Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Noch nicht«, schob Napoleon dazwischen, und wie wenn er fürchtete, sich von seinem Affekt hinreißen zu lassen, zog er die Augenbrauen zusammen und nickte leicht mit dem Kopf, um dadurch Balaschow zu verstehen zu geben, daß er fortfahren könne.
Nachdem Balaschow alles übrige vorgetragen hatte, was ihm befohlen war, fügte er hinzu, Kaiser Alexander wünsche den Frieden, werde aber nur unter der Bedingung in Unterhandlungen eintreten, daß … Hier stockte Balaschow: er hatte die Worte im Gedächtnis, welche Kaiser Alexander nicht in den Brief aufgenommen, deren Einsetzung in den an Saltykow gerichteten Erlaß er aber unbedingt verlangt hatte, und welche zur Kenntnis Napoleons zu bringen auch ihm, Balaschow, vom Kaiser befohlen worden war. Balaschow hatte die Worte im Gedächtnis: »Solange noch ein einziger bewaffneter Feind auf russischem Boden steht«; aber eine Empfindung, in der sich mancherlei Elemente vereinigten, hielt ihn zurück. Er vermochte es nicht, diese Worte auszusprechen, obgleich er es tun wollte. Er stockte und sagte dann: »Unter der Bedingung, daß die französischen Truppen über den Niemen zurückgehen.«
Napoleon bemerkte, daß Balaschow in Verlegenheit geriet, als er die letzten Worte sprach; das Gesicht des Kaisers zuckte, seine linke Wade begann leise zu zittern. Ohne den Platz, wo er stand, zu verlassen, begann er lauter und schneller als vorher zu reden. Während der nun folgenden Rede des Kaisers schlug Balaschow mehrmals die Augen nieder und beobachtete unwillkürlich das Zittern der linken Wade Napoleons, das um so stärker wurde, je mehr er die Stimme erhob.
»Ich wünsche den Frieden nicht weniger als der Kaiser Alexander«, begann er. »Tue ich nicht seit achtzehn Monaten alles mögliche, um ihn zu erhalten? Seit achtzehn Monaten warte ich auf Aufklärungen. Aber was verlangt man von mir, um in Verhandlungen einzutreten?« sagte er, indem er die Stirn runzelte und eine energische fragende Gebärde mit seiner kleinen, weißen, dicken Hand machte.
»Das Zurückgehen der Truppen hinter den Niemen, Majestät«, antwortete Balaschow.
»Hinter den Niemen?« wiederholte Napoleon. »Also jetzt wollen Sie, daß ich hinter den Niemen zurückgehe, nur hinter den Niemen?« fragte er noch einmal und blickte dabei Balaschow gerade ins Gesicht.
Balaschow neigte respektvoll den Kopf.
»Statt der vor vier Monaten gestellten Forderung, daß ich Pommern räumen solle, fordert man also jetzt nur, daß ich hinter den Niemen zurückgehe.« Napoleon wandte sich schnell um und begann im Zimmer auf und ab zu gehen.
»Sie sagen, daß man von mir als Bedingung für die Anknüpfung von Verhandlungen das Zurückgehen hinter den Niemen verlangt; aber genau ebenso hat man von mir vor zwei Monaten das Zurückgehen hinter die Oder und hinter die Weichsel gefordert, und obwohl ich das nicht getan habe, sind Sie jetzt doch bereit zu unterhandeln.«
Er ging schweigend von einer Ecke des Zimmers nach der andern und blieb dann wieder vor Balaschow stehen. Dieser bemerkte, daß Napoleons linke Wade noch schneller zitterte als vorher und daß sich sein Gesicht in seinem strengen Ausdruck gleichsam versteinerte. Dieses Zittern der linken Wade kannte Napoleon an sich. »Das Zittern meiner linken Wade ist bei mir ein bedeutsames Zeichen«, äußerte er gelegentlich.
»Solche Zumutungen wie die, das Land bis zur Oder und Weichsel zu räumen, kann man an den Fürsten eines Landes wie Baden richten, aber nicht an mich«, rief Napoleon fast schreiend und war selbst von dem Klang seiner Stimme überrascht. »Solche Bedingungen würde ich nicht annehmen, selbst wenn ihr mir Petersburg und Moskau bötet. Ihr sagt, ich hätte diesen Krieg begonnen! Aber wer ist denn früher zur Armee gegangen? Der Kaiser Alexander und nicht ich! Und jetzt macht ihr mir den Vorschlag, Unterhandlungen zu beginnen, jetzt, wo ich Millionen ausgegeben habe, wo ihr ein Bündnis mit England geschlossen habt und wo eure Lage eine üble ist. Jetzt macht ihr mir den Vorschlag zu Unterhandlungen! Und welchen Zweck verfolgt denn euer Bündnis mit England? Was hat euch England gegeben?« sagte er schnell. Offenbar beabsichtigte er bei seiner Rede nicht mehr, die Vorteile des Friedensschlusses darzulegen und seine Möglichkeit zu erörtern, sondern nur die Rechtmäßigkeit seines eigenen Verhaltens und seiner Stärke und demgegenüber Alexanders Unrecht und schlimme Fehler zu beweisen.
Der Anfang seiner Rede hatte augenscheinlich den Zweck verfolgt, die Vorteile seiner Lage auseinanderzusetzen und zu zeigen, daß er trotzdem bereit sei, in Verhandlungen einzutreten. Aber nun er ins Sprechen hineingekommen war, vermochte er, je länger er sprach, um so weniger seiner Rede eine bestimmte Richtung zu geben.
Der ganze Zweck seiner Rede war jetzt offenbar nur, sich selbst zu erhöhen und über Alexander Verletzendes zu sagen, das heißt gerade das zu tun, was er am Anfang der Unterredung am allerwenigsten hatte tun wollen.
»Es heißt, Sie hätten mit den Türken Frieden geschlossen?« Balaschow neigte bejahend den Kopf.
»Der Friede ist geschlossen …«, begann er.
Aber Napoleon ließ ihn nicht weiterreden. Er schien allein reden zu wollen und fuhr mit jener Redelust und nervösen Unaufhaltsamkeit zu reden fort, zu welcher verwöhnte Menschen neigen.
»Ja, ich weiß, Sie haben mit den Türken Frieden geschlossen, ohne die Moldau und die Walachei zu erhalten. Und ich hätte Ihrem Kaiser diese Provinzen ebenso gegeben, wie ich ihm Finnland gegeben habe. Ja«, fuhr er fort, »ich hatte es versprochen und hätte dem Kaiser Alexander die Moldau und die Walachei gegeben; und jetzt wird er nun diese schönen Provinzen nicht bekommen. Und doch hätte er sie mit seinem Reich vereinigen und so seine Herrschaft vom Bottnischen Meerbusen bis zu den Donaumündungen ausdehnen können. Katharina die Große hätte nichts Großartigeres erreichen können«, sagte Napoleon, der immer mehr in Hitze geriet, im Zimmer auf und ab ging und Balaschow gegenüber fast dieselben Worte wiederholte, die er in Tilsit zu Alexander selbst gesagt hatte. »Alles das hätte er meiner Freundschaft verdankt. Ach, was für ein schönes Reich, was für ein schönes Reich!« wiederholte er mehrere Male, blieb stehen, holte eine goldene Tabaksdose aus der Tasche, öffnete sie und zog gierig etwas von dem Inhalt mit der Nase ein. »Was für ein schönes Reich hätte das Reich des Kaisers Alexander sein können!«
Er richtete einen mitleidigen Blick auf Balaschow; aber kaum schickte sich dieser an, etwas zu bemerken, als Napoleon ihn wieder hastig unterbrach.
»Was konnte er wünschen und suchen, das er in meiner Freundschaft nicht gefunden hätte …?« sagte er und zuckte dabei verwundert mit den Achseln. »Aber nein, er fand es besser, meine Feinde zu sich heranzuziehen, und wen? wen?« fuhr Napoleon fort. »Männer wie Stein, Armfelt, Bennigsen, Wintzingerode hat er zu sich berufen. Stein ist ein aus seinem Vaterland vertriebener Verräter, Armfelt ein Wüstling und Intrigant, Wintzingerode ein geflüchteter französischer Untertan; Bennigsen hat ein bißchen mehr von einem Soldaten an sich als die andern, aber er ist dabei doch ein unfähiger Mensch, der im Jahre 1807 nicht verstanden hat, etwas zu erreichen, und eigentlich beim Kaiser Alexander schreckliche Erinnerungen erwecken müßte … Nun ja, wenn es noch fähige Menschen wären, dann könnte man sich ihrer ja bedienen«, fuhr Napoleon fort, kaum imstande, mit dem Wort den unaufhörlich in seinem Geist sich bildenden einzelnen Gedanken zu folgen, die ihm als Beweise für sein Recht und für seine Macht (was in seiner Vorstellung dasselbe war) dienten. »Aber auch das ist nicht der Falclass="underline" sie taugen nichts, weder im Krieg noch im Frieden! Barclay, heißt es, ist tüchtiger als die übrigen; aber nach seinen ersten Bewegungen zu urteilen, kann ich das nicht sagen. Und was tun sie denn, was tun sie denn, alle diese Höflinge? Pfuel macht einen Vorschlag, Armfelt bekämpft ihn, Bennigsen prüft ihn nach, und Barclay, dessen Aufgabe es ist, mit den Truppen zu operieren, weiß dann nicht, wozu er sich entschließen soll; so vergeht die Zeit, ohne daß etwas geleistet wird. Nur Bagration ist ein Militär. Viel Verstand hat er nicht; aber er besitzt Erfahrung, Augenmaß und Entschlossenheit … Und was für eine Rolle spielt Ihr junger Kaiser in dieser häßlichen Gesellschaft? Sie kompromittieren ihn und wälzen ihm die Verantwortung für alles, was geschieht, zu. Ein Herrscher soll sich nur dann beim Heer aufhalten, wenn er selbst ein Feldherr ist«, sagte er, und es war unverkennbar, daß diese Worte geradezu als eine Kränkung gegen die Person des Kaisers Alexander gerichtet waren. Napoleon wußte, wie heiß Alexander ein Feldherr zu sein wünschte.