dessen, was in der Welt vorging. Nur Nikolenka war gewachsen und hatte sich sehr verändert: er hatte rote Wangen und dunkles, lockiges Haar bekommen, und wenn er vergnügt war und lachte, so zog er, ohne es selbst zu wissen, die Oberlippe seines hübschen Mündchens genau ebenso in die Höhe, wie es die verstorbene kleine Fürstin getan hatte. Er war der einzige, der in diesem verzauberten, schlafenden Schloß dem Gesetz der Unveränderlichkeit nicht unterworfen war. Aber obgleich äußerlich alles beim alten geblieben zu sein schien, hatten sich doch die inneren Beziehungen aller dieser Menschen während der Zeit, wo Fürst Andrei sie nicht gesehen hatte, gar sehr verändert. Die Hausgenossen hatten sich in zwei Lager geteilt, die einander fremd und feindlich gegenüberstanden und nur jetzt, solange Fürst Andrei da war, um seinetwegen ihre gewohnte Lebensweise änderten und sich miteinander vertrugen. Zu dem einen Lager gehörten der alte Fürst, Mademoiselle Bourienne und der Baumeister, zu dem andern Prinzessin Marja, Dessalles, Nikolenka und alle Kinderfrauen und Wärterinnen.

Während der Anwesenheit des Fürsten Andrei in Lysyje-Gory aßen alle Hausgenossen zusammen zu Mittag; aber allen war unbehaglich zumute, und Fürst Andrei fühlte, daß er ein Gast war, um dessentwillen eine Ausnahme gemacht wurde, und daß er alle durch seine Gegenwart genierte. Am ersten Tag war Fürst Andrei, der das unwillkürlich fühlte, beim Mittagessen schweigsam, und der alte Fürst, der wohl merkte, daß der Sohn sich nicht frei und natürlich gab, beobachtete gleichfalls ein mürrisches Stillschweigen und zog sich gleich nach Tisch wieder auf sein Zimmer zurück. Als Fürst Andrei am Abend zu ihm ging und, um ihn ein wenig anzuregen, von dem Feldzug des jungen Grafen Kamenski zu erzählen anfing, da begann der alte Fürst unerwarteterweise mit ihm von der Prinzessin Marja zu sprechen und schalt auf sie wegen ihres Aberglaubens und wegen ihrer Lieblosigkeit gegen Mademoiselle Bourienne, die nach seiner Behauptung die einzige war, die ihm eine treue Hingabe bewies.

Der alte Fürst sagte, wenn er krank sei, so sei daran nur Prinzessin Marja schuld; sie quäle und reize ihn absichtlich; auch verderbe sie den kleinen Fürsten Nikolai durch Verhätschelung und durch törichte Redereien. Der alte Fürst wußte sehr wohl, daß er seine Tochter quälte und daß diese ein sehr schweres Leben hatte; aber er wußte auch, daß er nicht anders konnte als sie quälen, und war der Meinung, daß sie das verdiente. »Warum sagt denn Fürst Andrei, der doch sieht, wie es steht, mir nichts von seiner Schwester?« dachte der alte Fürst. »Was denkt er denn eigentlich? Daß ich ein Bösewicht oder ein alter Narr bin und mich ohne Grund von meiner Tochter abgewandt und diese Französin an mich herangezogen habe? Er hat kein Verständnis dafür, und darum ist es nötig, daß ich es ihm erkläre und er meine Gründe hört.« Und so begann er denn die Gründe darzulegen, weshalb er das verdrehte Benehmen seiner Tochter nicht ertragen könne.

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