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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Wenn Sie mich fragen«, erwiderte Fürst Andrei, ohne seinen Vater anzusehen (es war das erstemal in seinem Leben, wo er seinem Vater sagte, daß er ihm unrecht gäbe), »– ich hatte nicht reden wollen, aber wenn Sie mich fragen, so will ich Ihnen über alles dies aufrichtig meine Meinung sagen. Wenn zwischen Ihnen und Marja Verstimmung und Entfremdung bestehen, so vermag ich ihr in keiner Weise die Schuld daran beizumessen; ich weiß, welche Liebe und Verehrung sie für ihren Vater fühlt. Wenn Sie mich fragen«, fuhr Fürst Andrei erregt fort, wie er denn in letzter Zeit immer leicht in Erregung geriet, »so kann ich nur das eine sagen: wenn eine Entfremdung besteht, so ist die Ursache davon das nichtswürdige Frauenzimmer, das nicht die Gesellschafterin meiner Schwester sein dürfte.«

Der Alte hatte anfangs seinen Sohn mit starren Augen angeblickt und beim Lächeln in einer unnatürlich wirkenden Weise die neue Zahnlücke sichtbar werden lassen, an deren Anblick Fürst Andrei sich noch nicht hatte gewöhnen können.

»Gesellschafterin? Gesellschafterin, mein Teuerster? He? Du hast schon mit deiner Schwester davon gesprochen? He?«

»Lieber Vater, ich wollte mich nicht zum Richter aufwerfen«, erwiderte Fürst Andrei in bitterem, hartem Ton; »aber Sie haben mich aufgefordert, und daher habe ich gesagt und werde ich immer sagen, daß Prinzessin Marja keine Schuld trägt; die Schuld tragen … die Schuld trägt diese Französin …«

»Ach, er spricht mich schuldig … spricht mich schuldig!« sagte der Alte leise und, wie es dem Fürsten Andrei schien, verlegen; aber dann sprang er plötzlich auf und schrie: »Hinaus, hinaus! Laß dich hier nicht wieder blicken …!«

Fürst Andrei wollte sofort abreisen; aber Prinzessin Marja bat ihn, noch einen Tag zu bleiben. An diesem Tag bekam Fürst Andrei den Vater nicht zu sehen, der nicht aus seinem Zimmer ging und niemanden zu sich hereinließ als Mademoiselle Bourienne und Tichon und sich mehrere Male erkundigte, ob sein Sohn schon abgereist sei. Am andern Tag ging Fürst Andrei vor seiner Abreise in die Zimmer seines Sohnes. Er nahm den frischen, gesunden Knaben, der von seiner Mutter das lockige Haar hatte, auf den Schoß und begann ihm das Märchen von Blaubart zu erzählen, versank aber, noch ehe er die Erzählung zu Ende geführt hatte, in seine Gedanken. Während er sein nettes Söhnchen auf dem Schoß hielt, dachte er nicht an das Kind, sondern an sich selbst. Er suchte in seinem Innern ein Gefühl der Reue darüber, daß er seinen Vater erzürnt hatte, ein Gefühl des Bedauerns darüber, daß er (zum erstenmal in seinem Leben) in Unfrieden von ihm ging, und gewahrte mit Schrecken, daß diese Gefühle in ihm nicht vorhanden waren. Und das Wichtigste war ihm, daß er auch die frühere Zärtlichkeit gegen seinen Sohn vergeblich in sich suchte, die er dadurch, daß er den Knaben liebkoste und auf den Schoß nahm, in sich zu erwecken gehofft hatte.

»Aber erzähle doch weiter!« sagte der Kleine.

Fürst Andrei hob ihn, ohne zu antworten, von seinem Schoß herunter und ging aus dem Zimmer.

Sowie Fürst Andrei seine tägliche Beschäftigung aufgegeben hatte, und namentlich sowie er wieder in die früheren Lebensverhältnisse eingetreten war, in denen er damals gelebt hatte, als er noch glücklich war, hatte ihn sogleich wieder der Lebensüberdruß mit der alten Kraft gepackt, und er beeilte sich nun, möglichst schnell von diesen Erinnerungen wegzukommen und recht bald wieder eine Tätigkeit für sich zu finden.

»Wirst du wirklich abreisen, Andrei?« fragte ihn seine Schwester.

»Gott sei Dank, daß ich fort kann«, erwiderte Fürst Andrei. »Es tut mir sehr leid, daß du es nicht kannst.«

»Warum redest du so!« rief Prinzessin Marja. »Warum redest du so, jetzt, wo du in diesen schrecklichen Krieg gehst und der Vater so alt ist! Mademoiselle Bourienne sagt, er habe nach dir gefragt …«

Sobald sie hiervon zu sprechen anfing, begannen ihre Lippen zu zittern und die Tränen zu fließen. Fürst Andrei wendete sich von ihr ab und ging im Zimmer hin und her.

»Ach, mein Gott! Mein Gott!« sagte er. »Und wenn man bedenkt, wodurch und durch wen … durch was für nichtswürdige Kreaturen Menschen unglücklich gemacht werden können!« stöhnte er mit einem Ingrimm, über den Prinzessin Marja erschrak.

Sie verstand, daß er mit den nichtswürdigen Kreaturen nicht nur Mademoiselle Bourienne meinte, durch die sie unglücklich geworden war, sondern auch den Mann, der ihm sein Glück zerstört hatte.

»Andrei, um eines bitte ich dich, flehe ich dich an«, sagte sie, indem sie seinen Ellbogen berührte und ihn mit leuchtenden Augen durch ihre Tränen hindurch anblickte. »Ich verstehe dich« (Prinzessin Marja schlug die Augen nieder). »Glaube nicht, daß Menschen dir Leid bereitet haben. Die Menschen sind nur Seine Werkzeuge.« Sie blickte ein wenig über den Kopf des Fürsten Andrei hinweg, mit dem sicheren, gewohnten Blick, mit dem man nach dem bekannten Platz eines Porträts hinsieht. »Das Leid kommt von Ihm, nicht von Menschen. Die Menschen sind nur Seine Werkzeuge; sie tragen keine Schuld. Wenn es dir scheint, daß sich jemand gegen dich vergangen hat, so vergib und vergiß. Wir haben kein Recht zu strafen. Dann wirst du die Wonne des Verzeihens kosten.«

»Wenn ich ein Weib wäre, so würde ich das tun, Marja. Das ist eine Tugend für Frauen. Aber ein Mann kann und soll nicht vergeben und vergessen«, erwiderte er, und obwohl er bis zu diesem Augenblick nicht an Kuragin gedacht hatte, stieg plötzlich der ganze noch nicht durch Rache gestillte Ingrimm in seinem Herzen wieder in die Höhe.

»Wenn Prinzessin Marja mir schon zuredet, zu verzeihen«, dachte er, »so folgt daraus, daß ich ihn schon längst hätte bestrafen müssen.« Und ohne ihr zu antworten, malte er sich jetzt den frohen, furchtbaren Augenblick aus, wo er mit Kuragin zusammentreffen werde, der, wie er wußte, sich bei der Armee befand.

Prinzessin Marja bat ihren Bruder inständig, doch noch einen Tag zu warten; sie sagte, sie wisse, wie unglücklich der Vater sein werde, wenn Andrei abreise, ohne sich mit ihm versöhnt zu haben; aber Fürst Andrei erwiderte, er werde wahrscheinlich bald wieder von der Armee zurückkommen; jedenfalls werde er an den Vater schreiben; je länger er jetzt noch bliebe, um so mehr werde sich der Zwist verschärfen.

»Adieu, Andrei. Halte dir gegenwärtig, daß das Leid von Gott kommt und die Menschen nie daran schuld sind«, das waren die letzten Worte, die er von seiner Schwester hörte, als er von ihr Abschied nahm.

»Ja, so muß es zugehen!« dachte Fürst Andrei; als er aus der Allee von Lysyje-Gory hinausfuhr. »Sie, dieses schuldlose, bedauernswerte Wesen, bleibt den Peinigungen des geistesschwach gewordenen alten Mannes ausgesetzt. Dieser selbst fühlt, daß er sich versündigt, ist aber nicht imstande sich zu ändern. Mein Knabe wächst heran und freut sich seines Lebens, in welchem er ein ebensolcher Mensch werden wird wie alle: ein Betrüger oder ein Betrogener. Ich reise zur Armee, ich weiß selbst nicht, warum, und wünsche jenen von mir verachteten Menschen zu treffen, um ihm die Möglichkeit zu geben, mich zu töten und sich über mich lustig zu machen!« Die Lebensverhältnisse des Fürsten Andrei waren früher dieselben gewesen; aber damals hatten sie alle unter sich eine Verbindung und einen Zusammenhang gehabt, jetzt war alles auseinandergefallen. Nur sinnlose Erscheinungen ohne alle Verknüpfung boten sich eine nach der andern seinem geistigen Auge dar.

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