Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Am 13. Juli kamen die Pawlograder zum erstenmal dazu, an einem ernsten Gefecht teilzunehmen.
Am 12. Juli, dem Tag vor dem Kampf, brach am Abend ein furchtbares Gewitter mit Sturm und Hagel los. Der Sommer des Jahres 1812 war überhaupt auffällig reich an Gewittern.
Zwei Eskadronen der Pawlograder biwakierten mitten auf einem Roggenfeld, das schon in Ähren gestanden hatte, dann aber vom Vieh und von den Pferden vollständig niedergetreten war. Der Regen goß in Strömen, und Rostow saß mit einem jungen Offizier, namens Iljin, den er protegierte, unter einem eilig aufgeschlagenen Zelt. Ein Offizier ihres Regiments, mit einem langen, durch das Backenhaar verlängerten Schnurrbart, war zum Stab geritten, auf dem Rückweg vom Regen überrascht worden und kehrte nun bei Rostow ein.
»Ich komme vom Stab, Graf«, sagte er. »Haben Sie von Rajewskis Heldentat gehört?«
Der Offizier begann Einzelheiten von dem Kampf bei Saltanowka zu erzählen, die er beim Stab gehört hatte.
Rostow saß mit eingezogenem Hals da, an dem ihm das Wasser entlanglief, rauchte eine Pfeife und hörte unaufmerksam zu, wobei er mitunter zu dem jungen Offizier Iljin hinblickte, der sich dicht an ihn drückte. Dieser Offizier, ein blutjunger Mensch, erst sechzehn Jahre alt, war kürzlich in das Regiment eingetreten und stand jetzt zu Nikolai in demselben Verhältnis, in welchem Nikolai sieben Jahre vorher zu Denisow gestanden hatte. Iljin suchte seinen Gönner Nikolai in allen Stücken zu kopieren und war in ihn verliebt wie ein Mädchen.
Der Offizier mit dem langen Schnurrbart, namens Zdrzinski, erzählte in hochtrabenden Ausdrücken, wie der Damm von Saltanowka zu einem Thermopylai der Russen geworden sei, und wie auf diesem Damm der General Rajewski eine Heldentat ausgeführt habe, die sich denen des Altertums würdig zur Seite stellen könne. Rajewski habe seine beiden Söhne im heftigsten Kugelregen auf den Damm geführt und sei Schulter an Schulter mit ihnen zum Angriff vorgegangen. Rostow hörte die Erzählung an, äußerte aber kein Wort, als ob er Zdrzinskis Enthusiasmus teile, sondern machte im Gegenteil eine Miene, als fühle er sich durch diese Erzählung unangenehm berührt, beabsichtige aber nicht, etwas darauf zu erwidern. Rostow wußte von den Feldzügen der Jahre 1805 und 1807 her aus eigener Erfahrung, daß diejenigen, welche Kriegsereignisse erzählen, immer lügen, wie denn auch er selbst als Erzähler gelogen hatte; und zweitens hatte er soviel Sachkenntnis, um zu wissen, daß im Krieg alles ganz anders zugeht, als wir es uns vorstellen und erzählen können. Und darum gefiel ihm Zdrzinskis Erzählung nicht; auch mißfiel ihm Zdrzinski selbst, der mit seinem über die Backen verlängerten Schnurrbart nach seiner Gewohnheit sich tief über das Gesicht dessen beugte, dem er seine Erzählung vortrug, und es ihm so in dem engen Zelt noch enger machte. Rostow blickte ihn schweigend an. »Erstens«, dachte er, »war auf dem Damm, den sie angriffen, gewiß ein solcher Wirrwarr und ein solches Gedränge, daß, wenn Rajewski auch seine Söhne dort in den Kampf führte, dies doch höchstens auf ein Dutzend Menschen wirken konnte, die dicht bei ihm waren; die übrigen konnten gar nicht sehen, wie und mit wem Rajewski da auf dem Damm ging. Aber auch die, die es sahen, konnten darüber nicht sonderlich in Begeisterung geraten; denn was kümmerten sie sich um Rajewskis zärtliche Vatergefühle, wo es sich um ihre eigene Haut handelte? Und ferner, davon, ob der Damm bei Saltanowka genommen wurde oder nicht, hing das Schicksal des Vaterlandes nicht ab, wie uns das von Thermopylai berichtet wird. Also welchen Zweck hatte es, ein solches Opfer zu bringen? Und weiter: wozu nahm er seine Kinder in das Kriegsgetümmel mit hinein? Ich würde meinen Bruder Petja nicht mitnehmen, und selbst diesen Iljin, der kein Angehöriger von mir, aber doch so ein guter Junge ist, würde ich irgendwohin zu stellen suchen, wo ihm nichts passieren kann.« So dachte Rostow, während er Zdrzinskis Erzählung anhörte. Aber er sprach seine Gedanken nicht aus: auch in dieser Hinsicht besaß er bereits hinlängliche Erfahrung. Er wußte, daß diese Erzählung zur Erhöhung unseres Waffenruhms beitrug, und daß er deshalb tun mußte, als zweifle er nicht an ihrer Richtigkeit und Bedeutsamkeit. So machte er es denn auch.
»Aber das ist nicht mehr zu ertragen«, sagte Iljin, der wohl merkte, daß Rostow an Zdrzinskis Gespräch kein Gefallen fand. »Meine Strümpfe und mein Hemd sind völlig durchnäßt, und unten hat sich eine Lache gebildet. Ich werde gehen und ein Obdach suchen. Es scheint, daß der Regen ein wenig nachgelassen hat.«
Iljin ging hinaus; auch Zdrzinski ritt weg.
Nach fünf Minuten kam Iljin, durch den Schmutz patschend, zum Zelt zurückgelaufen.
»Hurra! Komm schnell, Rostow! Ich habe etwas gefunden! Zweihundert Schritte von hier ist eine Schenke, und von den Unsrigen haben sich schon einige da zusammengefunden. Wenigstens werden wir da trocken werden; Marja Henrichowna ist auch da.«
Marja Henrichowna war die Frau des Regimentsarztes, eine junge, hübsche Deutsche, die der Arzt in Polen geheiratet hatte. Entweder weil er nicht über hinreichende Geldmittel verfügte, oder weil er sich nicht gleich in der ersten Zeit seiner Ehe von seiner jungen Frau trennen mochte, führte der Arzt sie überall bei den Märschen des Husarenregiments mit sich herum, und seine Eifersucht bildete ein beliebtes Thema für die Scherze der Husarenoffiziere.
Rostow warf sich den Mantel um, rief seinem Burschen Lawrenti zu, er solle ihnen trockene Kleidung nachbringen, und ging mit Iljin unter dem leiser gewordenen Regen im Abenddunkel, das mitunter durch ferne Blitze erhellt wurde, bald im Schmutz ausgleitend, bald kräftig hindurchpatschend, nach der Schenke hin.
»Rostow, wo bist du?«
»Hier. Was für starke Blitze!« sagten sie zueinander.
XIII
In der Schenke, vor der der Reisewagen des Arztes stand, befanden sich schon fünf Offiziere. Marja Henrichowna, eine üppige, blonde Deutsche, saß, in Jacke und Nachthaube, in der vorderen Ecke auf einer breiten Bank. Hinter ihr auf der Bank schlief ihr Mann, der Doktor. Rostow und Iljin wurden, als sie ins Zimmer traten, mit freudigen Zurufen und munterem Gelächter begrüßt.
»Ei seht mal an! Bei euch scheint es ja fidel herzugehen!« sagte Rostow lachend.
»Na, warum zieht ihr es denn vor, zu gähnen …? Aber nett seht ihr aus; ihr trieft ja nur so! Macht uns unsern Salon nicht naß …! Macht Marja Henrichownas Kleid nicht schmutzig!« antworteten die Anwesenden.
Rostow und Iljin beeilten sich, ein Winkelchen zu finden, wo sie, ohne Marja Henrichownas Schamgefühl zu verletzen, ihre nassen Kleider wechseln könnten. Sie wollten hinter den Verschlag gehen, um sich umzukleiden; aber in dem dort befindlichen kleinen Kämmerchen saßen drei Offiziere, die es vollständig ausfüllten; sie hatten ein Licht auf eine leere Kiste gestellt, spielten Karten und wollten um keinen Preis vom Platz weichen. Marja Henrichowna gab für ein Weilchen ihren Unterrock her, um als Vorhang zu dienen, und hinter diesem Vorhang zogen sich Rostow und Iljin mit Hilfe Lawrentis, der ein Pack Kleider und Wäsche gebracht hatte, die nassen Sachen aus und trockene an.
In dem zerbrochenen Ofen wurde Feuer angezündet. Ein Brett wurde geholt, über zwei Sättel gelegt und mit einer Pferdedecke bedeckt; dann wurde ein kleiner Samowar beschafft, ein Reisekästchen mit Tee, Zucker und einer halben Flasche Rum kam zum Vorschein, und nun bat man Marja Henrichowna, die Wirtin zu machen, und alle drängten sich um sie herum. Der eine bot ihr ein reines Taschentuch an, damit sie sich die reizenden Händchen abtrocknen könne; ein andrer legte ihr seinen Dolman unter die Füßchen, damit sie ihr nicht feucht würden; ein andrer verhängte das Fenster mit einem Mantel, damit es nicht ziehe; ein andrer scheuchte die Fliegen von dem Gesicht des Doktors weg, damit er nicht aufwache.
»Lassen Sie ihn doch«, sagte Marja Henrichowna mit einem schüchternen, glückseligen Lächeln. »Er schläft auch so schon gut nach einer schlaflosen Nacht.«