Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
In der Voraussetzung, dieser Empfang könne ihm nur deswegen bereitet werden, weil Davout nicht wisse, daß er Generaladjutant des Kaisers Alexander und sogar dessen Repräsentant dem Kaiser Napoleon gegenüber sei, beeilte sich Balaschow, den Marschall von seinem Stand und seiner bedeutsamen Mission in Kenntnis zu setzen. Aber gegen seine Erwartung wurde Davout, als er diese Mitteilungen hörte, nur noch mürrischer und gröber.
»Wo haben Sie denn Ihren Brief?« fragte er. »Geben Sie ihn her, ich werde ihn dem Kaiser schicken.«
Balaschow erwiderte, er habe Befehl, den Brief persönlich dem Kaiser selbst zu übergeben.
»Die Befehle Ihres Kaisers werden bei Ihrem Heer befolgt; aber hier«, entgegnete Davout, »haben Sie zu tun, was Ihnen gesagt wird.«
Und als ob er den russischen General seine Abhängigkeit von der rohen Gewalt noch mehr empfinden lassen wollte, schickte Davout seinen Adjutanten weg, um den diensttuenden Offizier zu rufen.
Balaschow zog das Kuvert hervor, in dem das Schreiben des Kaisers enthalten war, und legte es auf den Tisch; dieser Tisch bestand aus einer auf zwei Tonnen gelegten Tür, an der noch die ausgerissenen Haspen saßen. Davout nahm den Brief und las die Adresse.
»Sie sind vollkommen berechtigt, mir Achtung zu bezeigen oder zu versagen, wie es Ihnen gut scheint«, sagte Balaschow. »Aber gestatten Sie mir die Bemerkung, daß ich die Ehre habe, die Stellung eines Generaladjutanten Seiner Majestät zu bekleiden.«
Davout blickte ihn schweigend an, und es machte ihm offenbar Vergnügen, auf Balaschows Gesicht eine gewisse Erregung und Verstimmung wahrzunehmen.
»Was Ihnen gebührt, wird Ihnen nicht vorenthalten werden«, antwortete er, schob den Brief in die Tasche und verließ den Schuppen.
Gleich darauf erschien der diensttuende Adjutant des Marschalls, ein Herr de Castré, und führte Balaschow in das für ihn bestimmte Quartier.
Zu Mittag speiste Balaschow an diesem Tag mit dem Marschall in dem Schuppen, an jener über die Fässer gelegten Brettertür.
Am andern Tag ritt Davout frühmorgens weg. Vorher ließ er Balaschow zu sich rufen und sagte ihm mit großem Nachdruck, er ersuche ihn, hierzubleiben und, wenn dazu Befehl kommen sollte, mit der Bagage weiterzugehen und mit niemandem als mit Herrn de Castré zu sprechen.
Nach vier Tagen der Einsamkeit, der Langeweile und des peinlichen Gefühls der Abhängigkeit und Machtlosigkeit, das für ihn deshalb besonders drückend war, weil er ganz vor kurzem selbst zu den Vielvermögenden gehört hatte, und nach mehreren Märschen mit der Bagage des Marschalls und den französischen Truppen, die die ganze Gegend anfüllten, wurde Balaschow endlich nach Wilna gebracht, das jetzt von den Franzosen besetzt war, und zwar unter demselben Schlagbaum hindurch, durch den er vier Tage vorher ausgeritten war.
Am andern Tag kam der kaiserliche Kammerherr de Turenne zu Balaschow und teilte ihm mit, Kaiser Napoleon wolle ihm eine Audienz gewähren.
Vier Tage vorher hatten vor demselben Haus, nach dem Balaschow gebracht wurde, Schildwachen des Preobraschenski-Regiments gestanden; jetzt waren dort zwei französische Grenadiere in blauen auf der Brust aufgeknöpften Uniformen und zottigen Mützen postiert, und eine Eskorte von Husaren und Ulanen und eine glänzende Suite von Adjutanten, Pagen und Generalen standen vor der Haustür um Napoleons Reitpferd und seinen Mamelucken Rustan herum und warteten auf das Herauskommen des Kaisers. Napoleon empfing Balaschow in demselben Haus in Wilna, aus welchem ihn Alexander abgeschickt hatte.
VI
Obwohl Balaschow an höfische Pracht gewöhnt war, überraschte ihn doch der Prunk und die Üppigkeit der napoleonischen Hofhaltung.
Graf Turenne führte ihn in ein großes Wartezimmer, wo viele Generale und Kammerherren warteten, auch viele polnische Magnaten, von denen Balaschow nicht wenige am Hof des russischen Kaisers gesehen hatte. Duroc sagte, der Kaiser Napoleon wolle den russischen General vor seinem Spazierritt empfangen.
Nach einigen Minuten des Wartens kam ein diensttuender Kammerherr aus den inneren Gemächern in das große Wartezimmer und forderte Balaschow mit höflicher Vorbeugung auf, ihm zu folgen.
Balaschow trat in ein kleinen Empfangszimmer, aus welchem eine Tür in das Arbeitszimmer führte, in jenes selbe Arbeitszimmer, in welchem der russische Kaiser ihn abgesandt hatte. Dort stand er etwa zwei Minuten wartend da. Auf der andern Seite der Tür ließen sich eilige Schritte vernehmen. Beide Türflügel wurden schnell geöffnet, alles wurde wieder still, und nun ertönten aus dem Arbeitszimmer andere, feste, entschlossene Schritte: das war Napoleon. Er hatte soeben seine Toilette für den Spazierritt beendet. Er trug einen blauen Uniformrock, der über der weißen, auf den rundlichen Bauch herabreichenden Weste aufgeknöpft war, weiße Lederhosen, welche die fetten Schenkel der kurzen Beine eng umspannten, und Stulpstiefel. Sein kurzgeschnittenes Haar war offenbar eben erst gekämmt; aber ein Haarbüschel fiel in der Mitte über die breite Stirn herab. Der dicke, weiße Hals hob sich in scharfem Farbenkontrast aus dem schwarzen Uniformkragen heraus. Der Kaiser duftete nach Eau de Cologne. Auf seinem jugendlich aussehenden, vollen Gesicht mit dem vortretenden Kinn lag der Ausdruck eines gnädigen, majestätischen, kaiserlichen Grußes.
Er trat schnell ein, bei jedem Schritt ein wenig zuckend, den Kopf etwas nach hinten zurückgeworfen. Seine ganze korpulente, kurze Figur, mit den breiten, dicken Schultern, dem unwillkürlich nach vorn herausgedrückten Brustkasten und Unterleib, hatte jenes präsentable, stattliche Aussehen, wie es bei Vierzigern, die sich nichts abgehen zu lassen brauchen, häufig ist. Außerdem war ihm anzusehen, daß er sich an diesem Tag in recht guter Stimmung befand.
Er nickte mit dem Kopf als Antwort auf Balaschows tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung, trat nahe an ihn heran und begann sogleich zu reden wie jemand, dem jede Minute seiner Zeit kostbar ist und der sich nicht dazu herabläßt, seine Reden vorzubereiten, sondern überzeugt ist, daß er immer das, was nötig ist, sagen und dieses gut sagen wird.
»Guten Tag, General!« sagte er. »Ich habe den Brief des Kaisers Alexander erhalten, den Sie überbracht haben, und freue mich sehr, Sie zu sehen.« Er blickte Balaschow mit seinen großen Augen ins Gesicht, sah aber dann sogleich an ihm vorbei.
Augenscheinlich interessierte ihn Balaschows Persönlichkeit nicht im geringsten. Es war klar, daß nur das, was in seinem eigenen Geist vorging, für ihn Interesse hatte. Alles, was außer seiner eigenen Person lag, hatte für ihn keine Bedeutung, weil nach seiner Auffassung alles in der Welt lediglich von seinem Willen abhing.
»Ich wünsche den Krieg nicht und habe ihn nie gewünscht«, sagte er. »Aber man drängt ihn mir auf. Auch jetzt noch« (er legte einen besonderen Nachdruck auf das Wort »jetzt«) »bin ich bereit, alle Aufklärungen anzunehmen, die Sie mir geben können.«
Und nun begann er in knapper, klarer Form die Gründe seiner Unzufriedenheit mit der russischen Regierung darzulegen. Aus dem maßvollen, ruhigen, freundlichen Ton, in dem der französische Kaiser sprach, glaubte Balaschow mit Sicherheit schließen zu dürfen, daß er den Frieden wünsche und in Unterhandlungen einzutreten beabsichtige.
»Sire! Der Kaiser, mein Gebieter …«, begann Balaschow seine längst vorbereitete Rede, als Napoleon seine Auseinandersetzung beendet hatte und den russischen Abgesandten fragend anblickte; aber der Blick der auf ihn gerichteten Augen des Kaisers setzte ihn in Verwirrung. »Sie sind verwirrt, fassen Sie sich!« schien Napoleon gewissermaßen zu sagen, indem er mit ganz leisem Lächeln Balaschows Uniform und Degen betrachtete.
Balaschow hatte seine Fassung wiedergewonnen und begann zu reden. Er sagte, Kaiser Alexander halte den Umstand, daß Kurakin seine Pässe verlangt habe, für keine hinlängliche Ursache zum Krieg; Kurakin habe dies nach seinem eigenen Kopf und ohne die Genehmigung des Kaisers getan; Kaiser Alexander wünsche den Krieg nicht, und mit England bestehe kein geheimes Einverständnis.